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Tschüss sagen ist überbewertet

Tschüss sagen ist überbewertet

Der französische Abgang gilt als unhöflich, fast schon als sozialer Verrat. Dabei ist er oft nichts anderes als ein Akt der Rücksichtnahme – auf die Stimmung und auf das innere Bedürfnis, sich selbst rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Beim französischen Abgang handelt es sich nicht etwa um ein Adieu samt Knicks und Küsschen, wie man es im Land des Charmes erwarten würde, sondern um das Davonschleichen von einem Fest, ohne Tschüss zu sagen – was gern als Akt der Unhöflichkeit verstanden wird. Heimliches Heimgehen soll brüskieren? Zeit, sich von diesem Irrglauben zu verabschieden.

Heimliches Heimgehen soll brüskieren? Zeit, sich von diesem Irrglauben zu verabschieden.

Den Beschluss, diese Ode gegens Adieu zu schreiben, fasste ich am Geburtstag einer Freundin. Fuchs und Hase sagten sich gerade gute Nacht, als ich mich diskret von der Feier stehlen wollte, weil ich an einem Text feilen musste; die Deadline war schon bedrohlich nah. Draussen, im gleissenden Licht der Laterne, lief ich ihrem Mann in die Arme. Der beorderte mich zum Ciao-Sagen zurück ins Haus, woraufhin ich mich auf der Tanzfläche bis zum Geburtstagskind durchquetschen und vor versammelter Partymeute den Partypooper mimen musste – einzig die Schwaden aus der Nebelmaschine konnten mein Vergehen halbwegs verschleiern.

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"Die vermeintliche Höflichkeit, Adieu zu sagen, ist im besten Fall die unnötige Zurschaustellung, anderes zu priorisieren"

Wer weiss, wie viele Leute sich in diesem Moment von mir daran erinnert fühlten, am nächsten Morgen das Meersäuli zum Coiffeur, das Kind zur Bauklötzli-Therapie, zumindest aber sich selbst ins Bett zu bringen. Die vermeintliche Höflichkeit, Adieu zu sagen, ist im besten Fall die unnötige Zurschaustellung, anderes zu priorisieren (priorisieren zu müssen), und infiziert im schlechtesten auch den Rest der Feiernden mit der gemeinen Vertschüsseritis.

In meinen Augen gibt es keinen Grund, als Gastgeber:in betupft zu sein ob dieses Manövers. Es ist wie immer im Leben: Menschen, die gehen wollen – aus welchen Gründen auch immer –, kann und soll man nicht aufhalten. Man öffnet ihnen im Gegenteil sperrangelweit die Tür. Weil das etwas beschwerlich ist, wenn man (sich) gerade selbst feiert, tun einem die Gäst:innen echt einfach einen Gefallen, wenn sie still und leise verschwinden – und beim nächsten Mal hoffentlich mit mehr Sitzleder wiederkommen. Und ja, das sehe ich auch dann noch so, wenn ich selbst die Gastgeberin bin. Beim annabelle-Weihnachtsessen vor zwei Jahren lief es reibungslos: Nach dem Festmahl flunkerte ich, noch rasch die Location fegen zu müssen und zum Karaoke nachzukommen – um mich im wahrsten Sinne des Wortes sang- und klanglos zu verkrümeln.

Und vor Kurzem habe ich mich nach exakt drei Minuten von einem Gastro-Event verdrückt: Rein, den beiden wichtigsten Personen Hoi gesagt, ein Foto geschossen – pics or it didn’t happen! –, raus. Klassisch französisch von Entrée bis Abgang. Und bei mehreren Verpflichtungen pro Abend die einzige Chance, allen zumindest ansatzweise gerecht zu werden und meine Social Battery nicht völlig zu entladen.

Wenn Sie einen französischen Abgang nicht mit sich vereinbaren können, sei Ihnen der tschechische empfohlen: Künden Sie zu Beginn des Abends an, am Ende einen französischen zu machen. Von mir aus dürfen Sie aber auch wirklich einfach behaupten, mal eben kurz eine rauchen zu gehen, um dann bestenfalls mit einem französischen Lover durchzubrennen und ausgiebig französisch zu küssen.

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