Medienforscher Mark Eisenegger: „Frauen sind eher nachrichtenmüde als Männer“
Miese News auf allen Kanälen, KI und Deepfakes: Medien können einen verrückt machen – aber ohne geht es nicht. Wie man auf gesunde Weise informiert bleibt und warum ChatGPT manchmal halluziniert, erklärt Kommunikations- und Medienforscher Mark Eisenegger im Interview.
- Von: Esther Göbel
- Bild: Felicity Frey, Unsplash
annabelle: Mark Eisenegger, als ich heute Morgen die Nachrichten im Netz überflog, habe ich sofort schlechte Laune bekommen und wollte wieder ins Bett gehen. Bin ich News-depriviert?
Mark Eisenegger: Nein, das sind Sie nicht. News-depriviert sind Nutzerinnen und Nutzer, die Journalismus und Nachrichten nur noch weit unterdurchschnittlich bis fast gar nicht mehr konsumieren. Wir unterscheiden drei Untergruppen: Zum einen jene, die sich von Nachrichten total verabschiedet haben. Dann gibt es die Gruppe, die sich schon noch informiert, aber nur noch über Social Media. Und die dritte Gruppe sind jene, die ein bisschen Social Media nutzt und ab und an noch Gratiszeitungen.
"Viele empfinden Nachrichten als zu negativ, zu komplex – und als etwas, an dem sie ohnehin nichts ändern können"
Woher kommt dieses Gefühl der Nachrichtenmüdigkeit, dem sich laut des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich rund 46 Prozent der Schweizer Nutzerinnen und Nutzer zuordnen; bad news gab es ja schon immer.
Wenn man die News-Deprivierten nach den wichtigsten Gründen fragt, nennen sie als einen Faktor: Ist mir zu negativ, drückt mir auf die Laune. Ein weiterer wichtiger Grund ist ein Gefühl der Ohnmacht; warum soll ich jeden Tag die Nachrichten aus Gaza oder der Ukraine verfolgen? Ich kann daran ja sowieso nichts ändern. Und vielen sind die Nachrichten zu komplex. Sie haben das Gefühl, sie verstehen nicht gut, was in den Medien berichtet wird.
Das ist absolut nachvollziehbar. Die grossen Themen wie etwa der Krieg in Gaza oder auch der in der Ukraine sind extrem komplex. Müssen die Medien leichter verständlich werden?
Das kann man schon so sagen. Eine Antwort auf dieses Problem wäre auch mehr konstruktiver Journalismus.
Was ist das?
Nicht nur über das Negative zu berichten, sondern auch über positive Entwicklungen. Und die komplexen Entwicklungen der Welt eben verständlich zu erklären und einzuordnen. Ich glaube zudem, Journalismus sollte viel näher an die Lebensrealitäten ihrer Nutzer:innen heranrücken. Vor allem an die derjenigen, die am stärksten zu den News-Deprivierten gehören. Dazu zählen Personen, die sozioökonomisch nicht so gut dastehen, junge Menschen und Frauen.
"Frauen sind in der Berichterstattung immer noch unterrepräsentiert"
Sie wissen aus der Forschung, dass Frauen eher nachrichtenmüde sind als Männer? Wirklich?
Ja. Frauen zählen signifikant häufiger zu den News-Deprivierten.
Woher kommt das?
Ein Faktor dürfte sein, dass Frauen in der Berichterstattung immer noch unterrepräsentiert sind. Diese ist nach wie vor männerlastig. Wir wissen aber, dass sowohl Nutzerinnen als auch Nutzer sich mit Inhalten identifizieren wollen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch: Wer ist der Absender oder die Absenderin der jeweiligen Nachricht, kann ich mich mit diesem identifizieren? Ich glaube ausserdem, Journalismus sollte auch von Lösungen berichten.
"Es gibt auch eine gesunde Form der Nachrichtenvermeidung"
Die es ja durchaus gibt in unserer Welt. Denn die ist gar nicht so schlecht, wie wir sie wahrnehmen durch die News. Der schwedische Professor Hans Rosling hat das vor einigen Jahren in seinem viel berichteten Buch «Factfulness» dargelegt. Beispielsweise gab es noch nie eine so niedrige Kindersterblichkeit wie heute. Es sind auch nie mehr Mädchen und Frauen zur Schule gegangen als heute. Hilft es, wenn ich mir regelmässig solche positiven Nachrichten zu Gemüte führe?
Ich glaube, der konstruktive Journalismus leistet nur einen kleinen Beitrag. Damit allein lösen wir das Problem der News-Deprivation nicht. Wir müssen auch wegkommen von den kurzfristigen Breaking News. Denn das sind die Nachrichten, die uns runterziehen. Pushmeldungen oder Live-Ticker zu Katastrophen beispielsweise. Diese kurzen News, die auf uns einprasseln, ohne dass sie uns die Augen öffnen und uns erklären, was in unserer komplexen Welt passiert. Es gibt auch eine gesunde Form der Nachrichtenvermeidung, eben wenn es um diese Form der News geht. Dann sind Nachrichten-Pausen sehr sinnvoll.
Was raten Sie sonst noch?
Ein vielfältiger Mix aus verschiedenen Medien ist sicher wichtig; es gibt in der Schweiz zum Glück immer noch viele gute Nachrichtenmedien, wie unser Qualitätsmonitoring zeigt. Abonnementszeitungen on- und offline gehören dazu, auch die SRF-Nachrichtenmedien. Ausserdem: entschleunigen. Ein-, zweimal am Tag die Nachrichten eines Qualitätsmediums zu checken, ist eine gute Strategie.
Gibt es einen schnellen Hack, wie ich als Userin ein Qualitätsmedium von Möchtegern-Journalismus unterscheiden kann?
Das Allerwichtigste ist, dass Medien rückgebunden sind an professionelle Standards. In der Schweiz ist das für private Medien der Journalistenkodex des Presserats. Darauf sollte man achten. Wenn man etwa eine Quelle in einem Social Media-Post sieht, kann man sich fragen: Ist das eine seriöse Quelle, die sich den Richtlinien des Presserates verpflichtet? Öffentliche Medien müssen sich auch an Standards halten, wie er zum Beispiel in der Konzession vorgegeben ist.
Bloss kommt jetzt noch die KI hinzu. Derzeit kursieren auf Social Media zum Beispiel Fotos, die als Beweis des Holocaust angepriesen werden, weil man auf den Bildern angeblich Kinder in einem Konzentrationslager sieht. Aber diese Bilder sind keine historischen Belege – sondern KI-gemachte Fotos. Wie kann ich als Userin in Zeiten von KI und Deepfakes überhaupt noch wissen, was wahr ist und was nicht?
Das ist in der Tat ein Riesenproblem. Aus einer Studie wissen wir, dass Nutzerinnen und Nutzer grosse Schwierigkeiten haben, Deepfakes von echten Videos zu unterscheiden. Ich glaube, wir brauchen eine neue Grundeigenschaft, vor allem für die Nutzung von Social Media: eine gesunde Skepsis. Es ist schlimm, dass man das so sagen muss. Früher war es genau umgekehrt: Da hatte ich erst mal zu einem Grundvertrauen in die öffentliche Kommunikation geraten. Aber das hat sich komplett umgekehrt.
Wie kann ich mich absichern als Userin?
Checken Sie die Quelle. Das ist ganz wichtig. Wer ist die Quelle und ist diese glaubwürdig? Zusätzlich sollten Sie schauen: Wie wird ein Bild oder Video verbreitet? Passiert das in einem professionellen Kontext? Und auch: mit welcher Intention? Will jemand damit einer bestimmten politischen Position Gehör verschaffen? Gefälschte Fotos und Videos sind ausserdem oftmals sehr stark emotionalisiert und versuchen mit spektakulären Inhalten Aufmerksamkeit anzuziehen.
Was ist mit KI-Chatbots wie ChatGPT? Viele Menschen nutzen diese bereits – 18 Prozent der jungen Erwachsenen informieren sich mittlerweile so. Sehen Sie darin ein Problem?
Ja. Weil wir wissen, dass diese Chatbots auch halluzinieren.
"KI-Chatbots stellen nicht selten Dinge als richtig dar, die schlicht falsch sind"
Sie halluzinieren? Was meinen Sie damit?
Sie stellen nicht selten Dinge als richtig dar, die einfach falsch sind. Weil KI-Chatbots wie ChatGPT oder Perplexity auf statistischen Modellen beruhen, die Wort an Wort aneinanderreihen. Das kann mal richtig sein – aber es kann eben auch falsch sein. Als ChatGPT noch neu war, hat der Bot beispielsweise massenweise Fantasie-Quellen ausgespuckt. Aber die waren einfach nicht real.
Sie raten also auch hier zu einem gesunden Misstrauen?
Ja. Immer gegenchecken! Wo genau, kommt auf den Inhalt des jeweiligen Posts an. Aber gute Adressen sind journalistische Medien wie etwa die «NZZ», der «Tages-Anzeiger» oder die Nachrichten-Sites des SRF, aber auch Swissinfo oder die Homepages von Behörden wie dem Bundesamt für Statistik.
Sie würden also immer noch eine journalistische Quelle einem KI-Chatbot vorziehen?
Ja, absolut. Unsere Studien zeigen ja, dass selbst für Chatbots der Journalismus eine absolut wichtige Datenquelle ist.
Leider sehen das viele Menschen nicht so. Es gibt eine Vertrauenskrise: Viele Bürger:innen trauen den klassischen Medien nicht mehr. Wieso ist das ein Problem – gerade für ein Land wie die Schweiz, die ja auf direkte Demokratie baut.
Weil wir wissen, dass die Intensität, mit der jemand Nachrichten aus journalistischen Nachrichtenmedien konsumiert, mit wichtigen demokratischen Variablen verknüpft ist. Menschen, die sich nicht ausreichend journalistisch informieren oder nur noch auf Social Media setzen, wissen weniger gut Bescheid über politische Vorgänge. Sie lassen sich leichter auf der Klatsch-Ebene durch ihr Umfeld beeinflussen. Mit der sinkenden Nutzung professioneller Medien sinkt auch die Partizipation am demokratischen Prozess. Diese wird volatiler. Man geht nicht mehr zu jeder Abstimmung, sondern vielleicht nur noch, wenn man von einem Thema stark emotionalisiert wird. Auch der demokratische Gemeinsinn nimmt ab bei jenen, die wenige bis gar keine Nachrichten nutzen. Und das Vertrauen in die Politik sinkt.
Vor diesem Hintergrund wird nun in der Schweiz die Halbierungsinitiative diskutiert: Die Initiator:innen rund um die SVP fordern, die Medienabgabe für die SRG von aktuell 335 Franken pro Jahr und Haushalt auf 200 Franken zu senken. Anfang März wird abgestimmt. Was halten Sie von der Initiative?
Wenn sie durchgehen würde, wären die Folgen für die Schweiz fatal.
"Die SRG ist wichtig für unser Land – auch in der Zukunft"
Inwiefern?
Die SRG hat einen öffentlichen Auftrag: Sie muss die Menschen informieren über Themen wie Politik und Wirtschaft, aber auch in den Bereichen Bildung, Kultur, Unterhaltung und Sport. Die beiden letzten Bereiche machen rund 36 Prozent des Budgets aus. Am meisten, nämlich 58 Prozent, gehen in Information, Kultur und Bildung. Wenn das Budget nun halbiert würde, kann man leicht ausrechnen, dass dies besonders zulasten der demokratierelevanten Bereiche ginge. Nämlich Information, Kultur und Bildung. Die Initiative wäre auch fatal für die Mehrsprachigkeit unseres Landes; rund 40 Prozent der Kosten, die die SRG hat, werden in diese Mehrsprachigkeit investiert. Zudem gibt es eine gut ausgebaute Regionalberichterstattung, was besonders wichtig ist angesichts der fortschreitenden Medienkonzentration in der Schweiz.
Ist die Halbierungsinitiative ein Angriff von rechts?
Als Wissenschaftler habe ich dafür keine empirische Evidenz. Aber ich glaube, dass es schon ein Motiv der Initiator:innen sein könnte, durch die Initiative Platz zu machen für Organe und Medien, die stärker politisch die eigene Linie bewirtschaften.
Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Ein starker Indikator ist, dass die Akteur:innen hinter der Halbierungsinitiative nicht müde werden, zu behaupten, die SRG berichte stark links und sei nicht objektiv. Aber unsere Empirie stützt diesen Vorwurf nicht. Wir haben das in einer Studie überprüft, die sich über Jahre angeschaut hat, wie die SRG sich zu den Abstimmungsvorlagen positioniert hat. Das Ergebnis zeigt, dass sie ziemlich genau in der neutralen Mitte liegt.
Also brauchen wir die SRG nach wie vor?
Ja. Auch, weil sie Themen behandelt, die kommerzielle Medien eher nicht aufgreifen, da sie sich über den Markt nicht finanzieren. Zum Beispiel Wissenschaft und Minoritätsthemen. Die SRG ist wichtig für unser Land, auch in der Zukunft.
Mark Eisenegger ist Professor für Public Sphere & Society am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) der Universität Zürich. Er leitet ausserdem das Forschungszentrum für Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) und ist Präsident der Kurt-Imhof-Stiftung für Medienqualität.