Interview

Über Hoffnung und Tragödie: Heiraten in Zeiten von Corona

Text: Céline Geneviève Sallustio; Bild: iStock

Der Lockdown hat unzählige Hochzeiten platzen lassen. Wie geht es den Bräuten? Und was ist mit ihren Kleidern? Brautmodespezialistin Milena Zoro über Hoffnung und Tragödie.

annabelle: Milena Zoro, wie viele Hochzeitskleiderwurden schon retourniert?
Milena Zoro: Retournierungen würden bedeuten, dass Bräute nicht mehr heiraten. Ich weiss von keinem einzigen Brautpaar, das seine Hochzeit ganz abgesagt hat. Die meisten heiraten nun im Herbst oder Sommer 2021. Viele, die diesen Juni heiraten wollen, sind im Standby-Modus und warten ab, wie der Bund entscheidet.

Trotzdem, die Hochzeit quasi über Nacht platzen lassen zu müssen, ist ein Schock, oder?
Und wie! Eine Kundin musste eine Woche vor der Hochzeit alles abblasen – ein Tag, nachdem entschieden wurde, dass nur noch fünfzig Personen in einem Raum zusammenkommen dürfen. Das Paar hatte eine riesige Hochzeit mit Gästen aus der ganzen Welt geplant, darunter auch namhafte Künstler. Alle Flüge und Hotels waren bereits gebucht. Als sie zu uns in den Laden kam, war sie am Boden zerstört. Das war für uns der Beginn der ganzen Tragödie.

Wie geht es den Bräuten im Lockdown?
Wir sind täglich mit unseren Bräuten in Kontakt. Viele weinen am Telefon – selbst gestandene Frauen! Die ganze Vorfreude ist weg. Da haben sie der Trauung entgegengefiebert, die Tage gezählt, und plötzlich ist unklar, ob die Hochzeit überhaupt durchgeführt werden kann. Zudem heiraten viele im Ausland. Diese Paare müssen abklären, ob sie nun dorthin fliegen können, ob sie eine Einreisebewilligung brauchen und mit wie vielen Menschen sie feiern dürfen.

Lassen die Umstände auch Zweifel an der bevorstehenden Trauung auf kommen?
Eine Kundin sagte mir am Telefon: «Wenn mein Verlobter und ich diese Zeit überstehen, dann sind wir ein Traumpaar!» (lacht) Ich denke schon, dass diese Zeit für junge Paare, die in ihren Hochzeitsvorbereitungen stecken, eine Belastungsprobe sein kann.

Welche Auswirkungen hat diese Situation auf Ihr Brautmodegeschäft?
Der Lockdown trifft uns mitten in der Hochsaison. Die neuen Kleider für die Saison 2021 kommen erst im Herbst. Es ist unmöglich zu sagen, wann wir wieder aufmachen. In einer normalen Boutique kann sich die Kundin selber einen Pulli über den Kopf ziehen. Aber bei uns benötigt sie eine enorme Beratung, zudem haben wir viel Körperkontakt: Wir müssen die Masse aufnehmen, Nadeln stecken, das Kleid drapieren. Möglich, dass wir für den Rest des Jahres mit Mundschutz arbeiten.

Können die Hochzeitskleider überhaupt fristgerecht geliefert werden?
Unsere Lieferanten versuchen, es möglich zu machen. Was nicht einfach ist, denn die Spitzen werden in Frankreich, die Stoffe in Italien hergestellt. Wenn die Brautkleider bei uns ankommen, übermitteln wir den Kundinnen die freudige Nachricht. Ich hoffe, dass die Bräute zumindest in den Laden kommen dürfen, um sich ihr Kleid anzusehen. Das ist jeweils das absolute Highlight.

Schöpfen Ihre Bräute aus dieser Krise auch neue Hoffnung?
Das kann ich mir gut vorstellen, denn wir haben bereits viele Anfragen für Hochzeiten im nächsten Jahr. Viele realisieren vielleicht erst jetzt, was für einen grossen Schritt sie geplant haben. Und viele Unverheiratete schöpfen aus dieser Krise wohl auch den Mut, etwas zu wagen – heiraten, zum Beispiel.

 

Milena Zoro ist Besitzerin der gleichnamigen Brautmodeboutique in Zürich. Sie heiratet stets leidenschaftlich mit ihren Kundinnen mit. Kann sein, meint sie, dass wegen des Lockdown nun Herbsttrauungen wieder in werden.

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