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Zeitgeist

Meinung: Zum Frühstück etwas Unmoralisches

Sven Broder
Sven Broder

Reportage-Chef und Mitglied der Chefredaktion

Immer Moral zu predigen, kann das Ziel verfehlen, findet Sven Broder, Leiter Reportagen – und beschreibt zur Abwechslung seine unmoralische Morgenroutine.

Wir Journalistinnen und Journalisten geben uns echt Mühe, euch, liebe Leserinnen und Leser, die bedingungslose Notwendigkeit eines allzeit moralischen Handelns einzutrichtern. Man mag es uns verzeihen; denn hat man von Berufes wegen ein gewisses Faible für schlechte Nachrichten, sieht man irgendwann nur noch die Probleme, die es zu bewältigen gilt; und dafür brauchen wir euch. Denn mit Worten allein ist nichts zum Besseren gewendet. Also lehrmeistern wir erhobenen Hauptes über globale Verantwortung, internationale Solidarität, nachhaltiges Konsumieren und inklusives Kommunizieren – und hoffen, die Botschaft möge auf fruchtbaren Boden fallen.

Bekanntlich höhlt der stete Tropfen den Stein. Das stimmt. Doch wer den Acker dauerhaft mit Moralin berieselt, läuft auch Gefahr, ihn auszuwaschen und damit unfruchtbar zu machen. Deshalb möchte ich den umgekehrten Weg einschlagen und euch zur Abwechslung mal was Unmoralisches präsentieren und zwar in Form eines profanen Morgenprotokolls. Betrachtet es als Beitrag zur Biodiversität – oder als natürliches Pestizid gegen euer schlechtes Gewissen. Meine Hoffnung jedenfalls ist, dass ihr euch danach – für einmal – ein bisschen besser fühlt als der Schreibende. Ihm moralisch überlegen. Oder zumindest auf Augenhöhe. Wer weiss.

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Kleider made in irgendwo

Donnerstagmorgen: Ich bin kaum wach – und schon mies gelaunt. In meinen Gehörgängen stecken noch die Ohrstöpsel meines durch und durch toxischen iPhones, das mich mal wieder in den Schlaf genetflixt hat. Keine Doku über die Überfischung der Weltmeere. Weggedämmert bin ich – viel zu spät – mit «Happy». Der Streamingdienst gibt sich nicht mal Mühe, hohe Erwartungen an die Serie zu schüren: «Der in Ungnade gefallene Ex-Cop und Auftragskiller Nick Sax deckt eine Verschwörung auf, überlebt einen Herzinfarkt und lernt dann auch noch ein blaues Einhorn kennen.» «Schau die Serie ohne deine Frau», meinte ein Freund. Dies zumindest war ein guter Tipp. Zum Frühstück gibts Cornflakes. Ich mag sie wie den Milchreis: mit Zimt und Zucker. Dazu trinke ich O-Saft. Im Mai eine Orange zu schälen, fühlte sich falsch an, aber ausgepresst geht irgendwie immer – als hätte sich der Orangensaft über die Jahre entnaturalisiert.

So ähnlich wie das Frühstücksei. Für gewöhnlich verschmähe ich Dinge, die unbefruchtet irgendwelchen Eierstöcken entschlüpfen – aber ausgerechnet vom Huhn mag ich es. Am liebsten wachsig. Die Milch zum Kaffee bevorzuge ich aus der Zitze einer wiederkäuenden Paarhuferin und gern aufgeschäumt, Kaffee mit Hafermilch schmeckt nach Karton, finde ich.

Nach dem Frühstück schlurfe ich in Unterhosen, über deren Herkunft ich nichts weiss, zu meinen restlichen Kleidern, made in irgendwo, aber sicherlich nicht in Hombrechtikon. Auf dem Pulli hat es einen Fleck, den ich ignoriere. Schliesslich möchte ich mir die Ökobilanz nicht schon um acht Uhr morgens total ruinieren. So viel Moral muss sein, auch wenn das meine schnieken Arbeitskolleginnen vermutlich anders sehen werden. Das moderne Leben ist, wenn man ehrlich ist, eine recht demoralisierende Angelegenheit. Findet ihr nicht auch?

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