Kultur

Buchempfehlungen für den Lockdown

Redaktion: Claudia Senn; Text: Sacha Verna; Bilder: Unsplash, ZVG

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Roman — Dasein oder Nichtsein
Eine Insel, irgendwann, irgendwo. Dinge verschwinden und mit ihnen die Erinnerung daran: Vögel, Jahreszeiten, Berufe, Bücher. Wer sie im Gedächtnis bewahrt, wird von der Polizei erbarmungslos verfolgt. Die Erzählerin ist als Schriftstellerin in ihrer Existenz bedroht, denn Geschichten sind Akte des Festhaltens. Doch während die Welt sich langsam auflöst, setzt sie alles daran, einen der letzten Hüter von Vergessenem zu schützen. Ein Roman über das, was das menschliche Dasein vom Nichtsein trennt – unheimlich, eigenartig, einprägsam.
 

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Liebeskind-Verlag, München 2020, 352 Seiten, ca. 34 Fr.

Roman — Verlieren und Verluste
Im Kamtschatka verschwinden Menschen und Chancen. Es beginnt mit zwei Mädchen, die vom sommerlichen Spielen am Strand nicht zurückkehren. Eine Entführung? Ein Unfall? Was immer der Grund war, ihr Verschwinden wirkt sich in den folgenden Monaten auf das Leben ganz unterschiedlicher Leute aus. Aus wechselnden Perspektiven schildert Julia Phillips das Dasein in einem entlegenen Zipfel Russlands. Spannungen zwischen indigenen Stämmen und «Weissen» prägen den Alltag, und Frauen schmeissen viele Läden, aber viel zu selten das Handtuch. Ein kaleidoskopischer Roman mit Thriller-Elementen übers Verlieren und Verluste, aufregend fern und doch vertraut.
 

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde. Aus dem Amerikanischen von Roberto de Hollanda und Pociao. DTV-Verlag, München 2021, 375 Seiten, ca. 32 Fr.

Bildband — Frühe Fotoreporterin
«Man müsste ein Stück Wüste und ein Stück Gebirge werden können und ein Streifen Abendhimmel», notierte Annemarie Schwarzenbach begeistert während einer ihrer Reisen, die sie in den 1930er-Jahren unter anderem nach Afghanistan, in die USA, nach Afrika und ins Baltikum führten. Der Hunger nach Nähe und Unmittelbarkeit, der in diesen Aufzeichnungen anklingt, prägte auch das fotografische Werk der Schriftstellerin, das im Berner Zentrum Paul Klee derzeit in einer konzentrierten Auswahl zu sehen wäre (Das Zentrum ist aufgrund des Lockdowns bis Ende Februar geschlossen). Viele Aufnahmen entstanden im Rahmen ihrer Reportagen für Schweizer Zeitungen. Auf Augenhöhe mit den Menschen fotografierte sie die Lebensbedingungen von Schwarzen in den Südstaaten, dokumentierte Rassismus und Armut, richtete ihre Kamera auf die Einsamkeit entlegener Täler im persischen Hochland oder auf das entspannte Treiben im ostfarikanischen Hafen von Massaua. Rund achtzig dieser Aufnahmen sind nun erstmals in einem schönen, kleinen Bildband erschienen.
 

Aufbruch ohne Ziel: Annemarie Schwarzenbach als Fotografin. Lars Müller Publishers, Baden 2020, 144 Seiten, ca. 33 Fr.

Roman — Unsinn und Sinnlichkeit
Für Cis ist es eine Schwärmerei. Jorge treibt die nackte Lust. Beide verwechseln ihre Gefühle füreinander mit Liebe. Um dem Unwillen der Verwandtschaft zu entkommen, ergreift das Paar melodramatisch die Flucht. Die Affäre nimmt erwartungsgemäss ein ungutes Ende. Doch bis es so weit ist, erproben die zwei die Vogelfreiheit und bescheren den Detektiven, die Cis’ Vater ihnen über Landesgrenzen hinweg hinterherhetzt, reichlich Arbeit. Dabei versucht sie sich als Kellnerin und lernt die Gesellschaft, die sie bis dahin nur von oben gesehen hat, von unten kennen. Jorge komponiert eine Oper, weil die Welt mehr in ihm erkennen soll als den mittellosen Klavierlehrer, in dessen Gestalt er an Cis’ edel parfümiertem Busen gestrandet ist. Ein Roman über Unsinn und Sinnlichkeit, der um die vorletzte Jahrhundertwende spielt, in seiner analytischen Emotionalität aber ganz und gar zeitlos ist.
 

Helmut Krausser: Für die Ewigkeit. Berlin-Verlag, Berlin 2020, 192 Seiten, ca. 29 Fr.

Bildband — Akte von Andy
Als junger Werbegrafiker lernte Andy Warhol früh, wie man den Blick der Menschen auf Produkte lenkt und Begehren weckt. In seinen Aktzeichnungen der 1950er-Jahre hat er dieses Zeigen auf beinah obsessive Weise praktiziert. Mal sindes nur Linien, hin und wieder auch von Blüten umrankt, die die Konturen zarter Körper andeuten, mal ist es Blattgold, das kräftige Lenden formt vor leuchtendem Purpurgrund. Eine Auswahl dieser luftigen, zwischen Langeweile und Tagtraum schwebenden Papierarbeiten versammelt der opulente Bildband «Andy Warhol: Love, Sex and Desire». In über 300 Porträts erzählt er zugleich von der Sensibilität des Künstlers gegenüber seinem internationalen Erfolg.
 

Andy Warhol: «Love Sex and Desire». Drawings 1950–1962, Taschen-Verlag, Köln 2020, 392 Seiten, ca. 99 Fr.

Reiseliteratur — Widersprüche und Wunder
Eine Warnung: Dieses Buch enthält zutiefst rassistische Passagen. Dabei gehören die Reiseberichte zu den schönsten Oden an die Vielfalt der Menschen, die man sich vorstellen kann. Wie das, was sie schreibt, steckt auch Alma M. Karlin (1889–1950) voller Überraschungen. In den 1920er-Jahren gondelt sie acht Jahre lang allein durch die Welt, von Europa nach Südamerika, von Japan nach Australien. Ihr mageres Einkommen bestreitet sie mit dem Verfassen von Feuilletons für deutsche Zeitungen. Ihre halbseitige Lähmung überspielt sie mit Selbstironie und resolutem Kofferschleppen. In ozeanischen Buchten füttert sie Haifische, auf den Fidschi-Inseln Hühner. Sie schläft auf Wowoi-Matten und gewöhnt sich an Krabben als Bettgenossen. Und immer wieder taucht sie in den Alltag der Gemeinschaften ein, die sie besucht, hin- und hergerissen zwischen weisser Arroganz und Verzauberung, ungezügelter Neugier und Egoismus. Ein Band voller Widersprüche und Wunder.
 

Alma M. Kalin: Im Banne der Südsee. Aviva-Verlag, Berlin 2020, 352 Seiten, ca. 28 Fr.

Weil uns zurzeit nicht viel anderes bleibt, als Serien zu schauen und zu lesen: Wir stellen Ihnen sechs Bücher-Tipps vor.

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