Beduinen

Beduinen: Europäerinnen verlieben sich in der Wüste Jordaniens

Text: Joëlle Weil; Fotos: Michal Chelbin

Beduinen: Europäerinnen verlieben sich in der Wüste Jordaniens
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Beduinen: Europäerinnen verlieben sich in der Wüste Jordaniens
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«Die Wüste muss man erleben, um ihre Schönheit zu verstehen»: Sina und ihr Mann Awad

«Jesus wird es verkraften, einer Katholikin bei ihrer muslimischen Hochzeit zuzusehen»: Valeria und ihr Mann Ali

«Die Eltern waren froh, dass Alaa überhaupt jemanden gefunden hat»: Leila und ihr Mann Alaa

Home Sweet Home: Sinas dänische Guetslidose ist ein Stück alte Heimat

Leilas neues Zuhause im Wadi Rum

In der Stille der Wüste klopft das Herz umso lauter: Drei Europäerinnen, die in Jordanien Ferien machen wollten – und geblieben sind.

Manchmal denkt Sina an ihre alte Heimat. An den frischen Fisch, den sie in Dänemark fast täglich gegessen hat. In der Wüste gibt es den selten. Und wenn Sina ganz nostalgisch wird, nimmt sie die Guetslidose aus Kopenhagen aus dem Schrank. Eine runde Blechbüchse, bemalt mit Bildern von dänischen Reihenhäusern. Vor drei Jahren, als sie in die Wüste gezogen ist, waren dort dänische Guetsli drin. Heute ist die Dose mit beduinischen Fruchtgummis gefüllt und mit Waffeln, die ein wenig nach Karton schmecken. Wenn ihre Eltern sie in der Wüste besuchen, serviert Sina das Dessert in der Dose. Dann fühlen sich alle ein wenig wie zuhause. Sina war 29, als sie Awad kennen lernte. Sie hatte ihr Archäologiestudium abgeschlossen und machte Ferien in Petra, Jordanien. Awad war ihr Reiseführer und machte ihr von Anfang an den Hof. Bevor Sina nach Kopenhagen zurückflog, tauschten sie ihre Handynummern aus. Der Beduine ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, fast täglich telefonierten sie zusammen. Die Nachricht, dass sie Dänemark für ihren künftigen Mann verlassen wird, kam für Sinas Eltern deshalb nicht unerwartet. Spätestens nach dem dritten Wüstentripp ihrer Tochter hatten sie damit gerechnet.

Es wird Winter in Jordanien – und kühl im Beduinendorf Beida, 25 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, 180 Kilometer südlich der Hauptstadt Amman. Sina und Awad leben in einer einfachen Steinbehausung; drei nicht miteinander verbundene Räume, angelegt um einen Innenhof, darum herum eine mannshohe Mauer. Ein Wasserschlauch dient als Dusche, ein Loch im Boden als Toilette, ein Plastikbehälter als Abwaschbecken in der Küche. Sina kennt die Frage, die nun folgt, weil sie immer kommt, wenn sie jemandem aus Europa ihr neues Leben präsentiert: Wie kann man hier glücklich sein? Glücklicher als in Dänemark? Sina lächelt, schaut über die Mauer hinüber zu den Felsen, die sich durch die Wüste ziehen, und hinauf zu den Ziegen: «Die Wüste muss man erleben, um ihre Schönheit zu verstehen.»

Eine Fremde

Valeria hat sie verstanden. Valeria, 39 Jahre alt, lebt seit September 2013 in Jordanien, nur fünf Kilometer von Sina entfernt. Die beiden Frauen haben schon voneinander gehört, aber begegnet sind sie sich noch nie. Valeria ist Italienerin, aus Mailand – und sie gibt sich wenig Mühe, ihre Herkunft zu verschleiern. Zu wenig, um in einem sittenstrengen, ärmlichen Nest wie Little Petra mehr als eine Randfigur zu sein. Eine Fremde. Wenn Valeria redet, dann schreit sie fast. Valeria ist aber nicht nur laut, sie ist auch blond, kinderlos, katholisch – und mit Ali verheiratet. Ali ist 15 Jahre jünger als sie. Und Muslim. Dass seine Ehefrau ihrer Religion treu geblieben ist, sei für ihn in Ordnung. Sagt er. Sein Umfeld kommt damit weniger gut zurecht. Valeria trägt selten eine Kopfbedeckung, trinkt gern mal ein Bier, lackiert sich die Nägel. Auch der grosse Altersunterschied zwischen Ali und Valeria ist, sagen wir es vorsichtig; ungewöhnlich unter Beduinen. Genauso wie der Umstand, dass die beiden kinderlos bleiben dürften.

Valeria steht drüber, so scheint es, aber sie steht ziemlich allein da – nicht nur in ihrem Dorf. Auch die meisten ihrer Freunde in Italien haben den Kontakt zu ihr abgebrochen. «Sie konnten es nicht verstehen, dass ich zu Ali in die Wüste zog.» Ihre Familie war ebenfalls misstrauisch. Und voller Vorurteile. «Als wären alle Muslime Terroristen», sagt sie.

Valeria und Ali, auch sie haben sich in der Tourismushochburg Petra kennen gelernt. Nach ihrer Scheidung in Italien und ihrer gescheiterten beruflichen Selbstständigkeit als Innendekorateurin nach Ausbruch der Finanzkrise wollte sie in der Wüste Jordaniens «den Kopf frei bekommen». Ali tauchte wie aus dem Nichts auf. Er wollte sich mit ihr unterhalten, sie wies ihn zurück. Einmal. Zweimal. Ali blieb hartnäckig. Am Ende verlängerte Valeria seinetwegen ihren Aufenthalt, und je öfter sie den gut aussehenden, charmanten Beduinen traf, desto intensiver wollte sie mit ihm zusammen sein. Doch dafür musste sie ihn heiraten. Dass die beiden ohne Hochzeit zusammenleben, kam für Alis Familie nicht in Frage. Und so heiratete die Katholikin den Muslim, ohne ihn wirklich zu kennen. «Um ihn kennen lernen zu können», sagt Valeria. Während der Zeremonie, bei der nach alter Tradition ein Schaf geschlachtet wurde, habe sie an Jesus gedacht: «Der hat in seinem Leben schon viel Schlimmeres gesehen. Er wird es verkraften, einer Katholikin bei ihrer muslimischen Hochzeit zuzusehen.»

Geschichten wie die von Valeria und Sina gibt es viele rund um Petra. Es sind Liebesgeschichten. Manche märchenhaft, andere ernüchternd. So wird immer wieder von Fällen berichtet, in denen Europäerinnen von vermeintlich galanten und ach so virilen beduinischen Männern als Geldesel missbraucht werden. Von Sina, und insbesondere von Valeria war in Sachen Geld und Wohlstand jedoch nicht viel zu erwarten. Zumindest insofern scheint deren Wüstenliebe zwar exotisch, vielleicht auch naiv, aber grundsätzlich eher unverdächtig zu sein.

Konvertierte bereits als Teenager

Als Opfer sieht sich Sina jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Sie plant ihre Zukunft in der Wüste, möchte mit Awad eine Familie gründen. Integrationsprobleme wie Valeria kennt sie nicht. Sie spricht leise, wirkt zerbrechlich und doch selbstbewusst. Sina wuchs in Kopenhagen in einer multikulturellen Nachbarschaft auf, konvertierte bereits als Teenager zum Islam – fasziniert von der Kultur und dem sozialen Leben ihres muslimischen Freundeskreises. Ihre Eltern sind Atheisten. Mittlerweile spricht Sina ein bisschen Arabisch, lesen kann sie es mühelos. Wenn sie das Haus verlässt, trägt sie den Tschador, der sie bis aufs Gesicht verhüllt. Als Europäerin verraten sie dann nur ihre blauen Augen und ihre helle Haut. Dafür beneidet man sie im Dorf.

Sina ist keine Langschläferin. Und das, obwohl sie in der Wüste eigentlich keinen festen Tagesablauf hat. Um acht Uhr steht sie auf und geht in die Küche. Sie holt die kleine Kanne aus dem Wandregal und setzt Kaffee auf. Arabischen Kaffee. Wenn sich Awad dann aufmacht zur Arbeit im Souvenirshop, macht sie sich an die Hausarbeit. Sie haben sich vor wenigen Monaten eine neue Waschmaschine gekauft. Energieeffizienz A+. Da denkt Sina europäisch. Awad hat das nicht wirklich verstanden. Er hätte das Geld lieber für ein Auto gespart, das hätten sie nötiger, findet er. Aber Sina hat sich durchgesetzt. Und so geht Awad weiterhin zu Fuss zur Arbeit. Eine knappe Stunde, wenn er sich beeilt. Oder er hofft, dass ihn jemand aus dem Dorf mit dem Auto mitnimmt. Die Zeiten sind schwer für die Beduinen, die rund um Petra vor allem vom Fremdenverkehr leben. Seit der islamistische Terror und der IS die internationalen Schlagzeilen dominieren, bleiben die Touristen weitgehend aus.

Manchmal arbeitet Sina bei ihrem Mann im Souvenirladen, meist aber bleibt sie zuhause, setzt sich hin, wenn die Arbeit im Haus erledigt ist, und liest. Bücher aus Dänemark. Ihren Alltag beschreibt Sina als «entschleunigt». Als Einzelkind sei sie es gewohnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen: «Nein, langweilig ist mir nie.»

Karge, durch Erosion teils bizarr geformte Felsen, roter Sand, ein Hauch von Endlosigkeit. Weltenende. Kein anderer Ort in der Region erfüllt die Vorstellung von Wüste wie das Wadi Rum; ein schmales Trockental im Süden Jordaniens, das einem Gebiet so gross wie der Kanton Solothurn den Namen gab. Und mittendrin in diesem Nirgendwo lebt Zarah. Hier heisst sie Leila. Zarah war sie damals, als anstelle der kleinen Narbe links über ihrer Lippe noch ein Piercing steckte. Als ihr dunkles Haar noch blonde Spitzen hatte, sie noch Hotpants trug und in ihrer Freizeit mit ihren Freundinnen shoppen ging. Damals, in Manchester. Heute ist sie Leila – und trägt den Tschador. Auch sie. Den Namen hat sie von ihrem Schwiegervater bekommen. Ihr Mann heisst Alaa, ist ebenfalls Beduine. Zusammen leben sie in Diseh. Kein Tourist verirrt sich je in das Dorf knapp hundert Kilometer südlich von Petra. Seit wenigen Monaten stehen vereinzelt Flüchtlingszelte der Uno in der Nähe, beim Tomatenfeld, wo sich jetzt Flüchtlinge aus Syrien um die Ernte kümmern. Die grossen Camps jedoch sind weit weg, im Norden des Landes. Ab und an verirrt sich eine syrische Familie ins Dorf. Für Leila jedes Mal «ein herzzerreissender Anblick».

Unterhaltungen auf Englisch

Leila wuchs mit drei Brüdern auf. Die dritte Generation pakistanischer Einwanderer. Sie war schon immer Muslimin, wenn auch keine religiöse. «Eher spirituell», sagt sie. Von Haus aus versteht sie ein bisschen Arabisch, zu reden gelernt hat sie die Sprache aber nie. Mit Alaa unterhält sie sich auf Englisch. Und wenn sie es doch auf Arabisch versucht, lächelt er, korrigiert sie – und antwortet auf Englisch.

Schon als Mädchen hat Leila von der Wüste geträumt. Ihre Freundinnen wollten Ballerina werden, sie Beduinin. Dennoch war es Zufall, dass sie hier gelandet ist. Wie Sina aus Kopenhagen und Valeria aus Mailand kam auch Leila aus Manchester als Touristin ins Land, das war im Sommer 2003, an der Seite ihrer Mutter. Wieder war es der Reiseführer, der der jungen Frau den Kopf verdrehte. Aufgefallen sei sie ihm sofort, sagt Alaa. Er ihr nicht. Natürlich hat sie seine Augen bemerkt. Sie haben ihr gefallen. Noch mehr fasziniert jedoch hat Leila die Wüste. Abends, wenn sich ihre Mutter im Zelt schlafen legte, sass sie mit Alaa draussen. Sie begannen zu reden. Über Religion, über Philosophie, über ihre Erwartungen ans Leben. Leila gefiel, was sie hörte. Und so stand sie bereits zwei Wochen nach ihrer vermeintlichen Rückkehr nach England wieder in der Wüste. «Ich spürte diese spezielle Verbindung», sagt Leila. «Ich musste herausfinden, was das zwischen uns war.» Sie hat es herausgefunden und entschieden: Alaa sollte der Mann ihres Lebens sein. Wieder zurück in Manchester, kündigte sie ihren Job bei der Bank, packte zwei Koffer, flog Europa davon. Mit 21 Jahren.

Tabubruch

Dass Alaa eine Nichtbeduinin geheiratet hat, gilt in seinen Kreisen als Tabubruch. Aber Alaa war da schon 24, eher alt für einen ledigen Beduinen. Dies sei wohl mit ein Grund gewesen, weshalb seine Eltern positiv auf Leila reagiert hätten, meint Alaa. «Sie waren froh, dass er überhaupt jemanden gefunden hat», sagt Leila und lacht. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und zeichnet mit den Fingern Spuren in den Sand. Nur die Sandalen, wenn überhaupt, verraten ihre europäische Herkunft: die Riemchen weiss, mit Perlen. Aus einem britischen Modehaus. Jetzt sind sie voller Sand. Leila kauert im Schatten und giesst Tee ein. Zuerst ihrem Mann Alaa, dann sich selbst. Schwarzer Tee mit Zucker, viel Zucker, aufgekocht in der schwarzen Gusskanne auf der kleinen Feuerstelle aus trockenen Sträuchern. Das Feuer raucht, Leila hält sich den Schleier vors Gesicht, obwohl sie eigentlich an ihrer Marlboro light ziehen möchte.

Verglichen mit anderen Männern im Dorf ist Alaa ein Freigeist. Und er weiss, dass auch seine Leila mehr Freiheiten braucht als eine «normale» Beduinin. So sitzt sie regelmässig mit ihrem Mann und dessen Freunden zusammen, raucht, lacht mit, laut und theatralisch. Manchmal lässt sie Alaa sogar alleine Auto fahren. Alaa kann seiner Frau keinen Wunsch abschlagen. Bevor sie zu ihm in die Wüste ziehe, sagte sie zu ihm, wünsche sie sich ein Pferd. Sie hat es bekommen. Riah heisst es, Wind auf Arabisch. Es ist ein wildes Pferd mit einem eigenwilligen Charakter. Alaa findet, es passe zu seiner Frau. Nur wenn es um die Arbeit geht, stellt sich Alaa Leilas Eigenwillen in den Weg: Sie würde gern Frauengruppen durch die Wüste führen. Aber dass seine Frau arbeitet, kommt für Alaa nicht infrage. Beduinen kennen nur einen Ernährer: den Mann.

Leila hat in der Wüste schnell Freundinnen gefunden. Das hat sie vor allem Alaas Schwester zu verdanken, die sie nach ihrer Ankunft sofort unter ihre Fittiche nahm. Es sind nicht viele Freundinnen, aber echte, wie sie sagt. Freundinnen, die ihr geholfen haben, sich im Alltag einer Beduinin zurechtzufinden. «Ich hatte bei meiner Ankunft ja keine Ahnung, wie hier ein Alltag aussieht, wie man sich als Frau pflegt.» Die Frauen haben ihr ein Stück Normalität geschenkt, ihr beispielsweise das Enthaaren der Beine mit Zuckerwasser beigebracht. Im Gegenzug holt Leila den Lockenstab, den sie aus England mitgebracht hat. Dann frisieren sich die Freundinnen gegenseitig. «Girlie-Time», nennen sie das.

In England habe sie sich geistig eingesperrt gefühlt, erklärt Leila: «In Europa stehen Geld und Karriere im Vordergrund. Das widerstrebt mir.» Heute schläft sie bei schönem Wetter mit Alaa draussen, unter klarem Sternenhimmel. Auf den Matratzen, die hinten auf der Ladefläche von Alaas altem Pick-up liegen. Alaa erzählt ihr etwas über Astronomie. Das hat er als Kind von seinem Vater gelernt, wie alle Beduinenkinder. Leila lauscht dann und denkt, wie trüb der Himmel über Manchester wohl gerade ist. Dass sie dort noch nie eine Sternschnuppe gesehen hat. Hier in der Wüste sieht Leila die jede Nacht. Noch nie habe sie besser geschlafen. Die Dunkelheit, die Stille, die frische Luft. Aufstehen, wenn die Sonne sie weckt, einschlafen, wenn sie und Alaa sich nichts mehr zu sagen haben. «Perfekt», sagt Leila.

Die Sonne über Jordanien geht langsam unter. Ein kühler Wind bläst. In Europa würden Leila, Sina und Valeria jetzt zu Bett gehen – und den Wecker stellen. In der Wüste gehen sie einfach nur schlafen. Dänemark sei für sie Geschichte, hatte Sina zum Abschied gesagt. Und das Leben in der Wüste eine Entscheidung fürs Leben. Leila sagt: «Wir wissen nie, ob die Entscheidungen, die wir im Leben fällen, die richtigen sind. Aber manchmal muss man es einfach ausprobieren.»

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