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Text: Wies Bratby; Illustration: GettyImages

Wies Bratby Karriere Kolumne

Wies Bratby berät Frauen bei Lohnverhandlungen. In einer fünfteiligen Serie deckt sie für uns Karrieremythen auf. Lesen Sie hier den dritten Beitrag.  

Mythos Nummer 3: «Unsere Vorgesetzten werden unsere grossartige Arbeit schon sehen und sie belohnen.»

Meine Damen, schauen wir uns einen weiteren hartnäckigen Mythos an, an dem wir festhalten und den wir uns immer wieder einreden: Unsere Vorgesetzten werden unsere grossartige Arbeit schon sehen und sie belohnen, wenn es möglich ist. Mit anderen Worten: Wir müssen nicht nach einer Lohnerhöhung fragen, da die Chefin oder der Chef die Initiative ergreifen und ein Gespräch mit uns führen wird, wenn die Arbeit überzeugt hat.

Ich höre das von vielen Frauen, mit denen ich im Lauf meines Coachings spreche. Viele von ihnen starteten ihre Karriere bereits mit einem viel zu niedrigen Lohn, weil sie vor allem dankbar waren für die Chance. Vielen war dabei auch gar nicht bewusst, dass überhaupt ein Verhandlungsspielraum existiert. Andere wussten zwar um die Möglichkeit, scheuten sich aber vor dem Gespräch. Sie sagten sich, dass sich harte Arbeit schon auszahlen und für sich sprechen würde. Dann würde diese Lohnerhöhung auf magische Weise folgen …

Kommen Ihnen diese Gedanken bekannt vor? Wenn ja, lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Hat das jemals für Sie funktioniert?

Das tut es nie, oder?

Wir erhalten Lob für abgeschlossene Projekte, man dankt uns für Zeit- oder Kostenersparnisse oder überreicht uns für besondere Dienste sogar eine Auszeichnung an der nächsten Firmenkonferenz. Doch eine Beförderung und eine damit verbundene Lohnerhöhung gibt es nicht.

Sie sehen also: Wir bekommen nur dann das, was wir wollen, wenn wir danach fragen. So einfach ist das. Es liegt an Ihnen, das zu bekommen, was Sie verdienen!

Vielleicht ist das nicht fair, und vermutlich ist es auch nicht bequem. Und nein, damit hilft Ihnen Ihre Chefin auch nicht, das Beste aus Ihnen herauszuholen. Aber nehmen Sie ihr das nicht übel. Denn die Sache ist die: Die meisten Vorgesetzten können nicht anders. Sie sind beschäftigt und setzen sich mit zehn Millionen verschiedenen Dingen auseinander, die ihre volle Aufmerksamkeit erfordern. Wer es nun schafft, diese Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hat eine Chance auf die Beförderung und die Lohnerhöhung. Ein weiterer Grund, weshalb uns die Chefetage nicht proaktiv mehr Geld anbietet, ist die Wirtschaftlichkeit. Viele Vorgesetzte haben das Gefühl, dass dies zu einem finanziellen Nachteil für die Firma werden könnte. Wobei man auch sagen muss: Langfristig ist es eine viel bessere Investition für das gesamte Unternehmen, wenn Mitarbeitende auf einem Niveau bezahlt werden, das ihnen das Gefühl gibt, geschätzt, motiviert und inspiriert zu sein. Alles andere könnte zu einem Stellenwechsel und damit zu einem personellen Verlust für die Firma führen.

Doch ganz egal, welche Firmenkultur in Ihrem Arbeitsumfeld vorherrscht, es ist höchst unwahrscheinlich, dass das Unternehmen, für das Sie arbeiten, Ihnen eine Lohnerhöhung geben wird, ohne dass Sie darum bitten. Also fragen Sie danach! Selbstverständlich sind Karriere-Verhandlungen nicht immer einfach, manchen liegen sie mehr als anderen. Aber bevor wir ins Detail gehen und uns genauer ansehen, wie man eine solche Verhandlung am besten führt, sollten Sie sich bewusst machen, dass alles damit beginnt, dass Sie die Verhandlung initiieren.


Wies Bratby leitet Women In Negotiation, ein Coaching-Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, Frauen in Unternehmen beizubringen, ihre Karriere und ihren Lohn zu verhandeln. Weitere Infos hier

 

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