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Dr. Nara's Kampf: Eine Ärztin stellt sich der Leberkrebs-Epidemie in der Mongolei

Dr. Nara's Kampf: Eine Ärztin stellt sich der Leberkrebs-Epidemie in der Mongolei

Sie könnte ein ruhiges Leben im Westen führen. Stattdessen kehrt Dr. Nara nach dem Studium zurück in die Mongolei, wo so viele Menschen an Leberkrebs sterben wie nirgendwo sonst auf der Welt. Und kämpft im Alleingang gegen eine lang ignorierte Epidemie.

Gedränge, Geschubse, Geschrei. Auf dem Gang des Provinzkrankenhauses in Altai herrscht Tumult. Ein stämmiger Mann in Operationskleidung treibt die Traube zurück und schliesst die Tür.

Drinnen atmet eine Frau im weissen Kittel auf. Sie trägt ein Kleid mit Spitzenbesatz darunter, dazu crèmefarbene Pumps, Lippenstift und eine Spange, die ihr pechschwarzes Haar zusammenhält. Die 44-jährige Ärztin wirkt gelassen, obwohl sie weiss, was vor der Tür auf sie wartet.

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"Die Biografie von Dr. Nara klingt wie ein Märchen"

Dr. Nara heisst eigentlich Naranjargal Dashdorj. Aber mongolische Namen sind Zungenbrecher, das finden manchmal sogar die Einheimischen. Der Einfachheit halber nennen sie einander oft bei gekürzten Voroder Nachnamen. Selbst der Präsident des Landes, Ukhnaa Khurelsukh, heisst hier schlicht: Huuk.

Die Biografie von Dr. Nara klingt wie ein Märchen: Ein kleines Mädchen wächst in der mongolischen Steppe auf; durch Fleiss, Talent und Intelligenz erarbeitet sie sich als junge Frau eine Karriere in fernen Ländern. Und schliesslich kehrt sie zurück, um ihre Heimat vor einem tödlichen Gespenst zu retten: der Hepatitis.

Mehr als 350 Millionen Menschen weltweit leben mit einer chronischen Hepatitis-Infektion. Die Viruserkrankung gilt als eine der Hauptursachen für Leberzirrhose und Leberkrebs, an dem jährlich rund 1.3 Millionen Menschen sterben, mehr als an den Folgen von HIV/Aids.

Über neunzig Prozent aller Infizierten leben in Ländern mit niedrigen und mittleren Pro-Kopf-Einkommen, in Ländern wie der Mongolei, wo die weltweit höchste Leberkrebs-Sterberate verzeichnet wird.

Impfungen und Medikamente dagegen gäbe es. Doch in der Mongolei ist die medizinische Versorgung rudimentär, die Wege sind weit und die Mittel knapp.

Ausserdem wissen 95 Prozent der Patient:innen gar nichts von ihrer Infektion mit Hepatitis. Da die Krankheit teils unspezifisch oder weitgehend symptomlos verläuft, erfahren viele erst Jahre, mitunter gar Jahrzehnte später, dass sie sich angesteckt haben.

Dann allerdings sind Schäden an der Leber oftmals so fortgeschritten, dass jegliche Behandlung zu spät kommt. Hepatitis ist eine stille Epidemie.

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"Ich soll die letzte Analphabetin unserer Familie bleiben. Geh studieren, werde keine Hausfrau"

Dr. Nara's Grossmutter

Frühzeitige Diagnosen erhöhen die Überlebenschancen. Darum gründete Dr. Nara mit ihren Brüdern Naranbaatar und Tulgabaatar 2008 die NGO Onom Foundation. Ihr Ziel: Hepatitis in ihrer Heimat zu eliminieren.

Zurück zu den Wurzeln

Nun reist Dr. Nara mit einem fünfköpfigen Team regelmässig durch das riesige Land, um auch in den abgelegensten Winkeln der Mongolei auf Hepatitis zu testen.

Ihr Besuch in Altai, in dessen Krankenhaus sie sich gerade befindet, ist nicht nur für die infizierten Menschen etwas Besonderes, sondern auch für sie selbst: Sie kehrt an ihren Geburtsort zurück.

Altai liegt am Rand der Wüste Gobi, inmitten einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt: baumlos, strauchlos, endlos. Eine Provinzstadt mit etwa 19 000 Menschen, in der um Mitternacht der Strom abgeschaltet wird und die vielen Karaokebars plötzlich verstummen.

Die Provinz gilt als ärmste der Mongolei, nach Massstäben der UNO ist hier jeder zweite Mensch von absoluter Armut betroffen.

Fernab der Hauptverkehrsader von Altai liegt eine Jurtensiedlung, Dr. Naras Geburtsort. Vor 23 Jahren hat sie ihn zuletzt gesehen. Während des Spaziergangs durch ihr einstiges Viertel verläuft sie sich: zweimal, dreimal, viermal.

Schliesslich erkennt Dr. Nara das Grundstück, auf dem sie aufwuchs und das nun von einer anderen Familie bewohnt wird. «Alles wie damals» sagt sie, «nichts hat sich verändert. Gar nichts. Nicht einmal der Bretterzaun wurde erneuert.»

Hier hütete sie einst Schafe und Ziegen, lernte Reiten und Bogenschiessen. Hier ging sie eines Winters in der weglosen Wildnis verloren und zog sich Erfrierungen im Gesicht zu, die sie bis heute bei Minusgraden schmerzhaft spürt. Hier wuchs Dr. Nara – mit Vater, Mutter und zwei Brüdern – in einer Jurte auf, in der das gesamte Leben einer Familie Platz finden musste.

Die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugend verbrachte Nara nebenan bei der Grossmutter, einer spirituellen Frau, die Kraft aus dem Schamanismus schöpfte. Sie schärfte ihrer Enkelin ein: «Ich soll die letzte Analphabetin unserer Familie bleiben. Geh studieren, werde keine Hausfrau.»

Bei Impfungen infiziert

Während Nara heranwuchs, litt die Mongolei unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion. In dem ehemaligen Satellitenstaat der UdSSR waren die 1990er-Jahre überschattet von Misswirtschaft. Naras Eltern konnten sich damals nicht genügend Mehl leisten und brachten die Familie die meiste Zeit nur mit Mühe über die Runden.

Ihre Bekleidung nähte sich Nara selbst. Die Vormittage verbrachte sie in der Schule, nachmittags lernte sie, Tiere zu zerlegen, ihre Innereien zu säubern.

"Menschen, die zum Arzt mussten, hatten ein teils fünffach erhöhtes Risiko, sich mit Hepatitis B anzustecken"

In jener Zeit infizierten sich Zehntausende, womöglich Hunderttausende Mongol:innen mit Hepatitis. In den Krankenhäusern mangelte es an Wissen und an medizinischen Hilfsmitteln; Spritzen wurden immer wieder benutzt, ohne sie zu desinfizieren.

Menschen, die zum Arzt mussten, hatten somit ein teils fünffach erhöhtes Risiko, sich mit Hepatitis B anzustecken. Viele der Kinder, die damals gegen Masern oder gegen Tuberkulose geimpft wurden, sind heute bei Dr. Nara in Behandlung.

Fünf Formen der Hepatitis sind derzeit bekannt in der Medizin. Unterteilt werden sie in A bis E, Buchstaben, die über Leben und Tod entscheiden können. Infektionen mit Typ A oder E erfolgen vor allem durch verunreinigtes Wasser und Essen, heilen wieder aus und entwickeln sich in der Regel nicht zu chronischen Krankheiten.

Hepatitis B, C und D wird durch Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen. Unbehandelt sind sie für beinahe alle Hepatitis-Todesfälle durch die Spätfolgen Leberzirrhose oder Leberkrebs verantwortlich.

Die grosse Gefahr bei Hepatitis-B-Infizierten: Dieser Erreger dient dem Hepatitis-D-Virus als Struktur. Und für dieses gibt es aktuell keine Heilungsmöglichkeit. Die WHO geht von weltweit rund 12 Millionen gleichzeitig mit Hepatitis-B- und -D-Infizierten aus. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit höher – andere Studien schätzen, dass bis zu 72 Millionen infiziert sein könnten.

Sie stellt Highspeed-Diagnosen

Im Krankenhaus von Altai vermischt sich der Geruch von Desinfektionsmittel mit dem Duft von salzigem Milchtee und gekochtem Hammel. Mittlerweile überrennen die Patient:innen den Empfang.

Wie üblich hat die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert. Für die grosse Resonanz sorgte ausserdem die Ankündigung über Facebook, eine Plattform, die sehr viele der 3.5 Millionen Einwohner:innen der Mongolei nutzen: Dr. Nara und ihr Team machen ein Screening in Altai.

"Dr. Naras Behandlungszimmer wird gestürmt, die Menschen umzingeln ihren Schreibtisch. Sie bewahrt Ruhe, duldet das Chaos"

Die Daten der Reihenuntersuchung fliessen in immer genauere Studien ein. Die Onom Foundation leitet etliche davon, etwa darüber, ob Hepatitis D sexuell übertragbar ist, ob Hepatitis die Wirksamkeit der Covid-19-Impfungen beeinflusst oder ob es noch andere Wege gäbe, um auf eine Infektion mit Hepatitis D zu testen.

Dr. Naras Behandlungszimmer wird nun doch gestürmt, die Menschen umzingeln ihren Schreibtisch. Sie bewahrt Ruhe, duldet das Chaos. In Windeseile liest sie Blutbefunde und interpretiert Ultraschallbilder, mit denen ihr die Patient: innen vor der Nase herumwedeln. Mitteilungshefte, Mappen, lose Zettel, manche sind vergilbt, angeknabbert, eingerissen.

Wie ein Highspeed-Rechner stellt die Ärztin die Diagnosen: «Hepatitis B.» «Hepatitis C.» «Hepatitis B und D.» «Leberzirrhose.» «Leberkrebs.» «1.3 Zentimeter Leberläsion.» «Nur eine Fettleber.» «Drei Monate Sofosbuvir.» «Dich nehmen wir in die klinische Studie auf.» «Du musst unbedingt für weitere Untersuchungen nach Ulaanbaatar kommen.» Zehn Stunden lang, ohne Pause.

Kaum greifbare Bedrohung

Nahezu alle, die vor Dr. Nara Platz nehmen, haben mindestens eine Form der Hepatitis. Viele leben von der Hand in den Mund, sie haben Kriege überstanden, Fremdherrschaft, den Sozialismus. Die Bedrohung jedoch, die von der Hepatitis ausgeht, ist kaum greifbar; Leberkrebs verursacht erst im fortgeschrittenen Stadium Beschwerden.

Daher wirkt es oft so, als würde Dr. Naras Gegenüber nicht verstehen, dass es ums eigene Leben geht. «Manche wissen nicht, ob und wogegen sie jemals geimpft wurden, wo alte Testresultate sind. Ob die Diagnose auf Hepatitis B, C oder D lautete, wissen sie dann natürlich auch nicht», sagt Dr. Nara.

"Schon mit 16 begann Nara, Medizin zu studieren, nachdem sie verfrüht ihren ersten Abschluss gemacht hatte"

Das erschwert die Datensammlung. Dennoch hat die Onom Foundation in jahrelanger Kleinarbeit die wohl weltgrösste Datenbank mit Hepatitis-Betroffenen erstellt. «Das ist zwar der langweiligste, aber auch der wichtigste Teil unserer Arbeit», sagt Dr. Nara.

«Nur so können wir Infizierte nach sechs Monaten zu einem Check-up einladen und fangen nicht jedes Mal bei null an.» Mehr als 1.3 Millionen Screenings sind mittlerweile in ihren Unterlagen dokumentiert, Bestandsaufnahmen von gut einem Drittel der Gesamtbevölkerung der Mongolei.

In Altai kommen nun mehr als 200 neue Screenings hinzu. Als das Team am Ende erschöpft den Arbeitstag beenden will, läuft eine Frau auf die Gruppe zu. «Bitte nehmen Sie mich noch dran», fleht sie Dr. Nara an. «Tut mir leid», sagt diese, «für heute sind wir fertig.»

Tränen strömen der Frau über die Wangen, sie zittert, als sie von ihrer Odyssee berichtet: Sie und ihr Mann, beide schwer leberkrank, seien heute zweihundert Kilometer aus dem Distrikt Bugat hierhergefahren, um zu dem Screening zu kommen.

Jeder in der Mongolei weiss, welche Strapazen für eine solche Reise in Kauf genommen werden müssen. Dr. Nara legt ihre Hand auf die Schulter der Frau und redet sanft auf sie ein. «Kommen Sie morgen früh um acht Uhr, dann machen wir einige Untersuchungen.» Die Frau packt die Ärztin am Arm: «Danke!»

Nara war ein Wunderkind

Schon mit 16 begann Nara, Medizin zu studieren, nachdem sie – eine unterforderte Musterschülerin – verfrüht ihren ersten Abschluss gemacht hatte.

Die Familie übersiedelte in einen schäbigen Vorort der Hauptstadt, wo Nara neben dem Studium auf dem Markt Schreibwaren und Kleider verkaufte, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ihre Noten waren derart herausragend, dass ihr ein Stipendium des Peking University Health Science Center angeboten wurde, eine der renommiertesten Universitäten Chinas. Innerhalb eines Jahres lernte Nara Chinesisch.

"In der Mongolei war das einzige Medikament nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und unbezahlbar"

Dr. Nara

Als sie 18 wurde, kauften ihr die Eltern ein Zugticket nach Peking. Aus dem kleinen, urtümlichen Altai kommend in eine der grössten Städte der Welt: Nara lebte auf, lernte Menschen aus aller Welt kennen, fühlte sich, wie sie erzählt, ungezwungen und frei.

In China wurde Nara immer wieder als Übersetzerin eingesetzt. Viele ihrer Landsleute kamen mit hepatitisbedingten Leberproblemen nach China, Medizintourist:innen, von denen sich einige einer Lebertransplantation unterzogen. «In unserem Land war das einzige Medikament nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und unbezahlbar», erzählt sie.

Zu den Kranken in Peking gehörte eines Tages auch Naras Grossonkel. Seine Diagnose: Hepatitis C, fortgeschritten, Leberkrebs. 18 Monate später war er tot.

Nara fürchtete um das Leben ihrer Eltern, die ebenfalls infiziert nach China kamen, um sich untersuchen zu lassen. Beide konnten geheilt werden. Möglich war das nur, weil die Krankheit in einem frühen Stadium erkannt wurde.

Eine Frage beschäftigte die angehende Ärztin seither: «Wie viele Landsleute sind mit Hepatitis infiziert und wissen darüber nicht Bescheid?» Nach der Promotion entschied sie sich, an einem der grössten Krankenhäuser in China zu arbeiten.

Fortan war das einstige «Mädchen aus Altai» Dr. Nara, Spezialistin für Lebertransplantationen. Ihr monatliches Gehalt: umgerechnet 132 Franken.

"Mir wurde damals klar, dass ich nicht in China bleiben, sondern frei sein wollte"

Dr. Nara

Anderthalb Jahre später veränderte ein Schicksalsschlag Dr. Naras Leben. Eines Wintermorgens läutete das Telefon: Es hatte einen Unfall gegeben. Beim Feuermachen hatte sich die Jurte ihrer Grossmutter entzündet, und die alte Frau war verbrannt. Natürlich wollte Dr. Nara sofort nach Hause.

Doch als Stipendiatin in einem Programm der chinesischen Regierung musste sie bei der Kommunistischen Partei vorsprechen. Erst nachdem sie von drei Gremien die Erlaubnis erhielt, durfte sie das Land verlassen.

«Mir wurde damals klar, dass ich nicht in China bleiben, sondern frei sein und mit meinen Fähigkeiten Geld verdienen wollte.» Sie bewarb sich für ein Stipendium in Grossbritannien. Und zog mit 26 Jahren nach Nottingham, um Neurowissenschaften zu studieren. Eine Herausforderung, die sie weitere sieben Jahre beschäftigen sollte.

«Das war die Lösung!»

In dieser Zeit reifte die Erkenntnis in ihr, dass nachträgliche Behandlungen an der Leber nicht die Lösung für das Hepatitis-Problem in der Mongolei sein können. Gemeinsam mit ihren beiden Brüdern, ebenfalls Wissenschafter und zudem Unternehmer, gründete sie 2008 schliesslich die Onom Foundation.

Die Organisation führte erstmals in der Geschichte der Mongolei eine repräsentative Prävalenzstudie durch, um den Umfang des Hepatitis-Problems zu erfassen. Über mongolische Mobilfunkanbieter wurden eine halbe Million Bürger:innen auf einen Schlag kontaktiert.

«Haben Sie schon einmal von Hepatitis gehört?», lautete die Nachricht. Das Telefon der NGO hörte nicht auf zu klingeln, die Menschen hatten unzählige Fragen und wurden in einem zweiten Schritt dazu aufgerufen, sich auf das Virus testen zu lassen.

Mit einem Team testete Dr. Nara landesweit Menschen im Schnellverfahren. Das war nur der Beginn der Studie, die in den folgenden Jahren immer weitere Kreise zog.

Am Ende stand eine Zahl, mit der nicht einmal Dr. Nara gerechnet hatte: mehr als 400 000 Hepatitis-Infizierte. Davon 250 000 mit Hepatitis B. 150 000 mit Hepatitis C.

Jeder siebte Mensch in ihrem Land war damals betroffen, kaum eine Familie, in der niemand an Leberkrebs gestorben war. «Ich wusste damals von einem Medikament, das innerhalb von drei Monaten neunzig Prozent der Hepatitis-C-Infizierten heilen würde», sagt die Ärztin. «Der Hersteller bot es armen Ländern kostengünstig an. Das war die Lösung!»

"Hast du die Möglichkeit, Grosses zu tun, tu es!"

Dr. Nara's Vater

Die drei Geschwister entwarfen einen Masterplan zur radikalen Bekämpfung von Hepatitis C und präsentierten diesen im mongolischen Gesundheitsministerium. Es dauerte weitere 18 Monate, bis die Regierung überzeugt war, die mongolische Bürokratie einlenkte und das Projekt «Gesunde Leber» 2017 endlich lief.

Bis 2030 soll Hepatitis C in der Mongolei eliminiert werden. Die Chancen stehen gut: Rund 60 000 Personen konnten bereits geheilt werden. Auch zur tödlichen Kombination aus Hepatitis B und D führt die Stiftung klinische Studien durch.

Ihre Daten helfen westlichen Pharmafirmen in der Forschung, die im Gegenzug bereit sind, der Mongolei günstige Medikamente zu liefern.

Ihr Rückhalt zuhause

Nach fünf Tagen in Altais Abgeschiedenheit und mehr als 500 Screenings treten Dr. Nara und ihr Team die Heimreise in die Hauptstadt Ulaanbaatar an, wo die Hauptverkehrsadern stets verstopft sind, Wolkenkratzer, Betonklötze und verspiegeltes Glas das Bild prägen. 1.7 Millionen Menschen leben hier.

Auf den Strassen sind viele junge, hippe, gut gekleidete Menschen zu sehen. Hier wartet nicht nur die Auswertung der auf dem Altai-Trip gewonnenen Daten auf Dr. Nara, hier warten auch Tausende Patient:innen auf ihre Behandlung in der Privatklinik der Onom Foundation, einer von drei auf Leberkrankheiten spezialisierten Kliniken in der mongolischen Hauptstadt.

In Ulaanbaatar findet ausserdem das Privatleben von Dr. Nara statt. Ihr Partner Andreas Bungert, 46, stammt aus Deutschland, ist Physiker von Beruf und steht für Rückhalt, nicht nur beruflichen, sondern auch seelischen. «Ohne seine Unterstützung könnte ich all das nicht machen. Er hat viel für mich geopfert.»

Und sich auf ein herausforderndes Leben in der Mongolei eingelassen, als es seine Frau zurückzog. Sie erinnerte sich damals an einen eindringlichen Satz ihres Vaters: «Hast du die Möglichkeit, Grosses zu tun, tu es!» Ein Jahr wollten sie bleiben, um das Projekt «Gesunde Leber» zu starten, bis es zum Selbstläufer wird. Das ist nun neun Jahre her.

"Für hiesige Verhältnisse bin ich eine furchtbare Ehefrau"

Dr. Nara

Im vierten Stock des Wohnhauses duftet es nach frisch gebackenem Apfelstrudel und Milchkaffee. Die Wohnung des mongolisch-deutschen Paars strahlt: weisse Wände, Glas und Holz. Parkettboden, Zentralheizung, ein 3D-Drucker, ausserdem Sofas, Teppiche aus Schafwolle und ein gut gefüllter Kühlschrank. In Fotorahmen Bilder von Nottingham, wo Dr. Nara und ihr Mann sich während des Studiums kennenlernten. Und ebenso Bilder von den Söhnen, Temuleen und Nomuun.

Das Paar bricht mit den geschlechterspezifischen Regeln in der patriarchalen Mongolei. Während sie durchs Land reist oder zu internationalen Konferenzen fliegt, forscht und Geld nach Hause bringt, kümmert Andreas Bungert sich um die Kinder und den Haushalt und erledigt die Einkäufe.

«Für hiesige Verhältnisse bin ich eine furchtbare Ehefrau», scherzt Dr. Nara und schielt zu dem Foto ihrer verstorbenen Grossmutter, die stolz zurücklächelt. «Aber meine Freundinnen beneiden mich. Machst du mir einen Kaffee, Andreas?»

"Nara scheut keine Konflikte und eckt schon manchmal an"

Dr. Nara's Partner Andreas Bungert

Ihr Ehemann lächelt müde mit. «Nara scheut keine Konflikte und eckt schon manchmal an», sagt Andreas Bungert, «beruflich wie auch privat. Aber sonst würde nichts in Bewegung kommen.»

Dennoch ergänzt sich das Paar, zieht an einem Strang, arbeitet gemeinsam an Anträgen für wissenschaftliche Förderungen, diskutiert Projektvorschläge für die Regierung, analysiert Daten aus Studien.

Dazwischen besprechen sie das Wochenendprogramm für die Kinder: Ballett, Karaoke, koreanisches Restaurant. «Was uns verbindet? Wir sind Streber», sagt Nara.

Dr. Nara haut auf den Tisch

Als sie zusammen mit ihren Brüdern die erste klinische Studie im Land durchführen wollte, wurde die Onom Foundation vom mongolischen Geheimdienst beobachtet, und Dr. Nara, als CEO der Organisation, erhielt anonyme Drohanrufe.

Über die Grün-de kann sie nur spekulieren: Vielleicht, weil die Geschwister ihre Fähigkeiten im Ausland erworben hatten? Oder weil eine Frau, ihre Stimme und ihr Wirken in der Mongolei kein Gewicht haben sollten?

Schliesslich initiierte die Onom Foundation ein Treffen mit den massgeblichen Leuten im mongolischen Gesundheitswesen. Dort wurde Dr. Nara eröffnet, dass die Regierung ihren Masterplan übernehmen und selbst durchführen wollte.

Naranbaatar Dashdorj, Dr. Naras Bruder, sass damals direkt neben seiner Schwester und erinnert sich an das Treffen, als wäre es gestern gewesen: Der Raum war voll, alle kamen zu Wort. Alle, bis auf Nara, die – trotz aufgestreckter Hand – mehr als eine Stunde lang «übersehen» wurde.

"Ihr wollt mein Projekt klauen, für das ich so hart gearbeitet habe?"

Dr. Nara zur Ministerin

Irgendwann knallte sie ihre Faust auf den Tisch und brüllte: «Ich bin die Hauptverantwortliche dieses Projekts, ich weiss, wovon ich spreche, im Gegensatz zu euch. Ohne mich gäbe es noch nicht mal die Blaupause. Also hört mir gut zu: Ohne mich könnt ihr gar nichts machen!» Stille im Raum.

Alle erstarrten und blickten entsetzt um sich, so erzählt es ihr Bruder. «Ich dachte, jetzt ist alles verloren», sagt er. Die Ministerin war schockiert.

Die Vizeministerin versuchte, zu intervenieren: «Das ist respektloses Verhalten!» «‹Halten Sie den Mund!›, antwortete meine Schwester und redete sich in Rage.

‹Ihr wollt mein Projekt klauen, für das ich so hart gearbeitet habe? Niemand ausser mir in diesem Land kann das umsetzen. Wenn ich hier rausgehe, ist das Ding gelaufen.›» Schliesslich beauftragte die Ministerin die Onom Foundation mit der Studie.

Viele können weiterhin nicht erreicht werden

«Vieles frustriert mich noch», bekennt Dr. Nara heute, «und ich frage mich oft, ob ich nicht in das gemütliche Leben in Europa zurückkehren soll.»

Denn trotz des Andrangs in den Kliniken gibt es immer noch etliche Patient:innen, die ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen, weil sie nicht erreicht werden können.

Nach wie vor stecken sich Neugeborene bei ihren unbehandelten Müttern an. Handelt die Regierung oft langsam und ineffizient. Werden Pläne verworfen und Abmachungen ignoriert: Krankenhäuser halten sich nicht an mühsam ausgearbeitete Richtlinien zur Behandlung.

Apotheken in Altai führen Medikamente nicht, die in der Hauptstadt problemlos erhältlich wären. Und, globaler gesehen: Hepatitis bekommt nicht die nötige Aufmerksamkeit, dabei bräuchte es die, um wirkungsvollere Medikamente entwickeln zu können. In der Mongolei sorgt immerhin Dr. Nara für Aufsehen: «Irgendeine muss es ja tun», sagt sie und lacht.

Was sind die Kriterien?

Das Liver Centre der Onom Foundation befindet sich mitten im Finanzdistrikt von Ulaanbaatar, in einem Betondschungel aus Wolkenkratzern, Shoppingmalls und Hotelburgen. Im zweiten Stockwerk eines verspiegelten Bürogebäudes liegen Behandlungsräume und das Labor, in dem täglich rund sechzig Hepatitis-Tests analysiert werden.

"Ich weiss nicht, wo ich mich infiziert habe"

Erkhbayar Batkhuu, Patient von Dr. Nara

Ein Stock höher: Dr. Naras Büro. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Dokumente, Anträge, wissenschaftliche Artikel. Drei Patienten warten bereits vor der Glastür. Komplizierte Fälle.

Etwa Erkhbayar Batkhuu (37). Ein grosser Mann mit Brille und militärischem Kurzhaarschnitt, verheiratet, ein Kind. Während einer Routineuntersuchung im Jahr 2011 wurde bei ihm Hepatitis B diagnostiziert. Keinerlei Symptome, keine Schmerzen.

Im Februar 2024 dann die Hiobsbotschaft: Hepatitis D. Seitdem ist er bei Dr. Nara in Behandlung. «Ich weiss nicht, wo ich mich infiziert habe», sagt er beinahe entschuldigend.

Dr. Nara hofft, ihren Patienten in ein experimentelles Therapieprogramm aufnehmen zu können, in dem Batkhuu mindestens drei Jahre lang täglich eine kostenlose Spritze bekommen würde. Ein Hoffnungsschimmer für ihn und für 136 andere Auserwählte, zumindest ein kleiner.

Von einer Heilung kann auch danach noch nicht die Rede sein, nur von einer Unterdrückung der Hepatitis-D-Viren. «Täglich eine Spritze oder in zehn Jahren sterben», sagt er, «da muss man nicht lange nachdenken.»

Die Kosten der Behandlung, rund 740 Franken pro Monat, könnte Batkhuu nicht tragen, obwohl er für ein ausländisches Bergbauunternehmen arbeitet, das in der Wüste Gobi Kupfer und Gold schürft.

«In Europa würde man ihn mit derartigen Werten sofort auf die Liste für ein solches Programm setzen», sagt Dr. Nara. «Doch im Moment werden nur die VIPs der Mongolei für die Behandlung aufgenommen.» «Was sind die Kriterien?», frage ich dann. «Die Gesundheit der Menschen oder ihr Bekanntheitsgrad?»

Dr. Nara wird das diskutieren. Mit Geduld. Wenn es sein muss, auch mit einem kräftigen Schlag auf den Tisch.

 

Die Recherche wurde vom Memento Medienpreis für vernachlässigte Krankheiten unterstützt.

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