High Hopes

Vom Kifferkraut zum Lifestyle-Booster: Was ist dran am CBD-Hype?

Text: Leandra Nef; Foto: Yaroslav Danylchenko

  • Bei Weitem nicht alles am Cannabis ist Droge, wertvoll ist es trotzdem.

Cannabis gehört längst nicht mehr nur in die Kifferecke, es findet sich in Badezimmerschränkli, Fleischbällchen und auch zwischen unseren Beinen. Aber wie hat es das Kraut dorthin geschafft? Und gehört es da überhaupt hin?

Sie heissen Flower by Edie Parker, Recess IRL und Med Men, ihre Pop-up-Stores eröffneten am New Yorker Broadway, ihre Boutiquen liegen in Beverly Hills und am kalifornischen Venice Beach. Das Interieur der Geschäfte wird mal als äusserst instagrammable beschrieben dank Knallfarben und Neon-Leuchtröhren, mal als Mischung zwischen Downtown-Loft und Apple Store. Verkauft werden pittoreske Glasbongs für 800 Dollar, aphrodisierende Tees, minimalistisch verpackte Crèmes, beruhigende Tinkturen für Haustiere – und Leckerli für das wohlsituierte, trendaffine Frauchen.

All diese Unternehmen schwören auf Cannabis. Sie haben die Pflanze und den riesigen Markt, den sie eröffnet, auf die eine oder andere Art für sich entdeckt. Besonders gehypt zurzeit: Der Cannabis-Inhaltsstoff Cannabidiol, kurz CBD. Im Gegensatz zu Tetrahydro-cannabinol (THC) wirkt er nicht berauschend, es werden ihm aber ungleich mehr Eigenschaften zugeschrieben als den Hanfsamen, die seit Jahrzehnten in unseren Müesli landen. CBD soll entspannen, Stress und Kopfschmerzen lindern, Krämpfe lösen, Entzündungen hemmen, Akne bekämpfen, Orgasmen intensivieren ... Liest man die Lobreden mancher Aficionadas, muss man aufpassen, dass einem das CBD nicht als Ingredienz für den Weltfrieden angepriesen wird.

Mit dem Hype tauchte CBD vor einigen Jahren plötzlich auch auf den Menükarten der Restaurants und Bars auf: Im Hotel «The James New York – No Mad» konnten Neugierige würzige Fleischbällchen mit 15 Milligramm CBD-Öl bestellen und bei «Gracias Madre» an der Westküste CBD-Cocktails schlürfen.

Aber: Während mehrere US-Bundesstaaten die Pflanze teilweise oder komplett legalisiert haben, stuft das US-Bundesrecht Cannabis nach wie vor als Droge ein. Hanf mit tiefem THC-Gehalt ist unter bestimmten Voraussetzungen zwar bundesweit erlaubt, nicht aber CBD-haltige Lebensmittel. Die US-amerikanische Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde FDA schreibt auf ihrer Website: «Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass Cannabidiol (CBD) fast überall erhältlich zu sein scheint und als eine Vielzahl von Produkten vermarktet wird, darunter Arzneimittel, Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetika und Tiergesundheitsprodukte. Abgesehen von einem verschreibungspflichtigen Medikament zur Behandlung von zwei seltenen, schweren Formen von Epilepsie hat die U.S. Food and Drug Administration (FDA) keine weiteren CBD-Produkte zugelassen.»

WER IN KALIFORNIEN CANNABIS
IN ALKOHOLISCHE GETRÄNKE MIXT,
RISKIERT ZUMINDEST DIE SCHANKLIZENZ

Und so verschwand das CBD nach und nach wieder von den Menüs. Aber nicht in allen Lokalen. Ende 2019 eröffnete das «Original Cannabis Cafe» in West-Hollywood. Im ersten Cannabis-Restaurant der USA können Gäste nicht nur Cannabis rauchen, sondern auch Tonics und Süsses mit THC und CBD geniessen – allerdings nur vorverpackt, das Restaurant darf die Inhaltsstoffe nicht selber unter die Lebensmittel mischen. Vorverpackte, im Labor geprüfte Cannabis-Lebensmittel zu verkaufen, ist laut «Original Cannabis Cafe» im liberalen Kalifornien erlaubt, solange man eine entsprechende Lizenz besitzt. CBD-Cocktails sucht man allerdings auch auf dieser Karte vergebens – wer im Golden State Cannabis in alkoholische Getränke mixt, riskiert zumindest die Schanklizenz. Miley Cyrus scheints auch so zu schmecken: Sie unterstützt das Café finanziell.

2018 versuchten sieben Kreative aus der Schweiz, auf den Trend aufzuspringen. Sie starteten ein Crowdfunding für ein CBD-haltiges Getränk namens Modus, veranstalteten private Tastings an der Zürcher Langstrasse. Sie wollten eine Alternative zum Feierabendbier kreieren, ein Entschleunigungsgetränk. Und trafen damit den Nerv der Zeit, wenn man dem aktuellen European Food Trends Report des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) glaubt: Die jüngeren Generationen trinken weniger Alkohol als ihre Vorgänger, sie bevorzugen ein Gefühl von Wohlbefinden gegenüber jenem der Trunkenheit – und sie wollen keinen Kater. Die Wellbeing-Mentalität der Generationen Y und Z pusht den Hype um cannabishaltige Getränke. Laut Christine Schäfer, die den GDI-Report mitverfasst hat, nimmt in den USA dort, wo Cannabis legalisiert wird, sogar der Bierkonsum ab.

Trotz seines Gespürs für den Zeitgeist bekam das Modus-Team die erhofften 35 000 Franken nicht zusammen, das Crowdfunding scheiterte. Zum Verhängnis wäre dem Getränk der Zukunft in einem nächsten Schritt aber ohnehin eine Verordnung aus der Vergangenheit geworden.

CBD untersteht in der Schweiz im Gegensatz zu THC zwar nicht dem Betäubungsmittelgesetz, das bedeutet allerdings nicht, dass man es beliebig Produkten beimischen darf. Lebensmittel, die nicht schon vor dem 15. Mai 1997 in nennenswertem Umfang verzehrt wurden, gelten als Novel Food, als neuartige Lebensmittel, und brauchen eine Bewilligung. Für CBD in Lebensmitteln ist in der Schweiz wie auch in der EU bis dato keine solche Bewilligung erteilt worden. Um die Sicherheit eines Novel Food zu gewährleisten, wird laut Judith Def lorin vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) unter anderem eine toxikologische Studie mit Ratten verlangt, und die ist teuer – sie kostet rund 100 000 Franken oder mehr. Scheitert die Einführung CBD-haltiger Lebensmittel am Ende an einem Tierversuch?

In Kosmetik ist CBD hingegen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, allerdings entspricht laut Deflorin «vermutlich kaum ein Kosmetikprodukt der komplizierten Regelung, die noch aus den 1960er-Jahren stammt». Wohl auch deswegen lassen Kosmetik-Konglomerate wie L’Oréal die Finger von der Lifestyle-Ingredienz der Stunde. L’Oréals Marken mischen stattdessen das altbekannte und legale Hanfsamenöl in ihre Produkte.

Und doch scheint CBD längst nicht nur in aller Munde, sondern auch in vieler Badezimmerschränkli angekommen. In der Zuger Praxis von Dermatologin Nathalie Irla-Vuille fragen Patientinnen, die für Naturkosmetik affin sind, ab und zu nach CBD-Pflege. «Vor allem Expats aus dem englischsprachigen Raum sind sehr aufgeschlossen. Die sehen das bei den Kardashians und fragen mich nach meiner Meinung.» Kim Kardashian schmiss vor der Geburt ihres vierten Kindes Psalm West eine CBD-Babyshower, bei der die illustre Gästeschar – darunter Paris Hilton und Chrissy Teigen – Badesalz mit Cannabidiol herstellen konnte. Und wie lautet Irla-Vuilles Meinung? «Als Privatperson bin ich neugierig. Aber als Schulmedizinerin kann ich nicht hinter Kosmetika mit CBD stehen, weil noch nicht genügend Studien ihre Wirksamkeit beweisen.» Für denkbar hält sie die aber durchaus: «Es spricht vieles dafür, dass CBD entzündungshemmend wirkt und beispielsweise gegen Akne helfen könnte – wir behandeln Akne seit dreissig Jahren mit den gleichen Produkten, ein neuer Wirkstoff wäre revolutionär.»

NICHT IMMER IST DRIN, WAS DRAUFSTEHT:
DIE DUFTKERZE CANNABIS ETWA ENTHÄLT
WEDER CANNABIS NOCH RIECHT SIE DANACH

Bis dahin müssen sich ihre Patientinnen die CBD- Pflege wohl noch bei Anbietern wie Thechillery.com besorgen. Der kuratierte Premium-Onlineshop für CBD-Produkte beweist, dass es Cannabis längst aus der Kifferecke hinausgeschafft hat. «Frauen zwischen Ende zwanzig und Mitte vierzig, die Gas geben, Sport treiben, mitten im Berufsleben stehen und nebenbei vermutlich noch eine Familie schaukeln.» So beschreibt Floriane von der Forst, die in Berlin lebt und The Chillery gemeinsam mit Marisa Schwab aus Los Angeles gegründet hat, ihre Zielgruppe. Von Frauen für Frauen, diesem Ansatz begegnet man oft in der CBD-Bubble. Der Einstieg ins Business wurde den Mitdreissigerinnen nicht leicht gemacht: Banken wollten ihnen kein Konto eröffnen, Versicherungen konnten das Risiko ihres Geschäftsmodells nicht abschätzen. Irgendwann hat es dann doch geklappt. Nur das Bewerben der Produkte ist nach wie vor verzwickt: Google, Facebook und damit auch Instagram verbieten bezahlte Anzeigen für CBD-Produkte ganz oder teilweise. Von der Forst und Schwab bewerben die neuesten Stars am Kosmetikhimmel darum mit den traditionellsten Methoden – sie lassen ihre Werbung auf Zeitschriftenseiten drucken. CBD, versichern sie, ist gekommen, um zu bleiben. «Die Rückmeldungen der Konsumentinnen sind überwältigend positiv. Mir selber helfen Tampons mit CBD-Öl und die Pain Cream von Dr. Kerklaan gegen die Beschwerden meiner Endometriose», sagt von der Forst, wenn man sie nach der Wirkung der Produkte fragt. Niemals würde ein unbewiesenes Heilversprechen über ihre Lippen kommen, das wäre verboten. Sie betont mehrmals, dass es sich bei der Schmerzcrème nicht um ein Arzneimittel handelt. Gleichzeitig empfiehlt sie, den Arzt zu konsultieren, wenn man sich bei der Dosierung eines Produkts unsicher ist.

Judith Deflorin vom BLV sagt: «Ein Kosmetikprodukt soll pflegen, verschönern, parfümieren. Der Name dieser Crème, ihre Aufmachung, dass es im Onlineshop überhaupt eine Produktkategorie ‹Schmerz› gibt, das alles spricht gegen ein konformes kosmetisches Mittel. Da hilft auch der Hinweis nicht, dass die Crème nicht für den medizinischen Zweck bestimmt ist.»

Warum werden die Behörden in Fällen wie diesem nicht aktiv? «Der europäische und der Schweizer Markt werden überschwemmt von CBD-Produkten. Wenn wir etwas melden, ist es an den kantonalen Vollzugsbehörden, zu entscheiden, wann und wie sie in ihrer risiko-basierten Kontrolltätigkeit aktiv werden. Für sie ist es schwierig, die CBD-Flut zu bewältigen», sagt Judith Deflorin.

Und nicht immer ist in den Produkten drin, was draufsteht: Malin+Goetz verkauft eine Duftkerze Cannabis, die weder Cannabis enthält noch danach riecht – sondern nach Zitrusfrüchten, Feigen und Patchouli. Den Verkäufen scheint das keinen Abbruch zu tun: Die Kerze gehört zu den Bestsellern des New Yorker Unternehmens. Und der Schweizer Online-Sexshop Amorana preist ein Öl der Marke High on Love, das Orgasmen intensivieren soll, als CBD Stimulating Orgasm Oil an – obwohl es kein CBD enthält, sondern lediglich Hanfsamenöl. Andere bei Amorana gelistete Produkte enthalten tatsächlich CBD. Aber gehört Cannabidiol überhaupt zwischen unsere Beine?

Ja, findet Foria, ein US-amerikanisches Unternehmen, das sich dem Cannabis und der «sexuellen Wellness» von Frauen verschrieben hat. Deren Chief Brand Educator, Sexualpädagogin Kiana Reeves, sagte zum Onlinemagazin «Mother», dass «einige Benefits von CBD auch im Schlafzimmer hilfreich sein könnten». So sollen sich Kundinnen dank der Produkte erregter fühlen, eine tiefere Penetration geniessen und endlich auch die Analgegend erkunden können.

Anders sieht das Dermatologin Nathalie Irla-Vuille: «Genitalschleimhäute sind stark durchblutet, somit werden Substanzen dort schnell resorbiert und es können schneller Nebenwirkungen auftreten.»

DER MARKT FÜR CBD-VERKÄUFE
IN DEN USA SOLL BIS 2024
DIE 20 MILLIARDEN DOLLAR ÜBERSTEIGEN

Cannabis lässt sich hervorragend monetarisieren. Und ist laut Christine Schäfer vom GDI längst kein Hype mehr, sondern einer der am schnellsten wachsenden Konsummärkte der Welt. Es herrscht Goldgräberstimmung, weiss Luca Pibiri vom Team um das Schweizer CBD-Getränk Modus: «Wir haben Gespräche mit unseren Mitbewerbern aus der Getränke- und Nahrungsmittelindustrie gesucht, aber die sind vor allem zu Beginn versandet. Jeder will allein werkeln, überall diese Geheimnistuerei. Aber klar, es wird viel Stutz gemacht.» Sehr viel Stutz: Laut Forbes gehen die führenden Marktforscher für Cannabis davon aus, dass der Markt für CBD-Verkäufe in den USA bis 2024 20 Milliarden Dollar übersteigen wird. Viel Geld für eine Ingredienz, über die man vor allem weiss, dass man zu wenig weiss. Vielleicht ist am Ende doch alles nur gutes Marketing?

Christian Steuer, Apotheker an der ETH Zürich, kann zwei Dinge sicher sagen. Erstens: CBD ist kein Allheilmittel. Zweitens: CBD wirkt. Zumindest gegen bestimmte Epilepsieformen im Kindesalter. Das beweist das einzige in den USA zugelassene CBD-Monopräparat Epidiolex. Epidiolex ist auch der Grund dafür, warum CBD unter bestimmten medizinischen Umständen seit Mitte 2018 in der Schweiz ärztlich verschrieben werden kann. Ansonsten werde dem CBD in der Medizin und als Inhaltsstoff in Kosmetika und Lebensmitteln zwar viel zugeschrieben und Indizien sprächen dafür, dass an den Vermutungen etwas dran sei, aber die Wirkung von Cannabidiol sei schlicht unzureichend erforscht. Genau wie seine Nebenwirkungen. Entgegen anderslautenden Parolen mancher CBD-Verfechter gilt nämlich: «Keine Hauptwirkung ohne Nebenwirkung. Wir wissen, dass Epidiolex Leberschäden verursachen kann. Und man kann CBD überdosieren, wie alles auf der Welt. Von einem CBD-Toten habe ich allerdings noch nie gehört.» Wie sich der Markt für CBD entwickeln wird, das hängt für Christian Steuer vor allem von den Resultaten dringend benötigter kontrollierter und aussagekräftiger Studien ab.

Und die gibt es vielleicht bald – auch dank Unternehmen wie Reyos, dem Schwesterunternehmen des Schweizer Premium-Brands für Hanf und CBD in Bioqualität Heidi’s Garden. Reyos plant eine klinische Studie mit mehreren Schweizer Spitälern. Ende Februar luden Sandra Schoenes, Mitgründerin beider Unternehmen, und das Zürcher Balboa-Gym zum CBD-Workshop. Schoenes, ehemalige Consultant in der Pharmaindustrie und passionierte Surferin mit abgeschlossenem Medizinstudium, referiert mit Hanf blatt auf dem Pullover über die möglichen Vorteile von Hanf für die Regeneration von Sportlern, erzählt, dass Big-Wave-Surfer CBD als Energielieferant fürs Apnoetraining oder zur Erholung nutzen und dass die Welt-Anti-Doping-Agentur Cannabidiol schon vor geraumer Zeit von der Dopingliste gestrichen hat. CBD-Shots machen die Runde. Sandra Schoenes sagt: «Wir von Heidi’s Garden respektive unser Partner für den Anbau und die Extraktion unserer eigenen Hanf-Genetik werden dafür einen Novel-Food-Antrag stellen, sobald dieser Chancen auf Erfolg hat – und wir würden klare Rahmenbedingungen und Qualitätsrichtlinien sehr begrüssen. In der momentanen Situation haben wir uns dazu entschieden, lieber ehrlich über unsere CBD-Produkte zu informieren, anstatt sie unter Chemikalienrecht zu verkaufen.» Unter Chemikalienrecht können CBD-haltige Produkte als Duftöle durchaus legal verkauft werden – solang ihre Aufmachung keine andere Anwendung vermuten lässt. So aber gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter. Nach Schoenes’ Vortrag findet im Balboa eine Yogalektion statt. Interessierte träufeln sich vor der Session zwanzig Milligramm CBD unter die Zunge, damit sie «Hippie’s Disappointment», wie Schoenes das CBD wegen der fehlenden berauschenden Wirkung nennt, selbst erleben können.

Und natürlich gibts die Produkte auch zu kaufen. Denn so ungewiss sie zurzeit noch ist, die Zukunft von Produkten mit Cannabidiol – eines ist sicher: Schon als High Hopes lassen sie sich Highend verkaufen. 

 

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