Reportage

Business statt spenden

Text: Helene Aecherli; Fotos: Joan Minder

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Muss die Produktionskosten halbieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben: Halima Al Quaydeh, Chefin des Bani- Hamida-Centers

Links: Raus aus der Enge des Flüchtlingslagers: Raja’a Ahmad al Bilbisi näht im Karma-Center Kissen für Ikea

Rechts: Gilt als teuerste Stadt des Nahen Ostens und ist auch Experimentierfeld für neue, soziale Geschäftsmodelle: Die jordanische Hauptstadt Amman

Unterwegs in den Süden zu Halima Al Quaydeh, Chefin des Bani-Hamida-Centers: Die Makawir-Ebene nahe dem Toten Meer

Links: Mariam Sabri al-Masri übt Kritik am tiefen Mindestlohn, den sie als Näherin verdient: Sie hätte erwartet, dass sich ein Konzern wie Ikea für höhere Löhne einsetzt

Rechts: Made in Jordan: Handbesticktes Kissen der Ikea-Kollektion Hantverk

Links: Vogelgezwitscher und fröhliche Farben lockern die Beengtheit der Wohnung von Näherin Tahani Fadel auf

Rechts: Tahani Fadel mit einem ihrer vier Kinder auf dem Weg nachhause

Flüchtlingskrise, Staatsverschuldung, hohe Arbeitslosigkeit: Jordanien steht vor einer Zerreissprobe. Internationale Unternehmen wollen Flüchtlingsfrauen und Jordanierinnen nun Jobs verschaffen. Goodwill, Kalkül oder beides?

Während der Fahrt schläft sie, liest, checkt ihre Updates auf Facebook oder spricht mit ihrer Mutter, die sie immer wieder anruft, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Raja’a Ahmad al Bilbisi reist in einem Bus der Uno-Flüchtlingsorganisation UNHCR, sonst wäre ihre Mutter nie damit einverstanden gewesen, dass sie täglich, ausser am Wochenende, in die jordanische Hauptstadt Amman pendelt, um dort als Näherin zu arbeiten. Sechs Stunden dauert die Fahrt, drei Stunden hin, drei zurück, je 92 Kilometer. Raja’a könnte von zuhause aus tätig sein, bräuchte die Reise nicht auf sich zu nehmen, und doch nimmt sie sie in Kauf; denn lebendig und frei fühlt sie sich nur, wenn sie aus dem Lager raus ist. Raja’a ist 23, trägt ein blumiges Kopftuch und eine beige Abaya, ein traditionelles islamisches Überkleid. Sie hat ein übermütiges Lachen, meistens aber bleibt ihr Gesicht ernst. Sie war 17 und ging noch zur Schule, als ihre Heimatstadt Dara’a im Südwesten Syriens bombardiert wurde und sie mit ihren Eltern und den beiden Schwestern nach Jordanien floh. Die Familie kam in Zaatari unter, mit 80 000 Menschen eines der grössten Flüchtlingslager der Welt. Raja’a hielt die Enge nicht aus. Liess sich auf die Ehe mit einem Syrer ein, wohnte mit ihm in einem Aussenbezirk Ammans, träumte von Kindern. Doch als ihr Mann begann, sie anzubrüllen, und nicht mehr damit aufhörte, reichte Raja’a die Scheidung ein und kehrte ins Lager zurück. Trotz allem aber, sagt sie, habe die Ehe etwas Gutes gehabt: Auf der Suche nach einem Job hatte sie in Amman einen Nähkurs für Flüchtlingsfrauen besucht und dort von der Jordan River Foundation erfahren, einer lokalen NGO, die sich unter anderem mit Handwerkprojekten für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen engagiert und Mitarbeiterinnen für die Koproduktion mit einem internationalen Unternehmen rekrutierte. Raja’a bewarb sich. Seither steht sie jeden Morgen um halb fünf auf, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein: Sie näht und bestickt Kissenbezüge für den schwedischen Möbelriesen Ikea.

Wir begegnen der jungen Frau in den Produktionsräumen der NGO, einem gesichtslosen, dreistöckigen Gebäude hoch über der Stadtmitte Ammans. Von der Strasse aus sieht man auf die endlosen Kaskaden würfelförmiger Häuser der Vier-Millionen-Stadt, die einst wie Rom auf sieben Hügeln erbaut wurde, sich aber längst über zwanzig erstreckt. Doch ist hier oben nichts vom Puls der Metropole zu spüren. Eine Katze trottet über den Asphalt, vor einem Laden hängen Männerhosen, es herrscht provinzielle Gemächlichkeit. «Karma-Center» steht mit blassblauen Lettern über dem Eingang des Gebäudes, wobei Karma nicht auf ein neo-spirituelles westliches Konzept hindeuten soll, sondern ein arabisches Synonym ist für «Rebstöcke» und gleichzeitig so viel heisst wie «Grosszügigkeit». 92 Frauen sind derzeit im Center angestellt, 50 Jordanierinnen und 42 Syrerinnen, bis Ende Juli, wenn an der neuen Kollektion gearbeitet wird, werden es insgesamt 150 sein. Anfänglich war Raja’a nervös, es war ihr erster Job und der gleich bei einer «famous company». Denn Ikea hat längst auch Filialen in Ägypten und den Golfstaaten, in Jordanien liegt das Möbelhaus zwischen dem Flughafen und der Hauptstadt. Raja’a ist ehrgeizig, will ihre finanzielle Situation verbessern, als Näherin so viel wie möglich dazulernen. Ihr Ziel: eines Tages ein eigenes Business zu gründen, mit dem sie auch ihre Familie würde unterstützen können.

Seit Beginn des Krieges in Syrien sind über 700 000 Menschen ins Nachbarland Jordanien geflohen, davon leben nur etwa zehn Prozent, so wie Raja’a, in einem offiziellen Flüchtlingslager, alle anderen hausen in behelfsmässigen Unterkünften an Stadträndern, bei Verwandten oder haben eine Wohnung gefunden. Die wenigsten werden wohl je in ihre Heimat zurückkehren, bis anhin waren es nur etwa fünf Prozent. So redet kaum mehr jemand von einer Flüchtlingskrise, sondern von einer «new reality», einer neuen Realität, mit der man sich auseinandersetzen muss und deren Bild von wirtschaftlicher Not gezeichnet ist. Zusätzlich zu den Neuankömmlingen sind zwei Millionen Palästinenser als Flüchtlinge registriert, über eine Million Migranten aus Ägypten, dem Libanon, Jemen und Irak suchen in Jordanien Zuflucht und Arbeit. In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerungszahl von sieben auf über zehn Millionen angestiegen, die Handelsrouten zwischen Syrien, Jordanien und dem Irak blieben hingegen wegen des Krieges jahrelang geschlossen. Zudem krankt das Königreich an einem aufgeblähten Staatsapparat, Korruption sowie an hohen Militärausgaben.

SO REDET KAUM MEHR JEMAND
VON EINER FLÜCHTLINGSKRISE,
SONDERN VON EINER “NEW REALITY”,
EINER NEUEN REALITÄT
 

Heute liegt die Arbeitslosenrate bei über 18 Prozent, mit einer Verschuldung von 95 Prozent hängt Jordanien am Tropf von Geberstaaten. Der Geldfluss ist zwar dünner geworden, doch stammt noch immer etwa ein Fünftel der Staatseinnahmen von internationalen Organisationen, zudem von der EU, den Golfstaaten und den USA. Sie zahlen mitunter auch deshalb, um das Land, das einst als geostrategischer Pufferstaat gegründet wurde, einigermassen im Lot zu halten.

Raja’a schiebt mit ruhigen Bewegungen die Stoffbahnen unter der hämmernden Nadel ihrer Nähmaschine hindurch. Die Näherinnen befinden sich im zweiten Stock des Karma-Centers, Raja’a sitzt in der Mitte des Raumes, die Lampe über ihr verströmt fahles Licht. Auf der Etage über ihnen arbeiten die Zuschneiderinnen, direkt neben einer kleinen Küche, in der es nach Kaffee riecht und frischen Falafeln.

Nun kann man sich fragen, was einen Konzern wie Ikea, Exporteur skandinavischen Savoir-vivre, dazu bringt, aus einem derart fragilen Umfeld einen Business Case zu machen. Ann-Sofie Gunnarsson, Partner Development Leader bei Ikea Schweden, formuliert es so: «Es ist unsere Vision, so vielen Menschen wie möglich zu einem besseren Alltag zu verhelfen. Wir schiessen aber nicht Geld ein, obwohl das viel einfacher wäre, sondern machen, was wir am besten können: Jobs schaffen. Wir stellen unserem Partner vor Ort Zeit, Kompetenzen, Logistik und einen Absatzmarkt zur Verfügung. Denn es geht uns nicht primär um Profit, sondern um nachhaltige Veränderung.» Ikea ist für sein Engagement in Jordanien explizit auf die Jordan River Foundation zugegangen, weil die Organisation für Handwerkprojekte über das nötige Know-how verfügt.

«WIR SCHIESSEN ABER NICHT GELD EIN,
OBWOHL DAS VIEL EINFACHER WÄRE,
SONDERN MACHEN, WAS WIR AM
BESTEN KÖNNEN: JOBS SCHAFFEN» 

Ann-Sofie Gunnarsson, Partner Development Leader bei Ikea Schweden
 

Während manche Unternehmen mit Spenden und Solidaritätsaktionen von sich reden machen, setzt Ikea auf die Umkehr des traditionellen Narrativs: Flüchtlinge sowie Menschen in prekären wirtschaftlichen Lebenssituationen sind keine Almosenempfänger, sondern Menschen mit Talenten und Fähigkeiten, die ihre Gesellschaft vorwärtsbringen können. Mit diesem Ansatz steht Ikea nicht allein da. Besonders in der Technologiebranche treten vermehrt Firmen auf, die darauf setzen, Menschen, die geflohen sind, an der Seite von Einheimischen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine davon ist das Reboot-Kamp, ein vom Softwaregiganten SAP mitfinanziertes Start-up des Amerikaners Hugh Bosley. Er bietet 13-wöchige Intensivtrainings an, in denen sich die Teilnehmer mittels spezieller Lerntechniken das Programmieren, aber auch Kommunikations- und Konfliktlösungsstrategien gegenseitig beibringen. Dabei wird akribisch darauf geachtet, dass Frauen und Männer aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, Stämmen, Altersgruppen und Religionszugehörigkeiten in den Bootcamps vertreten sind. Denn wer offen auf andere zugehen kann, so die Philosophie, erhöht nicht nur seine Jobchancen im zunehmend internationalisierten Markt, sondern trägt auch zur Stabilisierung seiner Gesellschaft bei. Dieser Ansatz ist attraktiv: Auf ein Bootcamp mit dreissig Plätzen, erklärt Hugh Bosley, kommen jeweils 2000 Bewerber.

Beide Initiativen werden von Fachleuten begrüsst: «In der Diskussion um Hilfsleistungen dominiert in Europa die Opfer-Rhetorik. Menschen, die fliehen mussten, werden eher als Last denn als Ressource betrachtet. Deshalb ist es gut, dass gerade eine globale Marke wie Ikea endlich ein Zeichen setzt», sagt Kilian Kleinschmidt, ehemaliger Leiter des Zaatari-Flüchtlingslagers und Gründer der Organisation Innovation and Planning Agency. Gleichzeitig warnt er davor, solchen Initiativen vorbehaltslos zu applaudieren. Denn im Gegensatz zu lokalen Unternehmen gehen internationale Grosskonzerne dabei kaum Risiken ein, da sie sich gegen Verluste versichert haben und sich jederzeit aus der Region zurückziehen können. Zudem gelten soziale Vorzeigeprojekte als ein Marketingtool für eine urbane, westliche Kundschaft und sind nicht zuletzt auch ein überzeugendes Argument für die eigenen Mitarbeiter, damit sie dem Unternehmen treu bleiben. Früher arbeiteten die Näherinnen des Karma-Centers in einem einzigen Raum, in dem ein derartiges Chaos herrschte, dass sie buchstäblich über Stoffberge klettern mussten. «Wir haben nur eine geringe Anzahl Tischtücher und Kissenbezüge hergestellt, waren also meilenweit von jeglicher Massenproduktion entfernt», erklärt Amal Al-Fitiani, die Managerin des Karma-Centers. Sie ist 46 Jahre alt und thront wie eine Königin hinter ihrem wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich Dokumente stapeln, Rechnungen, Arbeitsbewilligungen. Sie ist stark geschminkt, ihre Haare sind mit einem turbanähnlichen Schleier bedeckt, das Handy läutet ununterbrochen. Seit 23 Jahren ist sie im Center tätig, stieg von der Näherin bis zur Managerin auf, gut 10 000 Frauen, sagt sie stolz, habe sie in dieser Zeit ausgebildet. Als Ikea vor drei Jahren auf den Plan trat, wurde erst mal eine Bestandsaufnahme gemacht, wurden die einzelnen Produktionsschritte definiert, der Zeitaufwand für jeden Handgriff gemessen und in den Produktionsablauf einkalkuliert. Sie hatten sieben Monate Zeit, um die Standards zu erfüllen, die der Global Player für die Zusammenarbeit einforderte. «Hier gehe es um Business, nicht um Charity, sagte man uns.» Amal Al-Fitiani lacht heiser. «Wir haben nicht daran geglaubt, dass wir dies schaffen würden.»

Heute werden 250 Kissenbezüge pro Woche zugeschnitten, zusammengenäht und bestickt, in einem kleinen Raum sind die Prototypen ausgestellt, die weltweit in den Ikea-Filialen verkauft werden. Zwischen den Nähmaschinen herrscht neu ein Sicherheitsabstand von achtzig Zentimetern, die Scheren sind mit Klettbändern auf den Tischen fixiert. Eine Feuertreppe führt in den Hinterhof, im Parterre steht ein Metalldetektor, der die Kissenbezüge nach abgebrochenen Nadeln scannt, bevor sie verpackt und verfrachtet werden. Gearbeitet wird von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags, die Mittags- und zwei weitere Pausen miteingerechnet – ein Mentalitätswandel, der nicht überall auf Begeisterung stösst. «Viele Frauen sind sich fixe Arbeitszeiten nicht gewohnt, sie gehen nachhause, wenn sie müde sind», sagt Amal Al-Fitiani. «Das liegt nicht drin. Und das wiederum ist der Grund», sie seufzt tief, «weshalb selbst Näherinnen, die wir für dieses Projekt rekrutiert und ausgebildet haben, oft einfach wieder verschwinden.» Noch mehr aber kommen, um zu bleiben, auch deshalb, weil sie – so kitschig es tönen mag – hier, in der Gemeinschaft der Frauen, eine zweite Heimat gefunden haben. Eine davon ist Mariam Sabri al-Masri, sie will zumindest so lang als Näherin arbeiten, bis sie wieder auf den Beinen ist. Sie war 18 Jahre lang Englischlehrerin, doch dann hatte sie einen Autounfall und lag monatelang im Spital. Seither ist sie «nur noch die Hälfte einer Frau», wie sie sagt, und schnell erschöpft, etwas, was sie durch ihren furchtlosen Schalk wettzumachen scheint, mit dem sie niemanden verschont.

Mariam ist verwitwet, Mitte vierzig, hat zwei erwachsene Kinder. Vor Kurzem hat sie wieder geheiratet, ein ehemaliges Mitglied der königlichen Garde, sie ist seine dritte Frau. In ihrem früheren Leben hatte Mariam weder Nadel noch Faden in der Hand gehabt, geschweige denn an einer Nähmaschine gesessen. Aber sie lernte schnell. Nähte gleich an ihrem ersten Tag ihr erstes Kissen, eignete sich innert kürzester Zeit einen Berufsstolz an, den sie in Sätze fasst wie: «Ein fertiges Kissen sieht für mich aus wie eine Mona Lisa.» Mittlerweile gilt sie als mütterliche Integrationsfigur, nimmt Raja’a unter ihr Fittiche sowie die 50-jährige Syrerin Zubeida Rahmeh, Mutter von sieben Kindern, Grossmutter von neun Enkeln. Vor der Flucht aus Homs führte Zubeida ein eigenes Nähatelier, ihr Mann war Schmied. Heute jobbt er als Hilfskassierer im Supermarkt, Zubeida ist die Haupternährerin ihrer Familie. «Jede Frau hier hat ihre eigene Geschichte», sagt Mariam, «jede kämpft für ein besseres Leben. Wir helfen einander, wo wir können.» So scheut sie auch nicht davor zurück, Kritik an der Lohnpolitik des Unternehmens zu üben.

«EIN FERTIGES KISSEN
SIEHT FÜR MICH AUS
WIE EINE MONA LISA»

Mariam Sabri al-Masri, Näherin im Karma-Centergewohnt
 

220 Jordanische Dinar (JOD), etwa 308 Franken, verdienen die Näherinnen pro Monat. Das entspricht zwar dem gesetzlichen Mindestlohn, reicht aber nirgendwohin. Gemäss jordanischen Gewerkschaften ist der monatliche Mindestlohn um ein Drittel zu tief, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Die Inflation hat die Ausgaben für das tägliche Leben innert gut zwei Jahren verdreifacht; da der öffentliche Verkehr nur wenig ausgebaut ist, verschlingen häufig allein die Taxifahrten rund die Hälfte der Gehälter. Zudem sind ungleiche oder zu niedrige Löhne einer der Hauptgründe für die tiefe Frauenerwerbsquote Jordaniens, viele Frauen können es sich gar nicht leisten, aus dem Haus zu gehen. Bloss 14 Prozent sind im formalen Arbeitsmarkt tätig, das ist eine der tiefsten Quoten weltweit, hinter Jordanien liegen nur noch Syrien und der Jemen. Angesichts dessen, sagt Mariam, hätte sie erwartet, dass sich ein Weltkonzern wie Ikea grundsätzlich für höhere Löhne einsetzt. Nebenbei: Der letztjährige Umsatz des Unternehmens betrug 38.8 Milliarden Euro.

«Die Näherinnen sind über die Jordan River Foundation angestellt, die in der Gestaltung der Löhne weitgehend autonom ist», erklärt Manuel Rotzinger, Pressesprecher Ikea Schweiz. «Gemäss unseren Richtlinien mit Lieferanten bezahlen diese im Minimum den gesetzlichen Mindestlohn. Wir setzen voraus, dass dieser Richtwert im jeweiligen Land verlässlich ist.» Die Näherinnen erhielten ausserdem einen Zuschlag bei hoher Produktivität, verdienten dann oft mehr als den Mindestlohn, manche kämen so auf 400 JOD pro Monat. Letztlich aber geht es der Jordan River Foundation um eine simple Rechnung: Stellen sie mit dem vorhandenen Budget möglichst viele Leute zum Mindestlohn an – oder zahlen sie höhere Saläre, können dafür aber weniger Frauen beschäftigen?

Um sich etwas dazuzuverdienen, nimmt Tahani Fadel so oft wie möglich einen Stapel Kissenbezüge mit nachhause und macht sich abends wieder an die Arbeit. Die Nähmaschine steht auf einem schmalen Tisch in ihrem Schlafzimmer, 230 JOD hat sie dafür investiert. Die 39-Jährige ist Mutter von vier Kindern, das älteste ist 15, das jüngste 9 Jahre alt, auch sie ist Witwe. Die Familie lebt gut zehn Gehminuten vom Karma-Center entfernt in einer engen Dreizimmerwohnung. Im Wohnraum stehen plüschige Sessel, an den rosa Küchenwänden hängen Vogelkäfige. Tahani tischt ihren Gästen selbstgebackenen Kuchen und Orangensaft auf und strahlt dabei so viel entspannte Heiterkeit aus, dass man nicht umhin kommt, sie zu fragen, wie sie das macht. «Solang meine Kinder glücklich sind», sagt sie, «bin auch ich es. Gott hilft mir, mein Leben zu meistern.»

Der Job als Näherin hält sie über Wasser, doch ohne ihre vier Brüder, die ihr monatlich einen Zustupf von je 50 JOD geben, würde es eng, nur schon für die Wohnungsmiete bezahlt sie hundert JOD. Um Geld zu sparen, legen ihre beiden Buben morgens den 30-minütigen Schulweg zu Fuss zurück, benutzen den Bus ausschliesslich für den Heimweg, die Mädchen hingegen lässt Tahani aus Sicherheitsgründen nur mit dem Bus zur Schule. Irgendwann möchte sie eine kleine Bäckerei aufmachen, denn sie wird weitherum für ihre Backkunst gerühmt. Doch das ist Zukunftsmusik. Im Moment ist sie froh, überhaupt einen Job zu haben.

Die Näherinnen des Karma-Centers erhalten einen Vertrag über drei bis sechs Monate, je nach Auftragslage. Gibt es Lücken, werden die Frauen für den Eigenbedarf der Jordan River Foundation weiterbeschäftigt. Manchmal kommt es zu Produktionsflauten, etwa wenn sich die Lieferung der Rohstoffe verzögert. Denn die Vorderseiten der Kissen stammen aus der Türkei, die Rückseiten aus Indien, die Quasten aus Frankreich, das Verpackungsmaterial aus Belgien.

Nach Tilltalande, der ersten Ikea-Kollektion, arbeiten die Näherinnen an Hantverk, der zweiten Kollektion, im August geht mit Botaniska die dritte in Produktion. Und wie zuvor schicken schwedische Designer Entwürfe, die die Designerinnen der NGO mit eigenen Ideen ergänzen. Ab 2020 soll das Team, dann voraussichtlich 400 Näherinnen stark, in die Herstellung eines «running item», eines Produkts aus dem regulären Sortiment, eingebunden werden, aber nur noch die Hälfte seines Produktionsvolumens über Ikea abwickeln. Die zweite Hälfte muss es anderweitig erwirtschaften. Nur auf die Schweden zu setzen, wäre ein Klumpenrisiko. Neu ist Spanien auf dem Radar: Zara-Home, sagt Amal Al-Fitiani, Managerin des Karma-Centers, stolz, hat Interesse bekundet.

Bani-Hamida gehört ebenfalls zur Jordan River Foundation und ist ein Projekt, das seit den späten 1980er-Jahren auf die Webtechnik der Beduinen setzt und seither über tausend Frauen ein Einkommen ermöglicht hat. Das Center liegt in der Nähe der Stadt Madaba, rund eine Autostunde südlich von Amman. Es ist ein sandfarbenes Gebäude, eingebettet in eine wüstenähnliche Landschaft. Im Center befinden sich die Verkaufs -und Showräume, die meisten Frauen weben die Teppiche bei sich zuhause. Es ist Dreh- und Angelpunkt der Kooperative und das Hoheitsgebiet von Halima Al Quaydeh. Halima ist 51 und über die Provinzgrenzen hinaus bekannt, denn sie hat alle Regeln gebrochen, die man hier als Frau brechen kann: Sie hat ihren ersten Mann verlassen, als er sie vor die Wahl stellte, entweder zu arbeiten oder mit ihm verheiratet zu bleiben. Sie hat ihren Vater, einen Scheich, dazu gebracht, ihr Fahrstunden zu bewilligen, obwohl das ganze Dorf dagegen Sturm lief, und kehrte dann erst noch in einem Pick-up-Truck zurück. Sie wurde als erste Frau in den Gemeinderat gewählt und liess in den umliegenden Dörfern Strassen und Strommasten bauen.

HALIMA AL QUAYDEH
HAT ALLE REGELN GEBROCHEN,
DIE MAN HIER ALS FRAU
BRECHEN KANN
 

Zwei Jahre lang hatte Halima Al Quaydeh mit 200 Weberinnen für Ikea Sitzkissen und Teppiche produziert, aus handgewobener Schafwolle, in der Grösse eines Bettvorlegers. Doch die waren mit 120 Euro pro Stück zu teuer, selbst die betuchten Ikea-Kunden sollen sich über den Preis gewundert haben. Aus diesem Grund hat der schwedische Riese die Produktion der Teppiche vorerst eingestellt. Halima wurde angehalten, Wege zu finden, um die Kosten zu halbieren. Erst war sie vor den Kopf gestossen, dann aber sagte sie sich: «Okay, wenn wir unsere Produktion wettbewerbsfähiger machen können, dann tun wir es!»

Jetzt sind Webstühle aus Indien auf dem Weg, auf denen sich zwei Teppiche pro Tag weben lassen, nicht mehr bloss sechs pro Monat, auch die Wolle wird aus Indien geliefert, die ist sehr viel günstiger als jene aus Neuseeland. Wolle von jordanischen Schafen wird kaum mehr verwendet. Denn um die Wolle zu waschen, würde unendlich viel Wasser benötigt; Wasser, das im rohstoffarmen Jordanien knapp ist. Halima Al Quaydeh hofft, bald auf den Weltmarkt zurückzukehren. Denn viele Frauen auf den Dörfern haben mit dem Lohn, den sie für die Teppichproduktion erhielten, begonnen, ihre Häuser zu renovieren. Nun warten sie darauf, weitermachen zu können.

Seit 2012 betreibt Ikea die «Social Entrepreneur Initiative», die weltweit Partnerschaften mit Unternehmen eingeht, deren Ziel es ist, die Lebensbedingungen von Frauen und ihren Familien zu verbessern. Diese Reportage in Jordanien entstand auf Einladung von Ikea unter Zusicherung vollständiger journalistischer Freiheit.

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