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Leitner lamentiert: Wer aus 2016 postet, findet sich 2026 geiler

Leitner lamentiert: Wer aus 2016 postet, findet sich 2026 geiler

Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Alle posten wie wild Bilder aus dem Jahr 2016. Aus Nostalgie? Um die eigene Grossartigkeit zu dokumentieren? Was ist, wenn sich wenig verändert hat?

«You just had to be there» schreibt Hailey Bieber unter Bilder aus dem Jahr 2016. Darauf ist sie freche neunzehn, hatte die obligatorischen zuckerwatterosa Haare und Justin Bieber schon am Schmollmund. «You just had to be there» schreibt BFF Kylie Jenner unter Bilder aus dem Jahr 2016. Sie ist darauf achtzehn, die Lippen sind prall, die Brüste noch nicht. «You just had to be there» also. Aber waren nicht so ziemlich alle, die das heute lesen, eh damals auch da? Die, die knapp noch nicht da waren, sind jetzt zehn. Und warum genau muss man 2016 dabei gewesen sein? Um sich selbst zu testen? Für eine öffentliche Bestandsaufnahme?

Eigentlich sollte man für den Social-Media-Trend, bei dem man seit Anbruch des Jahres 2026 «throwbacks» aus dem Jahre 2016 (als man «throwback» noch als Hashtag nutzte) postet, damals einigermassen erwachsen gewesen sein. Der Trend richtet sich an Menschen, für die 2016 nicht Kindheit, sondern peinliche Gegenwart war. Die Gen Z aber, die heute bis zu 29 Jahre alt ist, postet mehrheitlich witzlos aus dem Kinderzimmer. Haileys und Kylies Babyfaces sind niedlich. Wahnsinn, denkt man da automatisch. Die haben sich ja kaum verändert. Die sehen – ganz ihres Berufes entsprechend: seit einer Dekade Schönheitsideal sein – jetzt noch viel hotter aus. Um genau zu sein:

Erwachsener, aber niemals nicht älter!

Den direkten Vergleich anhand dieser Challenge ziehen zu können – wie Feenstaub rieselt einem die Möglichkeit zur Selbstbeweihräucherung in den Schoss. Wofür ich persönlich 2016 schon zu alt war: die virale «Mannequin Challenge», bei der Menschen in Videos zu ehrenlosen Posen einfrieren, und «Pokémon Go». Was ich aber mochte: Avocado Toasts, Kleider über Hosen und eine kuratierte Sammlung an aufblasbaren Schwimmtieren, um damit die Limmat runterzufloaten. Unter dem Deckmantel der süssen Nostalgie lassen sich da sämtliche Gehirnzellen verkleben. Die inzwischen ulkige Mode mit Tiaras, Jeans-Shorts und mit witzigen Sprüchen bedruckten Shirts (siehe Ur-Influencerin Chiara Ferragni unten), die Snapchat-Hundeohren und andere Filter, die Pickel wie ganze Nasen verschwinden liessen, lassen einen schnell darüber hinwegsehen, dass man mal wieder nur angeben will. Hihi damals, so niedlich, so bescheuert!

Nun wird in den Trend auch weniger Oberflächliches reininterpretiert. Zum Beispiel, dass wir die Vergangenheit deshalb noch mal rauskramen, weil sich die Gegenwart so verdammt anstrengend anfühlt. Dabei war 2016 gar kein stabiles Jahr: Donald Trump wurde zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt und die Briten stimmten für den Brexit. All diese Ereignisse hatten noch nicht die Bedrohungsqualität wie die teilweise fast schon grotesken Krisen heute. Sie waren erst der Anfang.

Der Trend sagt also weniger über das Jahr 2016 aus, als vielmehr darüber, wie wir die Gegenwart empfinden. So chaotisch nämlich die reale Welt ist, umso kuratierter ist die virtuelle. Im Internet sind die schablonenhaft getunten Lippen stets perfekt umrandet, der Matcha immer vibrant green und kein Kind schreit. Wir sehnen uns online nach Imperfektion. Und ja, da schwingt die Sehnsucht nach einer unbeschwerteren, beschissen gefilterten Zeit mit. 

Bei aller Liebe zur Metaebene

Aber selbst als Freundin von gedankenreichem Geschwurbel wage ich zu behaupten, dass dieser Trend nicht ganz so tiefgründig ist. Immerhin ist Instagram eine durch und durch eitle Plattform. Im Archiv zu graben, ist auch nur plumpe Selbstvermarktung. Als stünde zwischen den Bildern: «Schau, das war ich damals! Süss, oder? Und wie ich heute aussehe! Wo ich heute bin!» Und dann ein aufforderndes: «Und du?» Prämisse für einen erfolgreichen Post ist nämlich schon damals gut ausgesehen zu haben, aber nun, zehn Jahre später, keinesfalls an Schärfe verloren zu haben. Im besten Falle kann man sogar noch einen Glow Up – eine Attraktivitäts-Tranformation – vorweisen. Wer inzwischen alt und faltig geworden ist, tut sich diese offensichtliche Schmach schliesslich leider selten an.

Wenn Millennial-Mums zeigen, wie wild sie noch vor zehn Jahren drauf waren – was heisst das dann? Dass sie ihre Partyexzesse und Unabhängigkeit schmerzlich vermissen? Dass das kindischer Fun war, sie nun erwachsen und froh sind, aus dem Sündenpfuhl und rein ins wohlig warme Familienleben geklettert zu sein? Es zählt die Performance: Es soll sich also was verändert haben – Reife ist dabei mehr als willkommen, aber gerne nur im Innern. Aber was ist eigentlich, wenn wenig passiert ist?

Hat man dann verloren im Leben?

Ich habe in den letzten zehn Jahren weder eine Familie gegründet und geheiratet, noch habe ich Stadt oder Berufsfeld gewechselt. Mein Instagram-Account sagt mir, ich sei 2016 gut rumgekommen, hätte Freundinnen in Australien und Finnland und für Reiseartikel Kroatien und Palma besucht, hätte viel den Skate-Brand Thrasher, virales Justin-Bieber Merch (auch) an Konzerten und gerne Bademantel getragen. Und da muss ich sagen: Das ist alles noch immer exakt genauso. Und irgendwie freut mich das. Weil es fantastisch war. Und das ist es immer noch.

Statt unangenehm in Bildern von mir selbst zu schwelgen, ergötze ich mich alternativ an der Mitte-2000er-Ästhetik der Serie «Younger» aus dem Jahre 2015 (fast), die jetzt auf Netflix läuft. Kultureller Spiegel statt Selfie quasi. Hier gibt sich eine 40-jährige alleinerziehende Mutter als 26-Jährige aus, um sich in einem New Yorker Verlag den erneuten Jobeinstieg zu erleichtern. Seit Wochen glotze ich mich durch den Millennial-Fiebertraum: durch Skinny Jeans, Statement-Ketten, Beanies, Besäufnisse und Hustle Culture im Stil von «The Devil wears Prada». «You just had to be there» denk ich dann. Und weiss: Ich war's.

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