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Leitner lamentiert: Wer jetzt aufhört zu rauchen, ist selbst schuld

Leitner lamentiert: Wer jetzt aufhört zu rauchen, ist selbst schuld

Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Warum es wieder cool ist, Zigaretten zu rauchen. Und warum uns das irgendwie gut tut.

Mitten im Konzert steht der Wiener Cloud-Rapper Yung Hurn, genialer wie auch melancholischer Nonsense-Poet, hinter einer Schattenwand und performt «Gefühle an dich in einer Altbauwohnung, Pt.II». Dabei raucht er.

Von Innenleben und Nikotin übermannt taumelt er durch Song und Schwaden. Zwei Dinge sind daran interessant: Einerseits die Tatsache, wie selbstverständlich und ästhetisch sich eine Raucherpause ins Bühnenbild einbauen lässt. Andererseits das ehrfürchtige Respektzollen des Publikums.

Eine Freundin, die ihr 40-jähriges Leben lang augenrollend null Interesse an Zigaretten hatte, fragt jetzt nach einer. Das sähe so wahnsinnig gut und sexy aus gerade, sagt sie wahnhaft. Da ich selbstredend nicht so cool bin wie Yung Hurn und Kippen ja drinnen verboten sind, reiche ich ihr einen Vape. Und dann raucht meine Freundin zum ersten Mal. Im Jahre 2026.

Auch Gen-Z-Ikone Charli XCX raucht ständig auf der Bühne. Bei ihrer Hochzeit im Sommer letzten Jahres servierte sie als Apéro Zigaretten – wortwörtlich auf dem Silbertablett. Popstar-Kollegin Rosalía schenkte ihr einen Zigaretten-Blumenstrauss zum Geburtstag.

Sängerin Addison Rae pafft im Musikvideo zu ihrem Song «Aquamarine» frei nach Jan Ullrich bei Minute 1.23 zwei Kippen gleichzeitig und, Sabrina Carpenter missbraucht im Clip zu «Manchild» eine Gabel als Zigarettenhalter. Auch Dua Lipa und Lorde kennt man nonchalant mit Zigarette zwischen den Fingern. Sogar die hochpolierte Kardashian-Sauberfrau Kylie Jenner qualmt – im Musikvideo zu «Residue» von A. G. Cook für Charli XCX' gerade erschienener Mockumentary «The Moment». Rauchen ist sexy.

Wer jetzt darüber nachdenkt, damit aufzuhören oder sich über müffelnde Klamotten beschwert, scheint schön blöd. Dafür ist der Zeitpunkt ungünstig. Und ich muss zugeben, mir gefällt es, dass Rauchen wieder cool ist.

Zugegebenermassen spricht aus mir die Arroganz einer privilegierten Partyraucherin, die den Grossteil des Lebens nikotinfrei lebt, da sie den Geschmack von Zigaretten ohne Alkohol schlichtweg nicht erträgt. Letzteren sollte man natürlich auch nicht trinken und generell mag das Hypen von Suchtmitteln problematisch sein. Aber uncool sein finde ich ebenso fragwürdig. Ich frage mich eher: War Rauchen nicht bis vor Kurzem noch eklig?

Rauchen tötet – unsere Vernunft?

Ging man noch vor ein paar Jahren auf Partys, standen die Raucher mit ihrer Kippe etwas verloren draussen, statt – wie noch früher – rauchend zu flirten und zu socializen. Die anderen hingen an zuckersüssen Watermelon-Vapes oder luden ihre E-Zigaretten.

Rauchen war inzwischen stark stigmatisiert: Man wusste um die gesundheitlichen Schäden, auf den Schachteln prangten Schockbilder, und es liefen millionenschwere Präventionskampagnen. In einer Online-Umfrage des Bundesamts für Gesundheit BAG liess sich aber bereits im Jahr 2023 herauslesen, dass die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen schon damals Tabak- und Nikotinprodukte konsumierte.

Jetzt, wo Rauchen wieder chic AF ist und Jugendliche dem begehrensanregenden Konsum in der Popkultur ausgesetzt sind, steigt das Risiko und der gesellschaftliche Druck, anzufangen, immens. Für Erwachsene gilt offenbar dasselbe (siehe Yung Hurn).

Für die Prävention ist das selbstredend eine Herausforderung, weil es nicht mehr nur um Tabakwerbung, sondern um eine glamouröse Lifestyle-Inszenierung geht. Hat man jetzt einfach vergessen, wie wahnsinnig lebensgefährlich und schädlich Rauchen ist? Nun ja, man ignoriert grosszügig. Das ist schliesslich das Konzept von Rebellion und Hedonismus. Bisschen dagegenarbeiten ist immer hot.

Die Zürcher Designerin Yvonne Reichmuth bot unter ihrem Label YVY jahrelang eine pechschwarze Zigarettenbox aus italienischem Leder an. «If you're going to sin, sin in style with the stylish Cigarette Box. For the more conformist, the box can be filled with belongings such as credit card, lipstick, chewing gum, etc.», las man dazu online. Wer sündigen wolle, solle das gefälligst mit Stil tun.

Die Konformist:innen unter uns könnten die Schachtel alternativ mit Kreditkarten oder Kaugummi vollstopfen. Öffnet man die Box, glitzerte in silbernen Lettern: LIVING KILLS. Moment. Smoking kills? Ja, aber ist doch langweilig. Inzwischen ist das Ding ausverkauft. Zurecht.

Existenzängste zum Ausatmen

Genau in diese Kerbe schlug die Künstlerin Charli XCX 2024 mit ihrem Pop-Phänomen des «Brat Summers», der kollektiv zum (leicht ironisch angehauchten) zivilen Ungehorsam aufrief. Die ständig überfeierte Charli, die an der Premiere ihres Films «The Moment» bis um sieben Uhr morgens aufgelegt haben soll (klar), schafft zudem eine rebellische Gegenkultur zum blütenreinen, kontrollierten Lifestyle mit Gym und Clean Eating.

Die jungen Leute sind ja oft so schrecklich unlocker. Mal wieder ausbrechen? Wild sein? Ja, sündigen? Im echten Leben vor der Bar statt auf Apps flirten? Nach Feuer fragen? An der Zigarette ziehen statt am Strohhalm im Smoothie! Wenn der Mainstream-Konsens ist, Rauchen sei schädlich und somit schlecht, macht es das umso cooler. Es ist eine sanfte Rebellion gegen die aufpolierte Perfektion des Internets und die ausmeditierten Pilates-Girlies mit der Zauberhaut.

Die neue Generation ist weniger nüchtern als schlicht ernüchtert: Stabilität, Eigenheim, finanzielle Sicherheit – all das scheint für viele in Zukunft gerade unerreichbar. Warum dann nicht einfach drauf scheissen? Machen, worauf man Bock hat?

Wenn eh alles egal ist, kann man schliesslich auch rauchen. Ist ja auch alles stressig. «Eine Zigarette ist eine chice Art, mit existenzieller Angst umzugehen», bringt es Autorin Esther Zuckerman in der New York Times auf den Punkt. Also alles auf Anfang. Das Bad in Selbstmitleid endet oft in tief-nostalgischen Tauchgängen.

Rauchzeichen senden falsche Signale

«Social Smoking», also ab und zu mal zu rauchen, wenn man mit Freund:innen auf dem Balkon Wein trinkt, im Club vor sich hinraved oder eben ein verwegenes Musikvideo dreht, ist Teil einer umnebelten Vintage-Ästhetik geworden. Nicht umsonst werden Insta-Accounts wie @cigarettes  (393.000 Follower) und @cigfluencers (97.700 Follower) geradezu geflutet.

Laut Bio sind sie ein sexy «pop culture smoke break» – eine Raucherpause, die sich nach dem blutjungen Johnny Depp, einem James Dean und einer Audrey Hepburn sogar die ziemlich gesund aussehenden «Heated Rivalry»-Hunks Connor Storrie, Hudson Williams und François Arnaud gönnen.

Auch das Körperbild entwickelt sich ganz zugunsten der Zigarette: Kurven sind erwünscht, aber nur an den richtigen Stellen. Da lohnt sich für viele der Umweg übers Nikotin. Das wissen wir noch von Kate Moss damals, die aktuell in Mailand die Ehre hatte, die erste Gucci-Show des neuen Kreativdirektors Demna zu schliessen. Sie ist gefragt.

Und mit ihr die Ästhetik der 90er und 2000er: modisch, musikalisch und gefühlstechnisch. Die Zeiten von Body-Positivity sind vorüber, der verrauchte Skinny-Chic verlangt nach der Reduktion aufs Wesentliche (Tabak). Die Gen Z schwelgt in Zeiten, die sie nie wirklich mitbekommen hat – und ersetzt den Vape durch echte Zigaretten. Und die Millennials, die das mit dem Vape auch kurz versucht haben, hocken neuerdings wieder dick eingemummelt nächtelang draussen vorm Aschenbecher.

Euch rauchen die Köpfe?

Ich erinnere mich an ein längst vergangenes Silvester, an dem eine Freundin um Mitternacht fast schon aggressiv für uns alle folgenden Vorsatz fürs neue Jahr fasste: «Eins ist klar: zu rauchen hören wir nicht auf!» Wir waren jung, dachten und wussten ehrlicherweise wenig.

Heute ist diese Freundin Lehrerin, hat Kinder, macht viel Sport, zieht vermutlich bald aufs Land. Und wenn wir uns alle paar Monate mal sehen, dann rauchen wir. Und hören kurz mal wieder selig auf, zu denken.

PS: Für alle, die jetzt überlegen, aus Image-Gründen eine zu rauchen, hier ein Guide, wie man eine Zigarette je nach Wirkungsgrad korrekt halten könnte:

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