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Philosophin Federica Gregoratto:

Philosophin Federica Gregoratto: "Liebe ist immer politisch"

Autorin Barbara Schmutz hat mit der in Luzern forschenden Philosophin Federica Gregoratto über romantische Mythen, Sex und freundschaftliche Liebe gesprochen – und darüber, warum wir nur durch Beziehungen wirklich frei werden.

annabelle: Federica Gregoratto, Sie erforschen die Liebe. Was ist sie?
Federica Gregoratto: Liebe ist eine Beziehung. Zu Menschen, zur Welt, zur Natur, zu Dingen. Die Liebe zu einer Person verändert all die Beziehungen, die wir mit uns selbst und unserer Umwelt haben. Viele verschiedene Gefühle mögen sich daraus entwickeln: Freude und Ekstase, aber auch Wut und Ärger. Doch in der Liebe geht es vor allem um Praxis, also um unsere Handlungen. Die können Umwandlung, Transformation und Wiederholung beinhalten.

Wir kennen die Liebe vor allem als romantisches Gefühl. Wie alt ist diese Betrachtungsweise?
Wenn mit Romantik gemeint ist, dass zwei Personen eins werden, hat Platon dieses mächtige Bild der Verschmelzung eingeführt. In einem seiner Texte erzählt der Komödiendichter Aristophanes den Mythos vom Kugelmenschen. Er besagt, dass die Menschen ursprünglich eine Kugel waren. Doch weil Zeus eifersüchtig war auf die Kugelmenschen, hat er sie in zwei Teile gespalten. Seither muss jeder Teil sein Gegenstück suchen, um wieder eins zu werden. Diese Suche nach der passenden Hälfte macht die Liebe aus. Wie stark das Bedürfnis ist, den anderen Teil zu finden, sehen wir in Hollywood-Filmen oder in Netflix-Serien. Das ist aber nur eine Form, welche die romantische Liebe annehmen kann.

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"Wir können also nicht allein frei sein, wir sind es nur zusammen mit anderen"

Die Autorin Şeyda Kurt demontiert den Mythos der romantischen Liebe. In ihrem Buch Radikale Zärtlichkeit schreibt sie, da soziale Begegnungen nicht in einem sozialen Vakuum stattfänden, sei jede Begegnung politisch, auch die zwischen potenziell Liebenden. Hat sie recht?
Ja, vollkommen. Wenn wir Liebes- und Freundschaftsbeziehungen führen, sind wir von vielen sozialen und politischen Normen, von Strukturen und Ideologien bestimmt. Geschlechternormen zum Beispiel haben eine unglaublich grosse Macht. Auch die Institution Familie, die Art, wie die Arbeit organisiert ist, die Arbeitsteilung und die Ideologien, die mit der Arbeit verbunden sind, haben einen grossen Einfluss auf die Liebe. Liebe ist also durch und durch politisch – und sozial. Was auch bedeutet, dass sie uns in einer Weise mit anderen verbindet, die uns Freiheit und Transformation erlaubt.

Was meinen Sie genau mit Freiheit?
Wenn wir von Freiheit sprechen, meinen wir meist, dass wir alles machen können, was wir wollen. Damit verbunden ist häufig die Idee, dass wir nur allein frei sein können. Wir befreien uns von unserer Familie oder von einer Beziehung, die uns unglücklich macht. Aber das sind nur ein paar Aspekte der Freiheit. Denn damit wir tun können, was wir wollen, müssen wir erst mal verstehen, was uns wichtig ist. Ansonsten verfolgen wir Ziele, die uns die Gesellschaft diktiert. Ich muss also wissen, was ich selbst will, welche Art von Person ich sein, welchen Weg ich gehen möchte. Die Antworten auf solche Fragen finden wir nicht allein, sondern in Beziehungen zu unseren Partnern und zu unseren Freundinnen. Wir können also nicht allein frei sein, wir sind es nur zusammen mit anderen.

In der Sternstunde Philosophie im Schweizer Fernsehen sagten Sie: »Es gibt kein philosophisches Argument, das Freundschaft von der leidenschaftlichen, erotischen und sexuellen Liebe unterscheidet.«
Die vielleicht wichtigste Definition der Liebe lautet: Liebe ist eine transformative Erfahrung und eine Erfahrung der Freiheit. Beide machen wir im Zusammenleben mit unseren sexuellen Geliebten und auch mit unseren Freunden. Das heisst, fast alles, was wir in der erotischen Liebe erleben, erleben wir auch mit unseren Freunden und Freundinnen.

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"Wenn wir über das Fremdgehen sprechen, bringen wir den Aspekt des Fremden wieder in die Beziehung"

Sex eher nicht.
Da stellt sich die Frage, wie wichtig Sexualität für die Liebe ist. Sex ist eine mächtige Art von körperlicher Nähe und Intimität. Er vermittelt uns wichtige Erkenntnisse über uns selbst und die andere Person. Aber Sex ist nur eine Art von körperlicher Nähe. Und nicht alle Menschen, die erotisch verliebt sind, wollen auch Sex haben. Andererseits gibt es auch Freunde und Freundinnen, die ab und zu miteinander ins Bett gehen.

Wie kann es gelingen, das Fremde in langjährigen Beziehungen wachzuhalten?
Indem man den Sirenen der Stabilität, der Bequemlichkeit und der Gemütlichkeit ab und zu widersteht. Geschieht das nicht, stellt man irgendwann fest, dass das Unerwartete und Überraschende verloren gegangen ist. Die häufigste Strategie ist dann Fremdgehen. Es gibt viele Paare, die das Fremde ausserhalb der Beziehung suchen und auch finden. Wenn sie sich darüber verständigen, kann das eine gute Lösung sein.

Die einen sagen, man solle das Fremdgehen nicht beichten – solange man sich nicht verliebe. Sie plädieren dafür, es zu tun.
Wenn wir über das Fremdgehen sprechen, bringen wir den Aspekt des Fremden wieder in die Beziehung. Auch wenn es schwierig ist, gibt es uns die Gelegenheit zu sagen, was in der Beziehung fehlt. Wenn wir uns für ein Gespräch öffnen, beginnen wir eine Reise in die Seele und in das Unbewusste der anderen Person. Das ist äusserst spannend, aber auch gefährlich. Man braucht dafür viel Mut und das Vertrauen, dass nicht alles kaputtgeht.

"Wir sollten aufhören, die Illusion einer machtfreien, vollkommen positiven Liebe zu kultivieren"

Sie betrachten Liebesbeziehungen als Machtbeziehungen. Welche Macht meinen Sie?
In einer Beziehung habe ich dann Macht, wenn ich eine Person dazu bringen kann, etwas zu tun, was sie ohne mich nicht getan hätte. Diese Macht kann auf liebevolle Art ausgeübt werden – ich kann den anderen ermutigen, etwas zu tun, was ihm Freude macht und Freiheit bringt. Ich kann die Person aber auch manipulieren. Wahrscheinlich gibt es in jeder Beziehung, auch in sehr glücklichen, ein wenig von dieser negativen Macht. Wenn wir etwas unbedingt wollen, dann versuchen wir manchmal unser Gegenüber dazu zu bringen, uns den Wunsch zu erfüllen. Liebesbeziehungen haben immer Schattenseiten. Wir sollten aufhören, die Illusion einer machtfreien, vollkommen positiven Liebe zu kultivieren.

Ist die Liebe die Quelle allen Glücks?
Nein, das ist sie nicht. Manchmal macht sie uns überglücklich. Manchmal aber auch traurig, depressiv und verzweifelt. Liebe hat eher mit Freiheit und Wahrheit zu tun als mit Glück.

Welches ist die grösste Herausforderung in der Liebe?
Die Balance zu finden zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit oder anders gesagt, zwischen individueller Autonomie und Dasein für die andere Person. Wir müssen erkennen, dass in einer Beziehung beide bis zu einem gewissen Grad von der Partnerin oder dem Partner abhängig sind. Die Herausforderung ist es, dieses Abhängigkeitsverhältnis zu pflegen und dabei autonom zu bleiben, sich also in der Liebe nicht zu verlieren.

"Es scheint, als sei die Gesellschaft der Meinung, dass Menschen, die unkonventionell leben, Liebe nicht verdienen"

Welches Gefühl gehört für Sie zur Liebe unabdingbar dazu?
Eine bestimmte Art von Freude, vielleicht kann man sogar sagen ekstatische Freude. Aber auch Verlustangst.

Weshalb haben Sie sich als Wissenschaftlerin für die Liebe entschieden?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Philosophie versucht, Probleme zu verstehen und oft auch Probleme zu lösen. Wir beschäftigen uns als Philosophinnen mit Themen, die wir schwierig finden und problematisch. Ich habe immer noch keine Ahnung, was die Liebe ist, wieso sie so kompliziert ist und oft viel Leiden schafft. Vor allem Frauen werden teilweise mit Imperativen bedrängt. Erst müssen wir unbedingt eine Liebesbeziehung führen, dann aus Liebe heiraten und kurz darauf Kinder bekommen. Wenn wir das nicht wollen oder wenn wir nicht in konventionellen Liebesbeziehungen leben, werden wir harsch kritisiert. Auch Transgender- und transsexuelle Personen werden kritisiert und diskriminiert. Es scheint, als sei die Gesellschaft der Meinung, dass Menschen, die unkonventionell leben, Liebe nicht verdienen. Das ist eine krasse Quelle von Schmerz. Andere leiden darunter, dass sie so viel arbeiten müssen, um sich über Wasser zu halten, und deshalb keine Zeit und auch keinen emotionalen Raum für die Liebe haben. Die Probleme unserer Zeit: Sexismus, Transphobie, Rassismus und eine schlechte Organisation der Arbeit widerspiegeln sich in der Liebe oder werden in ihr sichtbar. Die Liebe ist wie ein Prisma.

Federica Gregoratto, 1983, ist Vertretungsprofessorin für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

Dieses Gespräch ist eine gekürzte Version aus dem Buch Alles Liebe. 18 Gespräche über ein grosses Gefühl der Schweizer Autorin Barbara Schmutz, das am 30. Januar 2026 erscheint. Unter den Gesprächspartner:innen von Barbara Schmutz befinden sich unter anderem: Zürich-Zoo-Direktor Severin Dressen, Abt Christian Meyer, die plastische Chirurgin Cynthia Wolfensberge, Psychoanalytiker Jürg Acklin als auch vier Jugendliche und ein langjähriges Ehepaar.

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