Heft 17/15

Wie ist es eigentlich, seine Schwestern in sich zu tragen?

Aufgezeichnet von Gaby Herzog; Bild: Freeimages.com

Wie ist es eigentlich, seine Schwestern in sich zu tragen?

Hannah Berger (43), Eventmanagerin, erzählt, wie es ist, seine Schwestern in sich zu tragen.

«Du hast Energie für drei», haben meine Freunde immer gestaunt, wenn ich – trotz zwei Grossprojekten im Job – spontan mit meinen Nachbarn am Wochenende das Treppenhaus renoviert und nebenbei den Junggesellinnen-Abschied meiner Arbeitskollegin organisiert habe. Als Event-Managerin liebe ich Trubel, Zeit für mich allein brauche ich nicht, in Gesellschaft ist alles schöner. Solange ich denken kann, bin ich ein Herdentier. Eigentlich wäre es da ja naheliegend, selber eine grosse Familie zu haben. Aber ich bin einfach nicht schwanger geworden. Warum, wusste ich nicht – bis zum 10. Juni 2010.

Bei einer Vorsorgeuntersuchung entdeckte meine neue Frauenärztin eine Geschwulst am Eileiter. Die erste Diagnose war Krebs. Die Wucherung war 20 mal 15 Zentimeter gross und füllte das kleine Becken vollständig aus. Als ich in die Klinik ging, war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Doch was dann passierte, hat mein Leben auf ungeahnte Weise durcheinandergebracht.

Vor der OP schob man mich in den Kernspintomografen. Die Bilder waren verwirrend. Mein vermeintlicher Tumor bestand aus zwei Teilen, hatte Zähne, Knochen und ein eigenes Nervensystem. In der Fachsprache werde so eine Geschwulst Teratom genannt, erklärte der Arzt, das sei eine Verwachsung aus einem embryonalen Keimblatt. Unter Keimblättern versteht man die Zellschichten des Embryos, die bereits einen ersten Schritt in ihrer Entwicklung zu einem bestimmten Gewebe absolviert haben. Teratome wachsen über Jahre unentdeckt im weiblichen Unterleib, sie können aber auch am Steissbein, am Ohrläppchen, im Hirn oder an den Hoden eines Mannes gedeihen. Wie genau das Phänomen entsteht, ist noch weitgehend unbekannt. Aber, sagte der Arzt, ich könne mir das wie Überreste meiner Drillingsgeschwister vorstellen, die ich schon seit meiner Geburt in mir trage.

Nach der Operation ging ich in die Pathologie, um nachzusehen, was da aus mir rausgeschnitten worden war. Das erste Teratom war so gross wie ein Meerschweinchen, das zweite wie ein Hamster. Zusammen wogen sie 2.5 Kilo. Auch wenn der Anblick nicht schön war, Ekel habe ich keinen empfunden. Ich habe zwar keine menschlichen Umrisse, keine Arme und Beine erkannt, aber die Teratome waren von einer dicken Hautschicht umgeben, und es sah aus, als würden sie, wie in einem Schlafsack, tief und fest schlafen. Das grössere hatte weiche lockige Haare. Rotblond. Dieselbe Farbe wie ich. Ich war gerührt.

Die Ärzte betrachteten das Phänomen nüchtern. Die Geschwulste waren gutartig, und ich könne froh sein, die «fiesen Dinger» los zu sein, hiess es. Aber so einfach war das für mich nicht. Ich habe den Gedanken nicht ertragen, dass die beiden Wesen im Klinikabfall landen. Auch wenn die Teratome nie zu vollständigen Menschen herangewachsen sind, haben sie mich doch begleitet. Vielleicht sind sie der Grund, dass ich mich nur in der Gruppe richtig wohlfühle?

Mittlerweile ist es mir egal, ob die beiden meine Schwestern gewesen sind oder nur zwei verirrte Keimzellen. Sie haben mein Leben beeinflusst. Schon als Achtjährige habe ich immer wieder an Unterleibsschmerzen gelitten. Die Ärzte konnten nichts finden und sprachen von einer psychosomatischen Erkrankung. In meiner Familie wurde das übersetzt mit «Hannah will sich wichtig machen».

Ich habe darunter gelitten. Eine Zeit lang war ich richtig wütend auf meine heimlichen Geschwister. Weil sie sich in mir festgesetzt hatten, konnte niemals ein Kind in mir wachsen! Aber dann habe ich beschlossen, an das Gute der Geschichte zu glauben und die beiden Wesen als meine persönlichen Schutzengel zu sehen.

Ich habe die beiden Schwestern im Garten unter dem Apfelbaum vor dem Wohnzimmerfenster begraben und obendrauf drei Rosenstöcke gepflanzt. Heute, fünf Jahre später, sind zwei der Bäumchen eingegangen. Aber der dritte wächst wunderschön und üppig.

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