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Ein Insta-Account macht sexuelle Gewalt in der Medienbranche sichtbar

Zeitgeist

Ein Insta-Account macht sexuelle Gewalt in der Medienbranche sichtbar

Seit ein paar Wochen gibt es den Instagram-Account @SwissMediaToo. Hier wird gesammelt, was sich Medienschaffende in der Schweiz schon alles anhören mussten. Wir haben mit einer der Initiantinnen gesprochen – die anonym bleiben möchte, weil sie negative Konsequenzen fürchtet.

Schon der erste Kontakt mit den Aktivistinnen zeigt, wie gross das Risiko ist, dass sie eingehen. Keine Namen, keine Telefonnummern – zumindest so lang, bis sie sicher sind, dass nichts davon in diesem Artikel erwähnt wird. Schliesslich ruft eine junge Frau an. «Ich spreche für das Collectif», sagt sie mit etwas unsicherer Stimme, das «Collectif RTS du 14 juin.» In diesem Zusammenschluss, der zum Frauenstreik am 14. Juni 2019 gegründet wurde, sind mehr als hundert Mitarbeiterinnen von Radio Télévision Suisse (RTS) mit Sitz in Genf organisiert.

Die junge Frau am anderen Ende der Leitung gehört zu den Aktivistinnen, die den Instagram-Account @SwissMediaToo betreiben. Innerhalb von gut zwei Wochen wurden hier 135 Beispiele verbaler sexueller Belästigung veröffentlicht – jeden Tag kommt ein halbes Dutzend dazu. Sowohl die Betroffenen als auch diejenigen, die die Einsendungen veröffentlichen, fürchten negative Konsequenzen, wenn sie ihre Gesichter zeigen. Nachdem Ende Oktober die Vorwürfe gegen der Star-Moderator Darius Rochebin laut geworden waren, dass er zahlreiche Frauen und Männer belästigt haben soll, kam das «Collectif RTS du 14 juin» auf die Idee.

Von deplatzierten Witzen bis zu handfesten Übergriffen

«Wir wollten die Gewalt, die von sexualisierten Aussagen ausgeht, sichtbar machen», heisst es vom Collectif. Und so hingen wenige Tage darauf überall in den RTS-Gebäuden in Lausanne und Genf Plakate in den Gängen, an den Türen, in den Liften. Darauf Zitate, die das ganze Spektrum sexueller Belästigung offenbarten: von deplatzierten Witzen bis zu handfesten Übergriffen. «Das waren alles Sprüche und Situationen, die wir selbst bei RTS erlebt haben», sagt die Frau am Telefon. «Wir wollten, dass die Leute sie lesen – und die Gewalt, die damit verbunden ist, spüren.» Die Aktion schlug ein. Bei RTS habe man in jenen Tagen über nichts anderes als diese Plakate gesprochen.

Der Moment war günstig. Die Enthüllungen über den früheren Star-Moderator Darius Rochebin hatten die Geschäftsleitung in Bedrängnis gebracht. Gerüchte und Gerede hatte es schliesslich seit Jahren gegeben – und nicht nur das. Wie der «Tages-Anzeiger» beschreibt, gab es offizielle Beschwerden, unterstützt von der Gewerkschaft, die dem damaligen RTS-Direktor und heutigen Generaldirektor der SRG Gilles Marchand direkt vorgelegt wurden. Konsequenzen aber gab es keine.

Philippe Reichen, der für den «Tages-Anzeiger» aus der Romandie berichtet, glaubt, dass die SRG in diesen Wochen unter besonderem Druck steht, die Vorgänge aufzuklären. «Im Moment finden externe Untersuchungen statt, die hoffentlich auch der Öffentlichkeit vorgelegt werden. Ein Kadermitarbeiter hat sich bereits suspendieren lassen – was den Eindruck nahelegt, dass er etwas von der sexistischen Unternehmenskultur oder konkreten Vorkommnissen wusste und nicht gehandelt hat.» Reichen glaubt, dass die SRG auch unter politischem Einfluss steht. «Die zuständige Bundesrätin Simonetta Sommaruga nimmt dieses Thema sehr ernst. Ich glaube nicht, dass sie es dulden wird, wenn hier weiter Dinge unter den Teppich gekehrt werden.» Denn genau das war offenbar lange der Fall.

«Die Muster sind oft ähnlich», erzählt die Aktivistin. «Wenn es eine Beschwerde gibt, wird die Frau oder der Mann, die oder der sie geäussert hat, eindringlich befragt, ob das wirklich stimmen könne. Am Schluss rät man, die Beschwerde zurückzuziehen – und versetzt den Täter auf eine andere Stelle, nicht selten verbunden mit einer Beförderung.» Nun aber habe sie die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Bei der unabhängigen Untersuchungsstelle gingen innerhalb weniger Tage mehr als 150 Aussagen ein. Für das Collectif sei das eine Überraschung gewesen. «Es machte uns klar, wie gross das Problem wirklich ist. Wir waren uns sicher, dass es sich nicht auf RTS beschränkt.» Sie entschieden sich, die Plakat-Aktion aus den Gängen und Liften in die digitale Welt zu tragen.

Follower-Zahlen schnellen in die Höhe

Am 18. November erschien das erste Zitat auf dem Instagram-Account. Kurz darauf schnellen die Follower-Zahlen und Likes in die Höhe. Ausserdem erhält das Collectif Hunderte Aussagen von Schweizer Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Wenn es sich um Medienbetriebe handelt, werden die Geschichten auf @SwissMediaToo veröffentlicht. «Wenn es eine andere Branche betrifft, geben wir Tipps, wie man darauf reagieren kann», sagt die Aktivistin. Der Account, der inzwischen über 7300 Follower hat, habe vor allem den Zweck, die Situation in Zeitungen, Radiostationen oder TV-Studios zu beleuchten. Unterdessen sind auch Aussagen aus der Deutschschweiz und dem Tessin hinzugekommen.

Dem Instagram-Account ist etwas gelungen, woran manche investigative Reporterinnen und Reporter scheitern. Wer sich mit sexueller Belästigung beschäftigt, hört schnell Dutzende Geschichten. Doch nur selten findet sie oder er Opfer, die sich trauen ihre Erlebnisse «on the record» zu schildern. Publiziert wird dann oft gar nichts – auch wenn die Recherche einiges an frauenfeindlichen Strukturen offenbaren könnte. Bei @SwissMediaToo dagegen wird jeden Tag veröffentlicht. Und in der Zusammenschau entsteht ein detailliertes Bild – obgleich niemand seinen Namen nennt oder sein Gesicht zeigt.

Mehr noch: Die Aktivistinnen haben sich entschieden, nicht auszuwählen, welches Erlebnis sie veröffentlichen und welches nicht. Heraus kommt ein Querschnitt an Sprüchen, Anekdoten und Übergriffen, der ein grosses Spektrum abbildet: Nicht alles, was publiziert wird, ist schockierend, manches ist banal. Und: Nichts davon kann einem Zeitpunkt oder einer konkreten Person zugeordnet werden. Das lässt Raum für Kritik.

Ein «Weltwoche»-Kolumnist etwa hält die Kampagne für überrissen und hat Mitleid mit dem Generaldirektor Gilles Marchand, der nun «eine ernste Miene aufsetzen, alles schockierend finden, an exemplarisches Verhalten appellieren und Experten berufen» müsse. Das Collectif dagegen ist der Meinung, dass Opfer im Moment nur unter diesen Bedingungen bereit seien, ihre Erlebnisse zu teilen.

Eine Verschiebung der Angst

Es ist ein Glaubenssatz, den man von der #MeToo-Bewegung in den USA kennt. Nur wer sich entscheidet, Opfern sexueller Gewalt vorbehaltlos zu glauben, verdient ihr Vertrauen. Für @SwissMediaToo scheint diese Strategie aufzugehen – sie verspricht Aufmerksamkeit und lässt viele Frauen und Männer zu Wort kommen. Journalisten und Gerichte dagegen müssen Gegenargumenten und Zweifeln Raum geben und Geschichten prüfen, bevor sie veröffentlichen oder verurteilen.

Die Aktivistin, die im Namen des Collectifs spricht, sagt, es gehe in erster Linie darum, die Mauer des Schweigens zu brechen. «Je mehr Frauen und Männer diese Angst hinter sich lassen, desto mehr werden nachkommen – vielleicht auch on the record, vielleicht auch vor Gericht.» Was sie schon jetzt beobachte, sei eine Verschiebung der Angst.

«Sehr viele Einsendungen, die wir bekommen, kommen von Praktikantinnen. Von jungen, verletzlichen Frauen, ganz am Anfang ihrer Laufbahn. Viele von ihnen haben grosse Angst, ihre Karriere zu beschädigen, bevor sie überhaupt angefangen hat.» Mit der Aussage würde sich das langsam ändern. «Die Frauen sehen, dass sie keine Angst haben müssen. Und die, die diese Taten begehen, werden nervös. Und genau das ist unser Ziel: Sie sind es, die Angst haben sollten.»

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