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So sehr beschäftigt Schweizer:innen der Kulturkampf um Geschlecht und Identität

Zeitgeist

So sehr beschäftigt Schweizer:innen der Kulturkampf um Geschlecht und Identität

Das Forschungsinstitut Sotomo hat für die Initiative #geschlechtergerechter eine repräsentative Befragung zum Thema Geschlecht und Identität durchgeführt. Wir haben für euch fünf spannende Ergebnisse der Studie zusammengetragen.

Unser Geschlecht ist nicht nur ein wichtiger Teil unseres gesellschaftlichen Seins, sondern beeinflusst auch massgeblich unsere Identität. Geschlechterfragen rücken immer mehr ins Zentrum der öffentlichen Debatte, über Themen wie das Gendern von Texten werden hitzige politische Debatten geführt. Die Fronten im Diskurs verhärten sich dabei oft und nicht wenige Menschen fühlen sich durch dieses Kulturkämpfe gar in ihrer Identität bedroht.

Die erste Befragung der Initiative #geschlechtergerechter drehte sich deshalb um die Frage, wie Schweizer:innen das Spannungsfeld Geschlecht und Identität wahrnehmen. Dazu wurden knapp 2700 Personen befragt. Bei der daraus entstandenen Studie des Forschungsinstituts Sotomo kommen politisierte Selbstwahrnehmungen, überraschende Asymmetrien und stereotype Schönheitsideale ans Licht.

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1.

Das Mannsein wird politisiert

Für Männer ist die Wichtigkeit von Mannsein stark von ihrer politischen Gesinnung abhängig. Während für 62 Prozent der politisch rechts Stehenden Mannsein wichtig – und für zwei Drittel davon sogar sehr wichtig – ist, identifiziert sich von den politisch links stehenden Männern nur jeder achte sehr stark mit seinem Geschlecht.

 

Es scheint also eine Politisierung des Mannseins stattzufinden – das gilt jedoch nicht fürs Frausein. Frauen identifizieren sich unabhängig von ihrer politischen Gesinnung ähnlich stark mit ihrer Geschlechtsidentität.

 

Einen Unterschied gibt es jedoch: Frausein verbinden politisch rechts stehende Frauen eher mit einer eindeutig weiblichen Geschlechtsidentität, politisch links stehende dagegen mit Feminismus und Emanzipation. Auffällig ist zudem, dass das eigene Geschlecht für jüngere Menschen von grösserer Bedeutung ist als für ältere.

2.

Teilzeitarbeitende Männer nehmen sich als weiblicher wahr

Männer definieren ihre Männlichkeit auch über ihr Arbeitspensum. So nehmen sich Vollzeit arbeitende Männer männlicher wahr als Teilzeitarbeitende. Diese nehmen sich als deutlich weiblicher wahr, insbesondere wenn sie weniger als 50 Prozent arbeiten.

 

Bei Frauen hängt in der Selbstwahrnehmung die Weiblichkeit jedoch nicht vom Erwerbsgrad ab: Frauen, die zu Hause bleiben, nehmen sich nicht als weniger oder mehr weiblich wahr als Frauen, die Vollzeit arbeiten.

3.

Bei der subjektiven Geschlechtsidentität weichen sich die Grenzen auf

Klare Binarität herrscht nur auf den ersten Blick: Zwar geben 99,6 Prozent der Befragten an, sich entweder als Frau oder als Mann zu bezeichnen, und nur 0,4 Prozent bezeichnen sich als nicht-binär. Wird aber nach dem Grad der Männlichkeit und der Weiblichkeit gefragt, nehmen sich 12 Prozent als ebenso weiblich wie männlich wahr und weitere 5 Prozent sehen sich der jeweils anderen Geschlechtsidentität näher als ihrer biologisch zugeordneten.

 

Die klare Zuordnung in eine der beiden etablierten Geschlechtskategorien zeigt, dass diese einen grossen Einfluss aufs gesellschaftliche Sein haben. Geht es aber um die subjektive Geschlechtsidentität, weichen sich die Grenzen zunehmend auf.

 

Befragt wurde auch die grundsätzliche Meinung zu Binarität: 61 Prozent gehen davon aus, dass es nur Frau und Mann gibt oder allenfalls noch wenige Ausnahmen. 15 Prozent gehen von einem Kontinuum von weiblich bis männlich aus, mit fliessenden Übergängen, was sich eher an Geschlechtsidentitäten als an biologischem Geschlecht orientiert.

 

Eine von fünf Personen hat hingegen eine Auffassung, die sich komplett loslöst von Binarität und die Meinung teilt, dass es eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten gibt und das Konzept Mann/Frau ein gesellschaftliches ist.

 

Auch wenn Weiblichkeit und Männlichkeit zunehmend fluider werden, ist für die Hälfte der Befragten eine Geschlechtsanpassung ein besonders mutiger Lebensentscheid. Fast die Hälfte ist ausserdem der Meinung, sich als queer zu outen, brauche besonders viel Mut.

4.

Männer haben ein eher ein stereotypes Bild von Attraktivität

Feminine Männer finden bei Frauen mehr Anklang als maskuline Frauen bei Männern. 64 Prozent der heterosexuellen Frauen finden Männer ansprechend, die auch «weibliche» Seiten haben und zeigen. Und knapp die Hälfte der Frauen findet auch Frauen mit «männlichen» Seiten attraktiv.

 

Umgekehrt finden nur 32 Prozent der heterosexuellen Männer Frauen attraktiv, die auch «männliche» Seiten haben – und fast ebenso wenig halten die Männer übrigens von femininen Männern. Die Vorstellung von männlicher und weiblicher Attraktivität ist bei Männern also um einiges binärer und stereotyper als bei Frauen.

 

Noch grössere Unterschiede gibt es bei nicht-heterosexuellen Personen: Drei Viertel der queeren Frauen finden maskuline Frauen attraktiv, und acht von zehn finden feminine Männer attraktiv.

 

Nicht-heterosexuelle Männer hingegen haben eher stereotype Vorstellungen von Schönheitsidealen: Nur die Hälfte findet feminine Männer attraktiv und sogar nur rund zwei von zehn queeren Männern finden maskuline Frauen attraktiv.

5.

Das generische Maskulinum ist nicht mehr mehrheitsfähig

Nur noch rund ein Viertel der Befragten spricht sich beim Schreiben für die Verwendung der männlichen Form aus und meint damit Frauen mit. Die bis vor kurzem noch kaum angefochtene Schreibweise des generischen Maskulinums erlangt also keine Mehrheit mehr. Nur für 27 Prozent – darunter vor allem Männer – bleibt die männliche Schreibweise die erste Wahl.

 

Und doch verwenden nur die wenigsten nicht-binäre Schreibweisen: Nur 7 Prozent verwenden bereits eine entsprechende Form wie den Genderstern, den Gendergap oder den Doppelpunkt. Am häufigsten werden diese von jungen, politisch links stehenden Frauen verwendet.

 

Am meisten verbreitet sind geschlechtsneutrale Formen oder solche, die explizit Frauen und Männer inkludieren. Frauen legen jedoch mehr Wert auf eine explizite Nennung der verschiedenen Geschlechter als Männer dies tun.

Hier findet ihr nebst weiteren Ergebnissen aus der Befragung auch einen interaktiven Raum mit bewegter Statistik. 

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