Wie ist es eigentlich, wenn das Instagram-Konto gehackt wird?
"Dein Konto wurde vorübergehend gesperrt": Unsere Autorin hat plötzlich keinen Zugriff mehr auf ihren Instagram-Account. Wie ein Unbekannter aus der Türkei sie relativ unproblematisch ins virtuelle Leben zurückhackt, erzählt sie hier.
- Von: Linda Leitner
- Bild: Unsplash
«Ich bin eine dieser Personen, die im Story-Archiv der Instagram-App stundenlang durchs eigene Leben scrollen kann. Im Dezember 2017 postete ich die erste Story – also ein Foto oder Video, das nach 24 Stunden wieder verschwindet. Da ich relativ viel Content in die Welt sende, sind dort knapp acht Jahre in abertausenden Bildern gespeichert.
Immer wenn mein Dasein nervt und ich am Bore-out kratze, ergötze ich mich an den sorgfältig kuratierten Momenten. Die sind schön, die sind lustig – ich weiss dann, dass mein Leben ganz okay ist. Wären diese Stories weg: ein Stück von mir ginge verloren. Klingt blöd, ist aber so.
Ich weilte in Kopenhagen, als eines Morgens Whatsapp explodierte. ‹Linda, dein Insta-Profil wurde gehackt›, schrieben mir wohl dreissig Menschen. Netterweise auch solche, die mir nicht nahe stehen. Danke nochmal dafür! Was alle sahen: Mich, die eine Grafik teilte, auf der ich präsentierte, wie ich durch Kryptowährung innert 24 Stunden über 10'000 Franken gemacht hatte (I wish), und mich, die sich auf Berndeutsch bei ihrer Mutter bedankt (ich bin aus Bayern, warum grad Berndeutsch?). Was ich sah: nichts. Ich konnte mich nicht mehr einloggen. Panik überrollte mich.
Ich hatte Deadlines einzuhalten. Die auf mich einprasselnden Nachrichten stressten mich immens. Ich beschloss aus hysterischer Ohnmacht, den Hack als Chance zu sehen, um mich aus den klebrigen Griffeln von Social Media zu lösen. Doch dieser pseudo-lichte Moment dauerte nur kurz an – ich wollte meine virtuelle Vergangenheit zurück, koste es (fast), was es wolle.
"Für 200 US-Dollar – auf ein Western-Union-Konto überwiesen – sei das kein Problem, tippte er in gebrochenem Englisch. Ich überwies und er schrieb ‹Lets fucking go›."
Eine Freundin erzählte mir von einem genialen Hacker. Der sässe in der Türkei, hiess es. Sie schickte mir seine Nummer. Sein Whatsapp-Profilbild: Eine Comicfigur, die sich wissend lächelnd den Bart streichelt. Diese Anonymität fand ich aufregend, fühlte mich seltsam gut aufgehoben.
Ich schrieb ihm und fragte, ob er mein Profil wiederherstellen könne. Weil solche Leute natürlich die ganze Nacht irgendwelche Systeme knacken und dann lange schlafen müssen, antwortete er erst gegen Nachmittag. Für 200 US-Dollar – auf ein Western-Union-Konto überwiesen – sei das kein Problem, tippte er in gebrochenem Englisch. Ich überwies und er schrieb ‹Lets fucking go›.
Dann ging alles ganz schnell. Wir flogen förmlich durch den Hack, ich sah wie in einem Rausch neongrüne Daten rieseln. Wann hackt man denn schon mal? Er gab mir Anweisungen, fragte nach Passwörtern, forderte Screenshots, beschwerte sich, ich sei zu langsam, lobte mich mit ‹Ok Bro›.
Man verzeiht jemandem, der einem sein Leben zurückgibt, ja vieles. Nach einer halben Stunde war ich wieder da. Auf Instagram. Als wäre nie etwas passiert. Meine erste Handlung: Ich folgte dem Account des Hackers. Denn er bat um eine Empfehlung seiner Dienste in einer Instagram-Story.
Seither schwirren lediglich noch diverse Fakeprofile von mir herum: Vor kurzem soll ich meine Follower unter einem leicht abgeänderten Namen mit meiner inexistenten Modemarke belästigt haben, wieder auf Schweizerdeutsch. Weil mir vor allem Letzteres peinlich ist, habe ich mein Profil nun auf privat gestellt.»