Kultur

Darum passen Podcasts perfekt in unsere Zeit

Text: Marie Hettich; Bild: Getty Images

Unterhaltung, Information, Inspiration: Podcasts sind ohne Frage Alleskönner. Doch woran liegt es, dass der Podcast-Boom kein Ende nimmt? Fünf Überlegungen.

Haben Sie schon mal einen Podcast gehört? Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie jetzt nicken, ist ziemlich hoch – denn das On-Demand-Audio-Format kommt immer mehr in der breiten Masse an.

2019 hat laut des SRF-Medientrend-Berichts jede vierte Person mindestens einmal im Monat Podcast gehört. Und jetzt, im Jahr 2020, sehen die Zahlen vermutlich noch mal ganz anders aus: Es ist stark davon auszugehen, dass mit der Corona-Pandemie noch etliche Podcast-Fans hinzukamen – und wenn auch bloss, um das begehrte «Coronavirus-Update» des deutschen Virologen Christian Drosten zu hören. Während des Lockdown waren Podcasts auf all den Spaziergängen und Joggingrunden allein für manch eine die Rettung aus der Einsamkeit. 

Auch wenn hierzu noch keine Angaben aus der Schweiz vorliegen, sprechen die neusten Zahlen des Streaming-Anbieters Spotify – eine der Top-Podcast-Adressen – eine klare Sprache: Während im vierten Quartal 2019 noch 43 Millionen Personen Podcasts gehört haben, waren es im ersten Quartal 2020 bereits 54 Millionen.

Doch der Podcast-Boom hat längst nicht nur mit dem Lockdown zu tun. 

Fünf Gründe, warum Podcasts perfekt zu unserem Zeitgeist passen:

  • Transparenz im Zeitalter des Misstrauens
    Das Misstrauen gegenüber der Sorgfalt von Journalistinnen und Journalisten hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Das Ausmass dieses Misstrauens reicht von kleinen, sehr berechtigten Zweifeln (Stichwort: Relotius – der Journalist, der im «Spiegel» Reportagen fälschte) bis hin zu wilden, völlig haltlosen Verschwörungstheorien. Wer traurigerweise einem niedergeschriebenen Interview also nicht mehr ganz über den Weg traut, wird in Podcasts mehr Transparenz finden: Man hört die Stimmen, bestenfalls kennt man sie sogar, man hat das Gefühl, direkt daneben zu sitzen. Trotzdem gilt: Auch Podcasts sind vor Fake News natürlich nicht gefeit. Deshalb sollte, wer auf Nummer sicher gehen will, prüfen, wer genau da ins Mikrofon spricht.
  • Der selbstbestimmte Zeitplan
    Immer weniger Menschen haben Lust darauf, sich von Radio und Fernsehen ihren Tagesablauf diktieren zu lassen. Die Folge: On-Demand-Anbieter, auf die rund um die Uhr von überall her zugegriffen werden kann, wachsen und wachsen. Gerade im Fall von Audio-Formaten, wofür man nicht einmal die Augen braucht, macht «on demand» Sinn: Denn sie eignen sich beim Wandern in der Pampa genauso wie mitten in der Nacht zur Einschlafhilfe. Und dank einer Download-Funktion sind Podcasts meist sogar ohne Internetverbindung abrufbar. 
  • Das eigene Kuratieren
    Nicht nur das Timing wollen wir nach Lust und Laune selbst bestimmen – auch den Inhalt. Während früher die Tageszeitung oder der Radiosender des Vertrauens auf dem Laufenden gehalten hat, kuratieren wir heute lieber aus einer unüberschaubar grossen Auswahl unser ganz persönliches Beschallungsprogramm. Allein Spotify hat mittlerweile mehr als eine Million Podcasts – 30 000 davon sind deutschsprachig.  Gerade Lust auf Feminismus? Dann könnte «Faust & Kupfer» oder «Die Podcastin» etwas sein. Lust auf Sexthemen? Ab zu «Untenrum» oder «Ist das normal?» von «Zeit online». Gerade verzweifelt, vor lauter Mama- oder Papasein? «Pipifax» oder «Der Familienrat» schaffen Abhilfe. Auch in puncto aktuellem Zeitgeschehen sind Podcasts mittlerweile unschlagbar: So hat die Journalistin Anja Glover im Rahmen der «Black Lives Matter»-Proteste spontan vier Folgen lang «Kafi am Freitag» – den erfolgreichsten Schweizer Podcast – übernommen, um über Rassismus aufzuklären.
  • Inputs, bitte!
    Machen wir uns nichts vor: Das Nichtstun ist nicht so unser Ding und wir lieben Effizienz. Dementsprechend grossartig finden wir es, während der morgendlichen Fahrt ins Büro oder des wöchentlichen Badputzens noch etwas über das Sterben der Meere und Trumps Chancen auf eine Wiederwahl zu lernen – oder zumindest von einem launigen Gespräch zwischen zwei Menschen («Ciao for Now»! «Paardiologie»!) unterhalten zu werden. Und obwohl unser Hirn auch beim Podcast-Hören arbeiten muss, entschleunigt es trotzdem irgendwie, mal keinen Bildschirm vor den Augen, sondern nur ein paar Stimmen im Ohr zu haben. 
  • Cosiness in schwierigen Zeiten
    Wer kennt es noch, das wohlige Kokon-Gefühl aus der Kindheit, Kassette- oder CD-hörend, mit den Füssen in der Luft, auf dem Sofa zu liegen? Und wonach sehnen wir uns aktuell mehr denn je? Nach Halt, nach Geborgenheit, nach der Gewissheit, dass alles in Ordnung ist. Ganz generell haben Podcasts die erstaunliche Fähigkeit, in uns allerlei Gefühle auszulösen: Wir fühlen uns verstanden, wir lachen, wir weinen vor Rührung. Das schaffen echte Begegnungen definitiv nicht immer. Im Zweifelsfall kann einem der richtige Podcast also den besseren Abend bescheren als ein Treffen mit einer Bekannten.
Marie Hettich ,
Redaktorin
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