Werbung

"Femosphere": Frauen zwischen Männerhass, Enthaltsamkeit und Leid

Während die "Manosphere" längst Schlagzeilen macht, bleibt ihr weibliches Gegenstück weitgehend unbeachtet: In den Online-Foren der "Femosphere" erzählen Frauen von einem Leben ohne Intimität – und radikalisieren sich in ihrem Männerhass.

«Ich hasse es eine Frau zu sein.» – «Nicht begehrt zu werden ist scheisse.» – «Ich bin hässlich und habe es endlich akzeptiert.» – «Ich bin 54 Jahre alt und hatte noch NIE eine richtige Beziehung.»

Die Posts reihen sich scheinbar endlos aneinander. Aus jedem einzelnen spricht Frust, Wut – und Resignation. Geschrieben haben sie Frauen, die davon ausgehen, für immer allein zu bleiben. Daher auch der Name des Subreddits: Forever Alone Women, oder kurz: FAW.

Die Untergruppe hat über 15‘000 Mitglieder. Unter ihren Beiträgen sammeln sich die Kommentare der anderen Nutzerinnen. «Ich verstehe dich vollkommen», steht da. Oder: «Für immer allein zu sein ist besser, als von einem Arschloch runtergezogen zu werden.»

Pendant zu Incels?

Menschen, die unfreiwillig Sex und romantischer Beziehungen entbehren, verbinden wir vor allem mit dem Begriff des Incels – also Involuntary Celibate: Männer, die unfreiwillig im Zölibat leben, die sich ideologisch radikalisieren oder sogar gewalttätig werden.

Eine Vokabel, die in diesem Kontext oft auftaucht, ist die «male loneliness epidemic», also die Annahme, dass Männer weltweit immer einsamer werden.

Doch auch Frauen leiden darunter, von Intimität ausgeschlossen zu sein. Seit Jahren etabliert sich im Netz eine Szene, die die britische Medienwissenschaftlerin Jilly Kay als Femosphere bezeichnet – als weibliches Pendant zur Manosphere, dem Online-Potpourri aus Incels, Pick-up-Artists und Andrew-Tate-Fans.

Nicht nur unfreiwillig enthaltsam

Doch die Femosphere besteht nicht nur aus unfreiwillig enthaltsamen Frauen. Viele lehnen den Begriff «Femcel» sogar ab. Stattdessen teilt sich die Szene auf unterschiedliche Foren auf.

Werbung

"Gemeinsam ist den Frauen in diesen Gruppen ihr Heteropessimismus, also der kollektive Frust darüber, Männer zu begehren"

Da sind zum Beispiel die Women going their own Way, also Frauen, die dazu aufrufen, freiwillig Single zu bleiben und unabhängig von Männern zu leben.

Auf der Seite The Female Strategy finden sich Frauen, die Männer abfällig als Scrotes bezeichnen und sich gegenseitig Tipps geben, um nicht auf die Tricks von Low Value Men, also Männer geringen Wertes, hereinzufallen.

Und dann sind da noch Imageboards – anonyme Foren nach dem Vorbild von 4chan, einer berüchtigten Plattform der Manosphere –, die von radikalen Feministinnen dominiert werden, die sich offen zu Männerhass und Transfeindlichkeit bekennen.

Kollektiver Heteropessimismus

Gemeinsam ist den Frauen in diesen Gruppen vor allem eins: ihr Heteropessimismus, also der kollektive Frust darüber, Männer zu begehren – gespeist durch Mobbing, Erfahrungen sexualisierter Gewalt und dem Alltag in einer patriarchalen Gesellschaft.

«Was ist schlimmer: Einsamkeit oder Missbrauch?», fragt eine zweifach geschiedene Mutter bei The Female Strategy. «Wenn man sich ein bisschen länger mit der Thematik beschäftigt, merkt man schnell, wie schlecht Männer für uns Frauen sind. Stalker, Vergewaltigungen, Mord. Ich hatte hier und da Männer, aber ich kann durch die Reihe weg sagen, dass Männer eine Frau nur ausnutzen. Wieso soll man sich so was zumuten?»

Pinke Pille

Das Mass an Fatalismus schwankt. Je radikaler die Frauen in ihrem Heteropessimismus sind, desto eher ist ihr Männerhass in ein ideologisches Gerüst gebettet, das dem der Manosphere ähnelt.

Äquivalent zur roten oder schwarzen Pille – Begriffe aus der Manosphere, bei denen die rote Pille für ein vermeintliches «Erwachen» über angebliche Geschlechterrealitäten steht und die schwarze Pille für einen fatalistischen Glauben an unabänderliche männliche Benachteiligung – existiert in der Femosphere die Idee der pinken Pille: Wer sie geschluckt hat, hat sich mit der bitteren Wahrheit einer frauenfeindlichen und oberflächlichen Welt abgefunden.

Und wie in der männlichen Szene kursieren auch hier Begriffe wie «Chad» oder «Stacy», um normschöne Menschen zu beschreiben, die – so die Überzeugung – in der genetischen Lotterie gewonnen haben.

Werbung

"Statt ihren Frust und ihre Wut nach aussen zu kehren, richten die Frauen sich gegen sich selbst"

Eine 26-jährige Imageboard-Nutzerin erzählt, dass sie noch nie ein Date hatte: «Ich war eigentlich immer von dieser Art der Interaktion ausgeschlossen. Ich war dieses Mädchen, bei dem Jungs so taten, als müssten sie kotzen, wenn jemand erwähnte, dass ich auf ihn stand.»

Nicht zur Gewalttätigkeit erzogen

Die Soziologin Madeline Bobo von der Georgia State University in Atlanta hat in ihrer Masterarbeit Femcel-Foren analysiert. Sie interessiert vor allem die Frage, welche Funktion sie für die Frauen haben – und wie sie sich von den Incel-Foren unterscheiden.

«Viele Männer, die sich als Incels identifizieren oder sich mit Incel-Ideologien beschäftigen, werden gewalttätig, werden zu Amokläufern», sagt sie. Bei Frauen hingegen sei bislang nichts Vergleichbares zu beobachten.

Laut Bobo liegt das vor allem daran, dass Frauen anders sozialisiert werden. «Frauen werden nicht dazu erzogen, auf diese Weise gewalttätig zu sein. Frauen sollen fürsorglich und liebevoll sein. Wenn etwas schiefgeht, ist es ihre Schuld.»

Kein weiblicher Anspruch auf Sex

Das Resultat: Statt ihren Frust und ihre Wut nach aussen zu kehren, richten sie sich gegen sich selbst. Im Gegensatz zu den männlichen Incels gibt es kein enttäuschtes Entitlement, keinen weiblichen Anspruch auf Sex und Intimität.

Stattdessen scheint insbesondere in Gruppen wie den Forever Alone Women das Gefühl vorzuherrschen, nichts daran ändern zu können. Immer wieder berichten die Frauen online von Essstörungen, Depression, sogar Suizidgedanken.

«Es fühlt sich anonym an, wenn ich schreibe: ‹Ich bin so einsam, dass ich sterben möchte›», schreibt eine Imageboard-Nutzerin auf die Frage, was sie in den Foren findet.

«Aber was mich wirklich anzieht, ist das Wissen, dass es Frauen gibt, die denselben Schmerz mit mir teilen. Es ist, als würde man in die Leere schreien, in der Annahme, dass andere Frauen wie ich ebenfalls dort hinein schreien. Es fühlt sich seltsamerweise so an, als wäre ich unter Freundinnen. Ich weiss nicht, warum.»

Bagatellisiert statt politisiert

Zur Femosphere gibt es noch kaum Forschung, nur wenig Berichterstattung. Das liegt auch daran, dass die Gewalt, die von ihr ausgeht, kein Ventil findet ausser dem Leid, das die Frauen selbst erleben.

Statt dass sie politisiert wird wie die Menosphere, wird sie bagatellisiert. «Diese Frauen fügen sich selbst Schaden zu. Sie leiden unter starken emotionalen und psychischen Belastungen», sagt Madeline Bobo.

Nur weil man nicht offen gewalttätig sei, heisse das nicht, dass man keine Aufmerksamkeit verdiene.

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
9 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Inline Feedbacks
View all comments
Alma Madeleine

Ein bewegendes Plädoyer für die emanzipatorische Meisterleistung, Konnektivität durch konsequente Verweigerung zu ersetzen. Ein wahrhaft triumphaler Rückzug vom Feld menschlicher Verständigung – bewundernswert radikal und sozialwissenschaftlich ebenso bahnbrechend wie praktisch erprobt. Chapeau!

Peter Müller

Welch ein erhellender Einblick in die tapfere Welt der Femosphere! Wie bewundernswert, dass diese emanzipierten Heldinnen endlich die ultimative Freiheit ergreifen, indem sie Männer als bloße „Scrotes“ entlarven und sich in die Arme der heiligen Enthaltsamkeit werfen – weil nichts so empowernd wirkt wie jahrelanges Alleinsein, garniert mit einer Prise Suizidgedanken und Selbsthass. Bravo an den Feminismus, der uns lehrt, dass wahre Stärke darin liegt, das Leid zu internalisieren, statt es an die Welt zu verschwenden, wie es diese primitiven Incels tun. Endlich eine Bewegung, die Frauen zeigt, wo ihr Platz ist: fernab von Beziehungen, tief in der Grube der Resignation. Danke für diese inspirierende Lektion – mehr davon, und die Gesellschaft wird vor lauter Harmonie erblühen!

emma

Bevor solche Artikel geschrieben werden, bitte ich um Überprüfung, ob es sich bei diesen Accounts in den sozialen Medien wirklich um Frauen handelt. Wozu Männer in der Lage sind, um Hass zu schüren und Kriege zu entfachen, hat man in der gut erforschten Manospäre gesehen.

Victor Brunner

Und wieder sind die Männer schuld…

Adrijana

Interessant. Also im Grunde eine Gruppe, die niemandem außer sich schadet. Ich mache mir da wenig Sorgen ehrlich gesagt. Frauen finden immer einen Weg heraus.

J J

Schon traurig, dass manche Menschen sich so einsam fühlen müssen. Ich kann nur eins sagen: habt gedult, schaut mal über euren normalen Horizont hinaus (älter, jünger, dicker, dünner, mann, frau, egal), ich musste bis 39 warten bis ich den richtigen Mensch getroffen habe, bei dem ich sein darf wie ich bin, und den ich so nehmen kann wie er ist. Es ist gut so und wunderschön.

NoName

Lediglich das Resultat und die Reaktion auf die Manosphere und eine generelle Ernüchterung gegenüber dem männlichen Geschlecht. Frauen ziehen sich tendenziell zurück, Männer (nicht alle, aber immer ein Mann) antworten zu häufig mit Gewalt.

Kama27

Nun, allgemein scheint Gewalt mehr Aufmerksamkeit zu verdienen, weshalb es wiederum manche gibt, die das nutzen, um auf ihre Art und Weise Aufmerksamkeit zu bekommen. Von psychisch Kranken, Terroristen bis Politikern. Das liegt nicht nur daran, dass es meistens Männer sind, sondern auch dass Gewalt eine Gefahr für dritte werden kann und sich andere deshalb betroffener Fühlen. Dagegen ist die landläufige Meinung, dass einem ein psychischer Defekt oder ein Selbstmord nicht betreffen könne. Ein Trugschluss, weil man glaubt sich selobst und das eigene Leben unter Kontrolle zu haben. Und fatal, weil wir weit mehr Suizidopfer zu beklagen haben, als Tote durch Gewalt.

Jennifer

Femosphere sowie Manospere haben eines gemeinsam: Es sind Personen, die lieber anderen Menschen die Schuld an ihren “Mängeln” geben anstatt den Arsch hochzukriegen und an sich und ihrer Selbstliebe zu arbeiten. – Sehr schade für die Gesellschaft.