Trennungscoachin Susanne Strässle: "Man muss lernen, sich wieder ganz zu fühlen"
Trennungscoachin Susanne Strässle hilft Frauen, nach einem Beziehungsende wieder Halt zu finden. Ihr Ansatz: Radikale Zuwendung – zu sich selbst.
- Von: Helene Aecherli
- Bild: Stocksy
annabelle: Susanne Strässle, die meisten Trennungen geschehen statistisch gesehen im Frühjahr oder kurz vor Weihnachten. Hinter diesen nüchternen Statistiken stecken oft emotionale Dramen. Trennungsschmerz kann ähnlich traumatisierend sein wie eine schwere Krankheit oder ein Unfall. Würden Sie dem zustimmen?
Susanne Strässle: Ja – obwohl ich ungern Vergleiche ziehe. Es kommt auch immer wieder die Frage auf, was schlimmer ist: ein Todesfall oder eine Trennung? Meiner Meinung nach kann beides traumatisierend sein. Wenn ich zum Beispiel 25 Jahre lang, mein ganzes bisheriges Erwachsenenleben, in einer Beziehung war, und der Partner dann geht, ist das oft extrem destabilisierend. Eine Trennung kann aber auch schon nach einem halben Jahr Beziehung tief erschütternd sein, je nach dem, auf welche früheren Erfahrungen, Selbstbilder oder gar Traumata sie fällt. Ich höre von vielen Frauen, dass sie nie erwartet hätten, dass sie die Trennung so aus der Bahn wirft, da sie sich stets als stark und unabhängig wahrgenommen haben.
Gutgemeinte Sprüche, wie: «Der war offenbar nicht der Richtige für dich. Da kommt was Besseres», sind in dieser Situation wenig hilfreich, oder?
Nein. Denn eine ungewollte Trennung ist erst mal Schock, Schmerz – und eine Zumutung. Da kann man nicht einfach aufstehen und weitermachen oder das gleich als Chance sehen.
Sie coachen explizit Frauen nach der Trennung von ihrem Partner oder ihrer Partnerin. Suchen sie Ihre Hilfe in der Phase des akuten Trennungsschmerzes?
Keineswegs. Ich habe viele Klientinnen, bei denen die eigentliche Trennung schon länger zurückliegt. So kam einmal eine Frau zu mir, die seit zehn Jahren im Trennungsstreit steckte und einfach nicht loslassen konnte. Ich sehe aber auch Frauen, die sich fünf Jahre lang verstecken mussten, um jeglichen Kontakt zu vermeiden, wenn der Partner das Kind abholte. Und dann gibt es Frauen, die zwei Jahren nach ihrer Trennung kommen, die gedacht haben, dass es mit der Zeit von selbst besser würde, aber nicht aus ihrem Schmerz oder Groll herausfinden.
Reagieren Frauen anders auf Trennungen als Männer?
Klar ist, Männer leiden ebenso unter Trennungen. Da ich jedoch mit Frauen arbeite, kann ich vielmehr sagen, worin sich Frauen ähnlich sind. Vielen gemein ist dieses selbstzerfleischende, exzessive Reflektieren, dieses Gedankenkarussell, das unaufhörlich dreht: Warum ist das passiert? Was hätte ich tun müssen? Diese Grübeleien können zur Qual werden und sogar selbstschädigend sein, wenn sie auf Glaubenssätze treffen, wie: Ich genüge nicht. Oft spielen auch gesellschaftliche Fragen mit hinein, etwa: Wer bin ich als Frau, jetzt, wo ich allein bin? Nicht selten müssen sich Frauen vom idealen Familienbild verabschieden, wobei manchmal auch handfeste finanzielle Ängste aufsteigen.
Das heisst, Ihre Klientinnen leben meist in einer klassischen, heterosexuellen Zweierbeziehung.
Es kommen auch Frauen aus lesbischen Beziehungen zu mir. Oder Frauen, bei denen eine nacheheliche Beziehung, eine offene Beziehung oder eine Affäre in die Brüche gegangen ist. Auch haben längst nicht alle Frauen Kinder. Aber ja, oft haben sie ein traditionelles Familienbild und ein Umfeld, in dem nur wenige Paare getrennt sind. Durch die Trennung werden diese Frauen quasi gezwungen, einen Schritt in ein neues Bewusstsein zu machen: Zu erkennen, dass Familie auch anders aussehen kann, dass es noch andere Lebensformen gibt. Eine meiner Klientinnen, zum Beispiel, hatte nach der Trennung sehr unter der «verlorenen Familie» gelitten, dazu kam eine grosse Verlustangst gegenüber ihren bald erwachsenen Töchtern. Zum Schluss ist sie in eine WG mit anderen Menschen über 50 gezogen, und fand ihr neues Leben plötzlich spannend. Diese Entwicklung hat mich sehr berührt.
"Gefühle zu verdrängen ist so, als würde man einen Ball unter Wasser drücken – es kostet Kraft, und er springt immer wieder hoch"
Wie gelingt es denn, im Trennungsschmerz nicht unterzugehen?
Zunächst geht es meist darum, zu lernen, den Schmerz und die Angst zu regulieren. Gefühle wollen gefühlt werden. Sie zu verdrängen ist so, als würde man einen Ball unter Wasser drücken – es kostet Kraft, und er springt immer wieder hoch. Gefühle wollen nichts Böses, sondern mir lediglich sagen, dass ich ein Mensch bin und Bedürfnisse habe, die nicht erfüllt sind. Mein Ansatz ist deshalb der einer radikalen Zuwendung. Das heisst: Alles, was wir fühlen, macht Sinn. Wenn wir uns jetzt mit wohlwollendem Interesse begegnen, können wir erkennen, was für eine Funktion diese Gefühle haben. Dann verstehen wir auch, dass das, was wir im Moment tun, gerade unser bestmöglicher Versuch ist, uns zu helfen.
Ich wurde vor ein paar Jahren Knall und Fall verlassen. Der Mann, in den ich sehr verliebt war, sagt mir: «I just love you like a friend» und ging. Ich war so schockiert, dass ich unmittelbar danach alle Nächte der Rosen beim «Bachelor» schauen musste, weil das Zurückweisen der Kandidatinnen durch den Bachelor meine eigene Situation karikierte. Danach habe ich wochenlang Kommissar Wallander von Hennig Mankell gelesen, weil es dem immer beschissener ging aus mir.
Das sind sehr gute Beispiele. Zu erkennen, was mir jetzt hilft, mich zu beruhigen, ist ein erster Schritt. Gleichzeitig gilt es darauf zu achten, dass man sich nicht schadet. Sich jeden Abend zu betrinken oder Drogen zu nehmen, mag auch ein Versuch sein, sich zu entlasten, hilft aber nicht weiter. Wichtig ist, in der Krise nicht perfekt sein zu wollen. Etwa den Anspruch zu haben, drei Stunden Yoga zu machen und danach entspannt bei sich zu sein. Selbst eine Yoga-Lehrerin, die ich begleitet habe, sagte mir: «Ich liege auf dieser Matte und denke an nichts anderes als an meine Misere.»
Mit anderen Worten, man darf in dieser Situation auch mal milde sein mit sich selbst.
Genau, und sich dann eben auch zu sagen: Ja, jetzt schaue ich den «Bachelor», oder ich binge-watche eine Serie. Denn jetzt darf es um mich gehen, darum, zu erforschen: Was hilft mir weiter, wer tut mir gut? Wenn wir lernen, uns aufmerksam selbst zu begleiten, merken wir immer mehr: Hilft mir, das, was ich mache, wirklich nachhaltig, und wann lenke ich mich nur noch ab oder versuche ich mich zu betäuben? Wie kann ich mein Bedürfnis dahinter besser erfüllen? Mit dieser Zugewandtheit lassen sich auch Gefühle und schmerzhafte Gedanken erkunden, die dahinterstecken.
Zum Beispiel?
«Das wird nie mehr gut». «Allein bin ich verloren», oder: «Ich bin nichts wert.»
Oder: «Ich werde nie mehr geliebt werden.»
Genau, solche Gedanken paaren sich dann oft mit: «Ich bin zu alt, jetzt kommt nichts mehr.» Das sagen interessanterweise nicht nur Frauen mit 60 oder 70, sondern auch solche mit 25, 30 oder 40. Diese Gedanken gehören zu einer Verlusterfahrung. Das zu wissen, kann entlasten. Ebenfalls verbreitet sind Schamgefühle: Die kenne ich auch von meiner eigenen Trennung: «Warum habe ich einen Partner, der mit einer jungen Arbeitskollegin davonläuft?», fragte ich mich. «Warum habe ich das nicht hingekriegt?». Aber Scham schmilzt, wenn man sie offenbart und teilt.
"Es ist nicht unsere Aufgabe, etwas zu merken, was ein anderer vor uns verbirgt"
Wie wichtig sind Ihre eigenen Trennungserfahrungen im Coaching?
Als Coachin begleite ich Frauen natürlich durch ihren eigenen Prozess. Dennoch ist es vielen Klientinnen wichtig, meine Geschichte zu erfahren. Sie fühlen sich dadurch in ihrem Schmerz gesehen. Auch für mich war die Trennung erschütternder, als ich erwartet hätte. Da wurde mir plötzlich klar, wie stark eine Beziehung meine Identität prägte. Dass ich mich erstmal wie «halb» fühlte, zeigt aber auch: Ich lebte ohne doppelten Boden und Exit-Strategie. Mein Partner hatte mich nach einer über 15-jährigen Beziehung plötzlich verlassen - das hat mir damals den Boden unter den Füssen weggezogen.
Das kam völlig unerwartet?
Ich habe tatsächlich nichts gemerkt. Interessant ist, dass Frauen oft denken, sie hätten das merken müssen. Und im Nachhinein findet man vielleicht Anzeichen dafür. Aber im Prinzip ist es nicht unsere Aufgabe, etwas zu merken, was ein anderer vor uns verbirgt. Es ist Aufgabe beider Partner:innen, sich zu zeigen und zu sagen: «Du, da passiert etwas bei mir.»
Ich kenne mehrere Frauen, die nach Jahren inniger Beziehung quasi über Nacht verlassen wurden. Sie fielen aus allen Wolken, standen unter Schock. Später fragten sie sich: Habe ich diesen Mann an meiner Seite wirklich gekannt?
Das ist dann eine doppelte Enttäuschung. Ich verliere den Partner, und realisiere gleichzeitig, dass er auf diese Weise mit einer Krise umgeht. Er war offenbar auf seiner eigenen Reise, hat die Dinge mit sich selbst ausgemacht und mich vor vollendete Tatsachen gestellt. In dieser Situation kommt man nicht darum herum, anzuerkennen: Der andere ist auch ein anderer. Ich habe nicht auf alles Einfluss. Es gibt immer einen Teil, der uns verborgen bleibt. Das ist nicht einfach. Zu denken: Ich bin schuld, ist manchmal einfacher, als sich einzugestehen, dass nicht alles mit einem selbst zu tun hat.
"Ich finde die Schuldfrage oft überschätzt, denn sie bringt uns nicht weiter"
Nun sind es ja nicht immer Frauen, die verlassen werden. Oft brechen Frauen selbst aus Beziehungen aus. Inwiefern sind sie von Trennungsschmerz betroffen?
Zu mir kommen natürlich nur jene Frauen, die mit ihrem Aufbruch hadern. Die meisten trennen sich nicht, weil sie sich neu verliebt haben. Sondern weil sie merkten, sie leiden und haben oft schon vieles versucht, aber in der Beziehung änderte sich nichts. Tun sie den Schritt der Trennung schliesslich, gehen damit oft auch Zweifel einher: Tue ich das Richtige? Habe ich wirklich alles versucht? Darf ich das meinen Kindern antun? Später kann sich das verwandeln in: Warum bin ich nicht viel früher gegangen? Warum war ich wie der Frosch, der im Wasser blieb, obwohl es immer heisser wurde?
Hinzu kommt, dass sich das Mitgefühl des Umfelds in Grenzen hält, wenn man selber aus der Beziehung ausbricht.
Wenn du verlassen wirst, erlebst du mehr Zuspruch, hast Anrecht auf die Opferrolle. Wenn du gehst, heisst es oft: «Du hast das doch so gewollt.» Besonders belastend ist es, wenn dieser Vorwurf auf die Selbstwahrnehmung trifft, nicht genügt zu haben. Eine Frau, die ihren Mann verlassen hatte, sagte mir: «Ich war es meinem Mann offenbar nicht wert, dass er dem Alkohol entsagt hätte.» Sie sah seine Sucht als Zeichen ihrer Wertlosigkeit. Schuld- oder Verantwortungsumkehr kann in fast allen Konstellationen vorkommen, wenn wir dazu neigen, uns die Schuld selbst aufzuladen.
Wie gelingt es, sich von der Schuldfrage zu lösen?
Ich finde die Schuldfrage oft überschätzt, denn sie bringt uns nicht weiter. Zwar ist sie am Anfang wichtig, weil wir zu diesem Zeitpunkt grosses Unrecht empfinden. Das ging auch mir so. Aber wir haben alle unsere eigene Wahrheit: Ich meine, er seine. Wichtig ist: Ich darf meine Sichtweise haben, meine Antworten finden. Um weiterzugehen, bin ich nicht von der Sicht des andern abhängig.
Das Alleinsein nach einer Trennung ist oft sehr belastend. Wie kann man dem den Schrecken nehmen?
Für Frauen ist das mitunter das schwierigste Thema. Denn auch das Alleinsein nach einer Trennung gehört zur Verlusterfahrung. Verbindungen sind abgebrochen, vielleicht hat man Freund:innen und eine Schwiegerfamilie verloren. Zudem fühlt man sich nicht mehr «ganz». Die Herausforderung besteht nun darin, mit diesem verwundeten Selbst zurechtzukommen und zu lernen, sich für sich selbst wieder ganz zu fühlen. Dabei helfen oft Kontakte zu Menschen, die einem nahestehen. Gleichzeitig sollten wir die Stärkung des Selbstwerts nicht nur nach aussen delegieren. Das macht uns auch zu besseren Beziehungsmenschen, weil wir dann nicht aus einem Mangel heraus in die nächste Beziehung gehen.
Wie schnell ist eine neue Beziehung wieder ein Thema?
Viele Frauen betonen schon im ersten Gespräch, dass sie Beziehungsmenschen sind und sich nicht vorstellen können, allein zu bleiben. Was sie damit ersehnen, ist Nähe, Sicherheit, Geborgenheit, Angenommensein - also genau das, was mit der Trennung oft brutal wegbricht. Wir Menschen sind Bindungswesen, und nach dem solchen Verlust spüren wir das umso dringlicher. Obwohl vielen bewusst ist, dass es kein Zurück mehr gibt, wünschen sich die meisten, es gäbe ein Zurück ins alte Leben, bevor alles schlechter geworden ist. Ein neuer Mann ist da für die meisten noch unvorstellbar. Aber weil etwas Neues noch undenkbar ist, sind sie in grosser Sorge, vielleicht nie mehr jemanden finden oder jemandem vertrauen zu können.
Es gibt aber auch immer wieder Frauen, die nach ihrer Trennung relativ schnell jemand Neues kennenlernen.
Ja, klar. Schnell wieder jemand Neues an seiner Seite zu haben, ist entlastend und hilft über den Schmerz hinweg. Aber oft gehen diese Nach-Trennungs-Beziehungen in die Brüche, weil es doch nicht so gut passte – und die Frauen stellen fest, dass sie jetzt gleich zwei unverdaute Trennungen haben. Diese zweite erschüttert dann manchmal sogar fast noch mehr. Nun wollen sie das richtig verarbeiten und «zu sich kommen». Diese Zeit für sich, ohne dass da schon wieder jemand Neues die ganze Energie und Aufmerksamkeit absorbiert, empfinde ich als wertvoll. Die Frauen werden sich in diesem Prozess selbst immer wichtiger. Sie merken, wie gut es ihnen eigentlich mit sich und ihrem Umfeld geht. Viele sagen sich dann: Wenn etwas Neues kommt, ist das wunderbar. Aber nur, wenn es wirklich passt. Dann steht buchstäblich wieder alles offen.
"Auch die eigene Identität will ja neu definiert werden: Viele fragen sich: Wer bin ich in der Welt? "
Wie lernt man, sich wieder ganz zu fühlen? Es gibt wohl kaum etwas Schwierigeres als gerade das.
Ich nenne es eine Wiedervereinigung mit sich selbst. Dabei gilt es, sich neu kennenzulernen, sich zu fragen, welche Bedürfnisse man vernachlässigt hat oder welche Muster das eigene Leben geprägt haben. Viele Frauen waren beispielsweise in ihrer Beziehung für das Wohlbefinden aller zuständig, haben das Sozialleben der ganzen Familie organisiert. Ich höre oft, dass Frauen sagen: «Ich weiss gar nicht mehr richtig, wer ich bin. Ich war immer für andere da.»
Und das ist ja auch nicht zwingend etwas Negatives.
Nein, viele betonen: «Ich habe das gern gemacht.» Es ja eine schöne Gabe – wenn man sie als Wert empfindet. Aber wenn man realisiert, dass man vielleicht schon als Kind gelernt hat, dass Liebe immer Anstrengung bedeutet, dass man sie sich verdienen muss, dann hilft es, zu erkennen, dass das ein altes Muster ist. Dass die Strategie einen vielleicht weit gebracht hat, aber dass man jetzt anders für sich einstehen will. Daran kann man arbeiten. Das andere Thema ist der Alltag, den es allein neu zu gestalten gilt. Das kann in ganz kleinen Schritten geschehen. So schrieb mir etwa eine meiner Klientinnen, sie habe nun endlich den Kleiderschrank, der nach der Trennung halb leer war, wieder gefüllt.
Mit ihren eigenen Kleidern?
Ja, das war ein symbolischer Akt, der ihr sehr gutgetan hat. Eine andere Klientin war 68 und grosser Gothic- und Steam-Punk-Fan. Sie hatte diese Leidenschaft mit ihrem Mann geteilt, wollte diese Welt nach der Trennung aber nicht verlieren. Obwohl es ihr weh tat, begann sie, allein an Festivals zu gehen und sich neu zu vernetzen. Auch die eigene Identität will ja neu definiert werden: Viele fragen sich: «Wer bin ich in der Welt? Ich fühle mich wie abgeschnitten, nicht mehr als Teil von dem ‹normalen› Leben, das die meisten Menschen führen.»
Man sieht überall nur noch glückliche Paare und heile Familie.
Das ist so. Man muss sich aber klarmachen: Ich habe jetzt diese Brille auf, und die kann ich gerade nicht einfach ablegen. Aber manchmal hilft es, nur schon zu wissen, dass man in diesem Moment nur das sieht, was wehtut. Und das kann ein Wegweiser dafür sein, was einem wichtig ist. Zum Beispiel, wieder Verbindung und Erfüllung zu erleben. Das kann ein neuer Partner sein, aber manchmal nimmt es am Ende eine andere Form an als erwartet. Und was einem wichtig ist, ist wie ein Leuchtturm, der einen anzieht, für den es sich lohnt, loszugehen, auch wenn diese Schritte sehr anstrengend ist. Viele wollen auch sofort loslassen. Aber loslassen ist wie einschlafen: Man kann es nicht willentlich tun.
Können Sie das näher erklären?
Eine meiner Klientinnen erklärte mir, sie könne nicht loslassen. Sie käme auch nach zweieinhalb Jahren nicht darüber hinweg, dass ihr Mann sie mit vier Kindern allein gelassen hat. Im Coaching wurde klar, dass sie glaubte, sein Weggehen irgendwie gutzuheissen, wenn sie selbst weitergeht. Letztlich ging es darum, zu merken: Ich darf das alles unrecht finden, aber ich muss deshalb nicht stehenbleiben. Wie wenn dich jemand auf offener Strasse einfach aus dem Auto wirft und davonfährt. Du kannst dort verharren und sagen, die ganze Welt soll das Unrecht sehen. Aber es bleibt auch sichtbar, wenn du nach Hause stapfst.
Ist diese Frau schliesslich weitergegangen?
Ja, sie ist ihren Weg gegangen. Hat trotz der Umstände den Beruf gewechselt und erkannt: Er hat mir meinen Spielraum nicht genommen. Sie hat sich unabhängig gemacht und den «Schuldschein» zerrissen.
"Ein erster Schritt ist, sich nicht mehr als Opfer, sondern quasi als Überlebende zu sehen"
Wie haben Sie persönlich aus Ihrem Trennungsschmerz herausgefunden?
Ich machte die Erfahrung, dass sich der Schock über die Trennung gleichzeitig auch anfühlte, als hätte jemand einen Vorhang aufgerissen. Plötzlich fragte ich mich: Wer bin ich auch noch? Was will ich im Leben? Diese Fragen gingen noch sehr lange mit dem Schmerz einher und mit der Sehnsucht, zurückzugehen in diese geborgene gemeinsame Welt, die ich nicht aufgegeben hätte.
Aber irgendwann hat dieses Gefühl des Aufbruchs überwogen?
Ja – es war das Ergebnis eines Prozesses. Ich musste den Fokus dahingehend ändern: «Ich hätte mir gewünscht, wir hätten das als Paar geschafft. Aber jetzt wartet auch etwas Wertvolles.» Ich denke heute oft: «Wow, ich hätte einen so wichtigen Teil meines Lebens nicht gelebt, wenn das nicht so gekommen wäre.» Ein erster Schritt ist, sich nicht mehr als Opfer, sondern quasi als Überlebende zu sehen. Dann hinterlässt die Trennungserfahrung keine Narbe oder gar Wunde, sondern eine Lebensspur. Und ein Leben, das spurlos an uns vorbeigeht, wäre kein gelebtes Leben.
Sie schreiben auf Ihrer Webseite: «Das Ende ist dein Anfang.» Das finde ich sehr schön.
Nie ist so klar, dass etwas Neues entsteht, wie wenn etwas Altes zu Ende gegangen ist. Ganz egal, ob eine Frau bei ihrer Trennung 25 oder 75 Jahre alt ist: Sie darf diesen Anspruch ans Leben haben, dass nicht alles vorbei ist – und dass gerade jetzt nochmals etwas sehr Wichtiges anfängt.
Susanne Strässle (54) ist systemisch-lösungsorientierte Coachin für Frauen nach der Trennung. Sie war vormals als Journalistin sowie in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat als Medizinethnologin im indischen Himalaja geforscht. Sie lebt in Zürich und betreibt den Podcast «Dein Aufbruch aus der Trennung».