Ulmen-Fernandes-Fall: Wie noch Männern vertrauen?
Der Fall um gefälschte Profile und Deepfake-Pornos der deutschen Schauspielerin Collien Fernandes, der vergangene Woche im «Spiegel» publik wurde, bewegt. Und verunsichert: Unsere Autorin fragt sich, wie man als Frau Männern noch trauen kann.
- Von: Sandra Brun
- Bild: Keystone / DPA / Sascha Schuermann
Ich hänge seit Donnerstagnachmittag fest. In meinen Gedanken, in meinem Social-Media-Feed, in meinen Gesprächen. Ich speichere unzählige Beiträge ab, schaue Reel um Reel, lese einen Artikel nach dem anderen. Alles kreist um den Fall von Collien Fernandes, den der «Spiegel» letzte Woche in einer grossen Recherche öffentlich machte.
Ich will kurz das Wetter checken auf meinem Smartphone und lande wieder auf Instagram, bleibe an den Beiträgen hängen, die den Fall hoch und runter diskutieren. Will mein Wochenende geniessen und Zeit mit meiner Familie verbringen, doch kreisen meine Gedanken immer wieder um dieses Thema. Will die Sonne geniessen, spazieren gehen, ein Gelato essen gehen und spreche mit Freund:innen doch wieder über den Fall.
Immer wieder lande ich bei der Frage: Wie soll man angesichts dieses Falls Männern generell nicht misstrauen?
Die deutsche Schauspielerin Collien Fernandes suchte jahrelang öffentlich nach den Tätern, die im Internet gefälschte Nacktbilder und Pornos von ihr veröffentlichten und verbreiteten. Sie drehte Dokumentarfilme über Deepfakes, engagierte sich zusammen mit der Organisation HateAid für eine Petition gegen Porno-Manipulation mit dem Namen «My face my choice», sprach in Interviews über das Thema, kämpft öffentlich gegen sexualisierte digitale Gewalt.
Ungefähr zu der Zeit, vor zwei, drei Jahren, las auch ich erstmals von Deepfake-Pornografie, von Identitätsraub im Internet, von sexualisierter Gewalt im virtuellen Raum. Und das Thema machte mir Angst, so sehr, dass ich damals aus dem Rabbit Hole schnell wieder rauskletterte.
Nur um jetzt umso tiefer hineinzufallen.
Zehn Jahre lang wurde Fernandes digital missbraucht. Unter ihrem Namen wurden in Sozialen Netzwerken Fake-Accounts erstellt, Kontakte aus ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld wurden von ebendiesen angeschrieben, schildert sie in der «Spiegel»-Titelgeschichte vom vergangenen Donnerstag. Zuerst «unverfänglich, dann immer flirtiver und schlussendlich sexuell sehr explizit».
Mithilfe von KI sollen sich die Fake-Profile zu Telefonsex verabredet haben. Sie sollen gefälschte Nacktbilder und pornografische Inhalte verschickt, persönliche Treffen in Aussicht gestellt und Online-Affären geführt haben. Mit Arbeitskollegen, einem Rentenberater, einem Heilpraktiker, einem Versicherungsmakler, wie der «Spiegel» recherchierte. Männer aus dem privaten und beruflichen Umfeld von Fernandes.
"Wer sind diese Männer, die mitmachten? Die Männer, die wegschauten? Die Männer, die sie im echten Leben kannten?"
Tausende Männer schauen Deepfake-Pornos mit der vermeintlichen Collien Fernandes. Hunderte Männer sollen kontaktiert worden sein – etwa dreissig gingen darauf ein, führten eine virtuelle Affäre mit der gefakten Collien Fernandes, zitiert der «Spiegel» aus der Anzeige, die Fernandes in Spanien Ende 2025 erstattete. Einer sprach sie schlussendlich darauf an, wie sie in der Sendung «Kölner Treff» vor knapp zwei Wochen erzählte. Nicht, um sie zu warnen. Sondern mutmasslich, um die virtuelle Affäre in echt weiterzuführen.
Wer sind die 29 anderen? Wer die Hunderten? Die Tausenden? Wer sind diese Männer, die mitmachten? Die Männer, die wegschauten? Die Männer, die sie im echten Leben kannten?
Wieder frage ich mich: Wie soll man als Frau angesichts dieser Zahlen, dieser Tragweite, ganz generell Männern noch trauen?
Als Fernandes wegen der Fake-Accounts und gefälschten Pornos im Herbst 2024 erstmals Anzeige gegen unbekannt erstattete, beichtet kurz darauf ihr Mann, mittlerweile Ex-Mann, Christian Ulmen, so schildert sie es gegenüber dem «Spiegel»: «Ich war das, ich habe das getan.»
Kurz nach seinem mutmasslichen Geständnis soll er sich in einer E-Mail, in die der «Spiegel» Einblick hatte, an einen Berliner Strafverteidiger gewandt haben. Darin schildert er laut «Spiegel», in den vergangenen zehn Jahren «leider einen sexuellen Fetisch» entwickelt und einen «kaum zu kontrollierenden Drang» verspürt zu haben, über Fake-Accounts seiner Frau mit Männern zu chatten, zu flirten und Videos zu schicken, die auf frei zugänglichen Pornoseiten erhältlich gewesen seien und deren Protagonistinnen seiner Frau ähnlich gesehen hätten.
"Wie so viele hinterliess mich der Fall sprachlos – aber zugleich auch nicht"
Wie so viele hinterliess mich der Fall sprachlos – aber zugleich auch nicht. Zu viele Frauen wurden von Männern, die sie lieb(t)en, erniedrigt, beleidigt, verletzt – auch in meinem persönlichen Umfeld. Zu viele Geschichten von hässlichen Aussagen, übergriffigem Verhalten, sexueller Anspruchshaltung, häuslicher Gewalt, versuchten und vollendeten Femiziden – auch in meinem Freund:innenkreis, meiner Stadt, meinem Land.
Zu viele Fälle von Frauenhass – sie reichen von Online-Kommentarspalten über Pausen- und Arbeitsplätze bis zu unzähligen Polizeistationen und Gerichtssälen über den gesamten Globus verteilt –, die so oft keine Konsequenzen nach sich ziehen.
Natürlich, es gibt sie, die Fälle, die für Aufschreie sorgen: Pelicot, P. Diddy, Epstein. Zu grausam und weitreichend das Ausmass, zu erschreckend die Geschichten, um die Augen davor zu verschliessen. Doch weiterhin kommen die allermeisten Täter gar nie vor Gericht. Noch immer wird nur ein Bruchteil der Fälle angezeigt – laut einer Umfrage von 2019 sind es hierzulande 8 Prozent. Ein noch kleinerer Bruchteil wird vor Gericht gebracht und schuldig gesprochen. Laut einer Studie von 2024 sehen nur 4 von 100 Schweizer Frauen ihren Vergewaltiger verurteilt.
1250 Frauen wurden laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2025 in der Schweiz im letzten Jahr vergewaltigt, das sind fast 30 Prozent mehr gemeldete Vergewaltigungen als im Vorjahr – was auch mit dem neuen Sexualstrafrecht und der «Nein ist Nein»-Lösung zusammenhängen könnte, mit verstärktem Bewusstsein der Opfer, mit einer beginnenden Enttabuisierung sexualisierter Gewalt.
"Wir wissen längst: Täter springen meist nicht aus dunklen Büschen, viel öfter liegen sie neben uns im Bett"
Ein genauer Blick auf die Statistik zeigt weiter: Zwischen 82 Prozent (bei Fällen von Revenge Porn, also dem Weitergeben von intimen Bildern ohne Einwilligung) und 99 Prozent (bei Vergewaltigungen) der Beschuldigten sind Männer. Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung finden dabei überwiegend im privaten Umfeld statt – in 1227 von 1656 Fällen. Auch die Zahl der Femizide stieg um fast 30 Prozent im Vergleich zu 2024: 27 Femizide registrierte das Rechercheprojekt Stop Femizid letztes Jahr.
Das vermeintlich sichere Zuhause kann also zugleich der gefährlichste Ort sein für eine Frau. Wir wissen längst: Täter springen meist nicht aus dunklen Büschen, viel öfter sitzen sie uns am Tisch gegenüber oder liegen neben uns im Bett. Oft sind es Männer, die wir lieben, die Ansprüche auf unsere Körper erheben, auf unsere Sexualität. Die uns besitzen statt beschützen wollen. Die uns kontrollieren statt sich um uns kümmern wollen. Die uns verletzen statt voranbringen wollen.
Täter sind eben nicht die Bösen aus dem Bilderbuch. Sondern der sympathische Lehrer, der freundliche Nachbar, der lustige Freund, der charmante Boyfriend. So auch im aktuellen Fall: Ulmen hat sich selbst mal in einem Interview als «der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat» bezeichnet.
Einer, den man lustig findet und nett. Einer, mit dem man befreundet ist. Einer, dem man das nie gegeben hätte, seine Frau virtuell zu vergewaltigen – so beschreibt Collien Fernandes sein Verhalten heute. Einer, der ihr gegenüber mutmasslich mehrfach auch handgreiflich geworden sein soll, wie sie gegenüber dem «Spiegel» schildert.
Begünstigt wird all das durch ein patriarchales System, das Männern Frauenfeindlichkeit nicht nur vorlebt, sondern auch verzeiht. Das sie zu Tätern auf unterschiedlichen Stufen der Gewaltpyramide werden lässt, ohne sie dafür zu tadeln – die Pyramide beginnt mit vermeintlich harmlosen sexistischen Witzen und steigert sich über sexuelle Belästigung hoch bis zu sexualisierter Gewalt. Und das sie, wie gerade im aktuellen Fall wieder sicht- und spürbar, die Augen verschliessen lässt, statt sie dazu zu bringen, wirklich hinzusehen. Ein System, in dem wir alle leben. Ein System, das Frauen auch hierzulande unzureichend schützt.
"Ich wünschte, ich würde Männern einen Vertrauens- statt einen Misstrauensvorschuss entgegenbringen"
Erneut, wie nach so vielen Fällen sexualisierter Gewalt gegen Frauen, ist mein Feed und mein Freundinnenkreis voll mit lauten, wütenden, solidarischen Frauen. Erneut muss man proaktiv nach Männern suchen, die nicht sofort «Unschuldsvermutung» und «es gibt immer zwei Seiten» und «er ist doch einer der Guten» und «das kann ich mir so nicht vorstellen» rufen. Ich begreife nicht, warum nicht auch Männer – besonders Hetero-Männer – lauthals darüber reden, wütend sind, sich solidarisch zeigen.
Wie sich so viele von ihnen darüber echauffieren, dass Feminismus zu radikal geworden sei, dass es ja wohl gerade grössere Probleme gebe auf dem politischen Parkett.
Und da schleicht sie sich wieder an, die Frage, die mich seit Tagen nicht loslässt: Wie sollen Frauen Männern denn noch vertrauen? Wie sollen Frauen noch Männer daten? Wie mit ihnen zusammenleben?
Ich hasse sie, diese Fragen, die ich nicht loswerde. Diesen Generalverdacht, unter den ich Männer oft automatisch stelle. Die Gedanken darüber, ob mein Nachbar wohl auch Videos von Andrew Tate likt. Ob der Tramchauffeur wohl auch ein Incel ist. Ob der Bauarbeiter in meiner Wohnung wohl auch Deepfake-Pornos schaut.
Ich hasse die Angst, die ich nicht loswerde. Dass ein Mann, dem ich vertraue, mich verletzen könnte – physisch, psychisch. Dass ein Mann, mit dem ich intim bin, mein Nein ignorieren könnte. Dass ein Mann, mit dem ich zusammenlebe, mir das Leben zur Hölle machen könnte.
Ich wünschte mir, es wäre anders. Ich wünschte, ich wäre weniger radikal. Ich wünschte, ich würde Männern einen Vertrauens- statt einen Misstrauensvorschuss entgegenbringen. Ich wünschte, wir befänden uns tatsächlich auf Augenhöhe.
Doch das tun wir nicht. Nicht solange hauptsächlich Frauen für Veränderung kämpfen. Nicht solange uns Frauen – meist schon als Mädchen – beigebracht wird, unserer Wahrnehmung nicht zu trauen; wir aber die Konsequenz tragen müssen, wenn wir unser Bauchgefühl ignorieren. Nicht solange wir gleichzeitig entmachtet und verantwortlich gemacht werden für die Gewalt, die uns angetan wird.
Nicht solange Männer zuschauen oder wegschauen. Nicht solange Männer ihre Freunde nicht zur Rechenschaft ziehen. Nicht solange Männer Männer schützen, bevor sie Frauen glauben.
Also werdet laut, liebe Männer. Werdet wütend, macht euren Mund auf, kämpft endlich mit uns.
Von dir wurden ungewollt Nacktbilder veröffentlicht oder Deepfakes erstellt? Hier findest du Hilfe:
Opfer von Deepfakes mit intimen Inhalten können den Fall über die Seite Consensual Intimate Image Abuse melden und dort einen Fall eröffnen. Die Seite wird von einer international tätigen Stiftung betrieben und betreibt auch die Revenge Porn Helpline.
Sind Kinder oder Jugendliche betroffen, können sie sich bei der Online-Beratungsstelle Clickandstop.ch melden sowie beim international tätigen Meldesystem Take It Down.
Melde dich ausserdem beim Seitenbetreiber und verlange die Löschung der Inhalte. Darüber hinaus kannst du dich – unabhängig von deinem Wohnkanton – bei der Cybercrime-Abteilung der Kantonspolizei Zürich melden und Anzeige erstatten.
Weitere Informationsquellen und Hilfsangebote zu sexualisierter Gewalt:
143 – Die Dargebotene Hand (Crisis support in English: heart2heart.143.ch)
BIF – Beratungsstelle für Frauen
Beratungsstellen für Gewaltvorfälle
Für Männer, die Gewalt einsetzen und/oder sich in einer sonstigen Konflikt- und Krisensituation befinden, bietet das Mannebüro Beratungen an, auch telefonisch.