Heft 06/15

Das Dorf der Hundertjährigen: Ein Besuch im japanischen Ogimi

Text: Felix Hill; Fotos: Mathias Braschler und Monika Fischer

Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
Das Geheimnis eines langen Lebens
e
f

Hatsu Miyagi (97) «Mein Mann ist schon lange tot. Er war beim Militär. Nach unserer Hochzeit habe ich sieben Jahre lang auf ihn gewartet, habe bei meinen Eltern und im Dorf nach dem Rechten geschaut. Mein erstes von fünf Kindern habe ich erst mit dreissig Jahren bekommen. Deshalb sage ich: Heiraten Sie nie zu spät!»

Haru Miyagi (96) «Die Leute sagen, ich sei super in Form. Ich selber habe mir über meine Gesundheit nie Gedanken gemacht. Ich habe einfach gelebt. Als Mädchen trieb ich allerdings viel Sport: Hoch- und Weitsprung. Und ich war gut.»

Sumiko Taira (96) «Ich habe 6 Kinder, 16 Enkel und 28 Urenkel. Bei Ebbe gehe ich noch heute raus ins Meer und fange Tintenfische und Krebse. Letztes Jahr war super. In diesem Jahr bin ich schon drei Tage die Strände auf- und abgelaufen, ohne etwas zu fangen. Ich frage mich warum?»

Sayo Miyagi (99) «Singen und die alten Lieder in Erinnerung behalten: Das ist mein Geheimnis für ein langes Leben. Ich habe 8 Kinder und 15, nein, 16 Enkel. Wenn mich alle besuchen, meist an einem Sonntag, dann bin ich glücklich.»

Matsu Matsuda (97) «Eine Freundin fragte mal: Matsu, wie bleibst du so gesund? Ich antwortete: Ich esse jeden Morgen eine Misosuppe mit Knoblauch. Und täglich Honig und einen Apfel. Das ist mein Rezept. Solltest du auch probieren.»

Hatsu Yamakawa (100) «Das beste Rezept für ein langes Leben? Nicht daran denken!»

Uto Komesu (101) «Das Prinzip heisst: Hara hachi bu – hör auf zu essen, bevor dein Magen voll ist.»

Das mehrfach preisgekrönte Schweizer Fotografenduo Mathias Braschler & Monika Fischer kehrte aus Ogimi nicht nur mit Porträts der langlebigen Bewohnerinnen zurück, sondern auch mit vielen Anekdoten. So lieferte sich Juno Kinjo mit dem Sohn der Fotografen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Elias ist zweieinhalb. Juno 104. www.braschlerfischer.com

Okinawa / Japan

Okinawa / Japan

Nirgendwo sonst auf der Welt werden so viele Menschen so alt wie im japanischen Ogimi. Aber das Dorf droht auszusterben – und mit ihm die Geheimnisse für ein langes Leben.

Als Hatsu Yamakawa im vergangenen Jahr von ihrer Familie gefeiert wurde, freute sie sich wie ein kleines Mädchen, das endlich alt genug ist, um allein Karussell zu fahren. «Ich dachte: Endlich hast du dieses Alter erreicht», erinnert sie sich. Bald jedoch wich die Freude einem anderen Empfinden: einem Gefühl ehrlicher Verwunderung. Denn auch mit ihren nun hundert Jahren hatte sich im Grunde nichts verändert. Sie stellte fest: «Hey, ich bin ja noch fit!»

Hatsu Yamakawas Heimat wird das Dorf der Hundertjährigen genannt. Der Ort Ogimi liegt im Norden der südjapanischen Inselgruppe Okinawa, die Wissenschafter schon lange fasziniert wegen ihrer offensichtlich lebensverlängernden Qualitäten. Auf die 1.3 Millionen Einwohner Okinawas kommen über 900 Menschen, die hundert Jahre und älter sind, ein Wert, der selbst unter den ohnehin schon zähen Japanern einzigartig ist. Zum Vergleich: In der Schweiz leben gut sechsmal mehr Leute, aber nicht einmal doppelt so viele sind hundert oder älter, nämlich nur 1500. Und Ogimi, ein Dorf mit 3200 Einwohnern, wo auf einem Stein vor dem Ortseingang eine Plakette mit der Aufschrift «Nummer eins für Langlebigkeit» prangt, bildet quasi die Spitze der Alterspyramide auf Okinawa.

Die Ernährung ist entscheidend

Die Gründe dafür sind gut dokumentiert. Über fast vierzig Jahre hat der Kardiologe Makoto Suzuki, selbstschon 82 Jahre alt, beobachtet, was die Ältesten auf Okinawa anders machen. Am wichtigsten sei die Ernährung, sagt er. «Das traditionelle Essen enthält viel Obst und Gemüse und eher wenig Fleisch, Fisch und Eier. Es ist fettarm und kohlehydratreicher als die Gerichte auf dem japanischen Festland.» Zudem gilt das Gebot «Hara hachi bu», das empfiehlt, mit dem Essen aufzuhören, sobald der Magen etwa zu achtzig Prozent gefüllt ist.

An den meisten Orten der reichen Welt ernährt man sich heute anders. Das Essen ist oft kalorienreich, aber nährstoffarm. Es fehlt an Ballaststoffen, Magnesium, Kalium und Vitaminen, gleichzeitig sind gesättigte Fettsäuren, Transfette, Cholesterin, Zucker und Salz überschüssig, Merkmale, die vor allem auf Fertiggerichte zutreffen. «Auf Okinawa kocht man aber traditionell langsam. Man nimmt sich Zeit, wie für die meisten Dinge im Alltag», sagt Suzuki.

Zumindest die Älteren kaufen kaum auf dem Markt ein und noch weniger im Supermarkt. Man betreibt seine eigene Landwirtschaft. So wie Matsu Matsuda, eine Frau mit gepflegtem Mittelscheitel und kräftigen Händen, die aus einem Dorf in der Nähe von Ogimi kommt. Matsu Matsuda, obwohl schon 97 Jahre alt, baut nach wie vor ihre eigenen Tomaten an, und ihren Start in den Tag kann sie minutiös darlegen: «Um sechs Uhr stehe ich auf. Dann lege ich den Schalter meines Reiskochers um und bereite mir eine Misosuppe zu. Dazu gibts Thunfisch, Seetang und Eier.» Dreimal in der Woche geht Matsu Matsuda in eine Seniorengruppe und macht dort Sportübungen.

Ogimi, wo immer eine salzige Brise weht, erstreckt sich entlang der Küste. Von der schmalen Hauptstrasse am Meer führen holprige Feldwege zu den einfachen Einfamilienhäusern und ihren Feldern. Die Gemüsestände und Kioske an der Strasse, aber auch die Äcker dahinter sind bevölkert von Hochbetagten. Sie nehmen an der lokalen Wirtschaft nicht nur teil: Ein funktionierender Alltag wäre ohne sie undenkbar.

«Die alte Sprache von Okinawa kennt nicht einmal ein Wort für so etwas wie den Ruhestand», sagt der Mediziner Suzuki. Nur die nötigsten Strecken werden hier mit dem Auto zurückgelegt, und weil die Felder klein sind, taugen auch grosse Maschinen wenig. Man braucht die Hände. Bis zum 19. Jahrhundert bildeten die Inseln Okinawas, die geografisch kaum näher am Rest Japans liegen als an Taiwan, das eigenständige Königreich Ryukyu. Viele Traditionen haben die Okinawaner mit Japan nicht gemein. Als bedeutend stärker gewichtet wird insbesondere der soziale Zusammenhalt unter den Ältesten. Für finanzielle Notfälle führen Nachbarn oder Bekannte etwa gemeinsame Kasse. Wer sich gegenseitig hilft, macht sich weniger Sorgen, sagt man hier – und bleibt gesund.

Man ehrt die Älteren

Und es gibt noch ein Merkmal, das Makoto Suzuki in all seinen Studien zur Langlebigkeit auf Okinawa aufgefallen ist: «Nirgendwo in Japan werden die Älteren und die Vorfahren so respektiert wie hier.» In jedem Haus steht ein kleiner Altar, an dem die Familienmitglieder ihren Vorfahren täglich aus dem Leben erzählen. Dort bittet man um Hilfe für den beruflichen Erfolg der Kinder oder berichtet von der Ernte. Weil man sich für die Familie engagiert, wird man im Alter auch respektiert und umsorgt.

Die 101-jährige Uto Komesu zum Beispiel, eine Reisbäuerin mit Dauerwelle und scharfem Blick, kann sich auf die Hilfe ihres Sohnes Ryousei verlassen, selber schon 64 Jahre alt. Zwar protzt Uto Komesu: «Ich bin noch immer kräftig, ich kann jeden schlagen.» Doch im Alltag muss ihr ihr Sohn immer öfter zur Hand gehen. Er sagt: «Eine enge Verbindung in der Familie zu haben, das ist etwas vom Wichtigsten im Leben.»

Auch wenn der konkrete Einfluss dieser verschiedenen Faktoren – Ernährung, sozialer und familiärer Zusammenhalt, «Unruhestand» bis ins hohe Alter – auf die Lebenserwartung des Einzelnen nicht im Detail zu beziffern ist, so kann dem allgemeinen Befund des Kardiologen Makoto Suzuki durchaus Glauben geschenkt werden. Denn es gibt so etwas wie eine wissenschaftliche Vergleichsgruppe. Als nach dem Zweiten Weltkrieg rund 100 000 Okinawaner nach Brasilien auswanderten, passten diese ihre Lebensweise den dortigen Gepflogenheiten an. «Die Leute assen mehr rotes Fleisch, Zucker und Salz und hielten sich überhaupt nicht mehr an die alten Traditionen. Und ihre Lebenserwartung liegt heute 17 Jahre unter derjenigen auf Okinawa», sagt Suzuki.

Allerdings hat auch in den japanischen Subtropen längst eine Trendwende eingesetzt. Zwischen 1970 und 1990 war Okinawa noch in allen Analysen des japanischen Gesundheitsministeriums die Präfektur mit der höchsten Lebenserwartung – bis sie in den Neunzigern plötzlich auf Platz fünf abrutschte. Vor elf Jahren dann der Schock 26, wie er rückblickend genannt wird: Unter allen 47 Präfekturen Japans reichte es bei den Männern Okinawas gerade noch für Platz 26. In ganz Japan machte das Thema Schlagzeilen, zumal die Weltgesundheitsorganisation Okinawa kurz zuvor noch zum Hort der globalen Langlebigkeit erklärt hatte.

Mitverantwortlich dafür, dass die Menschen hier heute weniger gesund sind als früher, sind die Amerikaner. Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten sie die südlichste Inselkette Japans und bauten sie zu ihrem wichtigsten Stützpunkt im pazifisch-asiatischen Raum aus. Um das US-Militär zu bedienen, erreichte das schnelle Essen Okinawa, noch bevor es sich in Tokio verbreitete. So finden sich gerade in der Hauptstadt Naha, in die es heute die meisten jungen Leute vom Land zieht, unzählige Fastfoodketten, Schnellimbisse und Gelaterias. Und das süsse Angebot verführte natürlich auch die Einheimischen, während der Konsum traditioneller Zutaten wie Seetang kontinuierlich schrumpfte. Nacheiner Studie des Mediziners Hidemi Todoriki von der University of the Ryukyus ist der Fettanteil auf Okinawas Tellern von zehn Prozent in den Sechzigerjahren auf mittlerweile dreissig Prozent gestiegen, was in etwa dem westlichen Niveau entspricht. Im Alter zwischen 20 und 69 Jahren hat heute fast jeder zweite Mann auf Okinawa Übergewicht.

«Meine Eltern haben mir oft vom Prinzip ‹Hara hachi bu› erzählt», sagt Ryousei Komesu, der Sohn der 101-jährigen Uto. Aber typisch sei für seine Generation etwas anderes: Rauchen, Fastfood, Essen nach Lust und Laune. Und so stellen sich bei den Nachkriegsgenerationen Okinawas heute im Alter von etwa 55 Jahren Krankheiten ein, die sich in hohem Mass durch den schlechten Lebensstil erklären. Leberschäden sind gerade unter Männern stark verbreitet, Herz- oder Nierenversagen und Diabetes wesentlich häufigere Todesursachen als im restlichen Japan.

Alles verändert sich

«Den Slogan, dass Okinawa das Land der Langlebigkeit ist, können wir langsam vergessen», meint Makoto Suzuki. Obwohl die Regionalregierung versucht, das Problem mit Diätplänen in Schulen in den Griff zu bekommen, hegt er kaum noch Hoffnung. Es sei ja nicht nur das Essen, das alles verändert habe. «Durch die Urbanisierung verschwinden auch die alten Werte, die die Menschen zusammenhielten.» Die Anzahl Älterer, die in Pflegeheimen wohnen, steigt kontinuierlich.

Eine Ausnahme bildet bis heute das kleine Dorf Ogimi im Norden der Inselgruppe. Hatsu Yamakawa schüttelt den Kopf: «Als ich aufwuchs, hatten wir auf Okinawa nicht viel zu essen. Wir gingen vorsichtig damit um. Aber heute schmeisst man einfach weg, was übrig bleibt.» Sie würde das nie tun, sagt Hatsu Yamakawa.

Aber auch Ogimi dürfte nicht auf ewig verschont bleiben. Im Gegenteil: Die Schule in der Nachbarschaft beispielsweise hatte früher mal 600 Schüler. Heute sind es noch deren 40. Allein in den letzten fünf Jahren ist die Bevölkerung um weitere fünf Prozent geschrumpft. Und so mutet das Fazit fast schon zynisch an: Das Dorf der Hundertjährigen droht tatsächlich auszusterben – und mit ihm die Geheimnisse für ein langes Leben.

Glücklich gescheitert

Der deutsche Journalist und Japankenner Felix Lill wollte es wissen: Bei seiner Recherche auf der Inselgruppe Okinawa nahm er sich vor, die Formel für ein langes Leben zu beherzigen, die den Menschen dort zu einem einzigartig langen Leben verhilft – den Magen nur zu achtzig Prozent zu füllen. Daraus wurde nichts. Sushi, Schweinefleisch und Getreideschnäpse machten ihm einen leckeren Strich durch das Vorhaben. Und ihn satt und glücklich. Er lebt damit vielleicht nicht länger. Aber womöglich lieber.

Empfehlungen der Redaktion

Heft 04/14

Japanische Küche: Sushi wie beim Meister

Mehr aus der Rubrik

Glosse

Gummi-Manie auf Schweizer Flüssen

Von Sven Broder