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Drogen im Alter: Warum Psychedelika auch bei Senior:innen angesagt sind

Zeitgeist

Drogen im Alter: Warum Psychedelika auch bei Senior:innen angesagt sind

Drogenkonsum ist kein Vorrecht der Jugend: Auch ältere Menschen gönnen sich gern mal einen Rausch. Eine Expedition ins Reich der betagten Psychonaut:innen.

Zu den zahlreichen Veranstaltungen, die während des Lockdowns im vergangenen Winter abgesagt wurden, gehörte auch eine Podiumsdiskussion mit dem Titel «Bringt Opium Opi um?». Geplant hatte die Diskussion das vollkommen unverdächtige Begegnungszentrum Karl der Grosse, in Zusammenarbeit mit den Zürcher Alterszentren und den sozialen Einrichtungen und Betrieben.

Diskutiert werden sollte unter anderem, «wie Drogen im Alter lustvoll konsumiert werden». «Was wäre, wenn es im Altersheim plötzlich nach Cannabis statt nach Kuchen riecht oder die eigenen Grosseltern einen LSD-Trip unternehmen?», hiess es auf der Einladungskarte. Interessant, dachte ich. Moderne Senior:innen haben offensichtlich anderes im Sinn als Enkelhüten und «SRF bi de Lüt».

Auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht hatte mich einer der Podiumsgäste: Claude Weill, ein ehemaliger Journalist, Erwachsenenbildner und Buchautor, auch er mit 71 schon im Pensionsalter. Er schickte mir sein aktuelles Werk, ein schmales Bändchen mit dem Titel «Elysium und zurück – Mit Psychedelika unterwegs in der zweiten Lebenshälfte».

Ich fing an zu lesen und tauchte ein in eine Szene, von der ich bis dato nichts geahnt hatte. Weills Buch porträtiert ältere Menschen, die über Jahrzehnte immer wieder Drogen wie LSD oder Ecstasy schlucken. Es geht ihnen nicht nur darum, sich zu berauschen. Die Substanzen sollen ihnen vielmehr dabei helfen, neue Perspektiven für ihre ganz alltäglichen Lebensprobleme zu entwickeln. Da die Podiumsdiskussion nun mal abgesagt worden ist, beschliesse ich, Claude Weill zu besuchen.

Schokolade, «der einzige Stoff, nach dem ich wirklich süchtig bin»

Erwartet habe ich wohl eine Art Althippie, doch Weill sieht vollkommen unauffällig aus, wie ein pensionierter Berufsschullehrer, Klavierstimmer oder Bankberater. Weill empfängt mich in seinem Büro, wo er trotz AHV noch immer jeden Vormittag arbeitet. Er bietet mir sofort das Du an und serviert zum Kaffee erstklassige Schokolade, «der einzige Stoff, nach dem ich wirklich süchtig bin».

Die längste Zeit habe er keine Drogen angerührt, erzählt Claude. Doch mit Mitte vierzig überfiel ihn mit Wucht eine Midlife-Crisis. «Ich wollte noch einmal wissen, wer ich bin, wo meine Grenzen sind und ob die sich nicht verschieben lassen.»

Andere hätten sich in seiner Lage vielleicht eine Harley Davidson zugelegt oder eine jüngere Geliebte. Claude wagte den ersten Fallschirmsprung seines Lebens. Er besuchte Tantra-Workshops, lief über glühende Kohlen, lernte Sufitanz, Meditieren, das Holotrope Atmen nach Stanislav Grof – eine Art Hyperventilieren, das psychische Heilungsprozesse in Gang bringen soll. Es waren Jahre des Aufbruchs, der Neugier.

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«Ich ging da ganz ahnungslos hin, bekam meine Pilze und sass zehn Stunden staunend da»

Claude Weill (71)

Nachdem er mit Anfang fünfzig einen Artikel über psychoaktive Pilze gelesen hatte, war ihm klar, dass er auch diese Erfahrung nicht auslassen wollte. Doch wie kam er an die verbotene Bio-Droge ran? Eine Anfrage bei Althippies im Bernbiet verlief erst einmal im Sande («Mached mer nümme.»)

Über Bekannte von Bekannten, die wiederum jemanden kannten, gelangte er schliesslich an eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam solche «Substanzenreisen», wie sie es nannten, unternahmen. Der Leiter zitierte ihn erst zu einem Vorgespräch, um auszuschliessen, dass Claude depressiv oder psychotisch war. «Dann ging ich da ganz ahnungslos hin, bekam meine Pilze und sass zehn Stunden staunend da.»

«Ich sah wilde Muster und Regenbogen»

Die Begeisterung über seinen ersten Trip steht Claude fast zwei Jahrzehnte später noch immer ins Gesicht geschrieben. Er erzählt davon mit der Euphorie eines Abenteurers, der nach einer langen und mühseligen Anreise endlich seine Traumdestination erreicht hat und nun feststellt, dass es dort noch viel schöner ist als erwartet. Claude sah wilde Muster, Regenbogen, «die Farben fingen an zu pulsieren und mir ins Gesicht zu springen» – Claude Weill, mittlerweile 53, fuhr voll darauf ab.

Fortan ging er mit seiner Gruppe viermal pro Jahr auf Substanzenreise. Er probierte MDMA, Meskalin, LSD. Richtig interessant wurde es, als er sich nach einer Weile nicht mehr nur den Sensationen des Rauschs hingab, sondern lernte, sein durch die Psychedelika erweitertes Bewusstsein mit jenen Themen zu konfrontieren, die ihm im Alltag zu schaffen machten. «Mit MDMA kann man auch schwierige Dinge ganz angstfrei betrachten und muss sie nicht mehr verdrängen», sagt er. «Das kann unglaublich heilsam sein.»

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«Madre Ayahuasca», die vermeintliche Kotzdroge

Nur an die Dschungeldroge Ayahuasca wagte er sich lange Zeit nicht heran, «wegen der Kotzerei» – zu den Nebenwirkungen gehört oft heftiges Erbrechen. Doch dann sah er den peruanischen Film «El abrazo de la serpiente» (Die Umarmung der Schlange), in dem sich ein amerikanischer Biologe gemeinsam mit einem indigenen Schamanen auf die Suche nach der geheimnisvollen Heilpflanze Yakruna macht, dem psychedelisch wirksamen Teil von Ayahuasca, «und die Bilder haben mich förmlich eingesogen».

Dank seiner Connections fand er jemanden, der ihn trotz seines fortgeschrittenen Alters zu einem Ayahuasca-Retreat einlud. Als Claude mir von dieser Erfahrung erzählt, wird spürbar, wie bizarr und gleichzeitig faszinierend sie für ihn gewesen sein muss. «Ich fand erst gar keine Worte dafür», sagt er. Eine «nichtmenschliche Wesenheit» habe seinen Körper von den Füssen bis zum Scheitel abgetastet – «wie eine Art Bodyscan».

«Ich fühlte mich, als sei ich in einen Jungbrunnen gefallen»

Claude empfand das als ebenso erschreckend wie wohltuend. «In den darauffolgenden drei Wochen war ich so was von fit und seelisch ausgeglichen. Ich fühlte mich, als sei ich in einen Jungbrunnen gefallen.» Doch «Madre Ayahuasca» zeigte ihm auch seine Schattenseiten auf, «das war alles andere als lustig». Der «Pflanzengeist» habe ihm vor Augen geführt, «was für ein kleinkariertes Arschloch ich immer wieder bin, das ängstlich darauf bedacht ist, es anderen stets recht zu machen».

Claudes Schilderungen verblüffen mich. Ein Rentner wie er ist mir bisher nicht untergekommen. Hat er denn gar keine Angst, seinem alternden Körper zu viel zuzumuten? Claude schaut mich verständnislos an. «Im Gegenteil, die Erfahrungen haben mich jung gehalten», tönt es zurück. «Warum sollte ich etwas dermassen Lehrreiches aufgeben, nur weil ich älter werde?» Waghalsig sei er nicht. Natürlich sei es wichtig, sich der Gesundheitsrisiken bewusst zu sein und sich entsprechend zu informieren, doch das gelte für jede Altersgruppe.

Die wandernden Psychonauten

Die Tatsache, dass er mit dem Konsum halluzinogener Drogen gegen das Gesetz verstösst, scheint ihn auch nicht weiter zu kümmern, «ich setze mich aber für die Legalisierung und Regulierung von Psychedelika ein». Es gebe da draussen viele Leute wie ihn, sagt er, «Menschen, die sich dem Abenteuer der Selbsterforschung verschrieben haben», Claude nennt sie «Psychonauten». Überall im Land träfen sie sich in Gruppen, um mit Hilfe von Psychedelika zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Als ich wieder im Büro bin, beginne ich zu recherchieren – und finde heraus, dass es sogar eine Art Familientreffen der Szene gibt: den «Bicycle Day», benannt nach Albert Hoffmann, der 1943 zufällig das LSD entdeckte und daraufhin eine psychedelische Heimfahrt auf seinem Velo erlebte.

Woher bekommen die Psychonaut:innen ihren Stoff?

Wenn nicht gerade die Pandemie dazwischenfunkt, treffen sich alljährlich Hunderte Psychonaut:innen und Wissenschafter: innen zur Konferenz in Münchenstein bei Basel, mit Vorträgen, Diskussionsrunden und Auftritten zentraler Figuren der Szene. Im Netz entdecke ich auch die Website der gemeinnützigen Gaia-Media-Stiftung, mitbegründet vom kürzlich verstorbenen Albert-Hoffmann-Biografen Lucius Werthmüller, die ganz offiziell eine kostenlose Telefonberatung zu Psychedelika anbietet.

Woher bekommen die Psychonaut:innen ihren Stoff? Wie sorgen sie dafür, dass bei ihren Substanzenreisen niemand ausflippt? Und was unternehmen sie, um den Radar der Polizei zu unterlaufen? Ich möchte mit einem Leiter solcher Gruppen sprechen.

Ein Insider, mit dem mich Claude bekannt gemacht hat, vermittelt mir Andreas, siebzig Jahre alt, einen pensionierten Shiatsu-Therapeuten aus der Ostschweiz. Andreas geht mit dem Interview ein Risiko ein, denn während der Eigenkonsum verbotener Drogen meistens straffrei bleibt, wird die Abgabe an andere mit Gefängnis und hohen Bussgeldern geahndet. Deshalb sind einige Merkmale seiner Person in den folgenden Passagen verändert.

Wir verabreden uns am Meeting Point eines grösseren Bahnhofs im Kanton Thurgau. Ich erkenne ihn sofort an seinem neugierigen Blick und der Veloausrüstung, die ihn als passionierten Gümmeler ausweist. Andreas macht auf mich einen sensiblen, fast zartbesaiteten Eindruck, er scheint mir das Gegenteil eines Draufgängers zu sein.

In Ritualen werden Teilnehmer:innen mit ihren Gefühlen konfrontiert

Seit etwa fünf Jahren bietet er «Rituale» an, wie er es nennt, mal im Einzelsetting, mal für ganze Gruppen. Ziel sei es, mit all seinen Gefühlen in Kontakt zu treten, Abgespaltenes ins Bewusstsein zu holen und auch schwierige oder mit Schuld beladene Erfahrungen ins Leben zu integrieren, sagt er. Der jüngste Teilnehmer sei 26 gewesen, der älteste 75, die meisten hätten ihre erste Lebenshälfte jedoch bereits hinter sich.

Zuvor hatte Andreas selbst unzählige Erfahrungen in Psychonaut:innen-Gruppen gemacht. «Ich beobachtete, wie die Leute zu sich fanden, alle auf ihre Art», sagt er. «Sie wurden empathischer, sensibler, sich und anderen gegenüber.» Zu solchen Persönlichkeitsentwicklungen wolle er auch beitragen.

Seine Rituale dauern ein ganzes Wochenende, erzählt Andreas. Neue Teilnehmer:innen lerne er erst näher kennen und checke sie in einem Vorgespräch sorgfältig auf eine stabile Psyche ab. Das Ritual beginne am Freitagabend mit einem gemeinsamen Znacht und einer Vorstellungsrunde im Kreis.

Jeder erzählt, wo er im Leben steht, was ihn beschäftigt und nach welchen Antworten er auf dieser «Reise» sucht. Alle haben zudem persönliche Gegenstände mitgebracht, die symbolisch für die eigenen Fragestellungen stehen. «Ich betone, dass alles, was hier drin geschieht, absolut vertraulich ist und diesen Raum auf keinen Fall verlassen darf.»

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Am nächsten Morgen geht nach einem kleinen Frühstück die Reise los. Die Teilnehmer:innen nehmen ihre Substanzen ein und legen sich im Kreis hin, die Köpfe zur Mitte, wo Blumen und Kerzen stehen, zwischendurch spielt Andreas Musik. Die meiste Zeit seien alle still für sich, sagt er, doch es käme auch vor, dass man Kontakt mit anderen aufnehmen möchte. «Da ist es extrem wichtig, dass man den anderen nicht einfach überfällt, sondern behutsam vorgeht.»

Um acht, halb neun sei die Reise zu Ende, es gebe Znacht, danach vielleicht noch einen kurzen Spaziergang, und schliesslich gingen alle todmüde zu Bett. Am Sonntag folge dann die Nachbereitung – das «Allerspannendste», sagt Andreas mit leuchtenden Augen. Das Gespräch darüber, was die Teilnehmer: innen erlebt haben, und wie sie es einordnen, ist für ihn der wertvollste Teil des Rituals.

«Etwas stirbt und etwas Neues kommt hervor, wie bei einer Metamorphose»

Andreas (70)

Mit Eskapismus hat diese Art von Drogenkonsum offensichtlich wenig zu tun, so viel habe ich begriffen. Mich erinnern Andreas’ Schilderungen vielmehr an Selbsterfahrungsworkshops oder einen Psychotherapie- Crashkurs. «Etwas stirbt und etwas Neues kommt hervor, wie bei einer Metamorphose», sagt er. Sich auf so ein Ritual einzulassen, sei Schwerstarbeit. «Abartig traurige Dinge» kämen manchmal bei seinen Teilnehmer:innen zum Vorschein.

Angst gehört dazu

Woher nimmt er die Sicherheit, sie auffangen zu können, wenn sie auf ihrem Trip in Panik geraten oder sich von schwierigen Erkenntnissen überwältigt fühlen? Schliesslich ist Andreas kein Therapeut. Angst habe er keine vor dieser Verantwortung, sagt er, «aber sehr, sehr grossen Respekt». Er mache die Teilnehmer:innen schon im Vorgespräch darauf aufmerksam, «dass Angst dazugehört, dass man jedoch keine Angst vor der Angst zu haben braucht. Solche Gefühle haben auch ihren Platz». Es gebe immer Mittel und Wege, aus der Panik herauszufinden: ruhig atmen, sich kümmern, «für den Teilnehmer oder die Teilnehmerin da sein».

Ich nehme nicht an, dass Andreas seine Psychedelika auf der Gasse einkauft. Wo bekommt er die verbotenen Substanzen her? Bei Claude hatte ich mit dieser Frage mehr oder weniger auf Granit gebissen. Er raunte bloss etwas von «kreativen Chemikern», die in ihrem Labor nach Feierabend «ein bisschen experimentieren».

Andreas ist gesprächiger. Er habe jemanden, der für ihn MDMA herstelle, «absolut reine Ware, Top-Qualität», sagt er so stolz, als spreche er von lupenreinen Edelsteinen oder kostbarem Kaschmir. Magic Mushrooms könne man selbst suchen, sie wachsen in der Schweiz gern neben Kuhfladen, «ich kann sie jedoch nur selten zur Verfügung stellen». Öfter arbeite er darum mit einem mexikanischen Pilz, den jemand vor vielen Jahren in der Schweiz angesetzt habe, «an einem schönen Ort in der Natur». Erntet die besagte Person, bekommt er einen Teil davon ab.

Die Stimme der Wissenschaft

Höchste Zeit, dass ich die Stimme der Wissenschaft einhole. Andreas und Claude mögen sich durch ihre jahrelange Erfahrung mit Psychedelika ein gewisses Know-how erarbeitet haben. Doch wie sich die Substanzen auf den fragilen Kreislauf von Senior:innen auswirken und ob sie sich mit den zahlreichen Medikamenten vertragen, die älteren Leuten oft verordnet werden, kann mir nur eine ärztliche Fachperson beantworten.

Auch die Medizin befasst sich nämlich mit Psychedelika – und sie verfolgt dabei ganz ähnliche Ziele wie die Psychonaut:innen: Menschen zu einem besseren Umgang mit seelischen Nöten zu verhelfen. Bereits in den 1940er- und 1950er-Jahren wurden LSD und andere Psychedelika erfolgreich in der Schweizer Psychiatrie eingesetzt. Man versuchte damit, Krebskranken die Angst vor dem Sterben zu nehmen oder Alkoholiker:innen den Drang, sich zu betrinken.

In den 1960ern entdeckten die Hippies die Substanzen. 1971 wurden sie fast überall auf der Welt verboten. Jegliche Forschung darüber kam zum Erliegen – bis etliche Jahrzehnte später die Multi-disciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) in den USA begann, die Wirkung der Stoffe nach wissenschaftlichen Kriterien zu untersuchen. Zwei Schweizer sprangen auf den Zug auf: Peter Gasser und Peter Oehen. Inzwischen gibt es hierzulande wohl niemanden, der sich besser mit Psychedelika auskennt als diese beiden Psychiater.

Psychiater Peter Oehen möchte besseren Zugang zu Gefühlen erreichen

Ich besuche Peter Oehen in seinem Einfamilienhaus im solothurnischen Biberist. Der 65-Jährige ist ein leiser, bedächtiger Mann, der eine fast schon buddha-artige Ruhe ausstrahlt und in seinen Antworten alles Grossspurige vermeidet. Ende des vergangenen Jahres hat er seine Praxis in Biberist altershalber aufgegeben – nicht jedoch sein Engagement für die Therapieform der Psycholyse, die mit Hilfe von halluzinogenen Drogen einen besseren Zugang zu verdrängten Gefühlen erreichen will.

Im Moment erlebe die Psycholyse eine Renaissance, erklärt er an seinem Esstisch mit Blick ins Grüne. «In der Psychiatrie zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: weg von chronischen Applikationen wie Antidepressiva und dergleichen, hin zu transformatorischen, punktuell eingesetzten Anwendungen von Substanzen wie LSD oder MDMA.» Statt jahrelangem Medikamentenkonsum also von Zeit zu Zeit eine gezielt eingesetzte, therapeutisch begleitete Drogenerfahrung.

Waren er und sein Kollege Peter Gasser lange Zeit die einzigen, holen sich nun immer mehr Kolleg:innen beim BAG eine Spezialbewilligung, um Psychedelika unter kontrollierten Bedingungen verabreichen zu dürfen. Gegen Posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, ja, sogar gegen Cluster Headache, eine bestialische Art von Kopfschmerz-Attacken, die so brutal sind, dass sie manche Patient:innen in den Suizid treiben.

Psychedelika sollen Psychotherapie unterstützen

An der Uni Zürich läuft zurzeit eine Studie, die die Wirkung von Psilocybin auf Depressive untersucht. Der Psychiater und Neurowissenschafter Milan Scheidegger plant am Burghölzli eine Studie mit einer Art «Pharmahuasca», einem standardisierten Ayahuasca-Präparat. In einer 2013 veröffentlichten Studie belegte Oehen, dass MDMA bei Patient:innen mit behandlungsresistentem Posttraumatischem Stresssyndrom besser wirkt als Antidepressiva oder Psychotherapie.

Oehens Kollege Peter Gasser arbeitet an einer Studie mit Menschen, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, deren Angst vor dem Tod er mit Hilfe von LSD lindern will. Auch an der Uni Basel wird Grundlagenforschung zu Psychedelika betrieben. Bald, so prophezeit Oehen, werde MDMA für gewisse Indikationen als Medikament zugelassen.

In den USA wurde gerade eine Phase-3-Studie zur Substanz mit Hunderten von traumatisierten Kriegsveteran:innen, Feuerwehrleuten, Polizist:innen publiziert. «Wenn alles glatt geht, dauert es noch drei bis fünf Jahre bis zur Zulassung.» In zehn oder fünfzehn Jahren könnte die Therapie mit MDMA dann eine Standardbehandlung für weitere psychische Störungen sein.

Zu grosses Risiko?

Ecstasy auf Rezept? Riskieren ältere Menschen damit nicht, ihrem Körper zu viel zuzumuten? Schliesslich ist es in der Vergangenheit bei exzessiv feiernden Partygänger:innen immer mal wieder zu Todesfällen gekommen. Eine Überdosis MDMA kann zu lebensgefährlichen Herz-Kreislauf-Störungen sowie Nieren- und Leberversagen führen. In Berlin forderte eine psycholytische Gruppensitzung im Jahr 2009 zwei Todesopfer, ein Dritter überlebte mit schweren bleibenden Schäden. Der Gruppenleiter – selbst nicht mehr nüchtern – hatte sich bei der Dosierung des MDMA vertan.

Oehen lächelt milde. MDMA sei in Bezug auf seine Gefährlichkeit «erstaunlich gutmütig», wenn man sich an die empfohlene Dosierung halte, sagt er. «Wer gerade einen Herzinfarkt durchgemacht hat oder unter Herzrhythmusstörungen leidet, sollte es wegen der amphetaminartig stimulierenden Wirkung nicht nehmen.» Auch Epileptiker:innen und Leberkranke müssten aufpassen. «Aber grundsätzlich ist die Belastung für den Kreislauf nicht grösser als bei zügigem Treppensteigen.»

Wer Antidepressiva oder andere Psychopharmaka nehme oder an psychischen Krankheiten leide, sollte sich vorgängig ärztlich beraten lassen. Bei LSD und Psilocybin gebe es im Unterschied zu MDMA kaum Wechselwirkungen mit Medikamenten, «abgesehen von einigen Krebsmitteln, die man nicht gleichzeitig einnehmen darf». Die meisten körperlichen Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Schwindel seien mild und klängen von selbst wieder ab.

Laut Oehen dürfen selbst Methusalems auf einen Trip, sofern sie psychisch ausgeglichen sind und es mit der Dosis nicht übertreiben. Er selbst weiss von etlichen Menschen, die mit 75 zum ersten Mal LSD genommen haben, «denen sind die Zwänzgerli gleich rollenweise gefallen, die blieben dabei, bis zum Tod».

Einige Warnungen sind auszusprechen

Vor unseriösen Gruppenleiter:innen warnt er jedoch ausdrücklich. Die Illegalität bringe es mit sich, dass deren Qualifikation nicht immer überprüft werden könne. Stutzig machen sollte einen, «wenn jemand keine Vorabklärungen trifft oder nach der Erfahrung bei allfälligen Schwierigkeiten nicht verfügbar ist». Auch übertriebene Erwartungen sind nicht empfehlenswert. Zwar bekomme man mit Hilfe von LSD und Co. durchaus einen gewissen Durchblick ins eigene Innenleben, aber umsetzen müsse man seine Erkenntnisse immer noch selbst.

Gefährlich scheinen Psychedelika für gesunde Senior:innen also nicht zu sein, wenn man Peter Oehen glauben darf. Doch sieht das die Suchtmedizin genauso? Hat sie die klandestinen Psychonaut:innen überhaupt auf dem Schirm? Zoom-Call mit Toni Berthel. Der 68-jährige Psychiater und Psychotherapeut ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin. Viele Jahre lang hat er die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen präsidiert und dort die Drogenpolitik des Bundes mitgeprägt. Zudem war er bis zu seiner Pensionierung ärztlicher Co-Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland.

«Ist diese Art von Drogenkonsum problematisch? Die Antwort des Suchtmediziners fällt überraschend eindeutig aus: Nein»

Weiss er, dass es die Psychonaut:innen gibt und was sie treiben? Doch, doch, durchaus, er sei darüber im Bild, versichert Berthel. Ist ihre Art von Drogenkonsum aus seiner Sicht problematisch? Die Antwort fällt überraschend eindeutig aus. «Nein», sagt Berthel bestimmt, «diese Leute haben im Allgemeinen einen sehr kontrollierten Umgang mit solchen Substanzen. Es sind erwachsene, psychisch gesunde Menschen, die innerlich gut strukturiert sind. Ausserdem machen Psychedelika nicht süchtig und sie haben kaum Nebenwirkungen.» Berthel lächelt verschmitzt. «Das soll jetzt aber bitte nicht wie ein Werbespot klingen.»

Hat er etwa selbst schon dies und das ausprobiert? Er sei eher der Rotweintrinker und Zigarrenraucher – womit er sich wohlmöglich mehr Schaden zufüge als es die Psychonaut:innen mit ihren Psychedelika tun, sagt Berthel. «Ob unsere Gesetze eine Substanz verbieten oder erlauben, hängt nicht unbedingt von deren Gefährlichkeit ab.» Psychedelika hätten jedenfalls ungleich weniger Schadenspotenzial als die legalen Drogen Alkohol und Tabak.

«Natürlich ist Drogenkonsum spannend»

Von einem Suchtmediziner hatte ich wohl ein kritischeres Votum erwartet, doch Berthel kann die Faszination der Psychonaut:innen durchaus nachvollziehen. «Es geht um eine Reise nach innen, um den Wunsch nach Transzendenz, nach dem Gefühl der Verschmelzung mit dem Universum oder der Natur. Natürlich ist das spannend», ruft er aus. Wir Menschen sehnten uns nun mal nach der Erforschung neuer Welten.

Ein Problem ortet er eher in der Rechtslage als im Konsum. «Man sollte Menschen, die psychoaktive Substanzen einnehmen und damit im allerschlimmsten Fall sich selbst schaden, aber niemandem sonst, nicht kriminalisieren.» Aus seiner Sicht gebe es überhaupt keinen Grund, Psychedelika zu verbieten. Sinnvoller fände er eine Legalisierung und Regulierung. «Denn wenn es Regeln dafür gibt, wer diese Substanzen wo kaufen kann, wie sie produziert und wo sie gehandelt werden, ist das viel sicherer, als wenn sich die Konsument:innen irgendetwas im Darknet bestellen, von dem sie nicht genau wissen, was drin ist.»

Keinerlei Bestrebungen für eine Legalisierung

Im Moment gebe es in der Politik allerdings keinerlei Bestrebungen für eine Legalisierung, «man ist noch vollauf mit dem Thema Cannabis beschäftigt». Möglicherweise bekämen Psychedelika einen anderen Status, sobald sie als Medikament zugelassen werden. Diese «Medizinalisierung» ist für Berthel allerdings nicht der Königsweg. Denn eigentlich sollten doch wir alle als Gesellschaft darüber entscheiden, ob ein Verbot dieser Substanzen wirklich Sinn macht. Könnte also noch länger dauern mit der Legalisierung, meint er, und zwischendurch an der einen oder anderen Volksabstimmung scheitern. Berthel klingt eher nicht, als rechne er mit einer Gesetzesänderung noch zu seinen Lebzeiten.

Bringt Opium also den Opi um? Opium vielleicht, schliesslich ist es ein naher Verwandter des Heroins, denke ich, nachdem ich mich von Toni Berthel verabschiedet habe. Doch LSD, Psilocybin oder MDMA scheinen bei meinen bejahrten Gesprächspartnern eher das Gegenteil zu bewirken: eine rauschhafte Neugier auf das Leben.

Noch ist das, was sie tun, illegal. Doch vielleicht legen sie den Grundstein für einen Erfahrungsschatz, von dem wir bald alle profitieren könnten, eines Tages, wenn es ganz normal sein wird, sich von der Krankenkasse einen Drogentrip bezahlen zu lassen. Als kleinen Schubs zurück aufs Gleis, wenn uns das Schicksal wieder einmal aus der Kurve getragen hat. Als pharmakologisches Pflaster für seelische Tiefs. Als Abenteuerreise ins Innere, die auch dann noch möglich ist, wenn der Äussere Radius immer kleiner wird. Als Vorbereitung auf ein friedvolles Sterben. Ja, sogar im Altersheim.

Claude Weill: Elysium und zurück – Mit Psychedelika unterwegs in der zweiten Lebenshälfte. Edition Spuren, Winterthur 2020, ca. 26 Fr.

Kleines Psychedelika-Glossar

LSD

Eines der stärksten bekannten Halluzinogene überhaupt. Ruft schon in kleinsten Dosierungen ab 100 Mikrogramm (millionstel Gramm) starke Bewusstseinsveränderungen hervor. Nicht toxisch, kein Abhängigkeitspotenzial. Kann aber wie alle Halluzinogene in seltenen Fällen psychische Störungen (wie etwa Psychosen) auslösen.

Ayahuasca

Ein halluzinogener Pflanzensud aus der Dschungel-Liane Banisteriopsis caapi und einer zweiten Pflanze (z. B. den Blättern des kaffeeähnlichen Strauchs Psychotria viridis). Ruft starke Visionen hervor, hat unangenehme, aber meist harmlose Nebenwirkungen (Erbrechen und Durchfall). Nicht giftig, kein Abhängigkeitspotenzial, kann aber in seltenen Fällen psychische Störungen auslösen.

Psilocybin-Pilze

Auch «Magic Mushrooms» genannt. Bewirken einen psychedelischen Rausch mit visuellen Halluzinationen und mystischen Naturerlebnissen, ähnlich wie LSD, aber sanfter und von kürzerer Dauer. Geringe Toxizität, kein Abhängigkeitspotenzial. Können in seltenen Fällen psychische Störungen auslösen.

MDMA

Auch bekannt als Ecstasy (dem in der Partyszene jedoch oft noch weitere Substanzen beigemischt sind). Wirkt euphorisierend,  herzöffnend  und angstlösend, ruft eine starke Verbundenheit mit anderen Menschen hervor. In hohen Dosierungen und bei Dauergebrauch kann MDMA das Gehirn dauerhaft schädigen. Wer auf einem MDMA-Trip schwitzt, sollte unbedingt viel trinken, sonst besteht die Gefahr von Überhitzung und Kreislaufkollaps. Kann zu einer psychischen Abhängigkeit führen.

Meskalin

Kommt in verschiedenen Kakteenarten vor, z. B. im Peyote-Kaktus. Bewirkt eine geschärfte Wahrnehmung, intensiveres Farbensehen und Visionen. In der Anfangsphase des Trips kann Übelkeit auftreten, manchmal auch Erbrechen. Hohe Dosen können zu Leberschädigung und Atemlähmungen führen und in seltenen Fällen psychische Störungen auslösen. Kein Abhängigkeitspotenzial.

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