Digital war gestern? Das überraschende Comeback des Analogen
Schallplatten statt Streaming-Plattformen, häkeln statt scrollen, gärtnern statt posten: Auf Social Media ist es chic, seine Offline-Aktivitäten zu feiern. Wenden wir uns nun wirklich von Instagram, TikTok und Co. ab? Medienpsychologin Ronia Schiftan ordnet ein.
- Von: Vanja Kadic
- Bild: Death to Stock
Das It-Accessoire des Jahres soll laut «Cosmopolitan» keine Designertasche, sondern eine «Analog Bag» sein. Darin liegen Skizzenbuch, Strickzeug, Spielkarten oder Magazine bereit, um sich einem Hobby zu widmen, statt Zeit am Smartphone zu vertrödeln. Auf TikTok und Instagram präsentieren User:innen aktuell ihre «Analog Bags» und beschwören diese als Schlüssel zur Reduktion ihrer Bildschirmzeit. Das Ziel: Wieder achtsamer mit dem Konsum von sozialen Medien umgehen, präsenter sein, Neues lernen.
Auch das Zeigen von Second-Hand-Funden aus Brockis boomt im Netz. Gekauft – und bei Social Media gezeigt – werden gebrauchte DVDs, alte iPods, Kassetten und VHS-Geräte, die nun von allen konsumiert werden, die keine Lust mehr auf eine unübersichtliche Vielfalt von Abo-Modellen und Streaming-Services haben. Stars wie Lana Del Rey, Dua Lipa oder Emily Ratajkowski setzen längst wieder auf Kabelkopfhörer, die sich nicht mühsam aufladen oder updaten lassen müssen. Im Trend liegt auch Journaling, so das Modewort, bei dem Gedanken täglich auf Papier festgehalten werden. Und Kylie Jenner fotografierte ihren Freund Timothée Chalamet vor kurzem bei den Golden Globes mit einer Contax T2 Titanium Black 35mm auf Film.
annabelle: Frau Schiftan, 2026 wird im Netz derzeit zum Comeback-Jahr des Analogen deklariert. Woher kommt diese Sehnsucht nach einfachen Technologien?
Ronia Schiftan: Dafür gibt es verschiedene mögliche Erklärungsansätze. Einerseits ist ein grundsätzlicher Nostalgie-Trend zu beobachten. Solche sogenannten Backlash-Bewegungen treten interessanterweise immer dann auf, wenn sich die Welt in einem Zustand der Komplexität oder einer Krise befindet. Wer konkrete oder wahrgenommene Unsicherheit erlebt, stützt sich gerne auf Vertrautes. Sich im Kleinen auf etwas Bekanntes, etwa aus der Kindheit, zu besinnen, ist also eine Reaktion auf diese Unsicherheit. Je komplexer eine Situation ist, desto grösser wird der Wunsch nach Komplexitätsreduktion. Und einer der grössten Komplexitätstreiber ist die Digitalisierung.
"Der Wunsch nach analogen Medien spiegelt bei vielen Millennials eine Sehnsucht nach der eigenen Kindheit wider"
Können Sie das erklären?
Millennials verbinden ihre Kindheit zum Beispiel mit traditionellen Medien wie VHS-Kassetten oder CDs. Wenn sich ein Millennial also aus dem digitalen Entwicklungskontext zurückziehen möchte, kann das eine Sehnsucht nach der eigenen Kindheit widerspiegeln – insbesondere dann, wenn die Erwachsenenwelt als zu kompliziert oder zu schnell empfunden wird.
Und was ist mit jüngeren Generationen?
Man könnte annehmen, dass jüngere Generationen in ihrer Kindheit traditionelle Medien gar nicht selbst erlebt haben. Das stimmt jedoch nicht unbedingt. Die Beziehung zu analogen Medien wurde ihnen häufig über ihre Eltern vermittelt, die diese Zeit vielleicht verklären. Solche nostalgischen Prägungen können also auch indirekt entstehen – und werden von uns oft unbewusst übernommen.
"Menschen entfolgen bewusst Accounts, die ihnen nicht guttun"
Ausgerechnet die Gen Z verbringt weniger Zeit mit Instagram und TikTok – das könnte der Anfang vom Ende der sozialen Medien sein, schreibt etwa die «SZ». Warum scheinen analoge Medien aktuell vor allem bei jüngeren Menschen populär zu sein?
Bei solchen Aussagen über Generationen bin ich grundsätzlich vorsichtig. Man muss sich fragen, wer genau gemeint ist und ob es sich um ein Bubble-Phänomen handelt. Gemäss der JAMES-Studie, die die Mediennutzung von Jugendlichen in der Schweiz untersucht, lesen Jugendliche schon immer viel oder verbringen Zeit draussen. Die Frage lautet also, ob es sich um eine tatsächliche Veränderung oder lediglich um einen lauten Social-Media-Trend handelt. Die meisten Freizeitaktivitäten finden nach wie vor analog statt. Deshalb sollte man nicht generalisieren und von einer Abkehr von der Digitalisierung sprechen.
Wie bewerten Sie den Analog-Trend?
Meine Vermutung ist, dass es sich um ein «auch» handelt. Jeder neue Jahrgang, der in einer digitalisierten Welt aufwächst, erwirbt bereits im Kindesalter Kompetenzen, über die frühere Generationen vielleicht nicht verfügten. Das kann beispielsweise bedeuten, dass man gelernt hat, sich abzugrenzen, wenn man merkt, dass man zu viel Zeit auf Social Media verbringt und es einem nicht guttut.
Beobachten Sie den Umgang mit diesen neuen Kompetenzen auch in Ihrer Arbeit?
Ja. Ich arbeite viel mit jungen Menschen und Studierenden und stelle aus der Beobachtung heraus fest, dass ein stärkeres Bewusstsein für die Wirkung sozialer Medien entstanden ist. Menschen entfolgen beispielsweise bewusst Accounts, die ihnen nicht guttun, oder verbringen vermehrt Zeit offline.
So eine erlernte Kompetenz wäre also eine bessere Balance im Umgang mit den sozialen Medien?
Genau. Oder das Auseinandersetzen mit der Frage, wem man eigentlich folgt. Dazu gehört eine grössere, aber auch eine technische Medienkompetenz. Das heisst, dass man etwa über Wissen verfügt, wie man Werbeanzeigen verwaltet, die eigene For-You-Page beeinflusst oder jemanden blockiert. Sie haben vorhin von analogen Medien gesprochen. Dabei denke ich anekdotisch an meine eigene Teenagerzeit: Wir fanden die Platten unserer Eltern toll und haben füreinander Kassetten aufgenommen, obwohl es längst andere Medien gab. Nur haben wir dies damals nicht auf Social Media geteilt. Ob der Trend wirklich neu ist, würde ich deshalb infrage stellen. Dieses Ausprobieren anderer Techniken ist jedoch auf jeden Fall ein Zeichen von Neugier – und von einem Auseinandersetzen mit der Geschichte der eigenen Eltern oder Grosseltern.
Die Erklärung für diesen Analog-Trend könnte also auch der Wunsch nach einer Verbindung zur eigenen Familiengeschichte sein?
Ja. Das Phänomen gehört aber auch ganz grundsätzlich zum Erwachsenwerden und zum Entdecken der eigenen Identität dazu. In diesem Prozess ist es logisch, dass analoge Technologien ein spannendes Feld darstellen. Gleichzeitig gibt es das Phänomen der Komplexitätsreduktion und den Umstand, dass mit der Digitalisierung vieles schnelllebiger und unübersichtlicher geworden ist. Das kann dazu führen, dass man sich nach Einfachheit sehnt.
Die sozialen Medien sind ja nicht gerade neu. Warum scheint dieses Verlangen nach analogen Medien ausgerechnet jetzt so verbreitet zu sein – und welche Rolle spielt künstliche Intelligenz?
Soziologisch lässt sich erst im Nachhinein beurteilen, ob es sich tatsächlich um eine nachhaltige Veränderung handelt oder ob der Social-Media-Hype rasch wieder abflacht.
"Wird eine Situation zu viel, ziehen wir uns vermehrt in die Ruhe zurück"
Ist es denn möglich, dass KI einen Einfluss hat, weil sie in einem zügigen Tempo grosse Fortschritte macht? Mich verunsichert das zum Beispiel.
Ja, auf jeden Fall. Je unmittelbarer man technologische Entwicklungen miterlebt und je unübersichtlicher sie erscheinen, desto eher entstehen Unsicherheit oder der Wunsch nach Einfachheit. Grundsätzlich handelt es sich dabei jedoch um eine nachvollziehbare Reaktion. Wenn eine Situation stagniert, suchen wir nach mehr Abwechslung. Wird eine Situation zu viel, ziehen wir uns vermehrt in die Ruhe zurück. Das sind natürliche Ausgleichsreaktionen.
Viele Menschen scheinen es als erschöpfend zu empfinden, chronisch online zu sein. Der «New Yorker» schreibt etwa von einer «Posting Ennui», und laut «Vogue» gilt es mittlerweile als neues Statussymbol, offline zu sein. In einem vom Algorithmus getriebenen Umfeld wird der Druck, authentisch zu sein, von vielen User:innen offenbar als anstrengend wahrgenommen. Wünschen wir uns denn mehr Authentizität?
Oft wissen wir selbst nicht genau, welches Grundbedürfnis eigentlich gedeckt werden soll. Es gibt das Konzept der vier psychologischen Grundbedürfnisse, und jedes davon ist als Hypothese spannend.
Welche sind das?
Es gibt zum Beispiel das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle. Man wünscht sich Übersicht, will eine Situation vereinfachen oder kontrollieren. Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung oder Selbstwertschutz kann etwa bedeuten, dass man beim Scrollen merkt, wie der eigene Selbstwert bedroht wird, weil man sich ständig mit anderen vergleicht. Ein weiteres ist das Bedürfnis nach Lustgewinn: Etwas Neues mithilfe eines analogen Mediums zu lernen, kann Lust auslösen. Schliesslich gibt es das Bedürfnis nach Bindung. Darum kommt es immer darauf an, was den Menschen gerade umtreibt und welches Bedürfnis befriedigt werden soll.
Inwiefern kann es Vorteile für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit bringen, vermehrt auf analoge Medien zu setzen?
Ob Spotify oder Vinyl ist dabei nicht entscheidend. Offline-Aktivitäten helfen vielmehr, im Hier und Jetzt zu bleiben. Das Hirn braucht möglichst viele unterschiedliche Formen der Stimulation. Wer also zum Beispiel nur schreibt, langweilt das Gehirn sehr schnell. Unterschiedliche visuelle und sensorische Reize liebt das Gehirn hingegen – allerdings nicht ausschliesslich flackernde Bilder.
"Offline-Aktivitäten sind wichtig, weil wir unsere Umwelt dadurch komplexer wahrnehmen"
Was ist stattdessen besser?
Ein Instrument zu spielen oder eine neue Basteltechnik zu erlernen, ist für das Gehirn ideal: Es lernt motorisch und gleichzeitig kognitive Abläufe. Weil man positive Erfahrungen macht, einen Lerneffekt erlebt und die Selbstwirksamkeit stärkt, kann dies zudem einen Lustgewinn darstellen. In diesem Sinne ist es richtig, dass analoge Aktivitäten in grosser Vielfalt stimulierender für das Gehirn sind als reines Scrollen. Offline-Aktivitäten sind wichtig, weil wir unsere Umwelt dadurch komplexer wahrnehmen. Das bedeutet nicht, dass eine vollständige Abkehr vom Digitalen notwendig ist. Aber es kann Menschen vorübergehend helfen, zu erkennen, wo sie ein echtes Bedürfnis nach Digitalem haben – und wo es zum blossen Automatismus geworden ist.
Meinen Sie damit, dass man den eigenen Konsum sozialer Medien gar nicht mehr wahrnimmt?
Ja, das kann selbst den medienkompetentesten Menschen passieren: Man klickt automatisch auf das App-Icon, obwohl man eigentlich keine Lust hat – und scrollt eine Stunde später noch immer. In solchen Momenten Massnahmen zu ergreifen und etwa eine App zu löschen, kann ein Akt des Selbstschutzes sein. Die Lösungsansätze sind sehr individuell, und es lohnt sich, die eigenen Verhaltensmuster und deren Funktionen zu kennen, um zu wissen, was es braucht.
Wie bewerten Sie Doomscrolling und grenzenlosen Social-Media-Konsum langfristig für unser Verhalten, und welche Risiken birgt der Dauerkonsum dieser Feeds?
Das ist ein riesiges Thema. Man kann sich zunächst die Frage stellen, wie es einem während des Konsumierens von Social Media geht. Dabei muss man bedenken, dass nicht alle Gehirne gleich sind und nicht jede Verhaltensweise bei allen Menschen dieselbe Wirkung hat. Für Menschen mit einer Neurodivergenz kann eine hohe Nutzung sozialer Medien oder das Scrollen eher eine Art Stimulanz sein, um sich zu entspannen, während dies einen neurotypischen Menschen eher überstimuliert. Die Antwort ist komplex, da viele Faktoren eine Rolle spielen. Generell herrscht oft ein Informationsüberfluss, der Spuren hinterlässt.
Wie?
Je mehr man konsumiert, desto eher lernt das Gehirn, diese Bilder als Norm zu verstehen. In diesem Bereich lohnt es sich, achtsam und wachsam zu sein, welche Bilder man als normal ansieht, welche Informationen man aufnimmt und mit wem man sich vergleicht. Man kann sich fragen, welche Bilder man konsumiert und wie es einem nach dem Medienkonsum geht, indem man beobachtet, wie man über sich selbst, den eigenen Körper oder die Welt denkt. Genau hier liegen Risiken, und man sollte darauf achten, sich nicht in negativen Spiralen zu verlieren.
Dieses Auseinanderhalten von Realität und empfundener Realität dürfte KI nicht gerade verbessern.
Es wird komplexer und schwieriger, dies zu unterscheiden. Mir bereitet diese Entwicklung vor allem im Bereich des Körperbilds Sorgen. Versucht man mithilfe von KI Bilder zu erstellen, zeigt sich deutlich, dass Vielfalt kaum mehr abgebildet wird: Körper werden meist normschön dargestellt. Diese Bilder werden schliesslich verbreitet und als «normal» wahrgenommen.
Ist die Rückkehr zu analogen Medien langfristig realistisch? Wie kann ein grösserer Fokus auf analoge Medien in unserer hochdigitalisierten Gesellschaft überhaupt gelingen?
Ich finde es wichtig, sich zu fragen, wo man Anpassungen vornehmen kann, ohne sich vollständig zurückzuziehen – ausser man empfindet den Zustand als starke Belastung. Empfehlenswert ist es, kritisch zu bleiben und zu hinterfragen, was der eigene Konsum mit einem macht, und gleichzeitig einen Umgang damit zu finden, da Digitalisierung Teil unserer Realität ist.
Mit welchen Tipps lässt sich dies langfristig konkret im Alltag umsetzen?
Relevant ist zunächst die Beobachtung des eigenen Verhaltens. Man muss verstehen, was man genau macht – und dann, warum. Wenn man erschöpft vom Arbeitsalltag zu Hause auf dem Sofa stundenlang scrollt, dann ist die Kernfrage nicht, warum man scrollt, sondern warum man so extrem erschöpft ist. Beobachten, erklären, verstehen – und schliesslich entscheiden, ob und welche Massnahmen man treffen möchte.
Ronia Schiftan ist Gesundheitspsychologin FSP und spezialisiert auf Ernährungs- und Medienpsychologie. Sie befasst sich in ihrer Arbeit beispielsweise mit den Auswirkungen sozialer Medien auf das Gesundheitsverhalten und der Bedeutung eines positiven Körperbildes für unsere Gesundheit.