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Diese Initiative will Frauen und Männer in eine allgemeine Dienstpflicht schicken

Politik

Diese Initiative will Frauen und Männer in eine allgemeine Dienstpflicht schicken

Eine allgemeine Dienstpflicht – das will eine neue Initiative. So könnte auch die unbezahlte Care-Arbeit aufgewertet werden, sagt Noémie Roten, Co-Präsidentin des Vereins Service Citoyen.

annabelle: Noémie Roten, Sie engagieren sich dafür, dass Frauen wie Männer künftig einen Dienst an der Allgemeinheit leisten. Das ist in Zeiten des Hyperindividualismus doch pure Illusion, oder?
Noémie Roten: Ich würde vielmehr sagen, es ist eine Vision. Ich möchte mich für eine Schweiz engagieren, die mitmacht oder wieder mitzumachen lernt.

Das müssen Sie näher erklären.
Die Möglichkeit des Einzelnen, sich für die Gemeinschaft als Ganzes einzusetzen, nimmt seit Jahren ab. Hier stehen wir als Gesellschaft vor einem Dilemma, denn die Basis unseres Staatssystems ist der Milizgedanke – im Grunde ein Vertrauenszuspruch dafür, dass alle in der Lage sind, den Staat mitzugestalten, und dafür geschätzt zu werden. Wenn dieses Engagement verschwindet, wackelt nicht nur unser politisches System, sondern auch das, was die Schweiz im Kern ausmacht: die Fähigkeit, gemeinsam zu entscheiden und diese Entscheide zusammen umzusetzen. Ein Service Citoyen soll helfen, zu diesem Milizgedanken zurückfinden. Und dazu gehört, das Zusammenspiel von Armee, Zivildienst und Zivilschutz zu überdenken.

Wie stellen Sie sich eine Dienstpflicht für alle vor?
Der Service Citoyen kann als Militärdienst, Zivilschutz, Zivildienst oder in Form eines anderen Milizdiensts im Interesse der Allgemeinheit geleistet werden. Wichtig hierbei ist die Aufwertung des Zivildiensts, der ja heute als «Ersatzdienst zur Armee» definiert wird. Dadurch müssten jene, die in den Zivildienst wollen, nicht mehr erst für militärdiensttauglich erklärt werden. Das zivilgesellschaftliche Engagement erhält somit einen höheren Status.

Wie würde dieses System in der Realität aussehen?
Grundsätzlich bleiben die Tätigkeitsbereiche dieselben wie heute: in der Sicherheit, im Katastrophenund Umweltschutz sowie im Sozial- und Gesundheitswesen. Ein grosses Entwicklungspotenzial liegt im Umweltschutz, aktuell werden in diesem Bereich «nur» 10 Prozent der Zivildiensttage geleistet. Zudem kann ich mir vorstellen, dass ein Teil der unbezahlten Care-Arbeit angerechnet werden könnte.

Ist das umsetzbar? Care-Arbeit dauert ja länger als die anvisierte Milizdienstdauer von etwa 180 Tagen.
Klar. Es ist ja auch nicht die Idee, die Care-Arbeit zu «kompensieren». Heute haben wir ein systemisches Ungleichgewicht, das die klassischen Rollenbilder zementiert: Männer an der Waffe, Frauen am Herd. Ein Service Citoyen wertet nichtmilitärische Engagements auf und gibt so allen den Anreiz, Care-Arbeiten zu übernehmen.

Eine Dienstpflicht für Frauen gilt aber als chancenlos, solange Frauen etwa bei Lohngleichheit und Altersvorsorge benachteiligt sind.
Eine Mehrheit der Frauen und Männer befürwortet einen obligatorischen Dienst, der Militär-, Zivil- und Sozialdienst für Männer und Frauen umfasst. Das zeigt die neue Sicherheitsstudie des Center for Security Studies der ETH Zürich. Hingegen findet die rein militärische Wehrpflicht für Frauen keine Mehrheit. Dennoch: Ich höre in diesem Zusammenhang von Frauen zwei unterschiedliche Meinungen. Die einen sagen, sie seien mit Beruf, Kinderbetreuung und Hausarbeit schon genug belastet. Sie lehnen eine Wehrpflicht kategorisch ab. Die anderen finden, mit einer Wehrpflicht für Frauen würde die Gleichstellung endlich vollzogen.

Beide Argumente sind stichhaltig. Ihre Haltung?
Unser heutiges System schliesst einen Grossteil der Bevölkerung systematisch aus. Das behindert den Gleichstellungsprozess. Ganz grundsätzlich stossen wir bei diesem Thema aber immer wieder auf den gleichen Denkfehler: Pflicht ist keine Strafe. Pflicht sollte zum Gestaltungsraum werden, insofern, als man für die Allgemeinheit etwas tun darf. Das bringt Wertschätzung und stärkt das Wir-Gefühl.

VBS-Chefin Viola Amherd findet die Idee eines Service Citoyen auf den ersten Blick sympathisch, wendet jedoch ein, würde man alle zu einem Dienst verpflichten, stelle sich die Frage der Zwangsarbeit. Das sei völkerrechtlich problematisch.
Die europäische Menschenrechtskonvention kennt unterschiedliche Ausnahmen zum Verbot der Zwangsarbeit: So erlaubt sie etwa «normale Bürgerpflichten », wenn sie demokratisch legitimiert sind. Normal bedeutet hier, was wir als Staat als Norm definieren. Es ist diese demokratische Legitimation, die wir mit unserer Volksinitiative anstreben.

Ein Service Citoyen könnte in Konkurrenz zur Privatwirtschaft stehen, lautet ein weiterer Einwand. Wie wollen Sie verhindern, dass zugunsten des Gemeinschaftsdiensts Arbeitsplätze verloren gehen?
Diese Frage ist bereits im Zivildienstgesetz geregelt. Der Service Citoyen betrifft nur Bereiche, die vom Staat subventioniert oder subventionierbar sind.

Wie sähe die Ausbildung für den Milizdienst aus?
Eine gemeinsame Grundausbildung würde Sinn machen. Ob sich diese am Modell Armee oder jenem des Zivildiensts orientiert, wird wohl vom jeweiligen Tätigkeitsfeld der Dienstleistenden abhängen. Gerade diese Grundausbildung würde den Austausch zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen und sozialen Schichten und nicht zuletzt auch zwischen den Regionen fördern – eines unserer zentralsten Anliegen.

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Noémie Roten (32) ist Ökonomin, Journalistin, Moderatorin, PR-Beraterin und Militärersatzrichterin. Im Militär war sie Lastwagenfahrerin. Der Start der Unterschriftensammlung für die Volksinitiative ist noch für dieses Jahr geplant. Mehr Infos findet ihr unter servicecitoyen.ch

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