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Baba News: «Menschen mit Migrationsgeschichte müssen zu oft für Bad News herhalten»

Politik

Baba News: «Menschen mit Migrationsgeschichte müssen zu oft für Bad News herhalten»

  • Text: Marie Hettich
  • Bild: ZVG

Das junge Schweizer Onlinemagazin «baba News» berichtet aus dem Inneren einer multikulturellen Community über Themen wie Migration, Rassismus und Identität. Via Crowdfunding sammelt die Redaktion nun Geld, um sich einen Lohn ausbezahlen zu können. Wir haben mit der Gründerin Albina Muhtari gesprochen.

«Lächelt sonst noch einer alte Menschen an, nur um ihnen zu zeigen, dass ihr zu den Guten gehört?»: 639 Likes. «Demonstrieren gegen Flüchtlinge ist, als würde man gegen Unfalltote demonstrieren anstatt gegen Raser»: 1477 Likes. Ein Video, in dem ein Eelam-Tamile erzählt, warum er sich nicht mit Sri Lanka identifizieren kann: 2432 Likes.

Wer einmal auf dem Instagram-Account oder der Website von «baba News» vorbeischaut, bleibt schnell eine Weile hängen. So gut gemacht ist der Content rund um Themen wie Migration, Rassismus und Identität, dem auf Instagram knapp 15 000 vorwiegend junge Leute folgen.

Drei Jahre Gratisarbeit

Um sich nach drei Jahren Gratisarbeit einen Lohn ausbezahlen zu können, sammelt die «baba News»-Redaktion via Crowdfunding gerade Geld. Erstes Etappenziel: 83 000 Franken. Davon sollen sechs Monate lang drei Vollzeitstellen à 4000 Franken Bruttolohn finanziert werden. In einem zweiten Schritt sollen dann erneut 83 000 Franken zusammenkommen, um weitere sechs Monate zu decken.

Gegründet wurde «baba News» vor drei Jahren von Albina Muhatri, die in Sarajevo geboren und in Bern aufgewachsen ist (rechts im Bild). Ein Gespräch mit der 34-Jährigen über die verpasste Chance der Schweizer Medien, ein virales Video – und den vorgegebenen Takt der SVP.

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annabelle: Albina Muhtari, warum braucht es «baba News» in der Schweiz? 
Albina Muhtari: Weil die meisten Inhalte, die wir behandeln, in den Schweizer Medien viel zu kurz kommen. Ich habe bis vor einer Weile selbst in einem grossen Schweizer Verlagshaus gearbeitet und konnte mich vor Ort davon überzeugen, wie unterrepräsentiert Frauen und noch viel mehr Leute mit Migrationsgeschichte sind. Zu vielen Themen fehlt komplett der Zugang – und das, obwohl dreissig bis vierzig Prozent der Schweizer Bevölkerung mindestens einen Elternteil hat, der nicht in der Schweiz geboren wurde.

Können Ihrer Ansicht nach Medienschaffende nur dann über bestimmte Themen berichten, wenn sie selbst zur jeweiligen Community gehören?
Nicht zwingend. Aber oftmals kommen die Themen eben erst gar nicht auf den Tisch. Und wenn doch, ist die Gefahr gross, dass das Ganze problematisiert wird.

Worauf spielen Sie an? 
Menschen mit Migrationsgeschichte müssen viel zu oft für Bad News herhalten – da geht es dann schnell um Macho-Kosovoalbaner, um Raser, um unterdrückte Frauen. Und nicht um normale Menschen, die einen ganz gewöhnlichen Alltag und gewöhnliche Sorgen haben. Das stört mich persönlich am allermeisten. Das Selbstverständnis fehlt, dass Menschen mit Migrationshintergrund zur Schweiz gehören wie alle anderen auch. Offenbar kommt gar niemand darauf, dass Secondos oder geflüchtete Menschen ebenfalls Medien konsumieren – und damit eine wirtschaftliche relevante Klientel sind.

Gibt es etwas, worauf Sie als Gründerin von «baba News» besonders stolz zurückschauen? 
Ich bin auf sehr vieles stolz, was wir gemacht haben – ein Highlight war aber definitiv unser Satire-Video, in dem wir 2020 die SVP-Kampagne zur Begrenzungsinitiative neu vertont haben. Das war unser Durchbruch – das Video wurde fast eine halbe Million Mal angeklickt und tausendfach geteilt. Wir waren auf der Redaktion wie elektrisiert.

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Das Kernteam von «baba News» besteht aus drei Frauen, die ihre Wurzeln im Balkan haben. Und doch haben Sie den Anspruch, die grosse Vielfalt der Schweiz abzubilden. Wie lösen Sie dieses Dilemma? 
Indem wir Leute aus ganz verschiedenen Communitys erzählen lassen – gerade Videos sind hierfür sehr gut geeignet. Viel zu oft wird über Menschen berichtet, anstatt dass sie selbst zu Wort kommen. Aber ja: Eine gewisse Balkan-Lastigkeit lässt sich bei uns natürlich nicht vermeiden. Das passt zur Schweiz – und dennoch wäre es natürlich super, wenn unser Team irgendwann Zuwachs von einer tollen Journalistin bekäme, die eine weitere Community mit ins Boot holen würde – eine Schwarze Person oder jemand mit Wurzeln in Lateinamerika, zum Beispiel.

Hat «baba News» auch Follower*innen, die keine Migrationsgeschichte haben?
Ja! Sie machen sogar einen Anteil von fünfzig Prozent aus. Wir bekommen regelmässig Nachrichten wie: «Cool, danke, das wusste ich gar nicht.» Hier leisten wir also auch eine Art Aufklärungsarbeit. Wir wollen zeigen, wie divers die multikulturelle Community in der Schweiz ist. Und die zweite Zielgruppe ist natürlich die multiethnische Community selbst. Ihnen möchten wir einen Raum geben, ohne in eine Abwehrhaltung zu gelangen.

Was meinen Sie damit?
Es ist etwas anderes, wenn zum Beispiel das Thema Gewalt in der Erziehung aus einer Innenperspektive heraus von uns thematisiert wird – oder «20 Minuten» oder «Blick» schreibt: «Balkan-Eltern schlagen ihre Kinder.» Selbstverständlich fühlen sich da Menschen aus dem Balkan sofort angegriffen. Es kann keine sachliche Diskussion entstehen – es geht nur um Identitätsverteidigung. Darum, zu sagen: «Hey, wir sind imfall nicht alle so!» Bei «baba News» wollen und können wir mit den Leuten auf Augenhöhe diskutieren.

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«Die Frage ist: Wollen wir uns immer nach dem Takt der SVP richten?»

Albina Muhtari

Worüber haben Sie noch berichtet, was Sie als «kritisches Thema» bezeichnen?
Kürzlich haben wir das Thema Ausziehen aus dem Elternhaus behandelt. Eine junge Frau erzählt in einem Video von ihren Schwierigkeiten – in vielen Herkunfts-Communitys ist es nämlich üblich, erst dann auszuziehen, wenn man eine eigene Familie gründen möchte. Ich hoffe, das Video hat vielen Leuten Mut gemacht, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dieses Jahr möchten wir uns auf das Thema Rassismus in den Herkunfts-Communitys fokussieren. Viele von uns haben Rassismus-Erfahrungen gemacht – aber unsere eigenen Communitys sind oft nicht weniger rassistisch.

Die Verhüllungsinitiative war bei Ihnen sicher auch ein grosses Thema, oder? 
Ja und nein. Unsere Community hat das Thema irgendwann sehr beschäftigt, als gefühlt die gesamte Schweiz über nichts anderes mehr gesprochen hat. Also konnten wir es nicht ignorieren. Auf der Redaktion haben wir anfangs aber viel darüber diskutiert, ob wir überhaupt darauf eingehen wollen. Die Frage ist: Möchten wir uns ständig nach dem Diskurs richten, der von aussen kommt? Wollen wir uns immer nach dem Takt der SVP richten – nach den Themen, die aus einer rechten Ecke zur Diskussion gemacht werden?

Und – haben Sie mittlerweile eine Antwort gefunden?
Gerade weil wir so wenige Ressourcen haben, ist es essenziell für uns, dass wir unsere Themen selbst setzen. Sonst sind wir nur noch mit Reagieren beschäftigt.

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