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Leitner lamentiert: Bin ich peinlich, wenn ich mit Jüngeren abhänge?

Leitner lamentiert: Bin ich peinlich, wenn ich mit Jüngeren abhänge?

Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: In der Gesellschaft Gleichaltriger fühlt sie sich oft morscher als sie ist. Zwischen jungen Hüpfern dagegen superdynamisch. Hört man da die Midlife-Crisis bimmeln?

Ich sass auf einer vorösterlichen Wiese. Zwischen scheuen Blümchen und Freundinnen, die ich seit der ersten Klasse habe – seit etwa 35 Jahren also. Ich hatte ein Kind auf dem Schoss (nicht meins, ich habe keins) und scrollte mit selbigem durch Fotos.

«Mama, schau, das bist du, als du noch jung warst!», schrie es plötzlich. Ich war entsetzt, aber zu überrumpelt, um das kindgerecht zu formulieren. Ich brüllte lediglich «Entschuldigung?» zurück ins kleine Ohr. Wenn besagte Mutter steinalt ist, bin ich es auch. 

Erst fand ich diese Fünfjährige unverschämt. Zugegebenermassen ist sie aber tatsächlich um einiges jünger als ich, einen Altersunterschied festzustellen ist also berechtigt. Und Kinder finden Erwachsene ja immer urzeitlich. Vermutlich meinte sie es also weder böse noch wollte sie mich aktiv age-shamen. Ich hoffe schwer, sie wusste nicht, dass sie da einen wunden Punkt trifft. Den gibts natürlich, ich bin hinsichtlich meines Alters ungerne realistisch.

Wie die Mutter des Kindes die Situation wohl fand, fragte ich mich. Ist es, wenn man Kinder hat, weniger schlimm, älter zu werden, weil man mit etwas mitwächst – einem oder mehreren Wesen? Ich dagegen gedeihe nur mit mir selbst. Und weil ich mich so stark darauf konzentrieren kann, beobachte ich neben meinem inneren Wachstum auch meinen äusseren Verfall mit immer schlechter werdenden Adleraugen. Aber: Ich habe die Zeit ja.

Fakt ist: In Gesellschaft Gleichaltriger fühle ich mich oft verdammt morsch. Da wird oft viel gejammert, manche habens sogar im Rücken. Und können nicht mehr lang am Boden sitzen. Abgesehen davon: Wirft es mich deshalb aus der sonst so gut geölten Bahn, weil die meisten in meinem Alter längst eine Familie gegründet haben?

Die haben was geschafft (oder: geschaffen) und ich ... naja, ich lebe eben immer noch wie mit Mitte zwanzig – wild and free, nur mit mehr Geld, Komfort, Sorgen und glücklicherweise dezent weniger Feier-Wut. Ist es das? Oder triggert mich der Blick in die ebenso zerknitterten (aber natürlich wunderschönen) Gesichter?

Alter schützt vor Torheit nicht, heisst es ja

Lächeln mich Mittzwanziger:innen an, strahle ich motiviert mit. Mein hot Tipp: Besser in ein glattes Gesicht als in den Spiegel schauen.

Ich habe eine Freundin, die findet Taylor Swift wahnsinnig schön. Sieht sie die, fühlt sie sich automatisch auch schön. Steht sie auf einer Party, die bis obenhin rappelvoll mit attraktiven Menschen ist, empfindet sie sich ganz intuitiv als genauso umwerfend.

Ich habe das immer bewundert. Denn diese Frau lässt sich nicht einschüchtern, zieht gar keine Rückschlüsse auf sich selbst, nimmt die schimmernde Glorie der andern einfach mit. Und das macht durchaus Sinn, sagt Ben Kneubühler, Fachpsychologe für Psychotherapie: «Wenn wir von schönen Menschen umgeben sind, fühlen wir uns dieser Gruppe zugehörig und bewerten und übernehmen die Sicht, die andere von der Gruppe haben. So fühlen wir uns ebenfalls schön.»

Wendet mein Hirn die gleiche Taktik an – bezogen auf ein jüngeres Umfeld?

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"Sind meine jüngeren Freund:innen mein fleischgewordener Jungbrunnen? "

Dabei müsste ich mir ja selbst vorkommen wie eine rüstige Seniorin, wenn ich mir mit einer zwölf Jahre jüngeren Arbeitskollegin in der Badi den Orange Wine reinklingele. Gegenüber hockt ein knackiger Körper, ein unverbrauchter Geist, ein Kopf, dem vermutlich auch zwei Gläser mehr nichts anhaben könnten.

Aber nein, für mich ist das fantastisch. «Man könnte meinen, man müsse sich im Vergleich zu den Jüngeren älter fühlen. Dies passiert aber nicht, weil das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe stärker ins Gewicht fällt, wenn wir unser Alter bewerten und fühlen», so Kneubühler.

Ganz ehrlich: Bin ich peinlich?

Mache ich mir da was vor? Ja, klar. Aber ist es schlimm? Nö, ich finde nicht. «Ob optimistische Schönrederei oder Betrug – es handelt sich um Beispiele der Gruppenpsychologie. Der Drang, einer Gruppe anzugehören, mag je nach Lebensalter und Charakter unterschiedlich sein, aber grundsätzlich sind wir Herdentiere und erkennen uns selbst über unser Gegenüber», erklärt der Psychologe.

So suhle ich mich weiter in der beflügelnden Unbeschwertheit derer, die noch nicht mal oder knapp über dreissig sind. 

Weil unsere Leben trotz Altersunterschied vielleicht kompatibler sind und man ja bekanntlich immer nur so alt ist, wie man sich fühlt. Nun habe ich bis auf einen sehr grauen Hinterkopf und dunkelweisse Schläfen keinerlei körperliche Beschwerden. Und der Drang, ein Haus zu bauen, hält sich ebenfalls in Grenzen.

Sind meine jüngeren Freund:innen also mein fleischgewordener Jungbrunnen? Mein Hyaluron-Filler fürs Gehirn? Das, was beim Cougar der Toyboy ist? Ich halte mich da gerne an die legendäre Susanne Bartsch, Schweizer Künstlerin und Party-Ikone in New York, die mal sagte, sie sei immer nur so alt wie der Mann, mit dem sie schlafe.

«Allzu sehr lässt sich das Gefühl aber nicht strapazieren, spätestens beim Blick in den Spiegel werden wir uns bewusst, wie alt wir wirklich sind.» Na gut, Herr Kneubühler. Sie sind ein Spielverderber.

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