The Rules

Der härteste Dating-Ratgeber «The Rules» im Selbsttest

Text: Yvonne Eisenring; Illustrationen: Swan Park

Aufriss nach Rezept: Der Dating-Ratgeber The Rules im Selbsttest
Brav starrte ich alles an, nur keinen Mann
Zwei Monate ohne Kuss, geschweige denn Sex!
e
f

Aufriss nach Rezept: Der Dating-Ratgeber «The Rules» im Selbsttest

Brav starrte ich alles an, nur keinen Mann

Zwei Monate ohne Kuss, geschweige denn Sex!

Schatzsuche: Wie angle ich mir einen Mann? «The Rules», der härteste aller Dating-Ratgeber, zeigt Singlefrauen, wo es langgeht. Ein Selbstversuch.

Einige Menschen halten sich an die Zehn Gebote, andere an «The Rules» – Die Regeln. Überzeugt davon, nur so ein erfülltes, also erfolgreiches Leben zu führen, sind sie alle. Aber während jedes Kind in der Schulzeit unausweichlich mit den Zehn Geboten konfrontiert wird, kann es problemlos ohne jegliche Kenntnis der «Rules» aufwachsen. Und das, obwohl «The Rules» und sein Nachfolgewerk mittlerweile in 26 Sprachen vorliegen (auf Deutsch unter dem etwas ungelenken Titel «Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden»).
 

The Rules: Ein Dating-Ratgeber nur für Frauen

Aber «The Rules» richtet sich halt nur an Frauen und dann wiederum nur an Frauen, die auf der Suche nach einem Mann sind. Eine Randgruppe sozusagen. Eine grosse Randgruppe allerdings. Und dazu eine, die mich vor einiger Zeit offen in ihren Kreis aufgenommen hat.

Zum ersten Mal vom Buch hörte ich durch Sandra. Einmal mehr enttäuscht von einer Affäre, hatte sie beschlossen, «alles anders zu machen». Inspiration suchte sie in unzähligen Beziehungsschmökern mit so viel versprechenden Titeln wie «Endlich Männer verstehen», «Vergiss die Nadel, nimm den Heuhaufen» und eben «The Rules». Letzteres erklärte sie fortan zu ihrer neuen Bibel. Und sie meinte, ich müsse es unbedingt lesen. Unbedingt.

Ich lehnte dankend ab. Ich glaube nicht an reglementierte Liebe. Auch nicht an Ratgeber. Ich setze auf Intuition und Spontaneität. Zugegeben, der Erfolg des Buchs klang beeindruckend. «The Rules» führte mehrere Bestsellerlisten an und verkaufte sich über zwei Millionen Mal, besonders häufig natürlich in den USA, von wo es stammt. Sängerin Beyoncé Knowles und ihre Kollegin von Destiny’s Child, Kelly Rowland, oder das Model Kimora Lee Simmons bekennen, Regel-Frauen zu sein, und die beiden Autorinnen Ellen Fein und Sherrie Schneider schafften es bis ganz nach oben in den Talkshowhimmel, bis zu Oprah Winfrey. Das muss nichts heissen, sagte ich mir. In Amerika schwören sie auf Weight Watchers, und trotzdem sind 75 Prozent aller US-Bürger übergewichtig.

Ein Jahr danach – ich war wieder mal bei Sandra zu Besuch – jammerte ich über die Männerwelt. «Es hat eigentlich alles gepasst, wirklich, und er hat mich eingeladen und dann auch gesagt, er wolle mich wiedersehen und dann ich so und dann er so und dann – dann meldet er sich nicht mehr. Einfach nicht mehr.» Ich verstand nicht, was der nun wollte, was ich nicht hatte, wenn er alles so toll fand, was ich hatte.

Sandra tröstete mich und übergab mir «The Rules». Ich müsse das jetzt lesen, dann sei alles einfacher, sagte, nein, befahl sie mir. Sie kam mir vor wie eine dieser Frauen an der Zürcher Bahnhofstrasse, die dir irgendwelche Zettel in die Hand drücken, die du bestimmt nicht willst, und darauf steht, was du machen musst, um «endlich glücklich zu werden und das Licht zu erfahren». Was sollte ich mit diesen blöden Regeln? Ich war zu müde (und wahrscheinlich auch zu betrunken), um Widerstand zu leisten, und so zottelte ich mit dem Buch unter dem Arm ab.

Es vergingen keine zwei Tage, bis meine Neugier und der Nützts-nichts-so-schadets-nichts-Glaube obsiegten. Ich begann zu lesen. Erste Seite. Grosses Kopfschütteln. «Die Regeln funktionieren, weil sie funktionieren und schon immer funktioniert haben.»

Ehm ja. «Millionen Frauen befolgen sie und sind glücklich damit. Mit diesem Buch sparen sie 150 Franken Honorar für jede Sitzung beim Therapeuten.» Jaja, natürlich. Doch die erste Seite war nichts gegen das, was folgen sollte. Die Regeln, die mir vorschreiben wollen, was ich machen muss, damit sich jeder Mann in mich verliebt, sind nun wirklich aus dem Mittelalter.
 

Dating-Regel Nummer 1

Erste Regel: Sprechen Sie einen Mann nie zuerst an, und starren Sie ihn nicht an.

Hallo? Leben wir im Jahr 2011, oder habe ich etwas verpasst. Wie soll ein Kerl merken, dass er mir gefällt, wenn ich in eine andere Richtung schaue? Überhaupt. Meine Freundin Susanne sagt immer: Männer sind Schisshasen, du musst ihnen ganz ganz deutlich zeigen, dass du sie toll findest. Und Susanne ist sehr erfolgreich in Sachen Männer. Sehr.

Zweite Regel: Nehmen Sie nach Mittwoch nie eine Einladung für Samstag an. So wirken Sie beschäftigt.

Mittwoch? Das sind ja noch drei Tage bis Samstag. Drei! Schon mal was von Spontaneität gehört? Ein «Hallo, ich habe heut Abend nichts vor, was machst du?» ist sicher tausendmal besser als «Ich hätte in zwei Wochen zwischen zwei und halb drei einen Slot für dich». Ich liebe es, wenn ich nichts geplant habe und mich dann in letzter Sekunde entscheiden kann, was ich mache, und wen ich treffe.
 

Harte Telefon-Regeln beim Daten

Dritte Regel: Beenden Sie alle Telefongespräche nach zehn Minuten, rufen Sie einen Mann nie an, und – jetzt kommts – rufen Sie nicht zurück.

Erstens telefoniere ich gern. Auch mal so. Einfach um zu fragen «Wie gehts?». Zweitens rufe ich immer zurück. Immer. Ich bin modern. Ich bin emanzipiert. Was soll ich Theater spielen, wenn ich einen Mann mag und er mich. Die Antwort in den «Rules»: «Männer wollen spielen, lassen wir sie spielen.»

Vierte Regel: Beenden Sie alle Verabredungen, und beenden Sie sie spätestens nach drei Stunden. «Ich habe noch was vor. Ich muss noch weiter. Morgen muss ich früh raus. Adieu, danke und den Mann zahlen lassen.»

Super Taktik … Ich meine, kein Problem, wenn sich der Mann als Langweiler oder arrogantes Arschloch entpuppt. Aber es gibt diese Abende, da will man, dass sie nie aufhören, weil sie so lustig und schön sind. Dann vorzeitig gehen? Das kann ein Mann nur so deuten, dass er mir nicht gefällt. Klar ist der dann verletzt, meldet sich nie mehr. Und wenn wir uns im Altersheim wiedertreffen, sagt er mir, ich wäre eigentlich seine Traumfrau gewesen, er hätte aber geglaubt, ich sei nicht interessiert an ihm und habe sich darum nie gemeldet …

Fünfte Regel: Reden Sie nicht zu viel. Hören Sie ihm zu. Und geben Sie nur wenig von sich preis. So erfahren Sie mehr über ihn und bleiben geheimnisvoll.

Schön, aber wie soll er sich bitteschön in mich verlieben, wenn er praktisch keine Ahnung hat, wer ich bin?

Sechste Regel: Kein Sex beim ersten Date.
 

The Rules sagt: No Sex

Ok, das ist sogar mir klar. Ein Freund hat mal gesagt: «Wenn sie beim ersten Date nicht mit mir ins Bett steigt, ist die Wahrscheinlichkeit tausendmal grösser, dass ich sie ein zweites Mal sehen will, als wenn wir es beim ersten Mal getan hätten, selbst wenn es gut war.» Er muss es wissen. Er ist ein Mann.

34 Regeln waren es insgesamt. Das Prinzip: Nicht ansprechen, nicht zurückrufen, nicht bleiben, nicht spontan treffen, nicht alles eigentlich. Wie soll ich da erfolgreich bei Männern sein? Ausserdem verkleinert sich die «Auswahl» massiv, wenn ich mich nur noch mit Männern verabreden kann, die den Mut aufbringen, mich anzusprechen. Die «Guten» sind vielleicht alle zu schüchtern. Oder stehen nicht auf so altmodisches Zeug.

Trotzdem versprach ich Sandra, die Regeln eine Zeit lang zu befolgen, Wie bei einer neuen Diät wollte ich die Gewissheit, dass das Buch reine Geldverschwendung ist.

Und so legte ich los. Es war Montag. Es war Sommer. Und ich wild entschlossen. Wie im Buch empfohlen zeigte ich mich ständig in Bars und auf Partys. Einmal sass ich sogar einen ganzen Nachmittag allein in einem Café und las ein Buch. Brav starrte ich alles an, nur keinen Mann. Ob ich erfolgreich war? Nun ja, immerhin hatte ich nicht das Problem, einen Mann zurückrufen zu wollen. Regeltechnisch gesehen machte ich also alles richtig. Und wie heisst es so schön im Buch: «Befolgen Sie konsequent die Regeln, auch wenns zu Beginn harzig läuft!»

Gottseidank traf ich zufälligerweise einen Freund eines Freunds, wir haben uns öfter auf Partys getroffen, aber ich habe ihn vorher kaum wahrgenommen, und der wollte mich für den nächsten Tag zum Essen einladen (er schrieb eine Facebook-Nachricht, aber immerhin). Brav, wie ich bin, habe ich Nein gesagt. Ich hatte zwar Zeit. Aber spontan war ja gestern. Auch ein zweites Mal musste ich die Einladung ausschlagen, weil sie nicht vor Mittwoch kam (ich hatte schon Schiss, er zieht sein Angebot zurück).
 

Die Dating-Regeln funktionieren nicht

Beim dritten Mal klappte es dann endlich. Wir trafen uns in einem asiatischen Restaurant. Wie in meiner Bibel beschrieben, nicht in seinem Quartier und auch nicht auf halber Strecke, sondern praktisch vor meiner Haustür. (Ich vermute aber, das war Zufall.) Ich sass also da. Ass mein Thai-Curry und hörte zu und hörte zu und hörte zu. Nach genau zwei Stunden sagte ich, ich müsse noch was erledigen. Er schaute mich ein wenig verdutzt an. Ignorierte aber meine Bemerkung und sprach einfach weiter. Dreissig Minuten später, wieder: «Ich muss langsam …»  Diesmal orderte er die Rechnung und zahlte. (Immer den Mann zahlen lassen. Regel Nummer vier.) Wir gingen, verabschiedeten uns, und ja: Das wars. Ich würde gern von einem erfolgreichen Start in das Regel-Dating berichten. Aber das wars. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Ich überlegte, ob ich den Autorinnen ein Mail schreiben soll, ihr Buch sei Quatsch. Ich hätte schliesslich alles richtig gemacht, und der Typ habe sich dennoch nie wieder gemeldet. Auf ihrer Website bieten sie eine interaktive Beratung an. Man kann ihnen das «Problem» per Mail schreiben, sie werden antworten. Das ist mal ein Support, dachte ich. Erst später sah ich: Der Dienst kostet pro Mail 150 Dollar. Bezahlen kann man per Kreditkarte. Nun ja.
 

Date mit einem Arbeitskollege vom Arbeitskollege

Kurze Zeit später. Ein neuer Arbeitskollege erzählte mir von seinem ehemaligen Arbeitskollegen, der mich kennen lernen wolle. Sehr gut. Regelkonformer ging es nun fast nicht. Zwei Tage später erhalte ich ein SMS. (Wer ruft heutzutage noch an?) Vier Stunden später schrieb ich zurück. Laut den Regel-Gurus ein grosser Fehler, aber egal. Ich war Anfängerin, ich durfte schummeln.

Eine Woche später traf ich Marco, so heisst der Typ, in einer Zürcher Szenebar. Auch diesmal: Die Bar hatte er vorgeschlagen («Überlasse die Führung dem Mann.» Regel Nummer 17), und sie war nur fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Ich war stolz auf mich. Auf die Frage, wie viele Affären ich schon hatte, habe ich nicht geantwortet und nach zwei Stunden die Unterhaltung beendet. Obwohl ich mich wirklich köstlich amüsiert habe. Aber: Nicht bleiben, sangen Sandra und das Buch im Chor. Er meldet sich dann schon.Ich war mir nicht sicher.  Schliesslich war ich ausgesprochen zugeknöpft an diesem Abend.

Es verging ein erster Tag, ein zweiter, dritter, vierter. Dann schrieb er, ob wir uns wieder treffen wollen. Also wieder beschäftigt tun und erst eine Woche später zum Abendessen verabreden. Es war wieder ausnehmend lustig, auch wenn ich mein geheimnisvolles Getue langsam als anstrengend empfand. Ich kann doch nicht ständig allen Fragen ausweichen. Nach drei Stunden beendete ich die Verabredung (ich hätte noch was vor).

Einen Tag später fragte er per Mail, wann wir uns das nächste Mal sehen. So ging das etwa zwei Monate lang. Zwei Monate ohne Kuss, geschweige denn Sex. Eigentlich sehr lange für eine erste Dating-Phase, aber da ich immer wieder die Dates rausschieben musste (wegen der bescheuerten Mittwoch-Regel), trafen wir uns nicht so oft. Marco wollte mich trotzdem sehen, blieb hartnäckig. Irgendwann wurde mir aber alles zu viel. Egal wie viel Mühe er sich gab. Ich verliebte mich nicht in ihn.

Als Nächstes hatte ich ein Blind Date. Mache ich gewöhnlich nicht. Aber ich befolge gewöhnlich auch keine Dating-Regeln. Also Bar in meiner Nähe, wenig von mir preisgeben, vor allem zuhören, nicht lange bleiben, zahlen lassen. Ich hatte es langsam kapiert. Und es schien zu funktionieren.
 

Falsch gedatet

Am nächsten Tag schrieb er ein Mail. Es sei toll gewesen. Er möge Frauen, die gut zuhören können, eher still sind, denn stille Wasser sind tief und so weiter. Das Problem ist: Ich bin nicht still. Ganz und gar nicht. Er lernte eine Falsche kennen. «Machs gut», schrieb ich zurück. Er hatte mir sowieso nicht gefallen. Er redete zu viel.

Der Tiefpunkt meiner Regel-Karriere: Ich war mit einer Freundin in einem Restaurant. Ein Mann sass mit seinem Freund am gleichen Tisch. Wir kamen ins Gespräch. Ich tat gekonnt unbeteiligt, schwieg meistens. Lachte nur selten über seine eigentlich guten Sprüche. Dabei war er sehr hübsch. Irgendwann fragte er: Darf ich deine Nummer haben? Also doch. Gelangweilt tun wirkt! Dann schob er nach: «Weisst du, ich wollte schon immer mal was mit einer Rothaarigen haben. Dann wäre meine Sammlung komplett.»

Drei Tage später ging ich mit einer Freundin in ein Zürcher Gartenbeizli essen. Der Kellner gefiel mir ausgesprochen gut. Aber Regel sei Dank hat er nie davon erfahren.

Ich ging noch zweimal dort essen, zweimal wurden wir von einem anderen Kellner bedient.

Ich sagte Sandra, ich hätte nun genug von den Regeln. Ich würde sie nicht mehr befolgen.

Vor zehn Tagen habe ich Luis kennen gelernt. Bei einer Verlobungsfeier. Er ist ein schöner Mann, gescheit und humorvoll. Wir haben uns letzte Woche zum Glace-Essen verabredet. Ich war es, die ihm nach der Feier eine kurze Nachricht geschrieben hatte. Nach drei Stunden Date bin ich gegangen. Ich hatte noch mit ein paar Freundinnen abgemacht. Leider. Es war einer dieser Abende, die nicht zu Ende gehen sollten. Zum Abschied haben wir uns geküsst. Zwei Tage später hatte er sich immer noch nicht gemeldet. Ich wurde unsicher. Vielleicht sollte man die Regeln doch wie die Zehn Gebote betrachten und aufs Küssen beim ersten Date verzichten?

Drei Tage nach dem Treffen schrieb ich ihm ein Mail und bedankte mich für das Glace-Essen. Es dauerte keine zwei Stunden, und er schrieb zurück. Er will mich für Samstagabend zum Abendessen einladen. Ich bin unschlüssig. Es ist schon Donnerstag.

— Ellen Fein und Sherrie Schneider: Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden. Piper-Taschenbuch

Empfehlungen der Redaktion

50 verschiedene Leute

Alle meine Dates: Die Analyse des eigenen Sozialverhaltens

Mehr aus der Rubrik

Sexfilme

Ist es antifeministisch, online kostenlose Pornos zu schauen?