Achtsamkeit

Das grosse Geschäft mit dem Seelenheil

Text: Anna Gielas; Bild: Getty Images

Achtsamkeit
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Millionen erhoffen sich, durch Achtsamkeit persönliche Harmonie und Gelassenheit zu finden – und machen sie damit zum Milliarden- Geschäft. Auch in der Schweiz wird das Meditationskonzept angeboten.

Setz dich bequem hin. Richte deinen Oberkörper auf und schliesse deine Augen. Spüre den Atem. Er ist dein Anker in der Gegenwart. Folge dem Heben und Senken deines Bauches. Merke, wenn deine Gedanken zu wandern anfangen, lass sie ziehen – komm zurück zu deinem Atem …» So lautet eine Anleitung für Achtsamkeit. Im Internet finden sich allein auf Deutsch rund 1 450 000 davon, und sie alle laufen auf dieselbe Definition hinaus: Achtsamkeit ist geleitete Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit richtet sich auf innere und äussere Erfahrungen des Augenblicks, auf das Hier und Jetzt. Etwa auf den eigenen Atem. Oder den Windhauch auf der Haut. Darauf, den Moment zu erleben und weder an vorher noch nachher zu denken. Achtsamkeit – das ist doch etwas mit Meditieren und Entspannen, oder? Genau. Und das Konzept tönt banal einfach. Doch wer es probiert, merkt schnell: Bereits zwei oder drei konzentrierte Minuten sind eine Herausforderung. Kaum jemand schafft es, ohne Übung im Augenblick zu verweilen. Das widerspricht grundlegenden Hirnfunktionen und unseren ewig abschweifenden Gedanken. Diese Tagträumerei setzt schnell ein, weil sie das Gehirn in einen angenehmen Leerlauf-Modus versetzt. Dagegen ist Konzentration harte Arbeit. «Aber eine Sache ist ganz wichtig», sagt der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn. «Achtsamkeit ist frei von Bewertungen und Kritik, von innerer Nörgelei. Frei von gedanklichem Gemecker.»

Jon Kabat-Zinn, gebürtiger New Yorker (74), gilt als Vater der Achtsamkeit als neo-spirituelles Konzept, dem sich Millionen von Menschen auf der Suche nach Seelenfrieden verschrieben haben. In den 1970er-Jahren kam Kabat-Zinn als Student der Bostoner Elite-Schmiede Massachusetts Institute of Technology mit Meditationstechniken in Berührung und beschäftigte sich intensiv mit den Philosophien des Buddhismus, denen das Konzept der Achtsamkeit zugrunde liegt. In der Folge begann er, die Achtsamkeit, auf Englisch Mindfulness, zu erforschen, motiviert vom Wunsch, dem Einzelnen und damit der gesamten Gesellschaft zu helfen. Dieser Wunsch trieb ihn auch immer wieder auf die Strasse: «Wir protestierten gegen den Atomkrieg, gegen die Regierung, gegen die Behandlung von Afroamerikanern», erzählt er dem «Guardian». Als politischer Aktivist wurde Kabat-Zinn unzählige Male verhaftet. Seine wilden Tage sind allerdings längst vorbei. Zu Beginn seiner Forschung wollte er nicht allen den Seelenfrieden bringen, sondern hauptsächlich Schmerzpatienten. Nach seiner Promotion in Molekularbiologie ging er an die University of Massachusetts Medical School in Boston. Hier hatte er es hauptsächlich mit Betroffenen von chronischen Rücken- und Kopfschmerzen zu tun. «Ich organisierte ein achtwöchiges Programm von Achtsamkeitsmeditation», schrieb Kabat- Zinn in einer seiner damaligen Untersuchungen. «Und mehr als die Hälfte der Teilnehmer berichtete über einen deutlichen Rückgang der Schmerzen.» Seine Studie war solid, die Resultate robust. Kabat-Zinns Kollegen zeigten sich beeindruckt: Der Forscher hatte eine ebenso billige wie scheinbar nebenwirkungsfreie Schmerzbehandlung entdeckt.

ACHTSAMKEIT ALS
EIN INSTRUMENT DER
SELBSTOPTIMIERUNG.
WAS WÜRDE BUDDHA
DAZU SAGEN?

 

Kabat-Zinn taufte die Methode Mindfulness-Based Stress Reduction ( MBSR), die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Wie hat es Kabat-Zinn geschafft, mit der Achtsamkeit, einem so simpel tönenden, aber doch so komplexen Konzept die Welt zu erobern? Das wisse er selbst nicht, sagt er. Denn Kabat-Zinn hat das Phänomen nicht direkt und nicht bewusst initiiert. Achtsamkeit gewann erst seit der Jahrtausendwende an wirtschaftlicher Bedeutung. Manche spekulieren, dass populäre Forschungsrichtungen der Psychologie – vor allem die Positive Psychology – Verlagen, Kursveranstaltern und App-Programmierern zeigten, dass Menschen bereit sind, viel Geld für einfache und schnelle Methoden auszugeben, die geistiges und körperliches Wohlbefinden versprechen. Die Vermarktungsindustrie kam im Zuge dieser Beobachtung auf Kabat-Zinns Konzept der Achtsamkeit als eine dieser wissenschaftlich orientierten Quellen des Wohlbefindens, mit denen sich hohe Gewinne erzielen liessen. Heute ist Achtsamkeit ein Multi-Milliarden-Geschäft. Allein in den USA fährt sie jährlich rund 1.2 Milliarden Dollar ein. Der Wert der Achtsamkeits- und Meditations-App Calm, mit über vierzig Millionen Downloads weltweit, wird bereits auf eine Viertelmilliarde Dollar geschätzt. Achtsamkeit erobert die Weltwirtschaft. Und das nicht nur als Produkt. Auch als Strategie ist sie seit rund 15 Jahren hoch gefragt. Die erfolgreichsten Konzerne, allen voran Apple und Google, schwören auf sie. Der ehemalige Google-Software-Ingenieur Chade-Meng Tan hat 2007 einen Achtsamkeitskurs für Google-Mitarbeiter entworfen. Der «jolly good fellow» («sehr guter Kumpel»), wie seine offizielle Position im Unternehmen lautete, hat seitdem das «Search Inside Yourself Leadership Institute» («Suche in dir selbst»-Führungsinstitut) ins Leben gerufen und das passende Buch geschrieben: «Search Inside Yourself: Optimiere dein Leben durch Achtsamkeit».

Achtsamkeit als ein weiteres Instrument der Selbstoptimierung. Für mehr Wirtschaftskraft. Was würde Buddha dazu sagen? Im Buddhismus wird sie seit 2600 Jahren gelehrt. «Die ursprüngliche Bezeichnung im Sanskrit lautet ‹smrti› und wird auch als ‹Wachsamkeit› übersetzt», erklärt Karénina Kollmar-Paulenz, Direktorin des Instituts für Religionswissenschaft an der Universität Bern. Buddhismus ist ihr Schwerpunkt. Die Kultivierung von Achtsamkeit sei eng verbunden mit der Meditation und stehe im Zentrum der buddhistischen Lehre. «Denn Achtsamkeit ist eine Voraussetzung für Weisheit und Erkenntnis», sagt Kollmar-Paulenz. Für Buddhisten gehört Achtsamkeit zu jenem Weg, der aus der leidvollen Existenz in das Nirwana führt. Allerdings haben wir Westler die fernöstliche Achtsamkeit an unser Wollen und Brauchen angepasst. Für einige ist sie der Schlüssel zum optimalen Selbst. Anderen dient sie als Entspannung. Für andere wiederum gilt sie als das Instrument für glückliche Ausgeglichenheit. Dabei will Achtsamkeit im Buddhismus etwas ganz anderes: «Durch die genaue Beobachtung des Entstehens und Vergehens der eigenen und der ihn umgebenden physischen, emotionalen und mentalen Regungen erlangt der Meditierende die Einsicht, dass es kein ewiges Selbst und keine Seele gibt – und dass er lediglich aus einer Anhäufung temporärer, vergänglicher Elemente besteht», so Kollmar-Paulenz. «Die Erkenntnis, dass es kein Selbst gibt, bildet den Kern der buddhistischen Lehre.» In der Schweiz hielt Kabat-Zinns Konzept der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion vor über 15 Jahren Einzug, dank einer sechsköpfigen Gruppe mit verschiedenen Lebensläufen. Darunter war eine Kinderärztin aus St. Gallen, eine Yoga-Lehrerin aus dem Tessin und eine Unternehmenspsychologin aus Zürich. «Im Jahre 2003 haben wir das MBSR-Netzwerk gegründet», erklärt Béatrice Heller. Die Geschäftsleiterin des Zentrums für Achtsamkeit Schweiz war eine der sechs und ist bis heute dabei. Kabat-Zinn selbst ermunterte den damaligen Zusammenschluss. «Wir lernten ihn während seines Professional Retreat in Deutschland kennen», sagt Heller. Sie verbrachten sieben Tage auf engem Raum. «Eine Yoga-Matte berührte die nächste», so Heller. «Und gemeinsam liessen wir es von Tag zu Tag mehr zu, einfach da zu sein, einfach so zu sein, wie wir uns gerade fühlten, einfach wach und präsent zu sein, von Augenblick zu Augenblick.»

 

SELBST VOR DEM TOD
MACHT ACHTSAMKEIT NICHT
MEHR HALT: IN DEN USA GIBT
ES ACHTSAME BEERDIGUNGEN

 

2004 begann die kleine Truppe, achtwöchige Kurse nach Kabat-Zinns Vorbild in der Schweiz durchzuführen. Als immer mehr Interessierte dazustiessen, wurde das Netzwerk 2009 zum MBSR-Verband Schweiz. Heute zählt der Verband über 200 MBSR-Lehrerinnen und -Lehrer. Es gibt hierzulande auch mehrere Institute, die Lehrende ausbilden. Welchen Quali- tätskriterien gehorchen sie? Primär Kabat-Zinns Wort. «Sein Konzept der Achtsamkeit bietet Antworten auf zentrale Fragen», sagt Heller. Etwa: Wie kann ich in Anbetracht des Lebens und seines grösstenteils unkontrollierbaren Auf und Ab einen Weg finden, ein mitfühlendes und sinnvolles Leben zu führen? Wie kann ich das Mitgefühl für mich selbst und andere erhöhen und Weisheit erlangen? «Bei Achtsamkeit geht es um eine persönliche und – basierend auf der Veränderung des Einzelnen – auch um eine gesellschaftliche und kulturelle Transformation», betont Heller. Für diese Transformation müssen wir ins Portemonnaie greifen. Das achtwöchige Programm mit generell acht Sitzungen kostet zwischen 600 und 900 Franken. Auch der Vater der Achtsamkeit scheint in das Geschäft eingestiegen zu sein: Drei Versionen der Jon-Kabat-Zinn-Applikation (kurz: JKZ-App) sind online zu haben. Jede App kostet zehn Dollar. Wem Kabat-Zinns achtwöchigen Kurse zu lang dauern, findet online Angebote für die Fünf-und Drei- Minuten-Achtsamkeit. Sie locken mit Slogans wie «Do more with less effort» («Schaff mehr mit weniger Mühe») und «Buddhify your life» («Buddhifiziere dein Leben»). Und wer nur sechzig Sekunden investieren mag, dem steht Express-Achtsamkeit per Video zur Verfügung. Auch in der Schweiz werden die Angebote immer breiter: achtsames Reisen, achtsames Abnehmen, achtsames Wandern, achtsames Gebären, achtsames Erziehen, achtsames Leben. Für jede Lage die passend zugeschnittene Achtsamkeit. Selbst vor dem Tod macht Achtsamkeit nicht mehr Halt: In Deutschland, den USA und anderen Ländern gibt es achtsame Beerdigungen. «Achtsame Bestattungen», so die Online-Information eines Anbieters, «stehen für: Akzeptanz, Chance, Hoffnung, Toleranz, Sensibilität, Alternative, Mut, Energie» und so fort. Wir bekommen eine Liste mit zwanzig Stichwörtern. Am Ende sind wir ebenso schlau wie vorher. Etwas genauer wird der Anbieter, als es um die Kostenfrage geht: Der genaue Preis werde zwar individuell berechnet, aber Ratenzahlungen seien immer möglich und willkommen.

Kritiker spotten über solche Angebote. Achtsamkeit sei genau das geworden, was sie unterbinden sollte: eine Beschleunigungs- und Selbstoptimierungskultur. Sie sprechen von «McMindfulness». Eines der ersten Bücher zur McMindfulness kam letzten Sommer auf den US-Buchmarkt. Aber Spott ist hier fehl am Platz. Denn er lenkt von der Tatsache ab, dass anders als etwa Medikamente Achtsamkeitsprogramme nicht reguliert sind. Die Verantwortung bleibt bei uns Konsumenten – ebenso das Risiko. Denn die wenigsten Achtsamkeitsprogramme und Produkte basieren auf wissenschaftlichen Studien. Und jene, die gemacht wurden, sind zum Teil qualitativ fragwürdig: «Wissenschafter konzentrieren sich hauptsächlich auf positive Seiten der Achtsamkeit», sagt etwa die britische Psychologin Catherine Wikholm. Sie ist Mit-Autorin von «The Buddha Pill» («Die Buddha-Pille»). Das Buch ist eines der wenigen Sachbücher, welche die Risiken von Meditation und Achtsamkeit beleuchten. Wikholm und ihr Co-Autor Miguel Farias haben Studien aus den letzten vierzig Jahren durchforstet. Einige dieser Untersuchungen dokumentieren negative Erfahrungen von Meditierenden: Panikattacken, depressive und sogar psychotische Symptome seien bei ihnen aufgetreten. «Es war eine nihilistische Erfahrung, ganz schön furchterregend», so einer der Freiwilligen. Eine Studie belegte erhöhte Mengen des Stresshormons Cortisol bei Personen, die über mehrere Tage hinweg Achtsamkeit praktizierten. Doch diesen Beobachtungen geht kaum ein Forscher nach. Die Forschungslücken sind ein Problem. So stellt sich etwa die Frage, ob Achtsamkeit bestimmte psychische Erkrankungen verschlimmert. Doch füllen diese Wissenslücken meistens nicht Wissenschafter – sondern die Medien. Achtsamkeit wird generell als Mittel für alles hochgeschrieben und schafft es auf das Cover internationaler Magazine wie «Time» und «Newsweek». Willoughby Britton , Neurowissenschafterin und Psychologin an der amerikanischen Duke University, hält den Achtsamkeitstrend für einen bisweilen besorgniserregenden Hype. «Achtsamkeit ist eine Menge verschiedener Dinge», sagt sie. «Ob diese Praxis von Vorteil, unwirksam oder gar schädlich ist, hängt davon ab, wie eine bestimmte Person – mit bestimmten Zielen und Werten und Ausgangspunkten – auf eine bestimmte Art von Achtsamkeitspraxis in einem bestimmten Kontext reagiert.» Eine konkretere Antwort lässt sich Britton nicht entlocken. Immerhin rät sie Menschen mit Angststörungen und traumatischen Erfahrungen, mit einem Experten abzuklären, ob und welche Achtsamkeitsübungen für sie empfehlenswert sind. «Für sie ist der Rückzug in den eigenen Körper und das bewusste Atmen weder beruhigend noch sicher.» Flashbacks und Panikattacken könnten die Folgen sein. Generell müssen Menschen mit einem Trauma jedoch nicht zwangsläufig auf Achtsamkeit verzichten, betont Britton. «Sie können ihre Aufmerksamkeit ausserhalb des eigenen Körpers verankern, zum Beispiel mithilfe von Gegenständen.»

Sollten wir Achtsamkeit also lieber sein lassen und gar nicht erst auf den Trend aufspringen? Nein. Denn robuste Studien suggerieren, dass Achtsamkeit neben Stress auch bei Schlafproblemen hilft. Ausserdem scheint Achtsamkeit das körperliche und psychische Wohl von gesunden Menschen zusätzlich zu steigern. Das gilt für die Mehrheit der Studienteilnehmer. Letztlich aber muss jeder Einzelne für sich feststellen, ob Achtsamkeit gut für ihn ist oder nicht. Für manche ein Hype. Für manche eine interessante Aufmerksamkeitsform. Für andere wiederum wird Achtsamkeit zu einer Lebenshaltung. «Denn Achtsamkeit handelt davon, das Leben im Jetzt zu erleben, ohne sich in zwanghaften Reaktionen zu verlieren und dabei zu erschöpfen», sagt Béatrice Heller vom Zentrum für Achtsamkeit Schweiz. Sie handle davon, bewusst zu leben, einen hilfreichen und mitfühlenden Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt zu finden. «Achtsamkeit handelt von Freude und Sinnhaftigkeit.» Und wenn sie nur eine Sechzig-Sekunden-Zuflucht ist, in der wir die Seele baumeln lassen? Auch gut.

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