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"Ich habe noch nie eine derartige Hoffnungslosigkeit wahrgenommen" – Politologin Gilda Sahebi über die Lage im Iran

Die Proteste im Iran wurden vom Regime der Islamischen Republik grausam niedergeschlagen. Das Land steht am Scheideweg. Wie geht es den Menschen? Politologin und Autorin Gilda Sahebi ordnet ein.

Inhaltshinweis: Gewalt, sexualisierte Gewalt

annabelle: Gilda Sahebi, laut des in London ansässigen Nachrichtensenders Iran International sollen innert zwei Tagen über 30’000 Menschen von den Revolutionsgarden der Islamischen Republik getötet worden sein. Diese Niederschlagung der Proteste, ebenso wie die tagelange Internetblockade, sind von historischem Ausmass. Warum geht das Regime mit derartiger Brutalität vor?
Gilda Sahebi: Ich glaube, dass das Regime nach den «Frau, Leben, Freiheit»-Protesten vom Jahr 2022 erkannte, dass es die Bevölkerung verloren hat. Dass es keine Politik mehr machen kann, die dazu führen würde, dass sich die Menschen dem System der Islamischen Republik wieder annähern. Es gibt keine Brücke mehr. Deshalb wussten sie, dass irgendwann wieder Proteste ausbrechen werden. Sie haben sich darauf vorbereitet.  

Woran machen Sie das fest?
Daran, dass diese Massaker so schnell eingeleitet wurden. Am Abend des 8. Januars rief Reza Pahlavi, der im US-Exil lebende Sohn des verstorbenen Schahs, die Menschen im Iran zu Protesten auf. Diesem Aufruf folgten sehr viele. Es waren auch schon in den Tagen davor viele Menschen auf den Strassen gewesen. Aber an diesem Abend hatten die Proteste durch den Aufruf eine gewisse Koordination. Kaum waren die Menschen auf den Strassen, war das Internet abgestellt, das Massaker begann. Daraus lässt sich schliessen, dass das Regime auf dieses Szenario vorbereitet gewesen sein muss. Und da es kein anderes Mittel hat als Gewalt, wurde genau diese Gewalt angewendet. 

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Auch die «Frau, Leben, Freiheit»-Proteste wurden brutal niedergeschlagen. Insofern ist es erstaunlich, dass die Menschen im Iran nun erneut auf die Strasse gehen, um gegen das theokratische Herrschaftssystem zu demonstrieren
Ich hätte nicht gedacht, dass die Iraner:innen so schnell wieder protestieren. Die Regimekräfte haben damals mehr als 550 Menschen ermordet, darunter viele Kinder und Jugendliche, 14-, 15- und 16-Jährige. 20000 Menschen wurden inhaftiert, es folgte eine Hinrichtungswelle. In den Gefängnissen soll es systematische sexualisierte Gewalt und Folter geben, auch an Kindern. Dass die Menschen trotz allem nur drei Jahre später wieder auf den Strassen stehen, zeigt eigentlich nur, dass sie keinen Ausweg mehr sehen.  

Die aktuellen Proteste, die sich auf viele Landesteile ausgeweitet haben, wurden aufgrund der massiven Wirtschaftskrise und eines plötzlichen Absturzes der landeseigenen Währung Rial ausgelöst.
Genau. Es existiert im Grunde keine Mittelschicht mehr. Die Währung ist nichts mehr wert und die Inflation hoch. Allein die Lebensmittelpreise sind von Dezember 2024 bis Dezember 2025 um 70 Prozent gestiegen. Das kann sich keine normale Familie mehr leisten.

Warum scheint das Regime ausserstande zu sein, Reformen einzuleiten, die die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung nachhaltig verbessern? 
Das einzige Ziel eines autoritären Staates, und zwar eines jeglichen autoritären Staates, ist die Machterhaltung und die Bereicherung der Eliten. Auch die Islamische Republik hat keinen anderen Existenzgrund. Deswegen liegt kein Plan in der Schublade, der dafür sorgen könnte, dass es den Menschen besser geht. Ein solcher ist nicht in die DNA eines autoritären Staates eingewoben.

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"Drohnen kreisen über den Städten, es gibt Polizeikontrollen, Menschen werden aus ihren Autos gezogen, ihre Handys nach 'verdächtigen' Kontakten zu Personen im Westen durchsucht"

Wie ist die aktuelle Lage im Iran? Was hören Sie von Ihren Kontakten vor Ort?
Sie berichten von kriegsähnlichen Zuständen. Drohnen kreisen über den Städten, es gibt Polizeikontrollen, Menschen werden aus ihren Autos gezogen, ihre Handys nach «verdächtigen» Kontakten zu Personen im Westen durchsucht, viele werden verhaftet und mitgenommen. Man muss jetzt sehr vorsichtig sein, wenn man Leuten wie mir schreibt, und die Nachrichten sofort löschen. Ich habe vor kurzem mit einer Person gesprochen, die immer offen geschimpft hat über das Regime. Wir konnten über WhatsApp telefonieren. Sie erzählte mir nur, sie gehe einmal pro Woche zum Supermarkt, gehe schnell aus ihrer Wohnung raus und schnell wieder rein. Etwas anderes wagte sie nicht zu sagen. Das ist eine ganz neue Situation.

Es dringen auch Nachrichten von Menschen durch, die buchstäblich zu Hause eingesperrt sind.

Ja, und auch von vielen zum Teil stark Verletzten, die sich nicht in eine Praxis oder eine Klinik trauen, weil sie dort festgenommen werden könnten. Inzwischen werden sogar Ärzt:innen, Pflegepersonal und Medizinstudierende in den Krankenhäusern verhaftet und getötet, weil sie Protestierende versorgen. Denn es ist ihnen verboten, Protestierenden, die angeschossen und schwer verletzt worden sind, Hilfe zu leisten.  

Eltern, die den Leichnam ihres verstorbenen Kindes von einer Polizeiwache abholen wollen, sollen 10’000 Dollar zahlen müssen. Andernfalls würden sie gezwungen, zu erklären, ihr Kind sei ein Terrorist gewesen. Ist diese Darstellung glaubwürdig?
Ja, das gilt inzwischen als belegt. Die Summen variieren zwischen 5000 und 13’000 Dollar. Summen, die die Leute nicht zahlen können. Bezahlen sie nicht, müssen sie ein Dokument unterschreiben, in dem sie belegen, dass nicht nur das Kind, sondern auch dessen Angehörige Teile der bewaffneten Kräfte gewesen sind. Damit sollen die Todeszahlen verfälscht werden – ein Verfahren, das aber nicht neu ist. Diese Strategie existiert schon seit Anfang der 80er-Jahre, seit Beginn der Islamischen Republik. Nach jeder Hinrichtungswelle wurden Leichen verscharrt und versteckt, die Angehörigen im Unklaren darüber gelassen, ob ihre Liebsten tot sind oder nicht. Jetzt aber hat das Regime tatsächlich zugegeben, dass mehrere Tausend gestorben sind.  

Warum?
Ich gehe davon aus, dass sie damit Angst verbreiten wollen. Damit die Menschen auf den Strassen wissen: Das Regime meint das sehr ernst.  

"Das Regime wäre nicht da, wo es heute ist, wenn es diese internationale Billigung nicht gegeben hätte"

Am Donnerstag vergangener Woche haben sich die EU-Staaten darauf geeinigt, die Revolutionsgarde der Islamischen Republik, die sogenannten Pasdaran, auf ihre Terrorliste zu setzen. Sie wird damit auf eine Stufe mit dem IS, der Hamas und der al-Kaida gestellt. Wie wichtig ist dieser Schritt?
Dieser Beschluss ist sehr wichtig; er war überfällig. Leute im Iran sagen mir, dass das endlich mal eine gute Nachricht für sie sei. Denn die Revolutionsgarde und die paramilitärischen Basidsch-Milizen, die ihr unterstellt ist, sind die Kräfte, die seit Jahrzehnten im Iran töten und auch ausserhalb des Landes Terroranschläge durchgeführt haben. Die Pasdaran ist keine staatliche Armee. Sie hat einzig die Aufgabe, das System der Islamischen Republik zu beschützen.  

Die Pasdaran kontrollieren zudem viele zentrale Wirtschaftsbereiche und sind mitunter für das iranische Atomprogramm verantwortlich. Inwiefern kann der Beschluss der EU angesichts dessen Wirkung zeigen?
Er wird in der Praxis aufgrund der bestehenden Sanktionen nicht viel ändern, aber seine Symbolik ist nicht zu unterschätzen. Es geht darum, dass jeder Person, die das iranische Regime stützt, klargemacht wird: Du kannst irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen werden.  

Warum wurden die Pasdaran nicht schon längst auf die Terrorliste gesetzt? Haben tatsächlich erst die neuesten hohen Opferzahlen die EU zu diesem Schritt bewogen? 
Anscheinend. Das World Economic Forum hatte den iranischen Aussenminister Abbas Araghchi noch nach Davos eingeladen. Er wurde am 19. Januar zwar wieder ausgeladen, aber das muss man sich mal überlegen: Die Revolutionsgarden töten ja, wie gesagt, nicht erst seit gestern. Sie haben auch die «Frau, Leben, Freiheit»-Proteste niedergeschlagen, trotzdem wird der Aussenminister eingeladen. Das zeigt, dass das Regime machen kann, was es will, es kann sich immer rehabilitieren. Und ich fürchte, das wird auch jetzt wieder so sein.  

Welche Gründe liegen hinter der Rehabilitationsfähigkeit des iranischen Regimes?
Hierfür spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Die EU und auch Deutschland waren traditionell immer eng mit dem Regime verbunden. Man hat es stets als legitimen Repräsentanten der iranischen Bevölkerung gesehen, was es aber nie war. Darüber hinaus haben Handelsinteressen eine Rolle gespielt (gemäss Seco ist der Iran mit einem Warenhandel von 212 Millionen Franken der zehntwichtigste Handelspartner der Schweiz. Anm. d. Red.), dazu kommt das Interesse daran, dass in der Region Stabilität herrscht, und wohl auch schlicht der Wunsch, sich mit dem Regime gut zu stellen. Denn der Iran verfügt über die viertgrössten Ölreserven und das zweitgrösste Erdgasvorkommen der Welt. Als das Atomabkommen 2015 geschlossen wurde, stand wenige Monate später Sigmar Gabriel, der damalige deutsche Wirtschaftsminister, in Teheran und wollte Geschäfte machen. Die Menschenrechtsverletzungen, die seit dem ersten Tag der Islamischen Republik, aber auch zu Zeiten des Schahs begangen wurden, haben kaum jemanden gestört. Tatsache ist: Das Regime wäre nicht da, wo es heute ist, wenn es diese internationale Billigung nicht gegeben hätte. 

"Es gibt zahlreiche gut dokumentierte Berichte darüber, dass Frauen, aber auch queere Menschen, Männer und Kinder sexualisierte Gewalt erfahren"

Immer wieder ist zu vernehmen, dass paramilitärische schiitische Gruppen aus dem Irak, die al-Hashd al-Shaabi, in den Iran geholt werden, um für 200 Dollar pro Tag gegen Protestierende vorzugehen. Was sagen Sie dazu?
Dass paramilitärische Gruppierungen aus dem Irak, und früher auch aus Syrien, engagiert werden, um Proteste niederzuschlagen, ist schon seit Jahren ein Fakt. Gleichzeitig muss man aber festhalten: Die absolute Mehrheit der Menschen, die andere erschiessen, sind Iraner. Das bestätigen auch Iraner:innen. Und sie fragen sich, wie es sein kann, dass Iraner ihre eigenen Leute massakrieren. 

Wie schon bei den «Frau, Leben, Freiheit»-Protesten wird erneut gerade gegen Frauen mit unvorstellbarer Grausamkeit vorgegangen. Gemäss Augenzeugenberichten sollen Beamte junge Protestierende, verletzte wie unverletzte, übereinander in ein separates Fahrzeug geworfen und gesagt haben: «Wir töten euch nicht. Erst vergewaltigen wir euch, danach töten wir euch.» Können Sie das bestätigen?
Ja, auch das wird schon seit den 80er-Jahren so gemacht. Es gibt zahlreiche gute Dokumentationen darüber, dass Frauen, aber auch queere Menschen, Männer, Kinder, 14-jährige Jungen, sexualisierte Gewalt erfahren. Im Zuge der «Frau, Leben, Freiheit»-Proteste haben endlich auch westliche Medien intensiv darüber berichtet.  

Welche Rolle haben Frauen in den aktuellen Protesten inne?
Das ist schwer zu sagen. Tatsächlich haben sich die Frauen nach den «Frau, Leben, Freiheit»-Protesten neue Freiheiten erkämpft. Und zwar mit viel Blut, Mut, Kraft und Stärke. Viele tragen seither weder Kopftuch noch Manteau, den Mantel, der Pflicht ist für Frauen. Gar manche dieser Frauen sind auch jetzt wieder auf den Strassen. Trotz der Gefahren, die ihnen drohen.  

Wie stark hallt die «Frauen, Leben, Freiheit»-Bewegung dabei noch nach? 
Sie ist noch immer ein wichtiger Ruf für die Menschen. Doch jetzt geht es hauptsächlich darum, die Islamische Republik loszuwerden.  

Die Tatsache, dass Frauen sich ohne Kopftuch mehr oder weniger ungehindert in der Öffentlichkeit bewegen können, soll auch ein Zeichen dafür sein, dass die Islamische Republik, der Gottesstaat, zur reinen Militärdiktatur geworden ist. In einer Militärdiktatur spielt das Kopftuch keine Rolle mehr. Ist das eine These, die Sie nachvollziehen können? 
Ja, ich verstehe diese These. Gleichzeitig würde ich sagen: die Islamische Republik war nie ein Gottesstaat. Religion war stets nur Mittel zum Zweck. Es wird immer um Geld und Macht gehen – egal, ob ein Revolutionsführer oder das Militär an der Spitze steht. Ich glaube, dass sich der Iran bereits seit Jahren von einer religiös begründeten zu einer nur noch auf Gewalt basierenden Diktatur wandelt. Lange Zeit aber hat die Bevölkerung die Gewalt des Regimes in ihrem Alltag kaum gespürt. Es herrschte eine Art stille Übereinkunft zwischen ihr und der Islamischen Republik, die hiess: Ihr lasst uns weitgehend im Privaten tun, was wir wollen. Wir haben Satellitenschüsseln, Internet, Instagram, TikTok. Und dafür machen wir euer Spiel mit. Wir gehen wählen, wir protestieren nicht, aber ihr lasst uns in Ruhe. Diese Übereinkunft gilt nun nicht mehr.  

"Es ist fast unmöglich, das System um die Spitze des Machtapparates zu durchschauen. Es ist eine Blackbox"

Politisch linken Kreisen wird teilweise vorgeworfen, in Bezug auf den Iran vergleichsweise zurückhaltend zu reagieren. Öffentliche Proteste sind weniger sichtbar als etwa jene der Pro-Palästina-Bewegung. Teilen Sie diese Einschätzung?
An dieser Diskussion beteilige ich mich nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der alle moralische Oberhoheit beanspruchen. Das tue ich nicht. Ich werde nicht herumgehen und fragen: «Wieso protestiert ihr nicht?» Genauso ignoriere ich es, wenn Leute zu mir kommen und sagen: «Warum protestierst du nicht hierfür oder dafür?» Es gibt natürlich Stimmen, die behaupten, die Proteste im Iran seien durch den Mossad gesteuert. Bei solchen Verschwörungserzählungen ist bei mir Schluss. Aber ob Leute jetzt demonstrieren oder nicht, ist ihre Entscheidung. 

Trotzdem: Demonstrationen, jegliche internationale Aufmerksamkeit, sind wichtig.
Unbedingt. Vor wenigen Tagen erhielt ich mehrere Sprachnachrichten von einer Frau im Iran. Sie hat durchgehend geweint und geschrien. Sie sagte: «Wir haben alles gemacht. Wir sind rausgegangen. Wir sind protestieren gegangen. Sie haben uns umgebracht. Sie haben unsere Kinder umgebracht. Jetzt rauszugehen, ist für uns Selbstmord. Wir können nichts mehr machen.» So eine tiefe Verzweiflung habe ich selten gehört. Dann fügte die Frau hinzu: «Aber wenn wir sehen, dass vor der iranischen Botschaft in anderen Staaten Leute stehen und demonstrieren, dann gibt mir dies das Gefühl, dass ich noch am Leben bin. Dass da noch Hoffnung ist.»  

Wie mächtig ist Ali Khamenei, das geistliche Oberhaupt Irans, noch? Gerüchten zufolge soll er seine Flucht schon vorbereitet haben.
Das hat man gehört, ja. Was daran stimmt, weiss ich nicht. Ali Khamenei spielt jedoch noch immer eine grosse Rolle. Er hat sein eigenes Netzwerk, die Führer der Revolutionsgarde sind sehr mächtig, auch sein Sohn hat eine starke Position innerhalb des Machtapparates inne. Er ist ein schiitischer Geistlicher, eng mit den Sicherheitskräften verbunden und gilt als potenzieller Nachfolger seines Vaters. Es ist fast unmöglich, das System um die Spitze des Machtapparates zu durchschauen. Es ist eine Blackbox.  

"Die Menschen wollen nicht mehr in einem Land leben, wo sie und ihre Familien auf den Strassen ermordet werden"

Als Hoffnungsträger gilt Kronprinz Reza Pahlavi. Ist er das tatsächlich? Er war seit fünfzig Jahren nicht mehr im Iran, hat dort weder ein politisches Netzwerk noch eine Organisation aufgebaut.
Für einige im Iran ist er ein Hoffnungsträger. Viele Menschen setzen in dieser furchtbar ausweglosen Situation auf Hilfe aus jeder Ecke. Nicht wenige hoffen deshalb auch auf US-Präsident Trump. Pahlavis Name wurde oft an Protesten gerufen. Ich habe mit Leuten gesprochen, die mir gesagt haben, sie hätten ideologisch gar nichts mit ihm gemein. Trotzdem hoffen sie auf ihn. Vielleicht könne er etwas machen. Das finde ich nachvollziehbar. Gleichzeitig gibt es ethnische Minderheiten im Iran, die ihm gegenüber sehr misstrauisch sind, weil er ziemlich nationalistische Töne von sich gibt. Viele erinnern sich auch an das repressive Regime seines Vaters. Das macht Angst.  

Die USA bauen im Nahen Osten eine gewaltige militärische Drohkulisse gegen das iranische Regime auf. Dieses wiederum scheint zu Gesprächen bereit zu sein. Unter anderem soll über ein neues Atomabkommen verhandelt werden. Wie schätzen Sie diese Annäherung ein?
Ich glaube nicht, dass Präsident Trump in den Iran eingreifen wird. Vielmehr scheint es für ihn ein Spiel zu sein, wie ein Computerspiel. Er geniesst es, die Macht zu haben, angreifen zu können. Was mit den Menschen passiert, interessiert ihn nicht. Das zeigt sich auch daran, dass es in diesen Verhandlungen überhaupt nicht um die Menschen geht. Trump will sich nur auf die Fahne schreiben, einen Deal abgeschlossen zu haben – egal, was das für die Menschen im Land bedeutet. Nuklearwaffen lassen sich ohnehin nicht durch ein Abkommen verhindern. Das Regime der Islamischen Republik will diese Waffen und wird alles dafür tun, sie zu bekommen. Ihm bleibt nichts anderes, um seine Existenz zu sichern. 

Gesetzt den Fall, das Regime würde tatsächlich gestürzt. Wie soll es weitergehen? Der Wunsch nach Freiheit wird seit Jahren immer wieder formuliert, gibt es einen politischen Grundkonsens, der sich abzeichnet?
Ich weiss es nicht. In einem Land, in dem man keine Umfragen machen kann, lässt sich das unmöglich feststellen. Was ich aber weiss, ist, dass die Menschen nicht mehr in einem Land leben wollen, wo sie Angst haben müssen, ihren Kindern kein Essen mehr auf den Tisch stellen zu können. Wo die medizinische Versorgung schwierig, das Leben unmöglich ist. Wo sie und ihre Familien auf den Strassen ermordet werden. Wo man keine Kinder mehr haben will. Die Geburtenrate sinkt massiv. Sie ist mit rund 1,7 Kindern pro Frau fast so tief wie in Deutschland, was für diese Region ungewöhnlich ist. Ich habe aus diesem Land noch nie so viel Trauer gehört, noch nie eine derartige Hoffnungslosigkeit wahrgenommen. Das ist alles, was ich sagen kann.  

Gilda Sahebi ist Ärztin und Politikwissenschafterin. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten autoritäre Systeme, gesellschaftliche Polarisierung, Rassismus, Frauenrechte, Naher Osten und Wissenschaft. Ihr neuestes Buch: Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung. Verlag S. Fischer, Frankfurt a. M., 2025, 256 Seiten, ca. 35 Fr. Gilda Sahebi hat iranische Wurzeln und lebt in Berlin.

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