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Joan Root – Wildfang in Afrika

Leben

Joan Root – Wildfang in Afrika

  • Text: Claudia SennFotos: Courtesy Alan Root

Die gebürtige Engländerin Joan Root gehörte zu den besten Tierfilmern der Welt, bevor sie 2006 in Kenia umgebracht wurde.

Joan Root gehörte zu den besten Tierfilmern der Welt, bevor sie 2006 unter mysteriösen Umständen ermordet wurde. Eben ist ein Buch über ihr abenteuerliches Leben erschienen, ein Film mit Julia Roberts soll folgen.

Die Braut trägt ein Kleid in der Farbe von wildem Salbei. Dem Bräutigam, einem Haudegen, der es mit ausgewachsenen Nilpferden aufnimmt, zittern während der ganzen Zeremonie die Knie. Und einige Scherzbolde unter den Gästen legen, statt Reis zu werfen, frischen Elefantendung unter die Pneus des Landrovers. Als das frischgebackene Ehepaar unter dem Jubel seiner Freunde losfährt, spritzt die Kacke in alle Richtungen und sprenkelt die Festgesellschaft braun – eine echt kenianische Hochzeit. Wir schreiben das Jahr 1961.

Die Flitterwochen, die Joan Root und ihr Mann Alan unter dem weiten Himmel der afrikanischen Savanne verbringen, sind der Beginn einer abenteuerlichen Ehe und einer aussergewöhnlichen Karriere. Vom ersten Tag ihres gemeinsamen Lebens an arbeiteten die beiden als Tierfilmer. In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren sie die unerreichten Cracks auf ihrem Gebiet, Legenden, fast mythisch verehrt von Naturfreunden in aller Welt. Die Roots drehten für die BBC und für Bernhard Grzimeks Sendung «Ein Platz für Tiere». Eine Dokumentation über das Innenleben eines Termitenhügels war für einen Oscar nominiert.

Auf der Suche nach spektakulären Bildern durchquerten Joan und Alan Root weite Teile Afrikas mit ihrer einmotorigen Cessna und ihrem Amphibienfahrzeug. Sie fuhren als Erste im Heissluftballon über den Kilimandscharo und liessen sich von jeder erdenklichen Kreatur beissen, stechen oder anderweitig piesacken, wenn es ihnen dabei half, die Wunder des Kontinents auf Zelluloid zu bannen. Das Ehepaar Root war es auch, das die US-Zoologin Dian Fossey 1963 durch die Virungaberge zu den Gorillas im Nebel führte.

Joan Roots Name ist heute ungleich weniger bekannt als derjenige von Dian Fossey, deren Leben 1988 verfilmt worden ist («Gorillas in the Mist»). Doch das könnte sich bald ändern. Denn inzwischen hat Hollywood erkannt, welch grossartigen Stoff auch Joan Roots Biografie hergibt. Ein Film über die betörend schöne Abenteurerin, die ebenso gewaltsam zu Tode kam wie Fossey, ist bereits in Planung. Die Hauptrolle hat sich Julia Roberts gesichert. Die Wartezeit verkürzt das eben erschienene Buch des «Vanity Fair»-Reporters Mark Seal, der Joan Roots Leben anhand von Tagebüchern, Briefen und Interviews nachzeichnet. Ein Leben, in dem alles im Übermass vorhanden zu sein schien: Liebe und Romantik, Einsamkeit, Kampfgeist und Gewalt.

Die Aufgabenteilung war bei allen Abenteuern des Ehepaars klar geregelt: Der 1937 geborene Alan ist der Held vor und hinter der Kamera, ein Draufgänger, extrovertiert und kontaktfreudig. Die ein Jahr ältere Joan kümmert sich um die praktischen Dinge. Sie organisiert Ausrüstung, Proviant und technisches Equipment. Wenn Alan mal wieder von einem Raubtier gebissen worden ist oder eine Bruchlandung mit dem Flugzeug gebaut hat, ist sie mit Verbandszeug und einer Flasche Glenfiddich zur Stelle. Joan bloss als Alans Assistentin zu sehen, wäre aber ein Fehler. Denn bei den Dreharbeiten übernimmt sie häufig den gefährlichen Part: Lässt sich etwa von einer wütenden Kobra Gift in die Augen spritzen, während ihr Mann die Attacke mit der Kamera festhält.

Anders als Alan käme es ihr nie in den Sinn, mit ihren Heldentaten zu protzen. Ihr Leben lang leidet sie unter krankhafter Schüchternheit. Smalltalk ist ihr eine Qual. Selbst eine Audienz bei der englischen Queen kann sie nicht aus der Reserve locken. «Sie gehörte zu den seltenen Menschen, die keine Aufmerksamkeit wollen», sagte einmal ein befreundeter Schriftsteller, der die Roots oft auf ihren Reisen begleitete. «Wenn Prinz Philip ihr einen lahmen Mungo ins Haus brächte, würde sie einen kleinen Knicks machen und den Mungo nehmen. Und dann würde sich Joan mit dem Mungo unterhalten.» Diese fast pathologische Scheu verstärkt jedoch nur ihre geheimnisvolle, sphinxhafte Aura.

Wie viele Töchter aus Kenias weisser Oberschicht hat sie einige Jahre in einem Schweizer Internat zugebracht und viel von der Welt gesehen. Richtig zuhause aber fühlt sie sich nur im Busch. Stets pflegt sie eine ganze Menagerie von Tieren gesund: Schildkröten mit zerbrochenem Panzer, verkrüppelte Buschböcke, Elefanten-Waisenkinder. Das Grundstück der Roots am idyllischen Naivasha-See gleicht einem Miniatur-Wildreservat. Giraffen wandern durch den Garten. Dikdiks, kaum grösser als Hasen, knabbern an den Blumen. Und die Flusspferde, die tagsüber im See schwimmen, mähen nachts malmend den Rasen. «Einmal erhob sich auf der anderen Seite des Wohnzimmers etwas, das ich bis dahin für ein grosses Bett gehalten hatte», schrieb der Journalist George Plimpton 1999 in einem Porträt über das Ehepaar Root im «New Yorker». «Es lief zur Tür hinaus, über die Wiese und in den See – ein zahmes Flusspferd namens Sally.»

Über zwanzig Jahre lang funktioniert die Ehe des ungleichen Paares prächtig. Keine von Alans gelegentlichen Amouren gefährdet die Beziehung zu Joan, die ihre tiefe Naturverbundenheit mit ihm teilt. Manchmal fehlen dem Paar die Worte. Dann benutzt es eine Privatsprache aus Affenlauten, jenes «Uuup! Uuup!», mit dem ein Schimpanse seinen Gefährten ruft. Joan und Alan übernehmen es als eine Art Code, der bedeutet: «Ich bin hier, mein Schatz. Wo steckst du?»

«Unser Leben war voller Abenteuer und Entdeckungen und schon deshalb absolut romantisch», erzählt Alan Root. Auf ihren Reisen baden die beiden nackt in klaren Quellen oder in Flüssen voller Krokodile, deren Wasser so braun und dick ist wie Schokolade. Statt an Dinnerpartys teilzunehmen, beobachten sie Baobab-Knospen, die sich gerade öffnen oder die Eier einer Gottesanbeterin, aus denen die Jungen schlüpfen.

So hätte es ewig weitergehen können. Doch dann lernt Alan eine Frau kennen, die auch Joans Leben radikal verändern wird: Jennie Hammond. Die Krankenschwester, Töpferin und Psychologin hat alles, was Joan fehlt. Sie ist kontaktfreudig, selbstbewusst, sexuell aggressiv. Und sie hat – anders als Joan, die durch eine Nervenkrankheit in jungen Jahren unfruchtbar geworden ist – zwei Kinder. Alan, der sich nichts heftiger wünscht, als Vater zu werden, ist hingerissen. Für eine Weile betrachtet er die Liaison nur als Abenteuer. Doch dann wird bei Jennie Leukämie diagnostiziert. Zwei Jahre habe sie noch zu leben, sagen die Ärzte. Alan verspricht, ihr bis zum Ende beizustehen. Mehr noch: Auf Druck von Jennie bittet er seine Frau um die Scheidung.

Joan Roots Leben bricht an allen Fronten auseinander. Sie verliert nicht nur den einzigen Mann, den sie je geliebt hat, sondern auch ihren Beruf als Filmemacherin. Unfähig, ihren Kummer nach aussen hin zu zeigen, zieht sie sich in sich selbst zurück. «Ich sehe sie vor mir, blass und ausgebleicht wie ein Stück Treibholz an einem einsamen Strand», beschreibt eine Bekannte ihre deprimierte, inzwischen fünfzigjährige Freundin. Niemals hört Joan auf zu hoffen, dass Alan nach Jennies Tod zu ihr zurückkehren könnte, doch ihre Nebenbuhlerin erweist sich als erstaunlich vital. Sie stirbt erst 14 Jahre nach ihrer Krebsdiagnose. Ein einziges Mal nur gestattet sich Joan eine kurze Romanze. Es ist keine Liebe, sondern vielmehr der Versuch, sich zu beweisen, dass es ein Leben nach Alan gibt. Über den Verlust hilft ihr auch das nicht hinweg.

Hier könnte der aufregende Teil von Joan Roots Leben zu Ende sein. Doch die tief verletzte, verlassene Ehefrau findet noch einmal eine Berufung: Anfang der Neunzigerjahre lässt sich am Naivasha-See die kenianische Blumenindustrie nieder. Rosen lösen den Kaffee als Kenias Exportprodukt Nummer eins ab. Die Branche explodiert – mit jährlichen Wachstumsraten von 35 Prozent. Naivasha, das einst staubige Eisenbahnstädtchen am See, verwandelt sich in ein pulsierendes Handelszentrum. Von Mitte bis Ende der Neunzigerjahre wächst die Einwohnerzahl um das Zehnfache. Hunderttausende von bettelarmen Zuwanderern hoffen auf einen Job in den Treibhäusern – meist vergeblich.

Bald schon fischen Armeen von hungrigen Wilderern den mit Pestiziden belasteten See leer. Auch Joans ehemals so friedliches Grundstück verwandelt sich in ein Schlachtfeld. Jeden Morgen geht sie auf Patrouille, um die noch lebenden Tiere aus den immer zahlreicheren Fallen zu befreien. Aus der leidenschaftlichen Filmemacherin wird eine ebenso engagierte Umweltschützerin. «Man kann entweder Verantwortung übernehmen oder sich als Opfer der Welt fühlen», schreibt sie in ihr Notizbuch. «Diese Entscheidung bestimmt, wessen Macht anwächst – deine oder die von jemand anderem.»

Wild entschlossen nimmt sie den Kampf gegen die Ökokatastrophe auf. Um die Wilderer in ihre Schranken zu weisen, heuert sie einige von ihnen an und gründet eine Taskforce, die den See schützen soll. Doch manche ihrer Wächter machen gemeinsame Sache mit den Wilderern, andere verbreiten Gewalt und Terror. Die Nachbarn – meist reiche Profiteure der Blumenindustrie – gehen auf Distanz. «Fühle mich wie kurz vor einem Nervenzusammenbruch», schreibt sie am 21. Mai 2001 in ihr Tagebuch. Ihre Freunde in Nairobi raten ihr, aus der Gegend zu verschwinden. Doch Joan – zu stur oder zu naiv – gibt immer dieselbe Antwort: «Es geht mir nur um den See.»

Die Situation eskaliert. Naivasha wird von einer Verbrechenswelle heimgesucht. Die weissen Einwohner rüsten ihre Häuser zu Bunkern um. Auch Joan lässt sich Stahlwände in ihr Haus einbauen und die Gitter vor den Fenstern verstärken. Noch immer weigert sie sich wegzuziehen. «Wo sollte ich denn hin?», schreibt sie, inzwischen 69, in ihr Tagebuch.

Am 13. Januar 2006, um halb zwei Uhr morgens, wird Joan Root von zwei Männern mit einer Kalaschnikow erschossen. Weder die Alarmanlage noch das Sicherheitspersonal können den Mord verhindern. Die Täter feuern durch das Gitter ihres Schlafzimmerfensters. Ein Freund, den Joan während des Überfalls am Telefon um Hilfe anfleht, hört mit an, wie die Täter ihr drohen, sie «zu durchlöchern wie ein Sieb».

War es ein Racheakt aus der Blumenindustrie? Ein Raubüberfall oder die Taskforce, die sich schliesslich gegen ihre Auftraggeberin gewandt hat? Bis heute ist die Tat ungeklärt. Das Echo in der Weltpresse war gewaltig. Noch einmal wurde die stille, schüchterne Joan Root ins Rampenlicht gezerrt. Alan Root, Joans grosse und einzige Liebe, kehrte am Tag ihres Todes nach Naivasha zurück. Er begrub ihre Asche an einer Stelle mit Blick auf den See und pflanzte auf das Grab einen Feigenbaum.

Mark Seal: Ich gab mein Herz für Afrika. Das mutige Leben der Joan Root. BTB-Verlag, ca. 31 Franken

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