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Sophie Hunger: «Nach der Geburt beginnt der strukturelle Absturz der Frauen»

Politik

Sophie Hunger: «Nach der Geburt beginnt der strukturelle Absturz der Frauen»

Sophie Hunger kämpft für vergünstigte Kitaplätze. Warum die hohen Betreuungskosten in der Schweiz eine klassische «Lose-Lose-Situation» sind und weshalb ihr die Schweiz manchmal peinlich ist, verrät die 40-jährige Musikerin im Interview.

annabelle: Kürzlich haben Sie in einem Instagram-Post auf die Fremdbetreuungssituation in der Schweiz aufmerksam gemacht. Was ist problematisch? Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?
Sophie Hunger: In der Schweiz verschlingt die monatliche Rechnung für die Kinderkrippe durchschnittlich 35% des Haushaltseinkommens – in keinem anderen Land der Welt müssen Eltern einen so immensen Teil ihres Lohns für die Kinderbetreuung opfern. Der Nationalrat hat im Frühjahr gehandelt und ein Gesetz erarbeitet, daran wurde drei Jahre parteiübergreifend getüftelt. Die Eltern sollten bei den Kitakosten vom Bund zu 20% entlastet werden. Der Ball lag formidabel auf dem Penalty-Punkt, der Ständerat musste nur noch versenken. Und jetzt kommt die grosse Pein: Was macht der Ständerat? Angeführt von der SVP- und FDP-Fraktion lehnt er es ab. Gleichzeitig vertagt er die Abschlussdiskussion auf nach den Wahlen, sodass er kein politisches Risiko eingeht. Feiglinge! Die Wahlen sind am 22. Oktober. Ich schlage vor, wir überlegen uns gut, ob wir diese Ständeräte wiederwählen.

Sie sprechen von «echten Schmerzen», was ist gemeint?
Es gibt Dinge, die kann man als Demokratin wegstecken, zum Beispiel Militärausgaben für eine Armee, die uns nicht verteidigen kann. Milliarden Subventionen für eine Landwirtschaft, deren Produkte weggeworfen werden. Milliardenrettungen für Privatbanken, die immer dann nach dem Staat schreien, wenn sie die Konten geplündert haben. Ich gönne es den Luftwaffenpilot:innen, ich gönne es den Bäuer:innen, ich gönne es den Mitarbeitenden der Geldinstitute.

Aber?
Wenn wir Eltern keine Strukturen haben, um Beruf und Familie in gesundem Masse unter einen Hut zu bringen, dann tut es weh. Es hat Konsequenzen auf unsere ganze Gesellschaft. Insbesondere die Gleichstellung rückt unter diesen Bedingungen in weite Ferne. Nach der Geburt eines Kindes beginnt der strukturelle Absturz der Frauen. Es ist real. Ich erwarte von einem reichen Land wie der Schweiz, dass es einen respektvollen Rahmen für das Gründen von Familien schafft. Es ist schliesslich keine Utopie! Es wird bereits in beneidenswert erfolgreichen Staaten praktiziert, siehe Skandinavien. Peinlich ist es, so zu tun, als wäre das eine Art unlösbares Rätsel, wie die Entstehung des Urknalls.

Was bedeuten die hohen Kitakosten für Sie und Ihre Familie persönlich?
Ich bin privilegiert, da ich in den vergangenen 15 Jahren malocht habe wie eine Weltmeisterin und einiges auf der hohen Kante habe. Ich lebe also nun vom Ersparten. Die allermeisten haben das aber nicht und es sollte auch nicht die Idee sein, dass sich nur Leute mit Sparkonto Kinder leisten können.

Und was für Ihre Karriere als Musikerin?
Die ist auf Stand-by. Fiona Apple hat zehn Jahre Pause gemacht und dann mit «Fetch the Bolt Cutters» ihr bestes Album herausgebracht, für das sie 2020 den «Best Alternative Album»-Grammy erhielt. Daran orientiere ich mich in heiklen Stunden.

Sie haben auch lange in Berlin gelebt. Wenn Sie Ihre Situation in der Schweiz mit der Ihrer Freund:innen in Deutschland vergleichen, wie fühlt sich das an?
Kann man nicht erklären. Die sagen: «Aber wie macht ihr das dann?» Ich sage: «Ganz einfach, die Frauen gehen nach Hause und bleiben dort.» Aber diese Situation bringt weder für die Familien noch für den Staat irgendwelche Vorteile. Aus volkswirtschaftlicher Sicht handelt es sich um eine klassische «Lose-Lose-Situation». In der Schweiz herrscht ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und die Mütter, die wir ausgebildet haben, werden nach der Geburt eines Kindes wieder nach Hause geschickt. Sinnlos.

Warum glauben Sie, hinkt die Schweiz in der Familienpolitik so hinterher?
Drei Dinge: Die starke gesellschaftliche Verankerung eines patriarchalisch-hierarchischen Familienbilds in der Schweiz und die entsprechenden Rollenbilder führen zu einer mangelnden Priorisierung der Interessen der Frauen. Dann aber werden zusätzlich fiese Mechanismen unseres Politsystems aktiv. Erstens kann in repräsentativen Demokratien, wie in den meisten europäischen Ländern, eine frische Regierung mit Unterstützung des Parlaments fortschrittliche Gesetze relativ schnell erlassen und somit auch recht schnell umsetzen. In der direkten Demokratie der Schweiz ist es umgekehrt: Gesetzesanpassungen müssen in einem langen Verhandlungsprozess erarbeitet werden, der möglichst viele Interessengruppen und Akteure einbinden muss. Was eigentlich gut klingt, wird bei uns zum Problem: wegen, zweitens, der starken Stellung des Ständerats. Dort versuchen die besonders konservativen, ländlichen Kantone, möglichst am Status quo festzuhalten, statt weitsichtige Entscheidungen zu wagen. Denn im Ständerat sind Männer und konservative kleine Kantone stark überrepräsentiert. Dies führt oft dazu, dass fortschrittliche Anliegen in dieser Kammer verhindert oder stark abgeschwächt werden. Bei der Kita-Vorlage ist genau das wieder passiert.

Und drittens?
Die deutliche Unterrepräsentation von Frauen in politischen Ämtern. Würden mehr Frauen in den Parlamenten die Gesetze mitgestalten, wären die Interessen der Frauen besser vertreten und würden stärker gewichtet.

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«Entweder helfen uns die Ständerate jetzt, oder wir sollten sie postwendend abwählen»

Sophie Hunger

Das Parlament hatte sich nach den letzten Wahlen unter anderem eine bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie zum Ziel gesetzt. Wie erklären Sie sich diesen Rückschlag, der vom Ständerat her droht?
Wie gesagt: Der Ständerat besteht, anders als der Nationalrat, zu 74% aus Männern, deren Altersdurchschnitt dazu bei 54 Jahren liegt. Das heisst, rein demografisch ist dieser Ständerat weit weg von unseren Problemen. Die wenigsten Ständeräte wissen überhaupt, wie viel ein Kitaplatz kostet. In der Petition der Alliance F, für die ich werbe, werden Eltern gebeten, ihre Kitarechnungen hochzuladen, um diese dem Ständerat als Infomaterial zu übergeben. Ich habe eine Quittung von einer Frau aus Zürich gesehen – über 5000 Franken zahlt sie pro Monat für zwei Kinder, in Teilzeitbetreuung wohlgemerkt.

Warum ist es falsch, Kinder als Privatsache zu bezeichnen?
Weil das Funktionieren unseres politischen Systems auf dem Heranwachsen einer neuen Generation beruht. Alle Sozialkassen sind systemisch auf diesem Generationenabtausch aufgebaut. Kinder sind also die Grundbedingung für das Gelingen unseres Systems. Ganz objektiv: Wer zahlt einst die Renten unserer lieben Ständeräte? Genau, die Kinder von heute. Ich sage: Entweder helfen uns die Ständerate jetzt, oder wir sollten sie postwendend abwählen und durch bessere ersetzen. Die Wahlen sind, nochmal zur Erinnerung, am 22. Oktober.

Laut einer Unicef-Studie ist die Schweiz in Sachen Familienfreundlichkeit auf dem letzten Platz von 31 untersuchten Ländern. Was macht das mit Ihnen?
Es ist peinlich, aber weckt auch die Kampfeslust. Wie viel Freiheit es gäbe, wenn wir diese Schlacht gewinnen würden!

Als Künstlerin ist die Vereinbarkeit noch einmal erschwert, weil Konzerte nun mal nicht während den Kitaöffnungszeiten stattfinden. War es für Sie herausfordernd, ein funktionierendes Familiensystem zu basteln?
Ja, natürlich. Es gibt auch nicht so viele Beispiele oder Vorbilder. Viele erfolgreiche Künstlerinnen haben keine Kinder oder sind so erfolgreich, dass sie nicht auf einen funktionierenden Staat angewiesen sind. Mir geht es hier aber darum, eine Lösung für die Mehrheit der Mütter und Väter zu finden.

Sie schreiben, dass es in Ihrer Gemeinde zu wenige Kitas gibt.
Es gibt nicht zu wenige – es gibt gar keine. Wir sind jetzt auf Wartelisten für eine Kita, die noch nicht gebaut ist und deren Baubewilligung sogar noch hängig ist, aufgrund von Einsprachen hiesiger Senioren. Eine Illoyalität erster Güte, und das nota bene von einer Wählergruppe, die sich gerne als patriotisch bezeichnet. Mit anderen Worten: Für uns werden die Reformen zu spät sein, umso mehr ein Grund, dafür zu sorgen, dass es nicht immer so weitergeht. Was für eine Verschwendung von Talent und Energie.

Was glauben Sie, welchen Impact hätten vergünstigte Kitaplätze auf die Erwerbstätigkeit und das Wohlbefinden von Frauen in der Schweiz?
Es würde viele Familien entlasten, speziell den Frauen würde es den Berufswiedereinstieg ermöglichen, was sie vor Lohnausfall, Rentenkürzung und damit Altersarmut schützt.

Sind die 20% der Kitakosten, die der Bund von erwerbstätigen Eltern übernehmen soll, nicht sowieso zu wenig?
Es ist ein guter Anfang. Beispiele aus der politischen Geschichte der Schweiz zeigen, dass gerade gesellschaftspolitische Veränderungen eine Vielzahl von Versuchen auf politischer Ebene erfordern. Es braucht versierte Politiker:innen und eine engagierte Bewegung in der Zivilbevölkerung, um erfolgreich zu sein. Die Petition der Alliance F ist so ein Versuch, deswegen sage ich: Helft mit und lasst uns gemeinsam den Ständerat überzeugen! Zeigen wir ihm, dass es uns gibt.

Der Nationalrat ist für vergünstigte Kitaplätze, die Mehrheit der Kantone ist dafür, die Städte sind dafür, der Arbeitgeberverband ist dafür – was würden Sie dem Ständerat sagen, wenn Sie könnten?
Entweder helft ihr uns jetzt oder ihr gebt euer Amt auf und arbeitet Vollzeit in der Kinderbetreuung eurer Enkel:innen, damit ihre Eltern Geld verdienen können, um ihre Lebenserhaltungskosten zu bezahlen. Kurz: Wandel oder Windel!

Alle Infos zur Petition von Alliance F gibt es hier.

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Nicole

Neben den positiven Auswirkungen für Renten für die Frauen, wenn sie wieder berufstätig werden, hilft diese erleichterter Wiedereintritt (mit der nötigen Struktur) natürlich auch der Wirtschaft und dem Wirtschaftlichen Erzeugnis BIP. Nur so für alke bürgerlichen zum Verständnis!

Max Demian

Unsere Situation sah/sieht so aus: Wir wählten in einer grossen CH Stadt zwischen 5 Krippen aus. Beide unsere Kinder gehen seit sie 3 Monate alt sind zu 100% in die Krippe. Dafür ernteten wir viele böse Blicke und viel Unverständnis. Meine Partnerin und ich arbeiteten immer voll. Wir haben pro Jahr zwischen 45-60k abgedrückt. Seit Schulpflicht besteht weniger. Die Stadt subventionierte uns nicht, subventioniert aber grosszügig weniger privilegierte. Steuerlich konnten wir 10k geltend machen.
Wir sahen/sehen Kosten der Kita nie als Kosten, sondern als Investition.
Wir haben uns nie beschwert, wissen aber auch, dass wir u.a. aus Kita Gründen nie aufs Land oder in die Aglo ziehen würden.

The choices you make.

Katharina

Wie wäre es denn, das vom anderen Ende her zu denken? Was, wenn Sorgearbeit in der Familie endlich die Anerkennung erfahren würde, die ihr gebührt: Gesellschaftlich UND finanziell? Wie wäre es, Kinderbetreuung als Gewinn für alle zu denken und nicht als Einkommens-, Karriere- und Konsumhindernis? Wie wäre es, die Care-Arbeit in und außerhalb von Familien als Teil des BIP zu denken UND entsprechend zu bewerten? Wie wäre es, Kinderbetreuung auf jeder Ebene nicht als “Frauengedöns” abzuwerten, sondern als systemrelevante Arbeit? Eine Aufgabe für Väter UND Mütter? DAS wäre ein echter Bruch mit dem patriarchalen Denken.

Tina

Danke Katharina.
Als Mutter, welche gerne daheim bei unseren Kindern geblieben ist, verfolge ich solche Diskussionen ungläubig.
Es ist erst fair, wenn Care-Arbeit auch anerkannt wird. Ich habe nichts gegen extern arbeitende Eltern, das muss jede Familie selber entscheiden. Die Kita-Plätze aber jetzt noch zu subventionieren – nein danke. Dann sollen die anderen Familien auch Betreuungsgeld erhalten. Bei der Care-Arbeit geht es weiter auch um das Betreuuen von alten/behinderten Angehörigen – auch das muss finanziell entschädigt werden.

Und apropos “Vorbild” Skandinavien: sehen sie sich mal die horrenden Steuern dort an, irgendwer bezahlt den Luxus der Ganztagesbetreuung für alle. Dort müssen beide Eltern 100% arbeiten, da es sonst nicht zum Leben reicht – ist das wirklich ein erstrebenswertes Ziel?

Paolo

Meine Partnerin und Ich haben eine mittlerweile 2.5 Jahre junges Mädchen. Für uns war es von Anfang klar, dass wir unser Kind nicht zu 100% fremd betreuen würden. So habe ich meine Führungsposition aufgegeben und mir gut 6-Monate “Papi-Zeit” (unbezahlt!) gegönnt. Dafür haben wir auf viele Extras und Reisen verzichtet. Unsere Tochter geht jeweils 1-mal pro Woche in die KITA, die restlichen Tage wird sie gleichermassen von meiner Partnerin und mir betreut.

Was mir in dieser Diskussion fehlt und von Katharina (siehe Kommentare) thematisiert wird, ist die bezahlte Care-Arbeit. Es gibt auch viele Bürger und Bürgerinnen, Väter und Mütter, Geschwister usw. die Angehörige betreuen und dabei nur marginal vom Staat unterstützt werden. Sei es wegen eines Geburtsgebrechen der Kinder, als Folge eines schweren Unfalles eines Angehörigen oder eben die im Artikel erwähnte Kinderbetreuung.

Ich gleiche meinerseits die Kinderbetreuung, die meine Partnerin leistet (1 Tag mehr als Ich), ihr finanziell aus. Diese wertvolle Care-Arbeit könnte man als reiche Schweiz irgendwie staatlich finanzieren. Schlussendlich werden wir mehrere Milliarden (a-fond-perdu) für Tarnkappen Kampfflugzeuge verlochen oder Banken (Privatwirtschaft!) retten! Leider kommen und denken unsere Politiker nicht über ihre Nasenspitze hinaus oder (vermutlich der Hauptgrund!) sind die politischen Interessen einfach zu eng mit den wirtschaftlichen (einige Auswählten) verbunden und verfilzt!

Wieso nicht eine Unterschriftensammlung für bezahlte Care-Arbeit starten? Es muss nicht gleich die Bentley / Rolls Royce Ausführung sein!

Esther

Ich spiele weiter als Musikerin ohne ausgiebig Pro Helvetia Subventionen auf dem Konto auch mit zwei Kindern. Ich tue es gerne. Ich verstehe das Anliegen – für meine Konzerte Abends nützt Gratis-Kita aber wenig… Zu teuer und zu eng. Wieso wieder nur den Standard 9-5 Jobs das Leben einfacher machen? Lieber Care Beiträge für alle wie auch immer sie das lösen!

Chübelmann

… man könnte Frau Hunger auch mal fragen, wie viel Geld sie im Lauf Ihrer Karriere für Ihre Arbeit schon von staatlichen Institutionen und privaten Stiftungen erhalten hat.

Maria

Wie es den Kindern mit der Fremdbetreuung geht (bzw. was es aus ihnen macht), wird überhaupt nicht thematisiert Dass ein Kind in den ersten 3 Lebensjahren im Grunde nichts braucht als eine sichere Bindungserfahrung an seine Mutter (bzw. engste Bezugsperson), ist doch eigentlich schon längst bekannt (gewesen) – dachte ich zumindest. In den Diskussionen der letzten Jahre, so mein Eindruck, taucht dieser Punkt jedoch praktisch gar nicht mehr auf…

Anita

Es ist traurig, dass wir in der Schweiz so extrem hinter anderen Staaten hinterher hinken, Familien die nicht genug verdienen müssen für die Kita mehr bezahlen wie wenn die Frau nicht arbeitet und dafür Arbeitslosengeld bekommt, wie stupid ist das denn wo es in anderen Ländern von der Schule geregelte Kitas gibt. Vielleicht sollte der Staat CH auch das Gleichgewicht zwischen Lehrern/innen und reichen Eltern ein bisschen korrigieren.
Weswegen kann die Schweiz … noch mal nicht eine vom Staat organisierte Kindesbetreuung auf die Beine stellen, wo der kleine Bürger mit einer vernünftigen Bezahlung klar kommt.
Unsere Oberstaatshäupter sollten sich vielleicht einmal mehr in den Norden begeben als nach dem Süden.