Filmkritik «Dads»

Solche Vollblut-Väter bekommt man selten zu sehen

Text: Marie Hettich; Bild: Apple TV+

Trotz einiger Schwächen lohnt sich «Dads» auf Apple TV+. Denn der neue Dok-Film zeigt, wie identitätsstiftend die Elternrolle auch für Männer sein kann.

Ein rundum stimmiges Meisterwerk ist «Dads», der neue Dok-Film auf Apple TV+, leider nicht. Das liegt vor allem an den wiederkehrenden Szenen mit diversen Celebrity-Vätern, die interessant und tiefgründig sein könnten – aber weder das eine noch das andere sind.

Will Smith, Jimmy Fallon & Co. verlieren sich in mal mehr, mal weniger witzigen Familien-Anekdoten – und während man ab und an ein bisschen mitlacht, fragt man sich, ob es keine schlaueren Aussagen gab, die die Regisseurin hätte verwenden können.

Das Regiedebüt von Bryce Dallas Howard

Apropos Regisseurin: «Dads» ist das Regiedebüt der 39-jährigen Hollywood-Schauspielerin Bryce Dallas Howard. Auch ihr berühmter Regisseur-Vater Ron Howard, ihr mittlerweile verstorbener Grossvater und ihr Bruder sind Teil des Films. Dass sich die Promi-Familie in «Dads» ziemlich abfeiert, kann man herzig finden – oder ein bisschen zu amerikanisch und cringy.

Sehenswert ist der Dok-Film trotzdem. Denn es gibt sie zum Glück, die intimen Einblicke in den Alltag verschiedener, nicht berühmter Väter – inklusive Hausarbeit, schriller Schreikrämpfe und Gaggi auf dem Wohnzimmerboden.

Nicht so ganz 08/15

Porträtiert werden beispielsweise ein japanischer Papa, der – unvorstellbar in dem Land – Hausmann ist, ein Afroamerikaner, der zwei Jobs und einen herzkranken Sohn hat (siehe Bild), und ein schwules US-Paar mit vier Adoptivkindern.

So ganz 08/15 sind also auch die nicht-berühmten Protagonisten nicht. Aber das ist egal. Denn solche Vollblut-Väter bekommt man in Film und Fernsehen selten zu sehen.

Bin ich gut genug?

Die Männer in «Dads» identifizieren sich stark mit ihrer Vaterrolle – ihr Leben dreht sich um ihre Kinder. Auch die Sorgen, die sie alle haben, werden in unserer Gesellschaft immer noch mehrheitlich Müttern zugeschrieben: Geht es meinem Kind gut? Gebe ich meinem Kind das, was es braucht? Nehme ich mir genug Zeit? Bin ich gut genug?

Viele, die den Film schauen, werden ganz automatisch an ihre eigenen Väter zurückdenken – und feststellen müssen, dass diese wenig mit den Protagonisten gemeinsam haben. Der abwesende Vater, höchstens an Wochenenden und in den Ferien präsent, war noch vor gar nicht allzu langer Zeit das Normalste der Welt. Und es gibt ihn immer noch – aber er wird seltener.

Fünf Tage sind zu wenig

Ein bisschen unangenehm wird es aus Schweizer Perspektive an der Stelle, als sich ein Elternpaar darüber auslässt, wie lachhaft der fünftägige Vaterschaftsurlaub in Brasilien sei. Fünf Tage?

Es geht noch übler, denkt man, und ärgert sich wieder einmal über den einen einzigen gesetzlichen Tag, der Vätern in der Schweiz zusteht. Und dann beruhigt man sich wieder ein bisschen: Am 27. September wird über zwei Wochen Vaterschaftsurlaub abgestimmt. Immerhin ein Anfang.

Der Trailer:

Marie Hettich ,
Redaktorin
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