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Warum mich die Corona-Impfung in ein Dilemma bringt

Politik

Warum mich die Corona-Impfung in ein Dilemma bringt

  • Text: Alica Wenger
  • Bild: Unsplash

Auch jüngere Generationen können sich jetzt impfen lassen. Unsere Praktikantin Alica Wenger weiss, dass Herdenimmunität ein sinnvoller Weg ist, um die Pandemie zu bekämpfen. Dennoch macht ihr ein möglicher Impftermin Bauchschmerzen.

Die Corona-Krise zieht sich dahin, schlägt auf das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und auch auf das Gemüt. Der einzige Weg zurück zur Normalität scheint derzeit die Massenimpfung und das damit einhergehende Konzept der Herdenimmunität. Dafür müsste die Impfbeteiligung bei rund siebzig Prozent liegen. Kaum verwunderlich also, dass der letztwöchige Ansturm auf die 180 000 freien Impftermine in Zürich fast schon grösser war als auf Tickets für ein Harry-Styles-Konzert.

Doch eine erst kürzlich publizierte Befragung von Sotomo zeigt: Längst nicht alle sehen einem möglichen Impftermin mit Freude entgegen. Etwa ein Drittel der 15- bis 34-Jährigen möchte sich demnach nicht oder eher nicht impfen lassen. Obwohl Unstimmigkeiten zum Thema Impfen deutlich älter sind als das heimtückische Virus selbst, scheint die Debatte zum Covid-19-Vakzin so manch geständige Impfbefürworterin in einen Zustand der Apathie zu versetzen. So auch mich.

Angst, meinen Unmut zuzugeben

Selbst bei einer gemütlichen Aperol-Spritz-Runde unter Freunden kam ich vergangenes Wochenende nicht um meine persönliche Gretchenfrage herum: Impfen oder nicht impfen? Als dann auch noch darüber diskutiert wurde wo, wie und wann man sich am besten für die Impfung registriert und mit welchem Impfstoff man sich vorzugsweise impfen lässt, überkam mich fast der Fluchtinstinkt. Nur zögernd wagte ich es zuzugeben, dass ich mich vielleicht gar nicht impfen lassen möchte.

Und schon flogen sie mir entgegen: Missmutige Blicke und eifrige Überzeugungsversuche. «Andere Impfungen hast du ja auch, wieso so kritisch?», «Auch hormonelle Verhütungsmittel bergen ein erhöhtes Thrombose-Risiko.» oder «Sonst wirft man sich ja auch alles ein.». Dieser Ansicht sind nicht nur meine Aperol-Kumpaninnen, sondern auch eine grosse Mehrheit meiner Mitmenschen. Natürlich kann ich die hervorgebrachten Argumente nachvollziehen. Der gewünschte Überzeugungseffekt bleibt aber trotzdem aus. Da helfen nur noch ein weiteres Glas und ein von mir initiierter Themenwechsel.

Eine regelrechte Impf-Euphorie

Was ich nicht ganz verstehe: Wieso so eine Impf-Euphorie? Seit Wochen ist die Rede von Impfbescheinigungen und Genesenen-Zertifikaten. Plötzlich stürzen alle los und können es kaum erwarten, sich durch die Wunderspritze die langersehnte Freiheit wieder anzueignen. Überwiegt der Ruf nach Freiheit etwa einen gewissen Grundskeptizismus? Und ist das wirklich die richtige Motivation, um sich für die Impfung zu entscheiden?

Kurz vorweg: Ob Mumps, Masern, Röteln, Tetanus oder Hepatitis B, geimpft bin ich gegen alles. Ja sogar zur Papillomaviren-Impfung (HPV-Impfung), die indirekt das Risiko für Gebärmutterhalskrebs mindern soll, hat mich meine Mutter damals geschickt. Bereuen tu ich es bis heute nicht. Gedanken über mögliche Langezeitfolgen dieser Impfungen? Die habe ich mir nie wirklich gemacht. Höchstwahrscheinlich auch deshalb nicht, weil die meisten dieser Impfstoffe lang vor meiner Geburt erforscht und massenhaft verabreicht wurden. Ganz anders als die Corona-Vakzine – woher letztendlich auch mein Unmut rührt. Mir scheinen da noch viele Fragen ungeklärt.

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«Überwiegt der Ruf nach Freiheit etwa einen gewissen Grundskeptizismus?»

Etwa: Wie kann man von einer geringen Wahrscheinlichkeit von seltenen, schwerwiegenden und aussergewöhnlichen Langzeitfolgen sprechen, wenn nicht einmal bekannt ist, wie lang die Schutzwirkung einer Impfung oder die Immunität nach einer Erkrankung genau anhält? Wird die Impfung auch vor weiteren Mutationen schützen? Wie funktioniert und wie erforscht ist die neue mRNA-Impf-Technologie? Wie regelmässig muss in Zukunft genau geimpft werden?

Klar ist: Beinah jedes medizinische Präparat kann potenziell zu ungewollten Nebenwirkungen führen, allergische Reaktionen hervorrufen oder das Risiko für Thrombosen oder Ähnliches erhöhen, unabhängig davon, wie schnell es hergestellt wird. Schlussendlich ist die Geschwindigkeit der Herstellung von Pharmazeutika auch eine Frage der Bürokratie, des Geldes und der Forschungsintensität. Aber je länger und ausgiebiger ein Medikament oder eine Impfung angewandt wird und je mehr man über eine Krankheit, ein Virus, einen Erreger weiss, desto klarer und zuverlässiger scheinen die Prognosen – oder etwa nicht?

Persönliche Risikoabwägung

Was ist mit Virologinnen, Epidemiologinnen und Medizinerinnen? Wenn die sich impfen lassen, wieso verspüre dann ich, als Laie, solche Bedenken? Brauche ich womöglich einfach klarere Antworten auf gestellte Fragen? Eine transparentere Handhabung?

Ein weiterer Aspekt, der an meiner Überzeugung nagt, ist die präventive Wirkung einer Impfung. Besonders dann, wenn der Output, das heisst die persönliche körperliche Folge des Nichtimpfens ungewiss ist. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufes bei jungen oder bereits erkrankten Personen, wie etwa in meinem Fall, ist zwar nicht auszuschliessen, aber doch eher gering. Was ist also das kleinere, was das grössere Übel? Das Risiko einer schweren Erkrankung und Long-Covid oder das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen im Falle einer Impfung?

Solidarität oder Freiheitsdrang?

Anders ist es natürlich bei akuten gesundheitlichen Problemen. In den wenigsten Fällen hinterfragt man da wohl die Wahrscheinlichkeiten einer negativen Folge eines heilenden Medikaments oder einer lebensrettenden Behandlung. Einen ähnlichen Effekt hat die Impfung auch auf besonders gefährdete Personen oder deren Angehörige. Dass die Risikoabwägung in solchen Fällen klar pro Impfung ausfällt, ist absolut verständlich.
Und wir anderen impfen wir uns nun aus Solidarität oder doch primär aus Freiheitsdrang?

Verzweifelt, von Überlegungen überflutet und weiterhin unschlüssig stehe ich also irgendwo zwischen Risikoabwägung, Egoismus und vermeintlicher Solidarität. Dabei greife ich nach jeder legitimen Begründung, die Gedanken an meine potenzielle Impfung weiter aufzuschieben. Insgeheim bin ich auch erleichtert darüber, die Virusinfektion erst kürzlich – glücklicherweise gut – überstanden zu haben und mir diese Tatsache momentan als Schutzschild vorzuhalten. Denn eine Impfung nach einer Covid-19-Infektion wird bei guter Gesundheit neuerdings erst nach Ablauf von sechs Monaten empfohlen. Es bleibt mir also noch ein wenig Zeit.

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Diana Poloni

mein Freund hat schon die mRNA-Technologie nach seinem Studium im Labor benützt, er ist 47! diese Technologie ist nicht neu, es gibt sie schon länger und sie wurde nach Sars auch sehr viel weiter entwickelt. nur war bis heute wenig Geld da um sie erfolgreich zu Ende zu bringen. Wenn du dich so unsicher fühlst, dann erkundige dich doch darüber:) und jeder hat ein mulmiges Gefühl, jeder, wieso? weil es mit Medizin zu tun hat und wir keine Ahnung davon haben…deswegen!

Naturenurture

Danke für diesen ehrlichen und wichtigen Beitrag! Ich kann bestätigen, dass man sehr schnell verurteilt und angefeindet wird, wenn man sagt, man möchte noch zuwarten. Ich selbst warte noch ab, sage aber nicht, ich will mich nie impfen lassen, und werde direkt als Verschwörungstheoretikerin und asozial abgestempelt. Dabei überlasse ich die raren Impftermine nur denen, welche die Impfung dringender brauchen/wollen als ich, wie Personen im Lehrwesen sowie Schüler/Studierende, und andere, die täglich in Gruppen zusammenfinden müssen. Auch bin ich persönlich für möglichst immer nicht-invasive medizinische Behandlungen und überlege mir jedes Mal, was ich meinem Körper zuführe und verzichte z.B. auf hormonelle Verhütung etc. Es gibt auch viele, die einfach Angst vor Nadeln/Spritzen haben, oder grundsätzlich Mühe mit Impfungen/der Pharmaindustrie, oder einfach nur ein schlechtes Bauchgefühl, und den Drang, selbst entscheiden zu dürfen ohne mit Einschränkungen rechnen zu müssen, nur weil sie nicht der Mehrheit folgen, ohne irgendwas zu hinterfragen.

Catherine

Danke für Deinen Beitrag. Ich bin froh, dass sich auch mal eine kritische Stimme in den Medien äussert.

Last edited 1 month ago by Catherine
Smilla

Das finde ich auch! Diese Mainstream-Haltung finde ich eher unheimlich. Ebenso auch der unterschwellige Druck auf Ungeimpfte und die beginnende Diskriminierung.