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Paris Hilton, wären Sie lieber nicht berühmt?

Paris Hilton, wären Sie lieber nicht berühmt?

Im exklusiven Interview spricht Paris Hilton über eine Kindheit voller Missverständnisse, Gewalt in Internaten, die Brutalität der 2000er-Medien – und darüber, wie sie sich ihre eigene Geschichte zurückgeholt hat.

Paris Hilton sitzt perfekt ausgeleuchtet da mit einem Hund auf dem Schoss. Alles ist pink. Natürlich ist es das. Man wartet fast ungeduldig auf das erste «that’s hot!» – aber es kommt einfach nicht. Hilton spricht über ihren Dokumentarfilm «Infinite Icon». Aber sie spricht nicht mit der Stimme, mit der sie berühmt wurde.

Die 44-jährige Popkulturikone, heute zweifache Mutter, wirkt ruhig, gesammelt – «ganz bei sich», wie man sagt. Diese Phrase ist hier nötig, weil sie durchaus bemerkenswert ist für Paris Hilton. Bisher hatte es die Welt nämlich ausschliesslich mit ihrer selbsterschaffenen Kunstfigur zu tun, die jedes Klischee des konsumfreudigen, dümmlichen Blondchens bediente.

Es ist unangenehm, sich einzugestehen, wie gut sich an Paris Hilton die eigene Misogynie spiegeln lässt. «Dumm wie Brot sei sie sicher», sagte mir eine Bekannte, als ich ihr erzählte, dass ich Hilton interviewen werde. Sie werde wohl kaum etwas Gescheites von sich geben können. «Und stell dir die mal als Mutter vor!», sagte jemand anderes.

Diese Stimmen sitzen mir während des Interviews noch im Kopf. Umso deutlicher zeigt sich, wie wenig sie mit der Person zu tun haben, die mir gegenübersitzt: reflektiert, offen und erstaunlich präzise. Eine weitere Überraschung folgt im Nachhinein: Anders als bei anderen Promi-Interviews üblich, gibt Hilton alle Antworten frei, lässt jedes Wort so stehen, wie sie es gesagt hat.

Hilton hat offenbar Wichtigeres zu tun, als Erwartungen zu bedienen oder Klischees zu widerlegen. Sie scheint ihr Image nicht mehr permanent kontrollieren zu wollen – womöglich, weil sie begriffen hat, dass es nie möglich war. Oder – was zu hoffen ist: weil es ihr inzwischen egal ist.

annabelle: Paris Hilton, Sie bezeichnen den Film «Infinite Icon» als dritten Teil einer Trilogie – nach Ihrer ersten Dokumentation und Ihren Memoiren. Was gab es noch hinzuzufügen?
Paris Hilton: Seit meiner ersten Dokumentation sind sechs Jahre vergangen, in denen ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigt habe. Es gab Themen, über die ich früher noch nicht sprechen konnte. Heute kann ich das. Dieser Film zeigt mein Leben durch die Musik – und das war für mich sehr heilsam. Alles daran war transformierend.

Sie greifen dafür auch auf Tausende Stunden privaten Archivmaterials zurück.
Ich habe mein ganzes Leben gefilmt, seit ich ein kleines Mädchen war. Dieses Material zu sichten, war emotional, aber auch erleichternd. Es zeigt Seiten von mir, die die Öffentlichkeit nie gesehen hat.

Sie sprechen gerade mit Ihrer normalen Stimme. Das war nicht immer so, die Welt kennt Sie in der Figur des «dummen Blondchens». Warum haben Sie diese Figur überhaupt erfunden?
Ich wurde als Teenager auf Internate geschickt und dort massiv misshandelt. Um mit diesem Trauma umgehen zu können, zog ich mich innerlich in eine Art Barbie-Fantasiewelt zurück. Diese Figur – und auch die Stimme – waren ein Schutzmechanismus, eine Traumareaktion. Sie halfen mir, mich von dem zu distanzieren, was ich erlebt hatte.

Diese Figur wurde später öffentlich sichtbar.
Ja. Als ich aus der Schule kam, wurde mir «The Simple Life» angeboten. Die Produzent:innen wollten genau diese Rolle: die reiche, verwöhnte, naive Blondine. Nicole Ritchie sollte die Rebellin sein, ich die Hohlkopf-Figur. Das war das erste Reality-TV-Format dieser Art, ich hatte keine Vorstellung davon, was das für mich langfristig bedeuten würde.

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"Was als Traumareaktion begann, wurde zu meiner öffentlichen Identität"

Sie wussten also nicht, dass Sie diese Rolle über Jahre hinweg spielen würden.
Überhaupt nicht. Ich wusste nicht, dass ich diese Figur fünf Staffeln lang aufrechterhalten müsste – und dass die ganze Welt sie für mein echtes Ich halten würde. Was als Traumareaktion begann, wurde plötzlich zu meiner öffentlichen Identität.

Wann haben Sie erkannt, dass Sie durch diese Stimme und diese Figur auf ein bestimmtes Bild reduziert wurden?
Das hat sehr lange gedauert. Die Menschen glaubten, genau so sei ich wirklich. Niemand kannte den Hintergrund, niemand wusste, warum ich diese Rolle überhaupt erschaffen hatte. Die wahre Geschichte kam erst ans Licht, als ich selbst begonnen habe, darüber zu sprechen.

Wie fühlt es sich heute an, dauerhaft mit Ihrer wahren Stimme zu sprechen?
Sehr befreiend. Es ist, als hätte ich mir einen Teil meiner Identität zurückgeholt.

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"Ich habe mich gefragt, was mit mir nicht stimmt. Mir wurde das Gefühl vermittelt, ich sei dumm"

Ein zentrales Thema des Films ist Ihre ADHS-Diagnose. Wie hat sich ADHS in Ihrer Kindheit gezeigt?
Als ich ein Kind und ein Teenager war, wusste niemand wirklich, was ADHS bei Mädchen oder Frauen bedeutet. Es gab keine Studien, keine Sprache dafür. Ich habe mich unglaublich angestrengt, in der Schule mitzuhalten – und bin trotzdem gescheitert. Schlechte Noten, verlorene Hausaufgaben, Konzentrationsprobleme. Ich war ständig in Schwierigkeiten. Ich habe mich ernsthaft gefragt, was mit mir nicht stimmt. Mir wurde das Gefühl vermittelt, ich sei dumm.

Wann änderte sich Ihr Blick darauf?
Erst viel später. Heute weiss ich: Ohne ADHS wäre ich nicht die Person, die ich bin. ADHS gibt mir diese unerschöpfliche Energie, diese Kreativität, den Mut, Risiken einzugehen. Es macht mich visionär. Das Problem war nie mein Gehirn – das Problem war ein Schulsystem, das nicht für Menschen wie mich gemacht ist.

Sie sprechen heute sehr offensiv von ADHS als «Superkraft».
Weil ich möchte, dass andere das auch so sehen. Jahrzehntelang wurde ADHS als Defizit dargestellt. Dabei gehören viele der kreativsten, brillantesten Menschen zu dieser Gruppe. Schulen und Arbeitsplätze müssten sich anpassen – nicht umgekehrt.

Mit dem Song «ADHD», den Sie gemeinsam mit Sia aufgenommen haben, geben Sie dem Thema eine popkulturelle Bühne.
Ich wollte etwas schaffen, das Kinder und Eltern erreicht. Viele sagen mir, dieser Song habe alles verändert: Was früher Scham war, ist jetzt Stolz. Ich werde auf der Strasse von Eltern angesprochen, die mir dafür danken, dass ich für das Thema Bewusstsein schaffe.

Sie bezeichnen sich selbst als «schmerzhaft schüchtern». Ist das immer noch so?
Ja, ich war schon immer sehr schüchtern und werde es wohl auch immer sein. Aber auf der Bühne verschwindet das, ich möchte jetzt viel mehr singen und vielleicht sogar auf Tour gehen.

Sie beschreiben Clubs als Schutzräume.
Ja. Dort konnte ich mich immer verlieren, ohne bewertet zu werden. Heute, wenn ich selbst auftrete, versuche ich genau diesen Raum für andere zu schaffen. Eine grosse Unterstützung für mich war immer die LGBTQ-Community. Sie haben mich mit offenen Armen empfangen und ich werde ihnen immer beistehen.

Junge Menschen gehen seltener aus, heute stehen viele Clubs vor grossen Herausforderungen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Ja, es ist heutzutage deutlich anders als früher. Auch ich gehe kaum noch aus, ausser wenn es beruflich notwendig ist – besonders, seit ich Kinder habe. Aber wenn ich auftrete, kommen sie immer noch alle in Scharen! (lacht)

Im Film sagen Sie, Musik habe Ihr Leben gerettet. Was meinen Sie damit?
Nach den traumatischen Erfahrungen in meiner Jugend war Musik mein sicherer Ort. Als ich die Internate verlassen hatte, waren Clubs und Festivals das Einzige, was mich wirklich glücklich gemacht hat. Musik hat mir erlaubt, für ein paar Stunden nicht an das zu denken, was mir widerfahren ist. Ein Song, eine Zeile, ein Beat – Musik konnte meine gesamte Stimmung verändern.

"Hunderte Kinder sind dort gestorben, unzählige wurden misshandelt. Ich war eines von ihnen"

Sie sprechen sehr klar von Missbrauch in der sogenannten «Troubled Teen Industry». Was steckt hinter diesem Schlagwort?
Es handelt sich um eine kaum regulierte Branche, die sich seit den Sechzigern an verzweifelte Eltern richtet und heute rund 28 Milliarden Dollar im Jahr umsetzt. Weltweit gibt es Tausende solcher Einrichtungen und Camps. Jedes Jahr werden etwa 250'000 Kinder dorthin geschickt. Viele von ihnen haben ADHS oder passen nicht ins klassische Schulsystem. Hunderte Kinder sind dort gestorben, unzählige wurden misshandelt. Ich war eines von ihnen. Ich wurde körperlich, psychisch und sexuell missbraucht. Jahrzehntelang hat niemand diesen Kindern geglaubt.

Bis Sie Ihre Geschichte öffentlich gemacht haben.
Danach meldeten sich hunderttausende Überlebende aus aller Welt. Zum ersten Mal wurden sie ernst genommen. Daraus ist eine Bewegung entstanden.

Sie haben inzwischen an zwei Bundesgesetzen und 20 Gesetzen auf Bundesstaaten-Ebene mitgewirkt.
Das ist die sinnvollste Arbeit meines Lebens. Wenn ich aus meinem Schmerz etwas machen kann, das andere schützt, dann hat all das einen Zweck.

Die 2000er seien eine Zeit gewesen, in der es regelrechte Unterhaltung war, glamouröse junge Frauen zu zerstören, sagen Sie im Film.
So war es. Die Medien waren extrem misogyn. Junge Frauen wurden systematisch vorgeführt, sexualisiert, lächerlich gemacht. Wir waren Anfang 20, lebten unser Leben – und wurden dafür öffentlich bestraft.

"Die 2000er waren ein permanenter Verlust von Privatsphäre und Kontrolle"

Welche Rolle spielten Paparazzi dabei?
Sie waren allgegenwärtig. Es gab keine Grenzen. Sie folgten mir überallhin, rund um die Uhr. Jede Bewegung wurde fotografiert, jede Geschichte verdreht. Es war ein permanenter Verlust von Privatsphäre und Kontrolle.

Was war das Belastendste daran?
Jeden Tag Lügen über sich zu lesen. Zu wissen, dass Menschen ein Bild von einem haben, das nichts mit der Wahrheit zu tun hat – und keine Möglichkeit zu haben, es zu korrigieren. Die Dinge, die über uns gesagt wurden, wären heute absolut inakzeptabel. Ich bin froh, dass junge berühmte Frauen das nicht mehr so erleben müssen. Es war wirklich hart.

Sie galten zugleich als «perfekte Celebrity». Berühmt dafür, berühmt zu sein.
Ja, ich war das perfekte Ziel. Ich war ständig unterwegs, sichtbar, fotografierbar. Das machte es leicht, Narrative zu konstruieren. Rückblickend war ich für diese Maschinerie ideal.

"Ich kann bis heute nicht verstehen, warum Menschen so grausam sind"

Haben Sie sich jemals gewünscht, nicht berühmt zu sein?
So weit würde ich nicht gehen. Ich habe mir eher gewünscht, dass Menschen freundlicher sind. Ich habe nie jemandem geschadet. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum Menschen so grausam sind.

Irgendwann begannen Sie, mit dem Image zu spielen – es sogar zu überzeichnen. War das ein Akt der Selbstermächtigung?
Ja. Ich habe mich entschieden, mich nicht mehr dagegen zu wehren, sondern es zu meinem eigenen Ding zu machen. Daraus wurde eine Marke. Ich war meiner Zeit voraus, was das angeht.

Auch Mariah Carey bediente sich dieser Mittel: Den Versuchen, sie als Diva zu karikieren, begegnete sie damit, genau dieses Image gezielt zu überzeichnen.
Ja genau, ich liebe Mariah. Sie ist eine Ikone.

"Ich war schon durch die Hölle gegangen, was konnte da noch kommen?"

Als 2003 das Sexvideo mit Ihnen ohne Ihr Einverständnis veröffentlicht wurde, waren Sie an einem Tiefpunkt. Sie waren erst 19 Jahre alt, als der Film gedreht wurde. Dennoch haben Sie nie öffentlich die Kontrolle verloren, wie andere Stars zu der Zeit. Woher kam diese Stabilität?
Von dem, was ich als Teenager erlebt hatte. Die Gewalt in den Internaten war so extrem, dass sie mich auf eine perverse Weise abgehärtet hat. Nach dem Missbrauch, den ich dort erlebt hatte, fühlte sich Hollywood weniger bedrohlich an. Es hat mir eine enorme Widerstandskraft gegeben. Ich war schon durch die Hölle gegangen, was konnte da noch kommen?

Heute sprechen Sie sehr offen darüber.
Weil ich heute die Kontrolle über meine Geschichte habe. Ich habe sie mir zurückgeholt.

Wie würden Sie heute reagieren, wenn jemand ohne Ihre Zustimmung ein solches Video veröffentlichen würde – mit dem Wissen, das Sie heute haben?
Ich halte es für sehr wichtig, dass Frauen wissen, dass es heute rechtliche Schutzmechanismen gibt, die es damals noch nicht gab. Zu der Zeit, als mir das passiert ist, war das Internet relativ neu und es existierten keine Gesetze, die mich hätten schützen können. Was mir widerfahren ist, wäre heute illegal.

Paris Hilton: «Infinite Icon, A Visual Memoir»: ab 31 Januar, 2026 in den Pathé Kinos

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