Das Kompliment

Liebe Anna Rosenwasser

Text und Foto: Jessica Prinz

Wenn ich an dich denke, durchströmt mich grad die Liebe. Ein gewagter Einstieg, ich weiss. Tönt ein wenig creepy, ich weiss. Ich weiss aber auch, dass ich dir das so schreiben kann, ohne dass du es falsch verstehst. Dass ich das auch sagen kann, obwohl wir uns nur einmal für ein Interview getroffen haben und ich dich sonst nur auf Social Media stalke, unter deinen Beiträgen ein Herz platziere und sie teile – um meiner Bubble mit deiner Liebe ein wenig den Alltag zu versüssen.

Auf Facebook hast du einmal darüber geschrieben, dass «Ich liebe dich» nicht für Pärchen reserviert sein, sondern auch immer wieder Freunden gesagt werden sollte (übrigens einer dieser Beiträge, die ich geteilt habe!). Liebe ist für dich also nichts Beängstigendes, öffentliche Liebesgeständnisse genauso wenig. Wieso sollte es auch? Vielleicht, weil wir Angst davor haben, uns verletzlich zu machen. Vielleicht aber auch, weil Liebe und Verliebtsein nicht für alle positiv konnotiert ist. Ist man verliebt – egal, ob in einen Menschen, in das Leben oder in eine bestimmte Sache –, reagieren die Leute ja immer ein wenig skeptisch. Es wird einem schnell unterstellt, dass man nicht bewusst und logisch handelt, dass man nicht bei klarem Verstand ist und das Wesentliche vergisst. Du, liebe Anna, lässt dich von der Liebe nicht verwirren, ganz im Gegenteil. Ich glaube sogar, bei dir bewirkt die Liebe genau das Gegenteil. 

Sie treibt dich an, die Liebe zum Leben und zu den Menschen. Genau wie der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit und Fairness. Ob ganz privat, einfach als Anna, ob als Berufslesbe oder Vorzeige-Bisexuelle, als Testimonial für gemeinnützige Organisationen wie Viva con Agua oder beruflich in deiner Funktion als Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz: Du bist eine wahnsinnig engagierte Person. Eine aktive und aktivistische Frau, eine Macherin, eine, die Probleme erkennt und anpackt. Die sich natürlich auch immer mal wieder darüber aufregt, dass diese Probleme noch immer da sind, obwohl 2020 an die Tür klopft. Die aber – und das finde ich eine deiner besten Eigenschaften – trotzdem Folgendes nie vergisst: dass das Leben schön ist. Lebenswert. Sonnig und hell und bunt – wie ein Regenbogen. 

Stichwort Regenbogen, höhö. Dass in deinem Leben sowohl Heteros als auch Homos, Transfrauen und Bi-Männer und Queers ganz allgemein Platz haben, das wissen wir. Dass du selbst dich in Menschen statt in Geschlechter verliebst, auch. Was ich aber ganz fest an dir bewundere, ist, dass du so vorurteilslos wie nur möglich durchs Leben gehst. Heutzutage ist es gewiss nicht einfach, nicht überstürzt zu urteilen und sich – ob auf Tinder oder in Real Life – vorschnell eine Meinung zu bilden. Mir geht das auch so. Schon manches Mal habe ich auf den Tisch geklopft, ausgerufen und mich abgewendet, wenn mir am Mittagstisch wegen sexistischer Sprüche der Appetit verging oder jemand unreflektierte rassistische Bemerkungen fallen liess. Du bleibst in solchen Momenten freundlich und offen. Wie in der Doku-Webserie «Clash», in der sich zwei Persönlichkeiten begegnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Etwa du und ein Bodybuilder, der nicht weiss, dass in Zürich Schwulenbars existieren. Egal, womit du auch konfrontiert wirst, du entscheidest dich in solchen Momenten dafür, andere Meinungen anzunehmen, sie (immer respektvoll) zu hinterfragen – und sogar ehrlich darüber zu staunen, dass es ausserhalb deiner Bubble noch immer Menschen gibt, die von der Existenz von Homo-, Trans- oder Intersexualität nichts wissen.

Man erlebt dich – im Gegensatz zu anderen Aktivistinnen – nie verbissen oder bevormundend. Trotz deiner Unbeirrbarkeit willst du niemandem deine Meinung aufdrücken, sondern bevorzugst es, freundlich auf Lücken in der Argumentation aufmerksam zu machen und somit dein Gegenüber zu neuen Erkenntnissen zu bringen. Und das immer herzlich und mit einem strahlenden Lächeln. Liebe Anna, deswegen bist du für viele Menschen ein tolles Vorbild. Und davon möchte auch ich mir eine Scheibe abschneiden.

Mit viel Liebe,
Jessica

Jessica Prinz ,
Junior Editor
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