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Wie sich die Pandemie auf Sexarbeiter:innen auswirkt

Leben

Wie sich die Pandemie auf Sexarbeiter:innen auswirkt

Die Pandemie habe die Sexarbeitenden hart getroffen – und ihren Beruf noch gefährlicher gemacht, sagt Beatrice Bänninger von Isla Victoria.

annabelle: Beatrice Bänninger, welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf das Sexgewerbe?
Beatrice Bänninger: Egal ob Sexarbeit, Armutsbetroffenheit oder schwierige Lebenslagen – die, die schon vor Corona in Bedrängnis waren, hat die Pandemie an ihre Grenzen gebracht. Aber klar hat die Angst vor dem allgegenwärtigen Virus dieses körperorienierte Business besonders geprägt. Schwierig war es für Sexarbeitende in Zürich insbesondere während des faktischen Berufsverbots wegen der fürchterlich strengen Regeln von Oktober bis Dezember 2020 und dann wieder bis Ende Mai 2021. So lang hält sich niemand über Wasser.

Was bedeutet das?
Die Sexarbeitenden boten ihre Dienste schlicht weiterhin an, neu einfach mit weit grösserer Angst vor Bussen im Nacken. Mit Schreibgebühr beliefen sich die Strafzettel auf bis zu 2500 Franken. Viele Sexarbeiter:innen finanzieren mit ihrer Arbeit zahlreiche Familienmitglieder in ihren Herkunftsländern. Und in diesen wütete Corona oft schlimmer als in der Schweiz. Sie waren schlicht gezwungen, Geld zu beschaffen, um es nachhause zu schicken. Und dies unter sehr schweren Bedingungen.

Und auch gefährlich?
Ja. Wenn du unter dem Radar bleiben musst, kannst du dich nicht wehren, wenn dir ein Freier das Geld wieder wegnimmt oder dich schlägt. Wir haben während der Verbotszeit keine einzige Frau zur Polizei begleitet, um Anzeige zu erstatten. Normalerweise tun wir das recht häufig. Was uns aber wirklich wichtig ist zu betonen: Längst nicht alle Sexarbeitenden leben in solch prekären Lebenssituationen.

Wer sind denn die Menschen, die in der Schweiz Sex gegen Geld anbieten?
Das Spektrum ist enorm breit. Kürzlich war eine junge Sexarbeiterin da, die sich gerade auf ihre Maturaprüfungen vorbereitete. Ein Tamile mit Schnauz informierte sich über Einstiegsmöglichkeiten. Eine Frau aus Peru kam weinend, weil sie zur Prostitution gezwungen wird. Jede Person ist anders und hat eine eigene Geschichte. Aber natürlich: neunzig Prozent unserer Klient:innen sind weiblich. Und ein grosser Teil kommt aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien hierher, aus tiefster Armut. Viele träumen davon, einen anderen Job zu finden.

Wie kommt da Ihre Organisation ins Spiel?
Sexarbeitende haben keine Lobby oder Gewerkschaft, im Gegensatz zu allen anderen Berufen. Diese Rolle übernehmen wir und setzen uns anwaltschaftlich für ihre Rechte ein. Darum sind wir auch dringend auf Spenden angewiesen. Wir setzen sie ein, um Sexarbeitende zu schützen, etwa um juristisch gegen unverhältnismässige verdeckte Ermittlungen vorzugehen. Zudem helfen wir Sexarbeitenden bei administrativen Dingen oder Fragen zu Krankenkasse, Steuern, AHV und migrationsrechtlichen Themen. Wir verteilen Essen, Kondome und bieten Tests für sexuell übertragbare Krankheiten an.

Mit der Impfung hat sich die Pandemiesituation insgesamt etwas beruhigt. Wie sieht die Lage im Sexgewerbe heute aus?
Früher gab es eher zu viele Freier, seit der Verbotsaufhebung im Juni hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Viele Menschen, insbesondere Frauen, sind aus ganz Europa in die Schweiz gekommen, um hier ein Einkommen mit Sexarbeit zu erwirtschaften. Darunter sind auch viele, die noch nie vorher etwas mit dem Gewerbe zu tun hatten. Sie brauchen schlicht dringend Geld. Diese von der Pandemie in Gang gebrachten Verschiebungen im Sexgewerbe werden sich noch lang zeigen.

Beatrice Bänninger (57) leitet die Anlauf- und Beratungsstelle Isla Victoria in Zürich. Das Angebot für Sexarbeitende umfasst professionelle Beratung zu sozialen, gesundheitlichen und rechtlichen Themen. Infos: solidara.ch

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