Ein Jahr Trump: So lebe ich als Schweizerin in den USA
Donald Trump ist seit einem Jahr im Amt. Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, dessen Demokratie plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist?
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Unsplash
Ich kann mich sehr gut an den 20. Januar vor einem Jahr erinnern, als Donald Trump zum zweiten Mal als Präsident der USA vereidigt wurde. Der dicke Rauch der verheerenden Brände lag über Los Angeles. Ich holte meine Tochter von der Schule ab und wartete am Zaun mit anderen Eltern. Ich fühlte mich taub. Neben mir trug eine Mutter ein T-Shirt mit der Aufschrift «Trump Girl». Ich starrte sie an, versuchte herauszufinden, ob anderen Wartenden das T-Shirt ebenfalls aufgefallen war. Ich suchte Verbündete. Und fand nur leere Gesichter.
Als wäre nichts geschehen. Als wäre es kein trauriger Tag für dieses Land. Manchmal möchte ich auch heute noch die Leute schütteln und ihnen zurufen: «Versteht ihr nicht, was hier gerade passiert? Ist euch klar, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis all das, was hier in einem Jahr zerstört wurde, nur ansatzweise repariert werden kann?» Falls es unter Donald Trump überhaupt freie und faire Wahlen geben wird, versteht sich. Es wird gemutmasst, dass Trump die Midterm-Wahlen absagen könnte, unter der fadenscheinigen Begründung, sie stellten angesichts einer angeblichen nationalen Notlage keine sichere Abstimmung dar. Das macht mir Angst.
"Der Amazon-Truck kommt auch, wenn Menschen auf der Strasse erschossen werden"
Aber man muss nun mal weiterleben. Man muss arbeiten, seine Kinder grossziehen, man lässt sich entertainen bis zur Verdummung und konsumiert fleissig, damit man möglichst wenig spürt. Der Amazon-Truck kommt auch, wenn Menschen auf der Strasse erschossen werden.
Wie ihr seht, habe ich sehr zynische Momente hier in den USA. Manchmal verbringe ich tränenreiche Nächte im Dämmerlicht des Fernsehers. Manchmal scrolle ich fassungslos durch Kommentare von Maga-Anhänger:innen auf Social Media. Und habe dann am nächsten Morgen Spass an einer Party am Strand. Die Grausamkeit, die in der Gleichzeitigkeit der Dinge liegt, wurde mir nie deutlicher bewusst als im letzten Jahr.
Dabei mag ich sehr viel an diesem Land. Die Leute denken gross und kreativ, sind hilfsbereit und offen. Ich wurde schon so oft bei Fremden eingeladen, ich habe schnell Freund:innen gefunden und viele sind sehr interessiert daran, zu hören, wie die Dinge in Europa laufen (auch wenn sie Switzerland tatsächlich fast immer für Sweden halten). Ich muss manchmal aufpassen, dass ich nicht eine von den nervigen Europäer:innen bin, die immer davon schwärmen, dass in ihrer Heimat alles so viel besser läuft. Dass die Leute sich auf das System verlassen können, gebildeter und sowieso total hygge sind.
Die Lebensart in Kalifornien macht mich glücklich, ich kann zum Meer laufen, wann immer ich will, Bagels mit Cream Cheese essen. Und das Licht. Allein das Licht hier. Ich liebe die Nationalparks, die bissige Late-Night-Comedy, die Kreativität, die Leichtigkeit. Wenn man auf der Strasse jemandem begegnet, hat man Blickkontakt und schaut nicht betreten zu Boden. Ich habe eine tolle Elterngruppe gefunden, in der ich mich sehr offen austauschen kann. Sowieso redet man hier wahnsinnig offen. Nur nicht über Politik. Nicht mehr.
"Wann immer ich jemanden treffe, habe ich das Gefühl, zuerst herausfinden zu müssen, zu welchem Team er oder sie gehört"
Selbst Uber-Fahrer, die einem früher ungefragt ihre politische Meinung aufgedrückt haben, sind plötzlich vorsichtig geworden. Als wir 2022 hier ankamen, nahm ich die Meinungsäusserung noch freier wahr; es gab Platz für Zwischentöne. Das ist das Schlimmste am Leben hier. Wann immer ich jemanden treffe, habe ich das Gefühl, zuerst herausfinden zu müssen, zu welchem Team er oder sie gehört. Trump-Supporter oder nicht?
Ich habe schon eine Freundin verloren, weil ich ihr gesagt habe, dass sie Maga-Fake-News repostet hat. Danach hat sie alle Playdates unserer Töchter abgesagt, aus fadenscheinigen Gründen, aber irgendwann habe ich verstanden.
"Liebevoller, friedlicher Protest, das ist für mich der nachhaltigste"
Ich war mehrfach auf Protesten im letzten Jahr und habe dort viel Liebe erfahren. Eine Frau stand neben mir mit zwei kleinen Mädchen in Prinzessinnenkleidern, ihr Schild «No Kings. Just Princesses» werde ich nicht mehr vergessen. Liebevoller, friedlicher Protest, das ist für mich der nachhaltigste. Auch das liebe ich an den USA, wie originell und lustig die Menschen sind. Und wenn die Leute in Europa sagen, dass hier gar nicht protestiert wird, dann stimmt das einfach nicht. Die No-Kings-Proteste waren eine der grössten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. Schätzungen zufolge gingen sechs Millionen Menschen auf die Strassen. Von den derzeitigen Anti-ICE-Demonstrationen ganz zu schweigen.
Ich werde ständig gefragt, wann ich denn endlich zurückkomme, und es ermüdet mich ehrlich gesagt. Ich bin Schweizerin. Ich kann jederzeit zurückkommen, das ist ein Privileg, das viele nicht haben. Ich bin kein Ziel von ICE, jedenfalls noch nicht (bis dieser Text erscheint, just kidding). Man reisst nicht sofort seine Zelte ab, nur weil ein neuer Präsident gewählt wurde, obwohl ich einige europäische Freund:innen habe, die jahrzehntelang glücklich in den USA gelebt und sich nun entschieden haben, nach Europa zurückzukehren.
Ausserdem ist USA nicht gleich USA. Ich lebe in dem Staat, der sich zusammen mit New York wohl am entschiedensten der Regierung entgegenstellt. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom kämpft mit harten Bandagen, benennt die Ungerechtigkeiten, nimmt selbst Trumps polarisierenden Ton an. Und L.A. ist eine liberale Stadt, auch wenn ich gerade aus dem Fenster schaue und mein Nachbar tatsächlich eine Trump-Flagge mit seinem Konterfei an seinem Haus angebracht hat.
"Viele Europäer:innen geben sich so überheblich – als seien alle in den USA einfach nur irre"
Ich finde es arrogant, dass viele Europäer:innen sich so überheblich geben – als gäbe es in Europa keine Probleme. Als seien alle in den USA einfach nur irre. So einfach ist es nicht. Viele haben Angst. Viele kämpfen täglich ums Überleben, haben massive Kreditkartenschulden und Panik davor, krank zu werden, weil eine Krankheit sie in den Bankrott treiben könnte. Viele haben mehrere Jobs, weil das Leben so teuer geworden ist. Hier hat niemand fünf Wochen Urlaub im Jahr. Da bleibt nicht viel Zeit für Politik. Das Argument, dass «die Amis einfach alle dumm sind» und diese Regierung verdient hätten, weil sie sie nun mal gewählt haben, ist eine gefährliche Vereinfachung.
Es war ein Jahr, in dem die Nationalgarde plötzlich mit Panzern durch meine Stadt gefahren ist. Ein Jahr, in dem mir Angst gemacht wurde, dass ich bei der Einreise am Flughafen abgewiesen würde. Ein Jahr in dem eine amerikanische Staatsbürgerin auf offener Strasse von ICE erschossen wurde. Ich kenne eine Familie, deren Nanny deportiert wurde, während die Kinder schreiend zuschauten. Im Baumarkt um die Ecke finden regelmässig Razzien statt. Es war ein Jahr mit 75 dokumentierten Schulschiessereien. Als ich kürzlich durch die Schule meiner Tochter ging, wurde mir bewusst, dass ich darüber nachdachte, in welchem Klassenzimmer ein Angreifer wohl zuerst schiessen würde.
Einmal, als ich mit meinen Töchtern vom Meer zurückkam, liefen wir in eine Charlie-Kirk-Gedenkfeier. Da habe ich mich plötzlich sehr unsicher gefühlt und meiner grossen Tochter auf Englisch geantwortet, obwohl sie etwas auf Schweizerdeutsch zu mir gesagt hatte. Ich hatte nicht direkt Angst, dass uns etwas passieren könnte, aber ich wusste, dass diese Leute denken, dass wir dahin zurückgehen sollen, wo wir herkommen. Auch in der Schule soll sie nicht über Trump sprechen, habe ich ihr gesagt. Sie sagt den Namen des Präsidenten jetzt auch zu mir immer nur flüsternd. Es schmerzt mich, dass ich sie zu Zurückhaltung erziehe.
"Es gibt eine Telefonnummer, unter der man Menschen melden kann, die man für illegale Einwanderer:innen hält"
Als ich neulich im Garten telefoniert habe und laut über Trump schimpfte, habe ich plötzlich angefangen, zu flüstern, weil ich nicht sicher war, wer mich hören könnte. Man kann sich angeblich innerhalb weniger Wochen zum ICE-Agenten ausbilden lassen – die Einarbeitung bei Starbucks dauert oft länger. Wer weiss, wer in meiner Strasse wohnt? Da ist sie, die langsame Beschneidung der Freiheit. Ich ziehe hier nur ungern Vergleiche zur deutschen Gestapo, aber es gibt eine Telefonnummer, unter der man Menschen melden kann, die man für illegale Einwanderer:innen hält.
«Flood the zone with shit», sei die Strategie der Republikaner, sagte der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon ganz offen. Gemeint ist damit der gesamte öffentliche Diskurs – Medien, soziale Netzwerke, politische Debatten –, der gezielt mit immer neuen Behauptungen, Skandalen und Ablenkungen überflutet wird. Ziel ist es, Verwirrung zu stiften, Fakten zu entwerten und Orientierung zu zerstören. Ich möchte mich nicht zufluten lassen. Ich versuche, nicht in den Negativstrudel der Nachrichten zu kommen. Aber wie soll das gehen, wenn die News ausschliesslich negativ sind?
Leider beobachte ich hier eine gefährliche Politikmüdigkeit. Viele sind so erschöpft von den bad news, dass sie abstumpfen und nur noch müde mit den Augen rollen. Das darf nicht passieren. Ich werde weiterhin genau hinschauen und hoffen, dass meine Mitmenschen hier dasselbe tun.
«I can’t consume news because of my mental health», sagte mir eine durchaus gebildete Bekannte kürzlich. Sie habe seit einem Jahr keine Nachrichten mehr gelesen, weil es ihr damit «nicht gut» gehe. Mir geht es auch nicht gut dabei, aber das Weltgeschehen wartet nicht, bis man bereit ist, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Ich halte das für eine fatale Haltung, die sich Amerikaner:innen nicht leisten können.
"Wenn man mit dem Glaubenssatz aufgewachsen ist, dass die Demokratie unerschütterlich ist, ist der Gedanke an ihre Verletzlichkeit kaum auszuhalten"
Mein amerikanischer Mann ist kämpferisch optimistisch, seine Hoffnung stirbt zuletzt. Das hat schon öfter zu Spannungen geführt, weil ich seine Weigerung zu resignieren als Verharmlosung verstehe. Aber dann frage ich mich, wie ich mich fühlen würde, wenn die Schweiz nach und nach zu einer Autokratie verkäme. Ich würde es vielleicht auch für eine schlechte Phase halten. Wenn man mit dem Glaubenssatz aufgewachsen ist, dass die Demokratie unerschütterlich ist, ist der Gedanke an ihre Verletzlichkeit kaum auszuhalten.
Donald Trump ist erst seit einem Jahr im Amt und es fühlt sich an wie ein ganzes Jahrzehnt. Wie ein unendlicher Fiebertraum. Im Moment hat es mein tägliches Leben noch nicht in einschneidendem Masse berührt. Aber die Kreise werden kleiner.