Begegnung

Unsere Amici: Wie Italiener in der Schweiz leben

Text: Stefanie Rigutto;Fotos: Flurina Rothenberger

Unsere Amici: Wie Italiener in der Schweiz leben
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Assunta (65) und Stefano Rubino (69) – sie kam mit 17 Jahren in die Schweiz. Von Steckborn mag sie nie lange fernbleiben: «Ich vermisse es zu fest.»

Assunta Rubino (rechts) mit Tochter Angela, Mann Stefano und Schwester Gina

Stolz zeigt Cristina Soldani (72) ihr famoses Outfit, das sie 1967 zur Hochzeit trug

Er hat sein Leben lang für andere Häuser gebaut: Santino De Luca musste 70 Jahre alt werden, bis er und seine Maria ihre eigenen vier Wände beziehen konnten

Maria De Luca entdeckt ihre neue Heimat...

...mit Santino im VW Käfer.

Noch heute zuckt Raffaele Rizzello (65) beim Wort Tschingg zusammen

Raffaele Rizzello flüchtete vor dem Militär in die Schweiz

Ciccio Spadea (66) träumt von einer Rückkehr nach Kalabrien. Nicht so seine Frau Vincenza (59): «Was will ich dort? Alles, was mir wichtig ist, ist hier»

Ciccio Spadea und seine Frau Vincenza in jungen Jahren

«Schatzeli, willst du etwa sagen, unser Leben ist ein Tiramisù?» Augusto (69) und Maria (67) Capozzi

Mallorca 1973: Maria und Augusto Capozzi lieben es, in der Welt herumzureisen

In den Sechzigern schimpften wir sie «Tschingge», heute sind die Italiener unsere Lieblingsausländer. Und längst ein Teil von uns. Aber wie viel Schweiz steckt eigentlich in ihnen?

Einige finden, Heimat ist dort, wo man geboren ist. Andere: Heimat ist dort, wo das Herz lacht. Augusto Capozzi sagt: «Heimat ist dort, wo man Arbeit hat und ein gutes Leben führen kann.» Augusto Capozzi ist 69 Jahre alt und braun gebrannt; von den Ferien in Ägypten. Reisen ist das Hobby von ihm und seiner Frau Maria. Und reisen tun sie nur mit dem Schweizer Pass. Nicht mit dem italienischen. «Man wird einfach besser behandelt», findet er. Das Paar hat die Welt gesehen. China, Sydney, Buenos Aires. Das Land, das ihnen am besten gefällt: «La Svizzera!», ruft Maria Capozzi. Sie möge es, wenn alles geordnet ist. Und was ist mit Italien? «Ach», meint sie, «dort fühle ich mich heute so fremd wie in den Sechzigern in der Schweiz.»

Als Italiener sterben

Zwei Tage zuvor habe ich Ciccio Spadea getroffen. Er sagt: «Jeden Morgen, wenn ich aufwache, bilde ich mir ein, das Meer vor der Küste Kalabriens zu hören.» Ciccio Spadea ist Mitte sechzig und hat – seit er als 17-Jähriger in die Schweiz kam – stets auf dem Bau gearbeitet. Nach einem Schluck starkem italienischem Kaffee gesteht er: «Ich habe nie aufgehört zu träumen, dass ich eines Tages zurückkehren werde.» Seine Frau Vincenza lächelt nur mild. Sie wisse schon, warum Ciccio wieder nach Italien will: «In seinem Dorf ist er der König.» Hier in der Schweiz dagegen sei Ciccio ein ganz normaler Rentner. Er schmunzelt: «Wissen Sie was? Ich möchte mich einen Tag vor meinem Tod einbürgern lassen. So stirbt ein Schweizer, kein Italiener.» Seine Frau: «Diesen Witz erzählt er gern.»

Dies ist die Geschichte jener Frauen und Männer, die in den Sechzigern als junge Erwachsene aus Italien in die Schweiz gekommen sind, mit der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Es ist die Geschichte jener Menschen, die man einst als Tschinggen beschimpfte – und die heute, ein halbes Jahrhundert später, unsere Lieblingsausländer sind.

In die Migros wegen der Bananen

Augusto Capozzi trägt ein perfekt gebügeltes Hemd, am Handgelenk glänzt eine schöne Uhr. Guschti nennen ihn seine Schweizer Freunde. Tief ins bequeme Sofa zurückgelehnt, erinnert er sich an die Zeit in den Sechzigern, als er beim Küchenbauer Bruno Piatti in Dietlikon arbeitete: «Jeden Samstagmorgen fuhren wir nach Zürich in die Migros City.» Er habe vor allem Bananen gekauft. «Hier waren sie viel billiger als in Italien!» Danach gingen sie ins Restaurant Cooperativo. «Dort gabs Poulet mit Pommes frites und Salat.» 4.50 Franken kostete es – er weiss es noch genau. Nur ein einziges Mal hat Augusto Capozzi nach seiner Immigration der Schweiz den Rücken gekehrt: als es im Winter 1963 so kalt war, dass der Zürichsee gefror. Da beschloss der junge Mann, damals gut 20-jährig: «Die Schweiz ist nichts für mich» – und kehrte heim. Doch zurück in Santeramo in Apulien, fragten sie: Was willst du hier? Es gibt keine Arbeit! Ein Viertel der Dorfbewohner war da bereits in die Schweiz ausgewandert. Eine Woche später war auch Augusto Capozzi wieder hier.

Ciccio Spadea sagt über die Anfangszeiten: «Wir hatten es gut.» Die Italiener in der Schweiz seien eine grosse Familie gewesen. Man habe zwar wenig gehabt, aber man habe sich umeinander gekümmert. Man lieh sich Lebensmittel und Benzin aus, der eine lud sonntags zum Kaffee, beim anderen durfte man Fussball schauen. «Mit dem Wohlstand ist auch die Einsamkeit gekommen», findet Ciccio Spadea.

Die Rente ist knapp

Die Wohnung im zürcherischen Wädenswil ist geräumig, der Fernseher gross. Es läuft Rai 1. Doch das Bild trügt: Seine Rente von 2000 Franken reicht nicht einmal, um regelmässig mit dem Zug seine Freunde zu besuchen. In der Nacht könne er nicht mehr schlafen, mache sich Sorgen. Seiner Frau sei die IV-Rente gestrichen worden, und für die AHV sei sie noch zu jung. Ciccio Spadea sagt: «Wir haben die Schweiz aufgebaut – und jetzt lässt man uns im Stich. Es hat uns nie an etwas gefehlt. Bis heute.»

Wie kam es überhaupt, dass in den Sechzigern so viele Italiener einwanderten? Nach dem Zweiten Weltkrieg schrie die Schweiz nach Arbeitskräften – Italien jedoch lag darnieder. Die italienische Regierung gab an die Bevölkerung die Parole durch: Sucht euer Glück im Ausland, verdient Geld, und kommt wieder zurück. Dafür erleichterte sie die Emigration und unterschrieb 1948 mit der Schweiz das erste Rekrutierungsabkommen. Nun kamen – anfänglich aus dem Norden Italiens, danach aus dem Süden – die sogenannten Saisonniers. Sie durften nur neun Monate bleiben.

Der Schweizer Wohlstand wuchs

Der Wohlstand in der Schweiz wuchs, die Wirtschaft brummte – und bald schon realisierte man: Der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern strukturell bedingt. Also erlaubte die Schweiz – das war Anfang der Sechziger – langfristige Aufenthalte mit Aussicht auf Einbürgerung. Nun kam halb Italien. Assunta Rubino war eine davon. Sie war erst 17 Jahre alt, aber bereits verheiratet. Vom ersten Tag an arbeitete sie in der Nähmaschinenfabrik Bernina im thurgauischen Steckborn. Fast ein halbes Jahrhundert lang, bis man sie kurz vor der Pensionierung entliess. Assunta Rubino schluckt schwer: «Die Fabrik war mein Leben.» Schaut sie aus dem Fenster, sieht sie in der Ferne den roten Bernina-Schriftzug.

Wie war die Atmosphäre damals in der Fabrik? «Bella, bella, bella», strahlt Assunta Rubino. Auch der Chef sei hochanständig gewesen. Nur einmal, als sie zu viel geschwatzt habe, da sei er gekommen und habe sie am Ohr gezogen. Sie sei rot wie ein Peperone geworden, und alle hätten gekichert. Ihr Mann ist momentan in Apulien und bringt das Sommerhäuschen in Schuss. Assunta Rubino folgt ihm in den nächsten Wochen. Aber lange weg sein von Steckborn könne sie nie. «Ich vermisse es zu fest.» Was ihr hier denn so gefalle? «Die Bürokratie!», ruft sie und lacht ihr lautes, schönstes Lachen.

Das blanke Chaos

In Italien dagegen regiere das blanke Chaos: «Es ist noch schlimmer als damals, als ich gegangen bin.» Und was rät sie den jungen Italienern, die heute in die Schweiz kommen? «Sie sollen einen Deutschkurs besuchen. Ich bereue, dass ich das nie gemacht habe – aber wir dachten, wir würden nur fünf, sechs Jahre bleiben.»

Nicht alle, die damals in die Schweiz auswanderten, kamen wegen der Arbeit. Cristina Soldani zum Beispiel kam wie so viele Frauen der Liebe wegen. Cristina Soldani – stilvoll gekleidet und sehr gepflegt – ist 72 Jahre alt und wohnt mit ihrem Mann in einer modernen Siedlung oberhalb von Meilen im Kanton Zürich. Sie wuchs in Florenz auf als Tochter eines Bankdirektors und arbeitete als Gouvernante in Luxushotels. «Wir waren nicht reich, aber uns ging es gut», sagt sie. Doch da war eben dieser Mann, dem sie – unsterblich verliebt – mit ihrem Fiat Cinquecento («Im Schneckentempo über den Gotthard!») in die Schweiz folgte.

Im Schneckentempo in die Schweiz

Ihr erster Eindruck, als sie in Zürich ankam? «Uuuuh», ruft sie, die Bahnhofstrasse habe ihr gefallen. Aber nur eine Strasse daneben sei alles so rückständig gewesen wie in einem italienischen Kaff. Und erst die Unterwäsche, die in den Kleiderläden hing: «Diese Unterhosen hätte nicht einmal meine Nonna angezogen!» Damals sei sie vor Heimweh fast krank geworden. Und heute? Sie sagt: «Mein Florenz, das ich geliebt habe, gibt es schon lange nicht mehr.» In der Schweiz arbeitete Cristina Soldani wieder in Hotels – und verdiente nur halb so viel wie in ihrer Heimat. «Für mich wars ein Abstieg», sagt sie.

Die Wohnung an der Bertastrasse in Zürich teilten sich die Soldanis mit drei anderen Paaren. Wollten sie Licht im Zimmer, mussten sie Geld in einen Münzautomaten werfen. Warmes Wasser gab es nicht – geduscht hat Cristina Soldani bei der Arbeit im Hotel. Als einmal ihre Eltern aus Florenz sie besuchen kamen, waren sie erschüttert, wie ihre Tochter in der Fremde lebte. Sie sagten: «Erzähl bitte niemandem zuhause davon.» Die Wohnungssuche in der Schweiz war zu jener Zeit ein Desaster: «Wenn man sagte, man sei Italiener, knallten sie einem die Tür vor der Nase zu», erinnert sich Cristina Soldani. Und dennoch: Als ich sie für das Interview anfragte, hatte sie am Telefon bereits klargestellt: «Wenn Sie jemanden suchen, dem man Tschingg hinterhergerufen hat, dann bin ich die Falsche!» Nur einmal habe eine Arbeitskollegin gemeint: «Du als Italienerin isst doch sicher nur Spaghetti.» Da habe sie geantwortet: «Ja, zum Zmorge, zum Zmittag und zum Znacht! Sempre Spaghetti!»

Auch Assunta Rubino aus Steckborn sagt, das Wort Tschingg habe man ihr nie nachgerufen. Schilder mit der Aufschrift «Zutritt für Hunde und Italiener verboten» habe es in ihrem Dorf nicht gegeben. «Keiner in Steckborn hat mich je spüren lassen, dass ich Ausländerin bin. Ich liebe mein Dorf», sagt sie und hängt ein «Moll, isch würkli so!» an. Klar, sagt sie, die Schweizer seien damals sehr zurückhaltend gewesen. «Aber sie hatten recht, denn viele von uns waren nicht ehrlich.»

Cinque!

Tschingg – der Begriff geht auf das Fingerspiel Mora zurück, das von den italienischen Einwanderern damals oft und gern gespielt wurde. Es ähnelt dem Spiel «Schere, Stein, Papier»: Zwei Spieler schnellen die Faust vor, zeigen mit den Fingern eine Zahl und raten lauthals die Summe – oft ist es die Fünf: «Cinque!»

Raffaele Rizzello zuckt zusammen, wenn er das Wort hört: «Era bruttissimo», sagt er, «es war schlimm.» Er habe nie verstanden, was die Leute damit ausdrücken wollten. «Zigeuner? Fremder? Unerwünschter?» Heute jedoch, sagt er, würden die Schweizer die einstigen Tschinggen respektieren. «Wir gehören dazu. Und die Schweizer sind ja auch stolz auf ihr Multikulti-Land, nicht?» Raffaele Rizzello hat bis vor kurzem ein Restaurant am Zürichsee betrieben, im April ging er in Pension. Wie Cristina Soldani kam auch er nicht wegen der Arbeit. Er flüchtete vor dem Militär. «Ich war Pazifist», sagt er. Der grösste Schock in der Schweiz sei aber nicht das Wort Tschingg gewesen, sondern die Schwarzenbach-Initiative.

Rund 580 000 Italiener lebten 1970 in der Schweiz, sie machten gut die Hälfte der Ausländer aus. Man müsse der Überfremdung Einhalt gebieten, forderte James Schwarzenbach, damals Nationalrat und Präsident der Partei Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat. Schwarzenbach, der als erster Schweizer Politiker die Karte des Rechtspopulismus auszuspielen verstand, wollte den Anteil der Ausländer auf zehn Prozent beschränken. Raffaele Rizzello erinnert sich: «Ich war ein stolzer Italiener. Stolz auf meine Geschichte, meine Kultur, mein Essen. Und da kommt dieser Signor Schwarzenbach und verpasst mir eine Ohrfeige.» Da habe er zum ersten Mal gespürt, was Fremdenhass bedeutet. Die Initiative wurde mit 54 Prozent abgelehnt. «La grande paura è passata», sagten die Italiener. Die grosse Angst ist vorbei. Danach, sagt Raffaele Rizzello, habe sich das Blatt gewendet.

Italien war angesagt

Die Achtziger seien die tollste Zeit für jeden Italiener in der Schweiz gewesen. «Alles, wo Italien draufstand, war angesagt.» Die Schweizer wollten Pizza essen, Chianti trinken und zu Italopop von Al Bano und Romina Power tanzen. «Wir Italiener waren plötzlich die tollen Hengste, die gut aussahen und die richtige Sonnenbrille trugen», grinst Raffaele Rizzello. Es war die Zeit, als er im Tivoli in Spreitenbach die erste Italo-Disco eröffnete. «Dann kam 1994 Berlusconi an die Macht und hat unser schönes Image wieder versaut.» Raffaele Rizzello wohnt seit Jahrzehnten hier, ist verheiratet mit einer Schweizerin und feiert mit seinem Enkel den 1. August. Aber wenn er – sagen wir – nach Indien reisen würde und es fragte ihn dort einer, woher er komme, dann würde er antworten: «Ich bin von Porto Cesareo am Ionischen Meer in Apulien. Von dort bin ich.»

Hat er Heimweh? «Dauernd.» Doch nach Italien zurückzukehren, das kommt auch nicht infrage. «Ich könnte nicht mehr dort leben», sagt er. Im Kopf sei er längst Schweizer geworden. Zudem sei die Lage in Süditalien «molto triste»: «In Italien wäre alles schlechter. Nur das Herz, das Herz würde jubeln!»

Die Rückkehr in die Heimat

Ciccio Spadea hat es versucht. 2003 erleichterte Berlusconi die Rückkehr für Exil-Italiener und bot ihnen eine monatliche Rente von 412 Euro an. Ciccio Spadea wusste: Jetzt oder nie! Und liess dafür sogar seine Vincenza in der Schweiz zurück. Sie wollte nicht mitkommen. Sie erklärt: «Was wollte ich dort? Unser Leben, unsere Kinder, unsere Enkel – alles, was mir wichtig ist, ist hier.» Doch Ciccio Spadea war glücklich in Italien. Er war wieder zuhause. Dort, wo er seine Jugend, die schönsten Jahre seines Lebens, verbracht hatte. «Es war nicht mehr dasselbe Italien wie früher – aber es gefiel mir trotzdem.» Dann wurde seine Frau krank. Und auch er bekam gesundheitliche Probleme. Und in Kalabrien ins Spital gehen? «Noooo, per l’amor di Dio! Das wäre das Todesurteil!», ruft er. Nach drei Jahren kam Ciccio Spadea wieder zurück in die Schweiz. Und sagt: «Mein Traum von einer glücklichen Rückkehr wird wohl bleiben, was er ist: ein Traum.»

Wie viele Vertreter der ersten Einwanderergeneration schüttelt auch Raffaele Rizzello heftig den Kopf auf die Frage, ob er sich habe einbürgern lassen. «Sono troppo italiano», sagte er. Er sei zu fest Italiener. «Ich fühle mich immer noch als Gast. Und ich möchte einer bleiben.» Cristina Soldani, die wegen der Liebe in die Schweiz kam, sagt: «Ich bin als Italienerin geboren und werde als Italienerin sterben.» Viele sahen auch gar nie einen Grund, sich einbürgern zu lassen. Assunta Rubino aus Steckborn etwa sagt: «Um in der Fabrik einen Schraubenzieher zu bedienen, reichte mir der italienische Pass.» Und heute sei sie «total integriert», kenne das ganze Dorf – wozu also?

Doppelbürgerschaft gab es damals nicht

Maria und Augusto Capozzi jedoch nahmen 1981 voller Überzeugung die Schweizer Staatsbürgerschaft an. «Wir wollten eine gewisse Sicherheit», sagen sie. Dafür opferten sie den italienischen Pass – die Doppelbürgerschaft gab es damals noch nicht. Er habe, sagt Augusto Capozzi, keine Sekunde darunter gelitten. Und seine Maria findet: «Ach, das ist doch nur ein Dokument!» Natürlich hatten auch sie damals den Film «Die Schweizermacher» gesehen. Der Polizist, der zu ihnen nachhause kam, meinte in Anspielung darauf: «Ich werde übrigens nicht in eurem Abfall wühlen.» Man kannte sich eh, die Kinder gingen zusammen in den Kindergarten. «Es war eine Formalität», sagt Maria Capozzi. Sie streicht ihren selbst geschneiderten Jupe glatt und offeriert ein Biscotto.

Ob mit oder ohne rotem Pass, die meisten Italiener leben schon so lange hier, sind so gut integriert, dass man sie oft gar nicht mehr als Ausländer wahrnimmt. Santino De Luca meint dazu: «Wir sind Teil der Schweiz, Teil ihrer Geschichte.» Er erzählt die Episode, als er mit seinen Schweizer Freunden im Café war und einer über die «Ausländer» lästerte. Da sagte er: «Hey, da sitzt einer am Tisch!» Worauf die anderen ausgerufen hätten: «Ach, das zählt doch nicht, du bist kein Ausländer!» Santino De Luca lächelt versonnen. Er wohnt mit seiner Frau in Wigoltingen im Thurgau. Maria De Luca geht seit zwanzig Jahren ins Hausfrauenturnen. Sie bietet einen Cappuccino an. Von Nespresso. Früher habe man dafür ja immer in die Bar gehen müssen, sagt sie. «Na», wirft ihr Mann ein, «als wir in die Schweiz kamen, da kriegte man hier nur einen Kafi Crème!»

In zwei Welten zuhause

Das Paar wohnt in einem neuen Einfamilienhaus. Alles riecht nach frischer Farbe. Santino De Luca hat sein Leben lang Häuser für andere gebaut. Er musste siebzig Jahre alt werden, um sein eigenes zu bekommen. «Wir können es immer noch nicht glauben, dass wir jetzt in diesem grossen schönen Haus wohnen», sagt er. Wo ist Heimat für sie? «Eeeeh», antworten die De Lucas mit einer Stimme, «gute Frage!» Hier seien sie die Italiener, aber wenn sie in die Ferien nach Italien gingen, dann hiesse es: Schaut, die Schweizer kommen! «Wir sind zweimal Fremde», sagt Santino De Luca, nur um sich sogleich zu korrigieren: «Ich muss es anders sagen: Wir sind in zwei Welten zuhause.» Und diese beiden Welten, findet Maria De Luca, seien eine perfekte Kombination.

Sie sagt: «Es ist wie bei einem Tiramisù. Die Schweiz ist das Löffelbiskuit – stabil, schön geordnet, aber auch etwas trocken und steif.» Italien dagegen sei der starke Espresso, der süsse Amaretto, der zarte Mascarpone. «Erst die Kombination macht dieses Dessert so lecker!» Er, etwas verwirrt: «Schatzeli, willst du etwa sagen, unser Leben ist ein Tiramisù?» Sie: «Hast du etwas dagegen?» Er: «Überhaupt nicht. Io amo Tiramisù.»

Die Italo-Schweiz in Zahlen

583 000 Italiener lebten 1970 in der Schweiz, sie machten 54 Prozent der Ausländer im Land aus. Doch die Wirtschaftskrise in den Siebzigern zwang viele zur Rückkehr. Ihr Anteil an der ausländischen Wohnbevölkerung ist massiv gesunken: Heute machen die Italiener noch 16 Prozent aus, knapp 300 000 Personen. Das entspricht etwa der Zahl deutscher Bürger in der Schweiz.

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