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Brooklyn Beckham: Und wieder sind die Frauen schuld

Brooklyn Beckham: Und wieder sind die Frauen schuld

Brooklyn Peltz-Beckham bricht mit seinen Eltern. Im Internet sind sich schnell alle einig: Schuld muss eine der Frauen sein. Die Mutter oder die Ehefrau. Wieso geht es eigentlich nie ohne Misogynie?

Es waren sechs Slides auf Instagram. Brooklyn Beckham, das älteste Kind von Victoria Beckham und David Beckham, bricht darin mit seinen Eltern. Brooklyn Peltz-Beckham hat auf das Clan-Leben keine Lust mehr, fühlt sich ausgenutzt, fremdbestimmt und gedemütigt.

Völlig nachvollziehbar. Schon von aussen kann man sehen, dass das ein anstrengendes Leben sein muss, alles wirkt eingeübt, unlocker und inszeniert. Seit den Netflix-Dokus über die Beckhams weiss man, wie Image-bewusst und verkrampft das Ehepaar vorgeht. Aber was passiert dann? Ein junger Mann distanziert sich von seiner Familie und die Narrative, die auf Social Media auftauchen, sind fast alle misogyn.

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"Gibt es im Patriarchat eigentlich irgendein Szenario, in dem ein Mann für sich selbst verantwortlich ist?"

Ob Memes, Tweets, Bloganalysen oder KI-Videos – alle schiessen sich auf die Frauen in seinem Umfeld ein. Nur das Lager kann man wählen. Ist die peinliche, schon gealterte Mutter schuld, weil sie nicht versteht, dass sie nicht mehr sexuell attraktiv ist und trotzdem auf der Hochzeit ausgelassen herumtanzt oder ist die Böse die junge Ehefrau, die manipuliert und aufhetzt. So etwas wie auf den sechs Slides würde Brooklyn Beckham nicht selbst schreiben können, hiess es da. Das trage die Handschrift seiner Frau.

Selbst wenn er sich etwas von seiner Frau schreiben liesse, weil er es nicht kann, so hat er es trotzdem unter seinem Namen veröffentlicht. Es ist das, was er sagen will. So sollte man es dann auch lesen. Leider ist das, was er sagen will, auch schon misogyn. Die Kommentare drehen es dann nur weiter. In den letzten Tagen war das Internet voll von KI-Videos, in denen eine Fake-Victoria halb nackt, angetrunken, obszön an ihrem eigenen Sohn herumtwerkt.

Seine Beschreibung seiner Mutter in dem Post erfüllt alle Kriterien einer bösen Schwiegermutter. Da wird eine persönliche Enttäuschung und Entfremdung zu einer Schlagwort-Schlacht aus dem Märchenbuch: falsch, intrigant, kaltherzig. Der eine vorgebrachte Beleg für die grossen Worte wirkt dann eher kindlich. Victoria Beckham habe die von seiner Frau initiierte Charity-Aktion für Hunde nicht unterstützt.

Ist man nicht gegen Victoria Beckham, bieten die Kommentarspalten und Analysen die andere Frau an: Nicola Peltz-Beckham, seine Partnerin. Sie stecke dahinter. Habe ihn manipuliert und angestiftet, wolle die Beckhams auseinanderbringen. Die Möglichkeit, dass sie ihn einfach nur bestärkt in dem, was er fühlt, tauchte nie irgendwo als Analyse auf. Stattdessen sah man Fotoslides von ihren anderen jüngeren Ex-Freunden und las die Mutmassung, dass sie diese auswähle, um sie kontrollieren zu können. Irgendwelche ehemaligen Hairstylisten wurden herangezogen, die sie angeblich auch ganz furchtbar finden. Was? War das nicht mal die Geschichte eines jungen Mannes?

Die Perspektive, die so traurig wie normal ist und die ich für die wahrscheinlichste halte, taucht hingegen gar nicht auf. Klar, in dieser Erzählung wäre keine Frau schuld, das macht sie weniger reizvoll. In ihr wäre einfach ein junger Mann für sich selbst verantwortlich. Brooklyn Beckham ist mit allen Vorteilen einer reichen Herkunftsfamilie aufgewachsen. Er konnte alles ausprobieren, hat tolle Chancen bekommen: Zeitweise ging er in die Jugendakademie von Arsenal, um ebenfalls Fussballprofi zu werden. Dafür war er nicht gut genug. Dann studierte er Fotografie an der Parsons School of Design in New York. Das Studium hat er abgebrochen – und konnte sich trotzdem erfolgreich fühlen. Hinter ihm stand immer eine Familie, die sein Scheitern mit Geld und Kontakten verschleiert hat.

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"Mehr Nepo-Baby geht kaum"

Burberry liess ihn eine Kampagne fotografieren, er konnte einen Bildband rausbringen, machte ein Praktikum bei dem Modefotografen Rankin. Als er seine Leidenschaft fürs Kochen entdeckte, finanzierten die Eltern eine Kochshow namens «Cookin‘ with Brooklyn» – ausgespielt ausschliesslich auf Instagram. Brooklyn Beckham brachte eine eigene Reihe scharfer Gewürzsossen raus. Mehr Nepo-Baby geht kaum.

Dass man von gekauften Chancen allein nicht glücklich wird, zeigt sein Beispiel in jedem Fall. Und der unangenehme Seitenaspekt ist, dass die Menschen, die man liebt, viel mehr und viel länger eine riesige Rolle im eigenen Leben spielen, als sie vielleicht sollten. «Solange du die Beine unter meinen Tisch streckst», hiess es früher. Ich glaube, das Prinzip gilt auch heute noch und es ist menschlich, so zu denken. Wer finanziert, darf mitreden, hat Einfluss, hinterfragt den Erfolg oder das Engagement. In so einer Konstellation ist es schwer, sich abzulösen.

Vermutlich hat Brooklyn Beckham das aus Bequemlichkeit nicht getan. Der Preis dafür hat ihn als inzwischen 26-jährigen Mann dann aber doch gestört – für die Marke mitarbeiten, zu Fototerminen einbestellt werden, geschmeidig seine Rolle spielen, auch zurückstecken für die Firma Beckham, in der er ein wichtiger Statist ist, aber eben nicht der Star.

Was wirft er seinen Eltern jetzt vor? Dass sie – anders als es charakterformend gewesen wäre – ihren nicht so talentierten Sohn nicht mit 18 auf die Strasse gesetzt haben, damit er in einer zugigen Wohnung bei Pasta mit Ketchup eigenen Ehrgeiz entwickelt? Dass sie ihm zu nah sind, zu viel Einfluss haben, sich übergriffig verhalten? Damit hat er womöglich sogar Recht.

"Da war Victoria Beckham nicht die verletzte Frau, sondern ein aufgesextes Muttertier"

Aber die Nähe hat auch er zugelassen. Er hat von ihr profitiert. Eine kritische Selbstbetrachtung fehlt in seinem Posting aber komplett. Den kleinen Hinweis, der zu den ganzen misogynen Videos über Victoria Beckham geführt hat, hat er sogar selbst gesetzt. Er schreibt in seinem Statement, seine Mutter habe auf seiner Hochzeit unangemessen getanzt. Aber nicht mit ihm, sondern auf Englisch «on me», also: «auf mir».

Ein Grossteil der Häme, die daraufhin ausgegossen wurde, übernahm diese sexualisierte Konnotation. Da war Victoria Beckham eben nicht die verletzte, vielleicht feindlich gestimmte oder neidische Frau, die an einem hochemotionalen Abend einen unsensiblen Fehler gemacht hat, sondern ein aufgesextes Muttertier. Diese Darstellung ist doppelt beschämend; wegen Geschlecht und Alter. Hier verhöhnt man eine Frau als unpassend und behauptet, sie würde es nicht mal mehr merken. Wo verläuft die Grenze zwischen Kritik und Misogynie? Kritik muss nicht beschämen. Misogynie zielt darauf ab.

"Man wird schon müde, darauf hinzuweisen, dass im Internet ständig schlichte Informationen mit einem misogynen Drall erzählt werden"

Und das Schlimme ist doch, dass man schon müde wird, darauf hinzuweisen, weil im Internet ständig schlichte Informationen mit einem misogynen Drall erzählt werden. Die Bushidos wollen noch mehr Kinder trotz Ehekrise: «So will ihn seine Frau halten». In Minneapolis wird Renee Good erschossen: «Sie war eine schlechte Mutter». Timothée Chalamet erwähnt bei den Golden Globes seine Freundin Kylie Jenner: «Sie hat ihm die Hölle heiss gemacht, nachdem er sie 2025 nicht hervorgehoben hat». Die Liste könnte man ewig weiterführen und das sind nur die vergangenen Tage. Im Fall von Victoria Beckham stimmten auch gleich alle ein: Diese Frau war ihrem Sohn zu nah.

Was ist denn die Rolle einer Mutter? Diese Frage schwingt bei der ganzen Sache auch mit. Und ohne zu dramatisieren, könnte man hier antworten: Es ist saukompliziert. Fast ein Jahr trägt sie ein Kind aus. Es lebt und entsteht de facto in ihrem Körper. Die amerikanische Wissenschaftlerin Cat Bohannon hat mal so schön geschrieben: Eizellen seien nicht ohne Grund viertausendmal grösser als Spermien. «Sie bestehen nicht nur aus einem halben Satz Bauplänen, sondern aus einem halben Satz Bauplänen, dem Baumaterial plus der gesamten Fabrik».

Eine Frau gibt viel und gibt viel auf, bis ein Kind gross ist. Natürlich wird das gesellschaftlich erwartet. Zu einem Zeitpunkt, den sie selbst erspüren muss – unbedingt vor allen anderen – soll sie aber anfangen, sich wieder zurückzuziehen, um bloss nie «zu viel» zu sein.

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