Musik

Das politische Comeback von Alanis Morissette

Text: Daniel Gerhardt; Bild: Shelby Duncan

Vor 25 Jahren gelang Alanis Morissette mit «Jagged Little Pill» eines der grössten Alben der Popgeschichte. Nun startet die 46-Jährige ein Comeback – mit einem Musical über Sexismus und Rassismus sowie neuer Musik.

Ein Musical ist für Popstars meistens der Anfang vom Ende. Die einzige Kunstform, die im Hinblick auf ihre Bedeutung noch unter dem Popsong angesiedelt ist. Eine letzte Möglichkeit, die alten Hits noch einmal in den grossen Theatern von London und New York zu melken, bevor sie auf dem Abstellgleis der Musikgeschichte endgültig in Vergessenheit geraten.

Queen wurden zum Musical, die Beach Boys wurden zum Musical. Elvis wurde sogar mehrmals zum Musical, und jetzt ist Alanis Morissette dran. Bei der Neunzigerjahre-Ikone aus der kanadischen Hauptstadt Ottawa soll jedoch alles ganz anders laufen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Im Dezember 2019 feierte «Jagged Little Pill» am New Yorker Broadway Premiere: ein Eventmusical, das mit erheblichem Aufwand um das gleichnamige Debütalbum von Morissette aus dem Jahr 1995 herumgebaut wurde. Die oscarprämierte Drehbuchautorin und Regisseurin Diablo Cody («Juno») liess sich von den Liedern zu einer Geschichte über amerikanische Durchschnittsfamilien inspirieren, die zwischen sexueller Verwirrung, Rassismus, Depression und Medikamentensucht an den Herausforderungen des modernen Lebens zu zerbrechen drohen. Morissette selbst beaufsichtigte das Projekt und steuerte zwei neue Songs bei.

Nostalgie als Verkaufsargument

Für den Spätsommer hatte sie ausserdem eine grosse Geburtstagstour geplant. 25 Jahre «Jagged Little Pill» – noch einmal live und so wütend wie damals. Nostalgie gehört zu den letzten Verkaufsargumenten der Rock- und Popmusik, das ist natürlich auch Alanis Morissette nicht verborgen geblieben. Ihr erstes neues Album nach achtjähriger Schaffenspause war deshalb als Randnotiz des ganzen Spektakels um «Jagged Little Pill» gedacht, eine nette Dreingabe mit einem wie gewohnt blumigen Titel: «Such Pretty Forks in the Road».

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Der Plan schien zunächst aufzugehen. Das Musical erhielt gute Kritiken, der Vorverkauf für die Konzerte begann vielversprechend. Dann aber kam Corona und durchkreuzte auch Morissettes grosse Vorhaben. Der Broadway machte dicht, die Tournee musste verschoben werden – und «Such Pretty Forks in the Road» steht plötzlich im Fokus eines Comebacks, das streng auf «Weisst du noch?» und «Früher war alles besser» gebürstet werden sollte.

Kann das neue Album an frühere Erfolge anknüpfen, der Musik von Morissette neue Facetten hinzufügen oder wenigstens die alten Facetten noch einmal überzeugend zum Strahlen bringen? Gute Fragen, denen die Künstlerin eigentlich aus dem Weg gehen wollte. Weil die Antworten darauf zwangsläufig unvorteilhaft ausfallen.

Wer verstehen will, warum das so ist, muss noch einmal zurückblicken auf den Kometeneinschlag, den das erste Album von Morissette im Sommer 1995 für die Poplandschaft bedeutete.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Wobei es ganz korrekt heissen müsste: Das erste Album der zweiten Karriere von Morissette. Vor «Jagged Little Pill» hatte die Künstlerin in ihrer kanadischen Heimat bereits einige halbwegs erfolgreiche Tanzpopschritte unternommen, die heute jedoch unter den Tisch gekehrt werden und bei den gängigen Streamingdiensten nicht verfügbar sind.

Anfang zwanzig zog Morissette nach Los Angeles, um den musikalischen Einschränkungen und übergriffigen Einflussnehmern zu entkommen, die ihre Laufbahn bis dahin geprägt hatten. Weg vom Pop-Gehampel, hin zur persönlichen Lieblingsmusik. Gemeinsam mit dem Produzenten und Hollywood- Veteranen Glen Ballard schrieb Morissette ein Album, dessen Texte grösstenteils ihren Tagebüchern entstammten.

Humorvoll und «horny»

«Jagged Little Pill» handelt von ersten ernsten Beziehungen und davon, wie sie zu Ende gehen. Von Sex, Betrug und Misshandlung, der Suche einer jungen Frau nach Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Morissette brachte damit eine zuvor selten gehörte weibliche Stimme ins Popradio: wütend und frivol, humorvoll und «horny», verzweifelt, erwartungsfroh und manchmal all das zugleich. Ihre Songs beschrieben den Übergang vom Teenager- ins Erwachsenenleben als grösstes aller denkbaren Dramen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Eine spätere Musicaladaption war bereits in «Jagged Little Pill» angelegt. Morissette sang die Lieder mit übertriebenen Betonungen und theatralischen Verschnörkelungen. Ihre Stimme überschlug sich, kratzte an der Selbstparodie, stürzte plötzlich ab und fing sich gerade noch rechtzeitig für eine Punktlandung beim nächsten Monsterrefrain. Dazu erklang – je nach Blickwinkel – die poppigste Rockmusik oder die rockigste Popmusik, die man sich Mitte der Neunzigerjahre vorstellen konnte.

«Jagged Little Pill» funktionierte szenenübergreifend, im massenkompatiblen Nachmittagsfernsehen von MTV genauso wie im gewagteren Nachtprogramm. Entnervte Teenager und besorgte Eltern hatten plötzlich ein gemeinsames Lieblingsalbum.

«Jagged Little Pill» hat sich mehr als 33 Millionen Mal verkauft – häufiger als jedes Album von Britney Spears, Rihanna oder den Beatles. Morissette gewann vier Grammys im Jahr nach der Veröffentlichung und ebnete zahllosen Musikerinnen mit Gitarre und mehr oder weniger kecken Texten einen Weg zu hochdotierten Plattenverträgen.

Zu laut, zu schrill, zu seicht

Bei Presse und anderen Musikschaffenden fiel das Album zunächst durch: Viele Popkritiker fanden es zu affektiert, manche Weggefährtin warf Morissette vor, lediglich die Errungenschaften weniger bekannter Musikerinnen in massenverträglicher Form aufzubereiten.

Beide Urteile verfehlten jedoch ihr Ziel. Gerade das zu Laute, zu Schrille und manchmal auch zu Seichte macht die besondere Wirkung des Albums aus. «Jagged Little Pill» ist bis heute Pflichtprogramm bei langen Autofahrten und Karaoke-Abenden. Es gehört zu den grössten Herausforderungen jeder Amateursängerin, den jodeligen Morissette-Stil in ohrenbetäubender Lautstärke zu imitieren.

Wegweisend

Der Sound des Albums ist etwas in die Jahre gekommen: Verzerrte Gitarren, Mundharmonika und Laut-Leise-Dynamik schaffen es kaum noch in oberste Chartregionen. Morissettes expliziter Erzählstil und ihre Gegenüberstellungen verschiedener, oft auch widersprüchlicher Gefühlslagen sind jedoch zu Eckpfeilern der modernen Popmusik geworden.

Ganz selbstverständlich singen Taylor Swift, Beyoncé und Lana Del Rey heute über Rache, Lust und Selbstverwirklichung. Morissette musste sich in den Neunzigern noch dafür verspotten lassen. Ganz erholt hat sie sich nie mehr davon. Es gehört zur Geschichte von Alanis Morissette, dass sie nicht nur eines der grössten Alben der Popgeschichte aufgenommen hat, sondern auch zu deren grössten One-Hit-Wonders gehört.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Während die Künstlerin auf späteren Alben mit düsterer und weniger zugänglicher Rockmusik experimentierte, interessierte sich die Klatschpresse vornehmlich für ihr Privat- und Liebesleben, das Morissette nie mehr so detailfreudig offenlegen sollte wie auf «Jagged Little Pill». Lief da jemals was mit dem Musiker Ryan Adams? Warum kam es zur Trennung von Hollywoodstar Ryan Reynolds? Und wann wog Morissette noch mal wie viele Kilogramm genau? Erst in ihrer zweiten Karrierehälfte sind Spekulationen um Beziehungen und Seelenfrieden.

Im Mai 2010 heiratete sie den amerikanischen Rapmusiker Mario Treadway, das Paar lebt heute mit seinen drei Kindern nördlich von Los Angeles.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Acht Jahre lang war vor der Veröffentlichung von «Such Pretty Forks in the Road» keine Musik mehr von Morissette erschienen. Und wahrscheinlich wären ihre verbliebenen Hardcore-Fans auch damit zufrieden gewesen, die «Jagged-Little-Pill»-Lieder für den Rest ihres Lebens unter der Dusche zu singen.

Was kann das neue Album der alten Erfolgsgeschichte also noch hinzufügen? Morissette spielt darauf erwachsene Klavierlieder. Ihre Stimme wird nicht mehr zwischen verschiedenen Emotionen hin- und hergeschleudert, ihre Wut weicht einer lösungsorientierten Problembewältigung.

Böse Zungen könnten sagen, dass man der Platte den Einfluss teurer Hollywood-Psychiater anhört, die in den letzten Jahren die richtige Mischung aus Gesprächs- und Medikamententherapie für ihre Patientin gefunden haben. Wer Morissette wohl gesonnen ist, freut sich hingegen über das erweiterte Themenspektrum.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Wo früher Selbstfindung und -behauptung einer jungen Künstlerin im Mittelpunkt standen, geht es heute um die grossen amerikanischen Sorgen: Alkohol-, Schmerzmittel- und Zerstreuungssucht, die Spaltung des Landes und die Zerstörung seiner Träume. Was man aus diesen Themen für eine knallbunte, überkandidelte und kurzweilige Show machen kann, zeigt aber nicht «Such Pretty Forks in the Road», sondern ausgerechnet das Musical zu «Jagged Little Pill».

Rassismus und Sexismus als Musicalstoff

Morissette soll der Umsetzung des Projekts nur unter der Voraussetzung zugestimmt haben, dass nicht ihr eigenes Leben im Mittelpunkt stehen würde, sondern eine zeitgemässe Geschichte über Rassismus und Sexismus, den Waffenkult und die zerbröckelnden Familienverhältnisse in ihrer Wahlheimat.

Nichts daran ist subtil, und genau das ist der Punkt. 25 Jahre nach «Jagged Little Pill» sieht die ganze Welt so gebeutelt aus, wie Alanis Morissette auf ihrem ersten Album klang. Wieder einmal könnte ein Musical also den Anfang vom Ende markieren. Doch diesmal geht es um mehr als die Karriere eines Popstars.

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