Epstein-Files: Ich kann nicht mehr
Unsere Autorin hat sich durch die Epstein-Files gelesen, Nacht für Nacht. Was zurückbleibt, ist keine Erkenntnis, sondern eine tiefe Müdigkeit – und das Gefühl, dass etwas grundlegend falsch läuft. Ein persönlicher Kommentar.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Death to Stock
In den letzten Tagen habe ich jeden Abend damit verbracht, stundenlang auf der offiziellen Seite des amerikanischen Department of Justice durch die Epstein-Files zu scrollen. Wertvolle Stunden meines Lebens. Dieser Fall nimmt mich so sehr ein, dass es mir selbst unheimlich wird. Und ja, ich weiss, dass das nicht gut für mich ist.
Klar, ich bin Journalistin, es gehört zu meinem Job, informiert zu sein, insbesondere in Themenfeldern, die Frauen betreffen. Und dass ich derzeit in den USA lebe, wo sich viele der Gräueltaten zugetragen haben sollen, spielt sicherlich auch eine Rolle. Immerhin ist der «Golfplatz in Kalifornien», von dem in den Dokumenten immer wieder die Rede ist, gerade mal zehn Gehminuten von meinem Zuhause entfernt. Mehreren in den Files festgehaltenen Zeugenaussagen zufolge soll der Club nicht nur ein Dreh- und Angelpunkt für Sexpartys mit Minderjährigen gewesen sein, vielmehr wird in einzelnen Aussagen sogar gemutmasst, dass Frauen dort vergraben wurden.
"Wenn ich die Files zitiere, komme ich mir zunehmend vor wie eine Verschwörungstheoretikerin"
Wie gesagt, ich werde mir selbst unheimlich. Denn wenn ich die Files zitiere, komme ich mir zunehmend vor wie eine Verschwörungstheoretikerin. Wofür steht das Codewort «Pizza»? So etwas fragten sich bis anhin höchstens die eingeschworensten QAnon-Idioten. Und jetzt? Jetzt findet man plötzlich auf einer staatlichen Website 900 Dokumente, in denen das Wort «Pizza» auf seltsamste Weise benutzt wird («May I bring your slice of pizza to you?»). Was soll man jetzt noch glauben – und wem? Einer Regierung, die alles darangesetzt hat, die Epstein-Files unter Verschluss zu halten, bis der öffentliche Druck zu gross wurde, und sie selbst dann nur schlampig redigiert veröffentlichte?
Es bleibt laut einem US-Kongressabgeordneten, der gestern Teile der unredigierten Files zu Gesicht bekam, wenig Zweifel daran, dass über Jahrzehnte hinweg ein Milliardengeschäft mit Sextrafficking von jungen Mädchen gemacht wurde, und nach und nach kommt heraus, wie viele Menschen involviert waren. Nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Donald Trump, Steve Bannon und Elon Musk werden genannt, nein, auch vermeintliche Gutmenschen wie Deepak Chopra oder Intellektuelle wie Noam Chomsky und einer der grössten Philanthropen überhaupt: Bill Gates. Ich hasse es, das zu sagen, aber ich habe derzeit jeglichen Glauben an die Menschheit, und leider vor allem an den männlichen Teil der Menschheit, verloren.
"Ich fühle mich wie eine betrogene Ehefrau, die sich endlich eingesteht, was sie schon lange wusste"
Warum kämpfe ich mich tagelang durch diese wirren Dokumente? Vielleicht, weil ich mich wie eine betrogene Ehefrau fühle, die sich endlich eingesteht, was sie eigentlich schon lange wusste. Und dafür die Beweise ein letztes Mal eindeutig dokumentiert sehen muss, von der Kreditkartenabrechnung bis zur Telefonrechnung – bis nichts mehr zu leugnen ist.
Zu benennen, was juristisch gesehen eine Straftat ist und was «nur» eine moralische, wird noch lange dauern. Mir reicht aber schon die Art, wie über Frauen und Kinder (nein, nicht «minderjährige Frauen», wie sie in so vielen Artikeln genannt werden) gesprochen wird. In den Files tun sich menschliche Abgründe auf, die mich sprachlos machen, mich lähmen, mich zum Weinen bringen, für mich und für meine Töchter, für alle Frauen und Mädchen dieser Welt.
Und vor allem für die Opfer, die ein weiteres Mal verhöhnt wurden, indem der Opferschutz – notabene der angebliche Grund für die grosse Verspätung der Veröffentlichung der Files – alles andere als eingehalten wurde. Es wurden Nacktfotos, Adressen, Telefonnummern und vollständige Namen veröffentlicht, während man offenbar genug Zeit fand, seitenweise Namen von Tätern zu schwärzen.
"Es tut weh, zu sehen, dass die Mächtigen dieser Welt davonkommen, weil sie das eben immer tun"
Und dann ist da die Enttäuschung über ein Rechtssystem, in das man nur noch das Vertrauen verlieren kann. Es tut weh, zu sehen, dass sehr wahrscheinlich auch diesmal niemand ernsthaft zur Rechenschaft gezogen wird. Dass die Mächtigen dieser Welt davonkommen, weil sie das eben immer tun. Es tut weh, sich einzugestehen, dass wir in einer Realität leben, in der Frauen und Mädchen Ware sind («New Brazilian just arrived, sexy and cute», schreibt jemand in einer E-Mail an Epstein). Und ein anderer beschwert sich, dass das Mädchen aus Moldawien in echt nicht so hübsch gewesen sei wie auf den Fotos («big disappointment with the Moldavian»).
Mir wird übel angesichts dieser neuen Veröffentlichungen. Weil ich ein weiteres Mal schwarz auf weiss sehe, was ich nie wirklich wahrhaben wollte: Erschreckend viele Männer schauen auf Frauen herab, man möchte sagen, sie hassen Frauen. Sie ergötzen sich daran, ihnen wehzutun («loved the torture video») und wenn eine stirbt, schreibt Epstein nur «whoops».
Ich bin nicht einmal mehr wütend, das wäre wenigstens ein produktives Gefühl. Ich bin nur noch erschöpft. Ich bin des Kämpfens so müde. Im Moment fühlt es sich so an, als ob vieles, wofür wir Frauen kämpfen, im Grunde für die Katz ist – weil sich im grundlegenden Mindset der Männer nichts geändert hat. Und mit dem Aufstieg der Maga-Bewegung und einem US-Präsidenten, bei dem Sätze wie «grab them by the pussy» als Stammtisch-Gerede abgetan werden, ist Sexismus wieder richtig salonfähig geworden. Nun müssen die Männer nicht einmal mehr verstecken, wie sie wirklich denken.
"Vielleicht schreibe ich das, um mir selbst und uns allen zu erlauben, für einen Moment aufzuhören, stark zu sein"
Ich weiss, es gibt sehr viele gute Männer, und sie mögen mir an dieser Stelle bitte meine momentane Desillusioniertheit verzeihen, aber ich kann angesichts dieser Aktualität keine versöhnlichen Worte finden und auch keine Aufrufe zum Widerstand. Vielleicht schreibe ich das alles nicht, um etwas zu verändern. Vielleicht schreibe ich es, um mir selbst und uns allen zu erlauben, für einen Moment aufzuhören, stark zu sein.
Ich weiss, dass ich wieder kämpfen werde. Dass ich wieder wütend sein werde, analytisch, laut und unbequem. Aber nicht heute. Heute ist es in Ordnung, müde zu sein. Hoffnungslos sogar. Und darüber zu sprechen. Das ist kein Aufgeben. Manchmal beginnt Widerstand nicht mit einer Parole, sondern mit dem Satz: Ich kann gerade nicht mehr.