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Meinung: Brechen wir die 12-Wochen-Regel!

Zeitgeist

Meinung: Brechen wir die 12-Wochen-Regel!

  • Text: Jana Avanzini
  • Bild: Stocksy

Autorin Jana Avanzini plädiert dafür, das vertraute Umfeld früh an einer Schwangerschaft teilhaben zu lassen. Denn mit wem soll man im Falle einer Fehlgeburt sonst über die eigenen Gefühle reden?

Meghan Markle machte kürzlich ihre Fehlgeburt öffentlich und wurde dafür von zig Magazinen und Zeitungen gefeiert. Das ist super. Das ist wichtig. Doch lasst uns jetzt – wenn all diese Schlagzeilen längst von neuen verdrängt sind – nicht vergessen, weshalb ihre Offenheit solche Wellen warf. Nicht etwa, weil Fehlgeburten selten passieren. Sondern weil im Alltag nicht darüber gesprochen wird.

In der Schweiz existiert die ungeschriebene Regel, dass man erst ab der 13. Schwangerschaftswoche so wirklich schwanger ist – oder es zumindest erst dann dem Umfeld erzählen sollte. Vorher trinkt man Traubensaft im Rotweinglas und versucht, sich wochenlang krampfhaft nicht zu verquatschen. Sagt man es früher, wird fast vorwurfsvoll darauf hingewiesen, dass das jetzt aber gar früh sei, etwas zu sagen. Das Wort «mutig» steht mit einem Unterton weit entfernt von positiv im Raum. Doch weshalb eigentlich?

Ein einschneidendes Erlebnis

Weil viele Schwangerschaften – Schätzungen zufolge sind es um die dreissig Prozent – innerhalb der ersten drei Monaten von selbst wieder aufhören. Frühabort. Das ist den meisten Menschen bekannt. Doch dieses Erlebnis ist für die schwangere Frau und deren Partner*in einschneidend. Es ist ja nicht nichts passiert, bloss weil kein lebend geborenes Kind resultiert. Ein Kind zu verlieren, ist emotional und auch körperlich erschöpfend. Und es ist ein Erlebnis, das bei vielen Frauen Schuldgefühle und auch Gefühle von Versagen auslöst. Gefühle, gegen die man sich kaum wehren kann.

Sie nur mit sich selbst oder mit der Partner*in aufzuarbeiten, ist schwierig. Doch mit wem soll man sonst darüber sprechen, wenn ja niemand davon wusste, dass man überhaupt schwanger war? Mit wem soll man sich im Schmerz verbünden, wenn nicht mit anderen Frauen, die dasselbe erlebt haben? Ich persönlich fand es sehr hilfreich, mit Freundinnen darüber zu reden, die dasselbe durchgemacht hatten. Ich fühlte mich weniger allein und hilflos und – am schlimmsten – schuldig.

Schulde ich jetzt jeder Person ein Gespräch?

Eine Frage stellte sich mir aber: Möchte ich nach einer Fehlgeburt jeder einzelnen Person, die von meiner Schwangerschaft wusste – auch meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen – von meiner Fehlgeburt erzählen? Muss ich sogar? Ich glaubte tatsächlich für einen kurzen Moment, dass ich nun jeder Person, die von meiner Schwangerschaft wusste, ein persönliches Gespräch schuldete.

Den meisten schickte ich dann bloss eine SMS. Dies weil ich einerseits keine Kraft hatte, in jedes mitleidige Gesicht zu blicken. Und weil ich andererseits – nach ein bisschen Überlegen – fand, dass in so einer Situation doch nicht ich auf andere Menschen Rücksicht nehmen und auf deren Gefühle achten muss. Ich glaube tatsächlich, es sollte umgekehrt sein.

Stilles Leiden

Ich vermute: Die 12-Wochen-Regel hat viel damit zu tun, andere nicht zu überfordern, wenn es zu einem Abort kommen sollte. Der Frauenkörper kann etwas Unglaubliches: einen neuen Menschen produzieren, schützen und nähren. Doch über all das Drumherum, das dazugehört, über das Menstruieren, Gebären und Stillen und die damit verbundenen körperlichen Versehrungen soll lieber nicht zu viel gesprochen werden. Jahrhundertealte Tabuthemen, deren dreckige und schmerzhafte Details wir Frauen besser für uns behalten sollen. Wir sollen still leiden und ja niemanden zusätzlich damit belasten.

Doch das ist Mist. Brechen wir die 12-Wochen-Regel! Lassen wir unser Umfeld an der Freude teilhaben – und lassen wir sie auch bei der Trauer nicht aussen vor. Wir können unseren Mitmenschen zutrauen, damit umzugehen und auch darauf zu reagieren. Hat jemand ein Zellhäuflein verloren, spricht man sein Beileid aus, wie man das in einer zivilisierten Gesellschaft in Fällen von Verlust üblicherweise tut. Und wenn man mag, kann man sein Ohr anbieten. Mehr kann man oft nicht tun – und muss man auch nicht.

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