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Leitner lamentiert: Wo sind meine geliebten Leggins hin?

Leitner lamentiert: Wo sind meine geliebten Leggins hin?

Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Sie dachte immer, in Leggings sei sie unbesiegbar. Neuerdings weist man sich darin aber überdeutlich als Millennial aus und sendet somit das klare Signal, alt und uncool zu sein. Und jetzt?

Ich will hier gar nichts schönreden: Vor ein paar Tagen habe ich mir eine Flared Leggings bestellt. Weil ich ein Opfer bin. Die jungen Leute trügen heute riesige, schwere Jogginghosen im Gym, kam mir zu Ohren. Klingt irgendwie cool, dachte ich. So egal, so unangestrengt. Aber auch: Sau-unpraktisch.

Ich vergass das wieder, da ich sowieso nie in Gyms bin. Wo ich aber durchaus rumhänge, sind Pilates Studios. Und da sitzt an den meisten runden Pos und steinharten Oberschenkeln nach wie vor alles knalleng, ab Höhe des Knies aber beisst sich der Stoff nicht mehr verzweifelt an der Wade fest – sie verschwindet stattdessen unter einem elegant ausgestellten Bein. Die Gen Z hat es geschafft, meinen eisernen Glauben an Leggings zu erschüttern.

Und das bricht mir übel das Millennial-Herz, da sie mir seit jeher so treu ergeben waren. In den Hüftknochen-huldigenden 2000ern halfen sie mir dabei, meine tragischerweise fehlende Thigh Gap zu verstecken, indem ich Kleider oder Jeansröcke über meine (wie ich dachte) zu eng stehenden Schenkel in Leggings schichtete.

Als in den 2010ern jede erdenkliche American-Apparel-Filiale zum Sehnsuchtsort wurde, stolperte ich in glitzernden oder pseudoledernen unter riesigen T-Shirts durch diverse Indie-Clubs und verschüttete wahlweise Bier oder Gin Tonic.

Als junge Erwachsene in aufregenden Tights, wie Leggings auf englisch heissen, zu leben, bedeutete Verlorensein – im Feiern, im Studium, in der beruflichen Zukunft, in sich selbst. Ich definierte mich darüber, richtige Hosen zu hassen und deshalb nie welche zu tragen. Aber nur, weil ich mich darin fett fühlte. Leggings waren wie der nie endende Rausch aller Millennials. Ein ekstatisches Ausbrechen aus der Ödnis des Alltags oder eines engen Hosenbunds.

Der dehnbare Begriff von Freiheit

Ich wurde älter, die 2020er kamen und ich begann, mich nicht nur auf Tanzflächen zu bewegen, begann, Acht auf meinen Körper zu geben und ihn zu mögen. Ich liess die Leggings wirken, ganz ohne Sack drüber. Ich war jetzt eine, die was machte im Leben.

Plötzlich waren Leggings der Inbegriff von Selbstbestimmung und davon, alles im Griff zu haben – den eigenen Körper, aber auch eine flexiblere, ja elastischere Lebensweise. Mit dem Traumjob kam mehr Geld, es kamen die Reisen, all die Möglichkeiten – Leggings waren dafür das perfekte Kleidungsstück, ein euphorisches «The world is your oyster» zum Anziehen.

Und der Begriff «perfekt» ist dabei ebenso dehnbar wie das Material, denn Leggings liessen einen gemütlich durchs Leben floaten. Sporteln, zu viel fressen, gelenkig durch Meetings navigieren, übermotiviert das Tanzbein schwingen oder schlafen – alles ging theoretisch ohne auch nur ein einziges steifes Hosenbein.

Es fühlte sich herrlich schamlos an, in Leggings konsequent überall zu existieren: barfuss auf dem Sofa, mit Stiefeln und Kaschmirpulli im Büro, mit Sneakern und Hoodie in Flugzeugen und Zügen, mit Heels und Blazer auf Parties. Ich geriet sogar in eine wilde Liaison mit einem hardcore Leggings-Fan, den nichts mehr begeisterte als weisse Sportsocken über gut sitzenden Tights. Was soll ich sagen: Mal wieder war ich mehr als passend gekleidet. Und diese Allzweckwaffe soll nun nur noch dazu da sein, verwelkte Millennials zu markieren?

Wer hat die Leggings abgeschossen?

Die Gen Z natürlich, die Generation der 1995 oder später Geborenen. Mit dem Einmotten von Leggings lächeln sie müde über die zugegeben etwas peinliche «Active-Girl»-Ära, in der Frauen selbst bei den leichtesten körperlichen Aktivitäten in Sportkleidung unterwegs waren. Leggings sind eventuell zu Recht zum völlig unzeitgemässen Stil der auf sie folgenden Millennials und Boomer verkommen.

Als Konsequenz tragen die jungen Leute baggy Jogginghosen aus schwerem Stoff, in denen sie fast verschwinden (und furchtbar schwitzen müssen?). Beim abwärts schauenden Hund im Yoga fällt ihnen das Oversize-Shirt ins kleine Gesicht, Füsse verhaken sich in weiten Hosenbeinen und ob man beim Krafttraining alles richtig macht, lässt sich auch nicht erkennen. Warum also ums Verrecken keine Leggings wie die Alten?

Für einen Grossteil der Gen Z geht es in Sport und Leben weniger um Figur und Performance als um Komfort und Bewegung, die sich freier, entschleunigter und sanfter anfühlen darf. Man pocht auf Wellness und Selfcare statt auf Abnehmen oder den perfekt hingemeisselten Sixpack.

In luftigen Hosen darf der Body ganz ohne Druck vor sich hinkörpern. Zudem ist der Wohlfühlfaktor in weiten Schnitten zweifellos höher als in engen Pellen, die an feuchter Haut kleben. Man ist sich des Lebens so bewusst – das fehlt einem als hedonistischem Millennial.

Für die immer noch rigiden Pilates-Girlies, die wie in den 2000ern frei nach Shirin Davids Song «Bauch Beine Po» im Gymi möglichst skinny werden und das auch zeigen wollen, gibts zum Glück auch was: die Flared Leggings eben. Mit einem schmeichelhaften Schnitt, der oben ultraeng ist, aber untenrum eher an eine hübsche Schlaghose erinnert als an einen Sportartikel.

Das macht das Tragen im Alltag weniger auffällig. Und fast ein bisschen langweilig, denn man muss nicht virtuos drumherumstylen, damit sie auch ausserhalb des Sportkontextes ganz selbstverständlich aussehen. Nun habe ich dennoch so ein flared Modell bestellt, weil ich nicht schon von Weitem als alt wahrgenommen werden möchte.

Mal schauen, ob das klappt. Die mit Socken-über-Leggings-Fetisch verliert man jedenfalls umgehend, Strümpfe verschwinden schliesslich unterm Hosenbein.

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