Meinung

Biden und Harris: Ein Fortschritt kann nicht immer perfekt sein

Text: Kerstin Hasse; Foto: Getty Images

Joe Biden und Kamala Harris sollen Amerika heilen. Ein Grund zur Hoffnung, findet unsere Autorin – auch wenn das demokratische Polit-Duo nicht ihrer Wunschvorstellung entspricht. Am Ende ist ein Fortschritt in den USA eben ein Fortschritt für uns alle.

«Es ist, als hätte die ganze Welt gerade die Weltmeisterschaft gewonnen», schrieb eine Twitter-Userin am Samstagabend. Ich sass in einem Bademantel in einem Hotel in Adelboden und retweetete eifrig, während draussen die Kirchenglocken läuteten. Dass das nichts mit der Abwahl Trumps und der Wahl Bidens zu tun hat, war mir durchaus bewusst. (Wobei: Wer weiss, vielleicht gibt es einen politisch total engagierten Kirchenangestellten in Adelboden?) Dennoch fühlte sich das Gebimmel sehr festlich an, und ich hatte plötzlich einen Drang, mich diesem globalen Autocorso anzuschliessen. Verzaubert schaute ich mir auf Instagram die Videos an von den Menschen, die durch die Strassen von New York oder D.C. tanzten. Endlich ist er weg, der, dessen Namen man nicht mehr nennen mag. Der ungehobelte, orange Tyrann, der Misogynie, Ignoranz und Rassismus wieder salonfähig gemacht hat. Wenn er etwa die Konförderierten-Flagge verteidigte oder wenn er seine Anhängerinnen im Publikum fragte, ob sie die Erlaubnis ihrer Männer hätten, vor Ort zu sein. Bi den, Trump. Bye then.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

We did it, @JoeBiden.

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Ein wenig mitgewonnen

Ich war überrascht, wie erleichtert ich war. Wie emotional ich reagierte, als ich das Video von Kamala Harris sah, die im Jogging-Anzug Joe Biden gratulierte. Es fühlte sich tatsächlich ein wenig so an, als hätte ich die Wahl mitgewonnen. Vielleicht habe ich das auch. Natürlich hat Trumps Politik in meinem Alltag als Schweizer Bürgerin nicht sehr viel mit meiner Lebensrealität zu tun – als Frau und Mensch, die auf dieser Welt existiert und arbeitet, die sich um ihre Umwelt sorgt, Rassismus verachtet und ein selbstbestimmtes Leben führen möchte, jedoch sehr wohl. Denn wenn ein Mann wie Trump ein so mächtiges Amt inne hat, eröffnet das Sexisten aller Art wieder neue Räume, um ihre misogynen Ansichten und rassistischen Parolen zu verbreiten. Die Folge davon sind die Boris Johnsons dieser Welt.

CNN-Moderator Van Jones fasste es treffend zusammen. Unter Tränen sagte er vor laufenden Kameras: «Es ist heute Morgen einfacher, ein Elternteil zu sein. Es ist einfacher, seinen Kindern zu sagen, dass der Charakter zählt. Dass die Wahrheit zählt. Es ist wichtig, ein guter Mensch zu sein. Joe Biden wird unser nächster Präsident sein und Donald Trump nicht. Das ist eine Rechtfertigung für viele Menschen, die unter dieser Regierung gelitten haben. Als George Floyd ermordet wurde, sagte er: ‹Ich kann nicht atmen.› In den letzten vier Jahren hatten zu viele von uns das Gefühl, nicht atmen zu können.» Der Clip seiner Reaktion auf das Wahl-Ergebnis ging um die Welt – und rührte auch mich fast zu Tränen.

Kaum nachvollziehbar

Ist Harris für mich die Idealbesetzung dieses Jobs? Nein. Genau so wenig wie Biden übrigens. Finde ich, dass Amerika einen – für amerikanische Verhältnisse – deutlichen Linksrutsch, wie ihn etwa die Demokratin Alexandria Ocasio Cortez fordert, vertragen könnte? Ja. AOC fordert eine staatliche Krankenversicherung, einen klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft und vor allem einen entschiedenen Kampf gegen Rassismus in der Gesellschaft. Mit diesen Forderungen bewegt sie sich für viele Amerikanerinnen im verwerflichen linken Sozialismus – für mich als Europäerin ist das kaum nachvollziehbar.

In den letzten Tagen wurde viel Kritik laut – vor allem zu Kamala Harris. Dass Biden seine Schwächen hat, war bereits bekannt. Er sei zu alt, zu wenig fortschrittlich, lange Reden, kaum Inhalt. Doch jetzt wird – nicht zuletzt von Feministinnen – vor allem die zukünftige Vize-Präsidentin kritisiert. Harris fehle eine klare politische Linie, sie sei Teil des Establishments, ausserdem wird ihr vorgeworfen, dass sie transgeschlechtlichen Menschen den Zugang zu OPs verweigerte oder Sexarbeit kriminalisierte.

Kamillentee für das aufgewühlte Amerika

Es ist richtig, dass Harris’ Entscheide hinterfragt werden, dass sie in ihrem politischen Engagement herausgefordert wird. Sie muss nicht idealisiert werden, weil sie eine Frau ist. Doch man darf auch nicht andere Massstäbe verwenden als bei Biden – nur weil er der alte, charmante Typ ist, von dem eh niemand einen grossen Wurf erwartet, muss er sich nicht weniger verantwortlich zeigen, wenn es um Themen wie Abtreibung, Sexarbeit oder Rechte für trans Menschen geht.

Harris ist keine sehr progressive Demokratin. Das kann man gut oder schlecht finden. So oder so hat sie aber eine gläserne Decke durchbrochen. Das wird die amerikanische Politik und Gesellschaft verändern – nicht nur in den USA, sondern weltweit. Sie ist nicht perfekt – genau so wenig wie Biden. Und sie muss auch nicht perfekt sein. Es ist natürlich keine Überraschung, dass ausgerechnet einer Frau in so einer Position das Gefühl vermittelt wird, sie müsse sich doppelt beweisen – denn Mittelmässigkeit ist den Männern vorbehalten.

Vielleicht wird Harris ihren Job vermasseln – vielleicht wird sie in ihrer Rolle aufgehen und die eine oder andere Kritikerin überraschen. Amerika müsse heilen, heisst es jetzt in den amerikanischen Medien. Wer weiss, vielleicht ist ein gemässigtes Politikerduo dafür genau das richtige. Kamillentee für das aufgewühlte Amerika, sozusagen.

Was Harris verdient hat, ist eine faire Chance. Denn sie ist nicht Mike Pence – und das ist verdammt noch mal ein Grund zum Feiern.

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