Jane Birkin

«Serge Gainsbourgs Lieder spenden mir Trost»

Text: Larissa Hugentobler; Fotos: Getty Images 

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Jane Birkin am 69. Locarno Film Festival

Serge Gainsbourg mit Jane Birkin und Tochter Charlotte Gainsbourg, 1973

Schauspielerin und Stil-Ikone Jane Birkin hat in Locarno ihren neuen Film vorgestellt. Wir haben mit ihr über ihren verstorbenen Freund und Ex-Partner Serge Gainsbourg gesprochen. 

«L’amour physique et sans issue» – die körperliche Liebe ist aussichtslos, hauchte Jane Birkin in ihrem skandalösen Hit «Je t’aime moi non plus» von und mit Serge Gainsbourg im Jahr 1969. Es sind 47 Jahre vergangen, doch die zurückhaltende, charmant zerzauste Dame, die mir im Locarner Hotel Belvedere gegenübersitzt, hat diese zauberhaft rauchige Stimme bis heute nicht verloren. Zwar plagt die 69-Jährige eine frisch gebrochene Rippe und eine angeschlagene Stimme, doch deswegen hängt man ihr nicht weniger an den Lippen als damals.

Jane Birkin ist für die Weltpremiere ihres neuen Films «La Femme et le TGV» in Locarno – ein Schweizer Kurzfilm des Jungregisseurs Timo Von Gunten. Der Film thematisiert den Stellenwert von Fantasie. Die Protagonistin Elise (Jane Birkin) führt einen regen Briefverkehr mit Bruno, dem Lokführer des TGV, der täglich an ihrem Haus vorbeifährt. Der Briefwechsel lässt Elise regelrecht aufblühen, gesehen hat sie Bruno jedoch noch nie. Die Freundschaft existiert nur auf dem Papier. 

Elise erinnert an Birkin selbst, die noch heute die Lieder ihres ehemaligen Partners Serge Gainsbourg singt und in Erinnerungen schwelgt. Mit dem 1991 verstorbenen Sänger blieb die Ikone auch nach dem Ende der Liebesbeziehung eng befreundet. Sein Tod erschütterte sie zutiefst und führte zum Bruch mit ihrem damaligen Partner. Seither lebt sie allein. Als ich Jane Birkin frage, welchen Wert diese Erinnerungen für sie haben, schaut sie mich nachdenklich an, schweigt, blickt dann in die Ferne. Sie sei nicht sicher, ob sie wisse, was ich meine. Sie glaube aber an Geister, sagt sie. Nach einigen Sätzen lässt sie die Frage fallen, eine Antwort bleibt sie mir schuldig. 
Sie lebe oft in der Vergangenheit, sagt Birkin später. Die Lieder, mit denen sie heute auftritt, habe Gainsbourg vor langer Zeit für sie geschrieben. Besonders «Fuir le Bonheur de peur qu’il ne se sauve» bedeute ihr viel. «Seine Lieder spenden mir Trost», sagt sie und von der gebrochenen Rippe ist nichts mehr zu merken. Die 69-Jährige kichert.

1987 ist Jane Birkin im Pariser Kultmusikclub Bataclan aufgetreten. Sie erzählt, wie sie erstmals ohne Make-up und mit kurz geschnittenen Haaren auf die Bühne ging, und wie sie wollte, dass die Zuhörer nicht sie, sondern die Musik wahrnehmen. Obwohl sie als eine der einflussreichsten Stil-Ikonen ihrer Zeit galt, schien es ihr unangenehm zu sein, dass die Welt ihr Äusseres so genau beobachtete. 
Ein Grund, weshalb sie sich ihre eigenen Filme nicht ansieht: «Ich schaue mir dieses Gesicht nicht gern an. Ich glaube nicht, dass ich dieses Gesicht noch mag.» Wieder wird sie nachdenklich. Sie mache Filme, weil sie das Schauspielen liebe, nicht um sich selbst auf einer Leinwand zu sehen. 

Als ich sie frage ob ihr die Reaktionen des Publikums denn wichtig seien, antwortet sie mit einem Strahlen – die wohl berühmteste Zahnlücke der Welt deutlich sichtbar. Jane Birkin möchte das Publikum berühren: «Es ist das, was zählt!»
Und natürlich Gainsbourg. Angesprochen auf die dramatischen öffentlichen Streitereien der beiden, lacht sie nur. Warum sie ihm einmal im Restaurant eine Torte ins Gesicht geworfen und sich anschliessend in die Seine gestürzt habe? Sie antwortet kichernd: «Warum nicht?» Ob es die Leidenschaft sei, die sie dazu getrieben habe? «Ich glaube, ich war einfach sehr betrunken», antwortet sie ohne zu zögern. 

Jane Birkin ist charmant und zurückhaltend, gleichzeitig witzig und frech – und vor allem – trotz ihres britischen Akzents – so wunderbar französisch. Auch ich gehe nach diesem Treffen vielleicht mit ein bisschen mehr «je ne sais quoi» durchs Leben. Jane Birkin besitzt jedenfalls genug, um uns allen ein Stück davon abzugeben.

Larissa Hugentobler

Die Reportagen-Praktikantin interessiert sich für alle Aspekte des Mensch-Seins und vor allem für eins; was uns vereint. In ihrer Freizeit lässt sie sich sowohl von Geschichten aus dem amerikanischem Rap als auch der englischen Poesie aus dem 18. Jahrhundert inspirieren.

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