Feministische Männer

«Im Fussballstadion habe ich als Feminist gemischte Gefühle»

Text: Marie Hettich, Bild: ZVG

In unserer dreiteiligen Mini-Serie stellen wir Männer vor, die sich hierzulande feministisch engagieren. Heute an der Reihe: Philipp Meier (53), Community Developer und Mitglied der feministischen Gruppierung We/Men.

«Ich stehe sehr gern beim FC Zürich in der Fankurve. Als Feminist sind meine Gefühle aber jedes Mal gemischt – die Stimmung ist wahnsinnig machoid. Wenn die Fussballer schlecht spielen, heisst es, sie seien ‹Tussis› und immer wieder wird ‹Schiri, du Wichser, wir ficken deine Mutter› gegrölt. Manchmal denke ich: Ach komm, ist doch egal, das hier ist eine andere Welt, hier darf man das. Aber ich habe trotzdem damit angefangen, ganz schüch den Mund aufzumachen. Auch wenn es mich viel Überwindung kostet.

Frauenfussball wird leider extrem unterschätzt: Es fehlen Gelder und es fehlt die Aufmerksamkeit. Meine 13-jährige Tochter hat mich davon überzeugt, auch ab und zu an die Frauenspiele vom FCZ zu gehen – das Team ist ehrlich gesagt sowieso viel besser. Trotzdem muss ich zugeben, dass mir im Stadion manchmal ein bisschen der Kick fehlt. Bei den Männerspielen ist zum Teil die Hölle los und irgendwo habe ich das schon auch gern. 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe als Sechsjähriger angefangen, Ballett zu tanzen. Mein Umfeld hat mir sehr schnell klargemacht, dass das für einen Jungen definitiv kein cooles Hobby ist. Auch dass ich mich für Mode interessierte, passte nicht ins Bild. Eine Zeit lang dachte ich, ich müsse wohl schwul sein. Es ist schon verrückt: Da hat man als Mann nicht nur typisch-männliche Interessen und muss direkt seine sexuelle Orientierung infrage stellen. 

Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich für den Feminismus einsetze: Ich möchte meine Persönlichkeit ausleben können, ohne deshalb Konfrontationen in Kauf nehmen zu müssen. Obwohl ich nicht trans oder nonbinär bin, sehe ich mich als Mann mit Sternchen. Dieses begrenzte Bild von Mann und Frau zerstört so vieles – die Welt ist deutlich vielschichtiger, als wir sie sehen. 

Mit meinen Kindern spreche ich oft über feministische Themen. Beispielsweise tausche ich mich auf Instagram schon länger mit einer nonbinären Person aus – am Znacht-Tisch üben wir uns in der Familie darin, über die Person zu sprechen, ohne ein Pronomen zu verwenden. Mein 16-jähriger Sohn lässt sich hin und wieder zu sexistischen oder queerphoben Sprüchen hinreissen, aber ich habe die Hoffnung, dass das nur eine Phase ist. Irgendwie muss er sich ja von seinen superliberalen Eltern abgrenzen. Früher war das mit einem Tattoo oder einer Lederjacke getan.

Wenn ich mich auf Social Media für Feminismus stark mache, werde ich höchst selten von Frauen kritisiert. Von Männern höre ich oft, ich würde mich doch bloss bei Frauen einschleimen wollen. Oder natürlich den Klassiker: Auch Männer würden diskriminiert, weil Frauen nicht ins Militär müssen.

Mit dem Begriff ‹alter weisser Mann› habe ich gar kein Problem – im Gegenteil. Jedes Mal, wenn ich mitbekomme, dass sich ein alter, weisser Mann über die Bezeichnung aufregt, sage ich ihm, er sei Teil des Problems, weil er nicht anerkennt, dass er privilegiert ist. Bei vielen ist das ein Reflex – da merkt man: Die haben es überhaupt nicht begriffen. Gleichzeitig finde ich wichtig, nicht zu vergessen, dass sich auch 30-Jährige wie der alte, weisse Mann verhalten können: ignorant und rückständig. 

Trotz allem bin ich zuversichtlich, dass es in die richtige Richtung geht. In der Klasse meiner Tochter hat sich beispielsweise kürzlich ein trans Junge geoutet. Er hat sich vor die ganze Klasse gestellt und alle darüber informiert, dass er kein Mädchen, sondern ein Junge ist. Das hat mich unglaublich berührt. Vor vierzig Jahren, als ich zur Schule ging, wäre so etwas noch absolut unmöglich gewesen.»

Mit «Frauen» oder «Feministen» sind alle Personen gemeint, die sich als solche identifizieren.

 

Teil 1 der Mini-Serie mit dem 23-jährigen Artan Islamaj können Sie hier lesen. 

Teil 3 der Mini-Serie mit dem 29-jährigen Valentin Kilchmann können Sie hier lesen.

Marie Hettich ,
Redaktorin
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