Das neue Heft ist da: Barbara Loop übers Spielen
Ab heute liegt die neue Ausgabe der annabelle am Kiosk. Lest hier das Editorial von Chefredaktorin Barbara Loop.
- Von: Barbara Loop
- Cover: Joël Hunn; Collage: annabelle
Es gab eine Phase in meinem Leben, da habe ich viel Zeit damit verbracht, farbige Blasen so zu platzieren, dass sie auf Blasen derselben Farbe treffen und sich – pfuff – in Luft auflösen. Das Spiel heisst Bubble Shooter, ich habe sinnbildlich «umeblööterlet», nur um nicht an meiner Abschlussarbeit weiterschreiben zu müssen.
Es ging mir nicht gut damit. Seit jeher war Gamen in meinen Augen vor allem eines: gefährlich. Da war der Freund, der kaum mehr das Tageslicht erblickte, weil er sich spielend aus der Realität flüchtete. Da ist dieser unheimliche Sog, der meine Kinder erfasst, sobald sie sich auf ein virtuelles Spiel einlassen.
Wie immer hängt das Mass der Zerstörung von der Menge des Giftes ab. Dass aber Gamen per se toxisch sei, war für mich immer ein Fakt. Wer gamt, verschwendet seine Zeit, vielleicht sogar sein Leben. Ich weiss, dass ich mit dieser Überzeugung nicht allein war.
"Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass wir Stunden, die verspielt werden, als verlorene Stunden empfinden?"
Immer mehr Frauen spielen Computerspiele oder daddeln am Handy, beobachtete meine Kollegin Michèle Roten. Und machte sich für das neue Heft auf den Weg an die Pop Con, die grösste Game-Messe des Landes, um die Spezies der gamenden Frau kennen und verstehen zu lernen. Und siehe da: Sie traf auf ein Volk, das weder einfältig noch ambitionslos ist, sondern äusserst vielschichtig, kreativ, sozial – und auffallend vergnügt.
So dass sich die Frage aufdrängt, warum so viele ausgerechnet dem Spielen derart misstrauen. Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass wir Stunden, die verspielt werden, als verlorene Stunden empfinden? Wir arbeiten uns durch Detox-Menüs, Fitnessprogramme und Selbstfindungskurse, wir betreiben Wellness wie Spitzensport und machen Freizeit zur Weiterbildung.
Psychologin Rachel Kowert, eine Kennerin der Szene, gibt sich im Gespräch mit Michèle Roten optimistisch: «Ich bin guter Dinge, dass wir irgendwann verstehen werden, dass Spiel und Spass zu einem lebenswerten Leben gehören und dass wir stolz darauf sein sollten, wenn wir uns Zeitnehmen, um zu spielen – gerade als Erwachsene.»
Verstanden hat das annabelle-Kolumnistin Claudia Senn, da bin ich mir sicher. Auf der letzten Seite der neuen Ausgabe schreibt sie über die Krebsdiagnose, die sie vor Kurzem ereilt hat. «Habe ich richtig gelebt?», fragt sie angesichts der Endlichkeit, die sich ihr so brutal offenbart. Zum Glück kann sie die Frage mit Ja beantworten.
Das richtige Leben,was ist das für mich? Ich würde zu gern antworten, dass es ganz viele zerplatzte Blasen und verplemperte Stunden beinhaltet. – Ich arbeite dran.