Schauspielerin Laura Dern: "Vielleicht haben wir die Ehe nie wirklich verstanden"
Oscarpreisträgerin Laura Dern präsentiert ihren neuen Film "Is This Thing On?" und spricht über radikale Ehrlichkeit, Älterwerden und die Kunst, Menschlichkeit auf der Leinwand sichtbar zu machen.
- Von: Mariam Schaghaghi
Sie hat schon Dinosauriern gegenübergestanden, David Lynchs Albträume überlebt und im Independentkino ebenso brilliert wie in Hollywoodblockbustern: Laura Dern gehört zu den Schauspielerinnen, die ihre Figuren mit einer seltenen Mischung aus Intelligenz, Empathie und unerschrockener Offenheit ausstatten.
Die Oscarpreisträgerin besitzt ein feines Gespür für emotionale Bruchstellen – für Beziehungen, die sich verändern, für Familien, die aneinanderwachsen oder zerbrechen. In Bradley Coopers neuem Film «Is This Thing on?» – eine kluge, ungewöhnlich ehrliche Betrachtung moderner Partnerschaften – spielt sie eine Frau, die sich fragt, ob Liebe auch dann Bestand haben kann, wenn sie ihr romantisches Versprechen verliert.
Selbst über das Computerfenster versteht Laura Dern es sofort, Nähe herzustellen. Die 59-Jährige besticht mit ihrem wachen Blick, sie spricht langsam, eindringlich, um Set-Erfahrungen, ihre Ansichten über Beziehungen, Älterwerden und Ehrlichkeit zu teilen – auf der Leinwand und im Leben.
annabelle: Laura Dern, Ihre Rollen in Filmen wie «Marriage Story» oder «The Father» haben Ihnen nicht nur einen Oscar eingebracht – Ihre Figuren berühren jedes Mal. Sie wirken so warm, so menschlich. Kommt das direkt aus Ihrem Innern – oder wählen Sie gezielt Geschichten, die diese Wärme bereits in sich tragen?
Laura Dern: Wissen Sie, ich leiste mir den Luxus, mit aussergewöhnlichen Filmemachern zu arbeiten. Wenn jemand wie Noah Baumbach oder jetzt Bradley Cooper mich anfragt, ist das für mich praktisch immer ein sofortiges Ja. Was mich wirklich interessiert, ist die Erforschung von Menschlichkeit – von Sehnsucht, Herzschmerz und der Frage, wie wir Liebe immer wieder neu definieren. In diesem Film haben Bradley und Will Arnett...
"Wir konnten gemeinsam die Dynamik dieser Beziehung erforschen"
...der Ihren getrennten Mann spielt und gleichzeitig mit Bradley Cooper Co-Autor ist....
..mich eingeladen, gemeinsam mit ihnen meine Figur zu entwickeln. Es ist das eine, eine Rolle angeboten zu bekommen. Aber es ist etwas völlig anderes, wenn zwei Autoren sagen: «Komm dazu und hilf' uns herauszufinden, wer diese Frau wirklich ist.» Sie haben mir Raum gegeben, eine echte Partnerin in diesem kreativen Prozess zu sein. Wir konnten gemeinsam die Dynamik dieser Beziehung erforschen. Emotional bedeutete das, dass wir uns erlauben mussten, vollkommen verletzlich und ehrlich zu sein – schon während der Proben, aber auch später vor der Kamera. Das war ein unglaubliches Geschenk.
Wie arbeitet Bradley Cooper als Regisseur? Er soll bei den Proben ungewöhnliche Methoden vorgeschlagen haben ...
Ja – aber was ich so bemerkenswert finde: Bradley ist selbst Schauspieler. Und als Regisseur ist er bereit, Figuren wirklich von allen Seiten zu erforschen. Er begann mit einem Workshop, in dem wir uns selbst besserkennen lernen sollten. Die Idee war: Wenn diese zwei Menschen im Film seit 26 Jahren zusammen sind, müssen wir ein Gefühl dafür entwickeln, als hätten wir tatsächlich ein gemeinsames Leben hinter uns. Das Besondere an diesem Film ist ja, dass er die Geschichte dieser Beziehung nicht klassisch erklärt. Es gibt keine langen Rückblenden, keine Szenen, die alles ausbuchstabieren – kein «Das ist passiert, dann hat er das gesagt, dann kam dieser Streit, dann diese Affäre». Stattdessen begegnen wir diesen Figuren genau in dem Moment, in dem sie sich selbst fragen: «Funktioniert diese Beziehung eigentlich noch?» Um das glaubwürdig spielen zu können, mussten Will Arnett und ich uns sehr schnell sehr nahekommen. Dieser Prozess hat uns tatsächlich eng verbunden.
Und Bradley Cooper hat dabei selbst die Kamera geführt, als sei er ein Indie-Regisseur eines Guerilla-Films?
Ja, oft sogar. Dadurch entstand eine ganz besondere Situation. Er stand direkt neben uns mit der Kamera. Wenn er spürte, dass etwas emotional entsteht, konnte er sofort reagieren – manchmal flüsterte er uns dann direkt etwas zu. Es fühlte sich nicht an, als würde ein Regisseur von aussen Anweisungen geben. Es war eher, als wären wir drei ein einziger Organismus. Er hat uns in Echtzeit geleitet und versucht, uns immer wieder zu unserer ehrlichsten Version zu bringen. Gerade bei Szenen ohne Dialog ist das unglaublich anspruchsvoll. Es gibt einen Moment, in der meine Figur ihren Mann dabei erwischt, wie er auf einer Stand-Up-Bühne sehr intime Dinge über ihre Ehe erzählt. Sie erlebt dabei gleichzeitig Schmerz, Überraschung, Zärtlichkeit – alles auf einmal. Und das muss man sehen können, ohne dass ein einziges Wort fällt. So etwas funktioniert nur, wenn der Regisseur so nah bei einem ist.
Ihre Figur im Film war Leistungssportlerin. Wie hart war es für Sie, sich dieses Muskelkleid zuzulegen?
Ich musste intensiv trainieren – etwa zwei Stunden täglich vor dem Dreh! Diese körperliche Disziplin half mir auch, die Haltung der Figur zu verstehen. Eine gute Freundin von mir ist Profi-Volleyballspielerin, ungefähr in meinem Alter – und selbst wenn sie nicht mehr aktiv spielt, sieht man ihrem Körper sofort an, wer sie ist. Das hat mich sehr inspiriert.
"Menschen verändern sich ständig – wie Wasser"
Könnte man sagen, Schauspielerei ist fast so kompliziert wie eine echte Beziehung?
In gewisser Weise ja. Man muss ehrlich sein, sich selbst wirklich zeigen. Als ich als junge Frau mal einen, wie ich dachte, vielversprechenden Mann datete, sagte der zu mir, er wisse nicht, ob er mit einer Schauspielerin zusammen sein wolle – schliesslich «lügen wir ja beruflich». Aber das Gegenteil ist wahr: Wenn man nicht ehrlich sein kann, funktioniert Schauspiel gar nicht. Die eigentliche Frage ist eher: Kann man diese Ehrlichkeit auch in Beziehungen leben? Dort sind die Risiken grösser – weil man Angst vor Zurückweisung hat.
Warum ist Ehe eigentlich ein so faszinierendes Thema – auch im Kino?
Vielleicht, weil wir sie noch immer nicht wirklich verstanden haben. Wir heiraten jemanden zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem Leben. Wir glauben zu wissen, wer wir selbst sind, wer der andere ist und was wir gemeinsam wollen. Aber Menschen verändern sich ständig – wie Wasser. In zehn oder zwanzig Jahren sind wir oft völlig andere Personen. Wenn wir glauben, wir könnten eine Beziehung einfrieren und sie würde für immer gleich bleiben, dann verkennen wir eigentlich, was es heisst, ein Mensch zu sein.
"Vielleicht schenken wir diese Geschichte auch der nächsten Generation"
Vielleicht müsste man die romantische Idee der Ehe also entzaubern und durch eine erwachsenere Form von Partnerschaft ersetzen.
Absolut. Genau deshalb liebe ich diesen Film so sehr. Es gibt einen Moment darin – Achtung, ich muss jetzt spoilern! –, in dem er zu ihr sagt: «Ich will mit dir unglücklich sein. Lass uns gemeinsam unglücklich sein.» Das ist vielleicht der unromantischste und zugleich romantischste Satz, den ich je in einem Film über Beziehungen gehört habe. Mein Sohn Ellery ist 24 und steht gerade am Anfang seiner eigenen Liebesgeschichten. Er kam mit Freunden ins Kino und sagte danach zu mir: «Das ist der ehrlichste Liebesfilm, den ich je gesehen habe.» Da dachte ich: Vielleicht schenken wir diese Geschichte auch der nächsten Generation.
Sie gehören zu den Frauen, die eine enorme Eigenständigkeit ausstrahlen – eine Präsenz, die ganz für sich steht. Ganz wie Diane Keaton es tat, wirken Sie immer vollständig. Welche Frauen inspirieren Sie besonders?
Ich denke da sofort an Catherine Deneuve oder Meryl Streep. Oder Simone Signoret. Und natürlich meine Mutter (die Schauspielerin Diane Ladd, Anm. d. Red). Sie hat mich sehr geprägt. Ebenso meine Patentante Shelley Winters (ebenfalls Schauspielerin, Anm. d. Red). Diese Frauen hatten eine enorme innere Stärke. Ich hoffe, dass ich das ebenfalls an meine beiden Kinder weitergeben kann.
«Is This Thing on?» läuft jetzt im Kino