Körperbild

Ich ging zum Nackt-Yoga und bin nicht vor Scham gestorben

Text: Vanja Kadic; Bild: ZVG

Nackt-Yoga wird als befreiend und natürlich beschrieben. Redaktorin Vanja Kadic zweifelte daran – und probierte es selbst aus. Ein Erfahrungsbericht.

Würden Sie sich nackt in einen Raum mit Fremden stellen und Yoga-Übungen machen? Ich auch nicht – eigentlich. Lang habe ich gehadert. Überlegt. Abgewogen. Nachdem ich ein Mail bekam, ob annabelle über Nackt-Yoga berichten will, kam ich ins Grübeln. Mir ist Nacktheit, vor allem im öffentlichen Raum, unangenehm und ich bin diesbezüglich dermassen verklemmt, dass ich in der Frauenbadi nicht mal mein Bikini-Top ausziehe, während alle um mich herum komplett entspannt ihre Brüste freilegen. Mir würde auch nie in den Sinn kommen, zuhause oder an einem Strand nackt rumzulaufen. 

Aber warum? Nacktheit kann doch natürlich, befreiend und erdend sein. Das sagen zumindest andere. Woher meine Verklemmtheit kommt, weiss ich nicht. Aber ich merke, dass sie mich plötzlich stört. Warum habe ich Angst davor, wenn ich doch eigentlich weiss, dass Nacktheit voll okay ist und ich mich für meinen Körper nicht schämen muss? Also sage ich zu – und melde mich für neunzig Minuten Nackt-Yoga an. Es ist die ultimative Mutprobe. Ich erhöhe das Schwierigkeitslevel und nehme in der gemischten Gruppe teil, also mit Männern und Frauen.

Erleuchtung oder gute Party-Anekdote

Im besten Fall erhoffe ich mir davon eine Erleuchtung und eine andere, bessere Wahrnehmung meines Körpers. Im schlimmsten Fall sterbe ich vor Ort an Scham oder habe zumindest eine gute Party-Anekdote für die Zukunft, was auch nicht schlecht ist. Einige Tage vor der Lektion google ich Videos von Nackt-Yogis, die sich bei grellem Licht und vor unschöner Kulisse verrenken. Ich bekomme Panik. Solche Posen soll ich unbekleidet vor Fremden machen? Ein wahrgewordener Alptraum. Was habe ich getan? Als der Tag gekommen ist, mache ich mich, bei dreissig Grad viel zu warm angezogen – wohl eine Überkompensation aufgrund der nahenden Nacktheit –, auf den Weg zum Yoga-Studio von Patrick und Mireille, die den Kurs gemeinsam anbieten. Not gonna lie, ich überlege mir, im Tram einfach sitzen zu bleiben und wegzurennen. 

An der Tür begrüsst mich Patrick, der als Tantra-Masseur arbeitet, mit einem Lächeln. Mein Gesicht brennt, mein Herz rast und ich begebe mich zur Garderobe, um mich auszuziehen. Ich beruhige mich etwas, als ich meine Umgebung wahrnehme: Das Licht im Raum ist gedämpft, es brennen Kerzen und es riecht angenehm nach Kräutern, ein bisschen wie im Spa. Mit den schlimmen Youtube-Videos hat zumindest die angenehme Umgebung schon mal nichts zu tun – das nimmt mir die Angst.

Flucht-Bedürfnis: Null

In der kleinen Garderobe entblösst sich auch ein Paar und hüllt sich in Handtücher. Ich tue es ihnen nach. Hastig ziehe ich mich aus und lege mir ein Hamam-Tuch um den Körper, ehe ich den Yoga-Raum betrete und mich auf eine Matte ganz hinten setze. Yoga-Lehrerin Mireille sitzt komplett nackt im Schneidersitz (ich bin sicher, die Pose heisst eigentlich anders) vor uns (drei Frauen, zwei Männer). Als alle auf der Matte sitzen, huscht Patrick zu mir und fragt, wie hoch mein Flucht-Bedürfnis sei. Ich sage «Null» – und lüge zu meiner Überraschung nicht.

Niemand glotzt

Mireille fängt mit einer ersten Übung an und um mich herum lassen alle, sehr unauffällig und dezent, ihr Handtuch fallen. Ich mache mit. Und bin erstaunt: Niemand glotzt, die Welt steht noch, ich bin nicht in Ohnmacht gefallen und alles ist okay. Mit beruhigender Stimme erklärt Mireille die Yoga-Übungen. Ich merke schnell, dass die anderen Teilnehmer bei sich sind und auf den eigenen Körper und den Atem fokussieren. Es fühlt sich nicht nach Fleischschau an, man fühlt sich weder unwohl noch beobachtet. Innert weniger Minuten habe ich komplett ausgeblendet, dass ich gerade nackt in einem Raum mit Fremden Yoga mache. Vielmehr bin ich voll bei mir. Ich konzentriere mich darauf, die verschiedenen Übungen möglichst korrekt durchzuführen – und entspanne mich dabei. Während der Übungen betrachte ich ein paar Mal meinen Körper. Es ist seltsam, aber schön, sich selbst auf diese Weise so nah zu kommen. Es tut gut, den Kopf auszuschalten.

Neunzig Minuten lang dauert die Lektion. Als sie vorbei ist, sitzen wir im Kreis, trinken Tee und tauschen uns aus. Inzwischen tragen alle wieder ihr Handtuch. Eine Teilnehmerin bedankt sich bei Mireille für die schöne Erfahrung – auch sie habe in kürzester Zeit komplett ausgeblendet, dass sie nackt sei.

Ich bin positiv überrascht. Erleuchtet bin ich durch die Erfahrung nicht, aber glücklich, dass ich über meinen eigenen Schatten springen konnte. Für mich war es eine entspannende Erfahrung. Ein spannendes Experiment, das mir die Möglichkeit gab, mir Gedanken über meine Beziehung zu meinem Körper zu machen. Vor allem dann, wenn die Welt auseinanderzubrechen scheint, ist es gar nicht schlecht, einen Moment innezuhalten und sich etwas Gutes zu tun. Und wer weiss, vielleicht lass ich nächstes Jahr in der Frauenbadi auch einfach mal das Bikini-Top weg.

Mehr Informationen zum Nackt-Yoga finden Sie hier.

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